Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1907)
- Date
- 1907-11-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mi 46. 14. Rovrmber 1907 Judenheit für die ebenso sinnlosen als empörenden Ausschreitungen jüdischer Revolutionäre verantwortlich macht, obgleich niemand von diesen letzteren mehr erleidet als eben die Juden selber. Es ist kaum zu glauben, wie weit das materielle und moralische Unheil, welches jene entarteten Söhne und Töchter unseres Volkes in unserer Mitte angerichtet haben, sich schon erstreckt, und es ist gar nicht abzusehen, wie weit es in der Zukunft sich noch ausdehnen könnte, wenn nicht endlich von jüdischer Seite selbst eine x ergischer Verteidigungskampf gegen dieselben ausgenommen werden sollte. Es würde mich zu toeit führen, wollte ich ein vollständiges Bild von der fluchwürdigen inneren Wirksamkeit unserer Revolutionäre entwerfen, ich behalte mir das für die Zukunft vor. Hier möchte ich nur einzelne Momente zur Illustration des Obengesagten anführen Infolge den der Arbeitern von ihrer Organisation aufgezwungenen, fast unaufhörlichen kopflosen Streiks, die mit dem brutalsten Terrorismus durchgefüht werden, sind einige industrielle Gewerbezweige, welche von jeher vorzüglich, wenn nicht ausschließlich in jüdischen Händen lagen, teils an Christen übergegangen, teils gänzlich aus dem jüdischen Ansiedlungsrayon verschwunden; aber leider nicht spurlos, sondern unter Zurücklassung äußerster Not unter den arbeitslosen Massen. Diese nun, von Hunger und Elend in Verzweiflung getrieben und demoralisiert, verfallen nicht selten der anarchistischen Propaganda und sinken, zu unserer unauslöschlichen Schmach, zu Straßenrändern herab,, vor deren Ueberfällen kein halbwegs wohlhabender Jude sicher ist Nur darin nämlich äußert sich ihr Zusammenhang mit Juden, daß sie sich als Opfer mit Vorliebe Juden wählen. Die terroristische Organisation der jüdischen Arbeiter und Arbeiterinnen wird von diesen selbst als drückendes Joch empfunden, das sie aber nicht abzuschütteln wagen. Der friedliche jüdische Arbeitgeber ist, wenn er die gewalttätige Einmischung jener Organisationen vermeiden will, gezwungen, entweder seinen Betrieb aufzugeben, oder christliche Arbeiter jüdischen vorzuziehen. Es ist so weit gekommen, oatz gesetzestreue Jehudim sich fürchten, eine jüdische Köchin ins Haus zu nehmen, um sich oeren Organisation nicht auf den Hals zu laden. Damit hängt eine bei den Juden nie erhörte moralische Entartung zusammen. Die alte jüdische Gesittung und Sittlichkeit kommt immer mehr in Verfall. Auch das geistige Leben der Juden steht unter dem Druck jener Unholde. Der Bund erfrecht sich sogar die Bachurim aus den Jeschibohs zu vertreiben und den Chedorim ein Unterrichtsprogramm aüfzuzwingen, oas die im Jargon geschriebenen sozialdemokratischen und revolutionären Pamphlete als Lehrmaterial enthält, dagegen das Hebräische, "»VID, *)"2N, den Talmud und die übrigen Unterrichtsgegenstände deS Cheder aus diesem verbannt wissen will. Die-KanM der Synagoge und der HSchulchan" des ttrman rvn ist von ihnen gewaltsam okkupiert. Jüdische Anarchisten sollen am Kalnidrei- Abend eine Synagoge in Odessa überfallen und geplündert haben. Soweit ist es bereits gekommen. Wohin dieses wilde Treiben noch