Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1907)
- Date
- 1907-11-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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14. November 1SW; Sette 8. Nr. 48 D er J«r«eitt. den Ordnung gebracht werden kann. Berufen Sie zwei Kongresse, einen orthodoxen nach Preßburg, einen fortschrittlichen nach Pest, und stellen Sie es jeder Gemeinde anheim, den Kongreß zu beschicken, der ihre Richtung repräsentiert. Dadurch werden Exzellenz ein doppeltes Ziel erreichen: Die Trennung wird sich rasch und aufrichtig vollziehen. Sie werden llar sehen, soviele Orthodoxen, soviele Heterodoxen gibt es in Ungarn, und die beiden Kongresse werden ihre Angelegenheiten ganz gut in Ordnung bringen. So groß der prinzipiÄle Unterschied zwischen Alt- und Neujuden . ist, viel größer als zwischen welchen christlichen Konfessionen immer, so unbedeutend sind die Differenzen in den beiden Lagern selbst. Die Orthodoxen verlangen die unveränderte und unveränderliche Aufrechterhaltung ihres Kultus, wie er seit Jahrtausenden existiert. Die Reformer wollen die Fesseln des Religionsgesetzes, die sie in der Praxis längst abgestreift, sprengen, und zwar sprengen unter Gutheißung ihrer Geistlichen. Abstufungen existieren nur bezüglich der Mittel und Wege. Daß aber im Judentum zwei scharf geschiedene religiöse Richtungen existieren, diesichnieundnimmervereinenkönnen, das, Exzellenz, ist so klar, daß es eben nur von herrschsüchtiger Pfäfferei in Abrede gestuft werden kann, und da tue ich nicht mit." Dieser berufenste Führer der Reform hat sich auch tatsächlich am Kongresse nicht beteiligt, obwohl er dort ganz gewiß die erste Geige gespielt hätte. Und die Folge hat ihm Recht gegeben. Noch einmal hat er sein mahnendes Wort erhoben, als die verstockten Kongreßler gegen den Reichstagsbeschluß vom 18. März 1870 mit der angeblichen Dogmenlosigkeit des Judentums operierten. Mit der ihm eigenen logischen Schärfe hat er ihnen zugerufen: Um der Motivierung jenes Beschlusses, daß Orthodoxe und Neologen zwei verschiedene Glaubensgenossenschaften bilden, alle und jede Berechtigung absprechen zu dürfen, müßte man darauf Hinweisen können, daß zwischen der Kongreßmajorität und der Orthodoxie durchaus keine dogmatische Divergenz stattfindet. Betonen aber die Kongreßler selbst ihre eigene Dogmenlosigkeit, so haben sie kein Recht, gegen die Beschlußmonvierung des Reichstages zu protestieren. Kogmentreue und dogmenfreie Bekenner einer Religion sind nicht sonderlich geeignet, eine intime kirchliche Einheit zu bilden. (Was wohl dieser Reformriese zu den „historischen" Expektorationen seines Epigonen, Philrppson II., sagen würde!) Und nun soll doch die Komödie des einheitlichen Kongresses in der Maske einer freiwilligen Landesversammlung aufs neue zur Aufführung gelangen. Wer die Maske kann keinen Sehenden täuschen über das, was dahintersteckt! fönglaxtb. London, 1. Nov. Die hiesige Jewish World hatte zu min nnvv in einer kleinen Betrachtung davon gesprochen, daß dem „modernen" Juden die Freude am Thora-Gesetz unmöglich sei) well es eine Schranke ausrichte zwischen Israel und den Völkern und so seinen sehnlichsten Wünschen widerspreche. Das Blatt hatte sich jeher Charakteristik dieser Denkweise des „modernen" Juden enthalten und erklärte später, daß es mit ihr nicht im geringsten übereinstimme. Pater Jgnattus von Cardiff jedoch, ein Leser der Jewish World, hatte die Sache anders aufgefaßt und richtete an die Zeitung eine Zuschrift, in der er seiner schmerzlichen Betrübnis über jene Aeutzerungen zu Simchath Thora Ausdruck verleiht. „Bon all den schrecklichen traurigen und destruktiven Erzeugnissen Mischer Federn, die ich je gelesen," so schrei« der Pater, „war das nach meiner Erinnerung das traurigste. Was ist denn die Thora, deren Vorhandensein der moderne Jude" bedauert, mit der er fich nicht freuen kann? L e ist die einzig göttliche, unfehlbare Offenbarung des Persönlichen Ursprungs alles Sichtbarem und Unftchtbarenne ist die einzig göttliche Offenbarung des Ursprungs der menschlichen Raffe,' fie ist die eine gvttttche Antwort auf den Pantheismus der östlichen und den , Polytheismus der