führen soll, daS ist, wie gesagt, nicht abzusehen. Es würde den Beginn des Auflösungsprozesses der russischen Judenheit bedeuten, wenn sich letztere nicht zu einer Rettungsaktion auiraffen wollte. Diese steht nun, Gottlob, in Aussicht. Gebe der Himmel, daß sie bald mit aller Kraft an den Gesundung unseres jüdischen Lebens zu arbeiten beginne! Petersburg,!. Nov. Die „Petersburger Zeitung" stellt in einer Reihe von Artikeln Untersuchungen über die Zahl der Juden in Rußland an und gelangt zu dem exorbitanten Refilltateiner Wischen Bevölkerung von zirka neun Mttllionen. Selbstverständlich, so bemerkte dazu ft Jüd. Ztg. haben diese Untersuchungen nicht 1cä§, durch die große Zahl der JWen Der Jsraeltt. die Größe des Unrechtes zu illustrieren, das man an ihnen begeht, indem man sie im Zustande der Rechtlosigkeit beläßt und in den engen Ansiedlungsrayon zusammenpreßt, sondern dienen lediglich dem Zweck, die „jüdische Gefahr" recht grell erscheinen zu lassen. Schon aus diesem Grunde ist der Statistik der „Petersburger Zeitung" von vornherein mit. Mißtrauen zu begegnen. Dieses zeigt sich bei näherer Prüfung vollkommen begründet. Nach dem amtlichen Zensus vom Jahre 1897 wurde damals (und auch diese Ziffer war eher zu hoch gegriffen) die Zahl der Juden mit etwas über fünf Millionen angesetzt. Bedenkt man nun, daß die Auswanderung der Juden aus Rußland gerade in den letzten Jahren ungeheure Dimensionen angenommen hat, so ist heute die Zahl der russischen Juden wahrscheinlich kleiner, keinesfalls aber größer, als ste im Jahre 1897 war und daher keinesfalls über fünf Millionen. Worauf stützt nun die „Petersburger Zeitung" ihre Schätzung? Hauptsächlich auf das prozentuale Verhältnis der ausgehobenen jüdischen Rekruten zu deren Gesamtzahl. Aber wenn so viel jüdische Rekruten ausgehoben wurden, wie es einer jüdischen Bevölkerung von 9 Millionen entsprechen würde, so folgt daraus nur die den Kennern der russischen Verhältnisse übrigens nicht unbekannte Tatsache, daß die Juden in Rußland fast in doppelt so starkem Maße zur Blutsteuer herangezogen werden, wie die andere Bevölkerung. Für dieses bemerkenswerte Ergebnis ihrer Untersuchungen muß man der „Petersburger Zeitung" dankbar sein. vermircdter. Frankcnthal, 8. November. Drei Frankenthaler Bäckermeister, die zur Herstellung von feinem Gebäck anstatt Naturbutter Margarine verwendet hatten, waren von der auf ein Vergehen gegen daS Nahrungsmt telgesetz lautenden Anklage vom Schöffengericht stetgesprochen worden. Gegen das freisprechende Urteil hatte der Hmtsanwalt Berufung eingelegt. In der Verhandlung vor dem Berufungsgericht wurden als Sachverständige vernommen: Prof. Dr. Halenke Syrier, Dr. Kayscr-Nürnberg und Dr. Riederhäuser-WieSbaden. Alle drei Sachverständigen erklärten reine Naturbutter zwar als der Margarine weit überlegen, doch stellten ste auch der letzteren in Bezug auf Bekömmlichkett und Nährwert ein gutes Zeugnis aus. Das Gericht gelangte nach 5bündiger Verhandlung ebenfalls zu einem freisprechenden Urteil. In den Urteilsgründen wird unter Bezugnahme auf die von den Sachverständigen erstatteten Gutachten ausgeführt, daß Margarine der Mutter an Bekö nmlichkeit und Nährwert nicht nachstehe, wozu noch komme, daß bei der Margarine-Fabrikation bie gröitc Reinlichkeit beobachtet werde. Man hat also als gesetzestreuer Jude dam t zu rechnen, daß Margarine 7rafw oi:' Butter verkauft werden kann. Wiesbaden, 12. Novbr. Die israelitische Kultusgemeinde in Eronberg hat bet btt hiesigen Kgl. Regierung ihre Auflösung beantragt, weil sie nur noch aus drei Perionen bestehe und nicht kräftig genug sei, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Kassel, 6. Nov. Die beutschsozialen Antisemiten gelten ihren Brüdern von der Reformpartei schon als schlimmer denn die Juden — der härteste Borwurf, den ein Antisemit dem andern machen, kann! Der reformierte „Reichs heold" in Kaffel stellt in ergötzlicher Meise einige „Schwindels-Nachrichten deutfchsozialer Flugblätter und Agitatoren zusammen und fügt dem hinzu : Leider gibt eS unter den Reformern immer noch Leute, die von diesen Leuten als von einer verwandten Richtung faseln. Wir danken schon auS Reinlichkeitsgründen für eine solche Verwandtschaft. Der Jude muß noch geboren werden, der es im Schwindeln mit der Truppe deSJHerrn von- Liebermann aufnehmen kimn.«2 Aus der Oberpfalz, 11. November. 95eSS Lehrer-AnstellungSprüfung für 1907 wurden den jüdischen Kandidaten in israelitischer Religionslehre folgende Aufgaben gestellt: 1. Die Pflichten gegen Vaterland, Fürst und Obrigkeit, ihre Bereinbarlichkeit mit der Hoffnung auf das Reich deS Messias, mit Hinweis auf die «ieoete Uwchea thea pachdcho und Olenu; der Inhalt des hebräischen Königsgebetes ist ausführlich anzugeben.tzBibelstellen. 2. Die Kreuzzüge und der schwarz* Tod undZthre traurigen Folgen für die Juden. Posen,!6. Novbr.^Der verantwortliche Redakteur deS polnisch-antisemitischen Blattes „Postemp" StaniSlaus Kunz hatte in der Nummer 190 des genannten Blattes er einer Anzahl von Bürgern zu Buk, die mit den An- __ Geitt 9 fangsduchttaben bezeichnet, aber unschwer' erkennbar waren, gedroht, ste an den Pranger zu stellen, wen« ste weiter bei „Juden und Deutschen" kaufen würde«. Die zw ite Strafkammer erblickte in dem inkriminierten Artikel eine Bel idigung und Nötigung und verüttellie Kunz zu einer Gefängnißstrafe von zwei Monaten. Frankfurt a. M., 11. Novbr. Die soeben erschienene neueste Nummer des „Sav bath hat folgenden Inhalt: Ein soziales Hilfswerk. — Delegiertentag des Verbandes der Sabbathfreunde. — Aus vergilbten Blättern. — Sabbath. — vermischte Nachrichte—Vereinsnachrichten. — Erzählung: S gen der Sabbathweche von Louis Letimann, Homburg. — Bakanzenliste. Kopenhagen, 29. Okt. Im Januar 1908 wird , hier unter Leitung der Herren Prof. Dr Limonsen uttd Museumsdirektor Emil Hannover eine jüdische Kunst- Aus st e l l u n g, die auch alle Arten von Gebr.mchsgegenständen des synagogalen und sonstigm kulturellen Lebens umfassen soll, stattfinden. verettrvere». Frankfurt a. M. 11. Novbr. Der Israelitische Hülfsverein in Frankfurt a. M., der jetzt auf e ne 35jährige Tätigkeit zurückblickt, versendet seinen Jahresbericht für den Zeitraum vom 1. Ottober 1906 bis 30. September 1907. Die Zahl der Mitglieder ist von 542 im vorlMt . Jahre auf 621 angewachsen. Im abgelattteneu Jahre betrugen die Ausgaben für Unterstützung Ma t 63572 (gegen 70942 im Borjahre) und zwar für Durchreisende Mark 13028 (die Zahl derselben betrug 3254 gegen 3l67)5; auf Spezialfälle kommen Mark 