westlichen Weltfie ist die göttliche Feststellung der Tatsache der Erwählung Israels für die einstige EUeuchtung und die Heileszukunft der Welt. Die Tho.a ist das Licht der Geschichte, die Leuchte der Zeitalter sie wird sein der Mutjnt der Welt. Die jüdische Nation ist das Depositorium dieses Kleinods von unschätzbarem Wert, dieser Lehre von Gott, dem ewigen Schöpfer Vater und Herrn, deni Großen „Ich bin, der Ich bin." Alles Wisien, alle Ansprüche der Wissenschatt versinken ihr Nichts vor dieser Offenbarung von Ihm, dem einzigen Gott, dem H iligen Jsrae s. Wo sind Dagon, Milchom und Che os.? Wo find Bel, Astarle und Baal? Ve - funken in die Nacht der Zeiten - verloren in den Trümmern ewigen Vergeffens. Wo sind Isis und Osiris und die dämonische Weisheit Egyptens und des Nils? Tot im Sand der Wüste und der koiosialen Ruinen ihrer übermenschlichen Tempel und Grabmäler. Aber wo ist der Heilt e, Eine Israels, der Gott Zions, wo ist die Thora von den bebenden und donnernden Höhen des Sinai heute? Seine Verehrung ist weite geströmt von Jerusalem, die Echos seiner alles überwindenden Thora haben die Welt überflutet. Und Sie schreiben: „Die Thora ist das Mittel zur Absonderung Israels!"" Ja, sie ist es, und das ist einer der wunderbaren Z ge ihrer göttlichen Erhabenheit. Die Thora kann niema's entthront werden. Es wird nicht sein, nein, „kein Wort und kein Püi.ktchen" wird vergehen. „Himmel und Erde neiden vergehen, aber Mein Wort wird nicht vergehen" sp icht der Ewige, der Heilig-Einzige. Der moderne" Jude hätte bester getan, am nächsten Sabbath in die Synagoge zu gehen, fich niederzubeugen, das heilige Sepher, wenn es zurückkehrt in die Lade, zu berühren und zu sagen: „O Go 1 meiner Väter Abraham, J'aak und Jakob, mache mich zu inem gläubigen Juden, zu einem echten und treuen Sohn Zions, der herbeisehnt das Kommen des Messias ben David, da Jerusalem das Haupt sein wird aller Nationen und das Licht der Welt." Uufttarrd. vollere Bilder. (Von unserem Korrespondenten.) Petersburg, 1. November. Bis heute sind 319 Deputierte für die Reichsduma gewählt, darunter nur ein einziger Jude aus dem kurländischen Gouvernement namens Nisselowitz, ein hier in Petersburg praktizierender Rechtsanwalt. Ob noch andere jüdische Deputterte aus den Wahlen hervorgehen werden, ist sehr fraglich. Der Wahlmodus vom 3. Juni ist eben darauf berechnet, den Sieg jüdischer Kandidaten möglichst zu erschweren, wenn nicht ganz und gar zu vereiteln. Man spricht zwar davon, daß in Odesia ein Zionist, in Kamenz- Podolsk der berühmte Kriminalist Schloßberg Aussicht hätten, gewählt zu werden. Mit einiger Bestimmtheit wird die Wiederwahl des Advokaten Abrahamsohn in Kowno erwartet, allein alle diese Hoffnungen und Erwartungen bedeuten nichts gegenüber der eifrigen Agitation des von der Bureaukratie energisch unterstützten russischen Bolksverbandes, der die Wahl eines Juden zum Deputierten mit aller Kraft zu verhindern sucht. Man braucht nicht zu sagen, wie wichttg für die russische Judenheit in einer solchen höchst kritischen Zeit es ist, in der Reichsduma gebührend und würdig vertreten zu sein, zumal unsere Feinde dort in großer Zahl anwesend sein und es sicherlich an keinerlei Mühe fehlen lasten werden, um unsere politische und soziale Lage möglichst zu verschlimmern. Es ist darum nicht;nug zu bedauern, daß wir in der dritten Hchsduma so gut wie gar keine Vertretung haben werden, was übrigens vorausrusehen war. Die gegenwärtig vor sich gehenden Wahlen werden uns nach dieser Seite hin nicht überraschen. Nichtsdestoweniger ist die Beteiligung der Juden an den Wahlen unbedingt zu billigen. Ein etwaiger Boykott der Reichtsdumawahlen könnte leicht von unseren Feinden als ein revolutionärer Akt gedeutet werden und es wäre dann nicht überraschend, wenn die Regierung uns des Wahlrechts berauben würde, wie sie es bereits hinsichtlich der Wahlen für die städtischen Dumas getan hat. Bieret uns das Wahlrecht, das wir jetzt besitzen, auch kerne erheblichen Vorteile, so wäre nichtsdestoweniger die Entziehung desselben ein herber Berlust, vor allem in prinzipieller Beziehung. Wenn wir von den Wahlen der Reichsduma ausgeschloffen gewesen wären, so hätte das unser Anfchen asS Bürger noch weit tiefer hera-gedrückt, als es jetzt bereits steht wid unS völlig zu „Fremden" degradiert. In praktischer Hinsicht ist die Beteiligung auch nur eines einzigen Juden an der legislativen Tätigkeit der Reichsdum, ja seine bloße Anwesenheit in derselben von unabsehbarer Bedeutung. Auch die Möglichkeit, auf die Wohl eines Nichtjuden irgend welchen Einfluß ausüben zu können, ist keineswegs zu unterschätzen. Sehr zu bedauern ist nur, daß der einzige jüdische Deputierte nicht zu den hervorragenden jüdischen Männern gehört, welche unsere Interessen mit gehörigem Nachdruck hätten wahrnehmen können. Sein Name ist bis jetzt wenig bekannt geworden. Herr Nisselowitz soll zwar ols ehemaliger Zögling des Cheders und der Jeschibah auf jüdischem Gebiete nicht ganz unbewandert sein, er hielt sich aber lange Zeit vom Judentum ganz fern und war sogar in seiner Entfremdung so weit fortgeschritten, daß er Mitarbeiter des äußerst jndenfeindlichen Journals „Nabljudotel" des Erzantisemiten Pjatkowsky ward,' er sattelte jedoch in der Folge um und wurde Mitarbeiter der judophilen „Nowosti",. als welcher er es freilich nicht zu besonderer Bedeutung gebracht hat. Was die Richtung betrifft, die die dritte Reichsduma in der Judenpolitik einschlagen wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß dieselbe vorwiegend antisemitisch sein wird. Freilich hätten wir unter den obwaltenden Verhältnissen, da das Volk vollständig ohnmächtig ist, dagegen die Bureaukratie im Vollbesitz der faktischen Gewalt und als unbeschränkten Herrn der Situation sich erwiesen hat, — auch von einer progressiven, oder sogar auch äußerst radikalen Reichsduma nichts zu erwarten, denn die ausschlaggebende Macht ist und bleibt für die nächste Zukunft der „russische Voleverband", welcher in seiner fanattschen Feindseligkeit gegen Juden und Judentum keine Grenze kennt, zumal er in den Juden die ersten und gefährlichsten Träger der ruffischen Revolution erblickt und darin zu unserem großen Leidwesen von den revolutionären Elementen aus dem jüdischen Kreise bestärkt wird. Denn einen wie geringen Prozentsatz der gesamten jüdischen Bevölkerung sie auch ausmachen, so hören sie doch nicht auf vorzugeben, daß sie im Namen der jüdischen Gesamtheit und in deren Interesse handeln. Das ist dann Waffer auf die Mühle des russischen Volksverbandes und schürt die Erbitterung gegen die Juden in Regierungskreisen. Unter solchen Umständen wäre auch die erste Reichsduma nicht imstande gewesen, die Lage der Juden wesentlich zu heben und das jüdische Elend zu mildern, geschweige denn den Ju)en die Gleichstellung zu verschaffen. Allein während wir von einer progressiven oder radikalen Reichsduma wenigstens keine Verschlimmerung unserer Lage zu befürchten hätten, müssen wir seitens der neuen uns auf das schlimmste gefaßt machen. Es wird uns keineswegs überraschen, wenn die Deputterten des russischen Bolksverbandes den Antrag embringen, die von Plehwe seiner Zeit projektterten neuen Rechtsbeschränkungen zu Gesetzen zw erheben, und eS ist nach dyi'-vorliegenden Daten über den voraussichtlichen' Bestand der dritten ReichSduma kaum daran zu zweifeln, daß sie dabei die Majorität auf ihrer Seite hätten. Daß sie im Reichsrat auf keinen ernsten Widerstand stoßen und somit nichts im Wege stehen würde, für jenen Antrag die autoritattve Sanktion zu bewirken, ist desgleichen außer allem Zweifel. Die jüdische Lage in Rußland wird so immer bedenklicher. Die Agitation gegen die Juden in Wort und Schrift wächst mit jedem Tage. Auch solche Preßorgane wie die vom Fürsten Uchtomsky herausgegebene „Petersburskija Wjedomostt", die den höchsten Regieruugskreisen sehr nahe steht und von ihnen oft inspiriert wird, und die noch bis vor einiger Zeit nicht selten die Juden in Schutz zu nehmen «, bringt gegenwärtig antisemitische Artikel lerschlimmsten Sorte. Leider find die Juden nicht frei von Mitschuld an diesen Verhältnissen. ES ist von jüdischer Seite bis jetzt nichts unternommen worden, um das Odium der Solidarität mit den revolutionären Elementen von uns abwälzen. Es ist daher kein Wunder, wenn jnoit in maßgebenden Kreisen die gesamte "