50544. Die Mitgliederbeittäge beliefen stch auf Mark 10130 (gegen 9900). Ln Geschenken zum Kapitalfonds erhielt der Verein Mk. 7909; an sonstigen Geschenken Mk. 13881. Die Zuwendungen für spezielle Fälle betrugen Mk. 38506 gegen Mk. 500U0 im Bor ahre. Es ergtebt fich hieraus ein M.nus von nahezu Mk. 12000. Da> ComitL für die O. E. Juden überwies dem Verein Mk. 6736. Die Ferienkolonie in Hofheim i. T. wurde von 30 Knaben und Mädchen besucht. Der Ardeitsnachwes hat von 154 Gemeldeten 70 umergebracht. H Heilbron«, 30 Okt. DerJSräelttsche Wohltätigkeit sv eretn darf in diesen Tagen auf ein halbes Jahrhundert seines Bestehens zurückbltcken, das er in würd ger Wesse feierte, zugleich damit verbindend daS 50jährige Jubiläum feines Vorstandes Liebmann Strauß, der seit dem Bestehen den Verein leitet und der einzige noch lebende Mitbegründer ist. In einer hübschen Festschrift, von Rabbiner Kahl im Auftrag des Ausschusses verfaßt, wird ein anschauliches Bild von der Entstehung, dem Wachstum und der Tättgkett des Vereins gegeben. Die Entstehung datiert m den November 1857 zurück. Den 7 Gründern schlossen fich bald weitere Gemeindegenoffen an, und im Jahre 1864 betrug die Zahl der Mitglieder schon 36. HeMe find eS deren über 300. Die Hauptaufgabe des Vereins war und blieb immer die Fürsorge für Kranke, Sterbende und Verstorbenedaneben ging eine förmliche Krankenpflege, die zunächst ausschließlich auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhte, bis 1901 zwei eigene Krankenpflegerinnen angestellt wurden, die gegebenenfalls auch außerhalb des Vereins mrd der Gemeinde Dienste leisten. Herr Strauß sowie der von ihm geführte Verein waren anläßlich der Jubelfeier der Gegenstand zahlreich! Glückwünsche u. a. auch von Oberbürgermeister Göbel, der für bU Jubi Sumsgabe des Vereins an die christlichen Armen der Statt Heilbronn in seinem Schreiben dankte. Ein Festmahl schloß die Reihe der Veranstaltungen, bet welchem Herr Rabbiner Kahn und eine Reihe ande er Herren sprachen und das der Synagogenchor unter Leittmg des Herr Oberkantvr Drehsus durch treffliche Darbietungen verschönte. Emde«, 11. Nov, Im hiesigen Montestore-Beretn hielt Herr Referendar Dr. A. L ö b vor einem zahlreich Publikum einen Vortrag über „Jehuda Halevy". Die interessanten und belehrenden Ausführungen des Redners wurden durch reichen Beifall belohnt. % * I -i % 1 1 7 $ 7 .. -I i 7 Personalien, München, 11. November. Am 1. November wurde hier Herr Wilhelm Fränkel im Alter von 77Jahren zu Grabe getragen. DaS Leben dieses verdienstwulen ManneS ist ein überaus arbettsreicheS gewesen. Schon von frühester Jugend an war er geschäftlich tätigmit 18 Jahren stand er an der Spitze der Wollegronhanttnng A. Kränket, bie er zu einer Wettfirma ausgestattet hat. Seine rastlose Energie und sein unermüdlicher Arbeitseifer verließen ihn auch bis in die letzten Wochen vor seinem Tode nicht. Wilhelm Fränkel war verheiratet mit einer Tochter von Rabbiner H. B. Auerbach t bn, der zuerst in Darmstadt, später in Halberstadt w rkte. Er betätigte fich als ein kraftvoller Vertreter des gesetzeStreuen ' ubentums und tvar einer der Mitbegründer Ms BeretnS Obel Jakob. Auch dem BerwattungSausfchmß der israelttischen Kultusgemeinde gehörte er llmge Jahre alS Mitglied an.