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Der Israelit · 1907-11-14 · Heft 46 (14.11.1907) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 46 (14.11.1907)
Date
1907-11-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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gen des Abgeordneten zu einem erfreulichen Resirltate geführt. Ungarn. Bin ungarischer Mleitfag. (Bon unserem Correspondenten). u. B u d a p e st, im November. . Bekmrntlich haben die neologen Führer Jahrzehnte hindurch den Reichstags-Beschluß vom 18. März 1870, durch welchen der obligatorische Charakter der Kongreßstatuten außer Kraft gesetzt wurde, perhorresziert. In jener Sitzung hat der „Weise der ungarischen Nation", der unsterbliche FranzDeak,die denkwürdigen Worte ausgesprochen, daß „die Kongreßpartei eine von der bisher in Ungarn auf Grund der israelitischen Glaubensgesetze vorhandenen Glaubenskirche wesentlich verschiedene Glaubensgenossenschaft bilde." Die neologe Landeskanzlei leugnete trotzdem die Existenz eines orthodoxen Judentums, leugnete die gesetzliche ' Gültigkeit dieses Reichstagsbeschlusses und respektierte nieinals die vom König sanktionierte orthodoxe Autonomie. Durch dieses Verfahren haben die Neologen zeitweilig wohl große Erfolge erzielt, in Letzter Instanz wollten es aber die Kultusregierüngen doch nicht zug^ben, baß die Orthodoxen in ihrer Religions- und Gewissensfreiheit von ihren neologen Glaubensbrüdern unterdrückt werden. Unter dem Vorwände orthodoxer Kul- ' turfeindlichkeit hat die neologe Landeskanzlei bei jeder einzelnen Regierung und zu wiederholten Malen um die Gnade gebettelt, daß den ungarischen Juden im Interesse des ungarischen Staates und der Konfession die einheitliche Autonomie oktroyiert werde. All das wollte nicht gelingen. Im Jahre 1896 wurde endlich ein neuer, der sogenannte friedliche Weg eingeschlagen. Die neologen Politiker hatten eine geniale Idee entdeckt. Sie kombinierten etwa folgendermaßen: Der Kongreß im Jahre 1868 ist nun einmal nicht gelungen. Die bösen orthodoxen und Statusquo-Gemeinden wollten nicht in den säuren Apfel beißen, wie wäre es, wenn der jüdische Kongreß noch einmal einberufen würde? Vielleicht gelingt es doch, die Orthodoxen irgendwie zu versöhnen, d. h. zu ködern? Und in großer Parade und Mit noch größeren Hoffnungen gingen die jüdischen Notabeln zum Kultusminister und verlangten allen Ernstes die neuerliche Einberufung eines israelitischen Landeskongresses. Und die Herren, die als patentierte Magyaren auch im politischen Leben eine Rolle spielen, wiederholten dann diesen Aufzug mehrere Male. Die jeweiligen Kultusminister hatten auch alleweil für die imposanten Abordnungen gar schöne Reden; aber die Erfüllung des Wunsches hat kein einziger dieser Staatsmänner für absehbare Zeit in Aussicht gestellt. Auch beLyr derzeitigen Kultusminister Graf A. Apponyi versuchten die Neologen ihr Glückt Es wurden mildere Saite» angeschlagen, aber man hörte doch den alten Ton heraus. Es müßten die Rechtsverhältnisse unserer Konfession zum Staate geregelt werden. Zu diesem Zwecke solle die durch königliche Sanktion neuerdings bestätigte und erweiterte orth. Autonomie außer Kraft gesetzt werden. Die Legislative solle im Wege eines zweiten einheitlichen Kongresses die Konfession selbst in ihrer Gesamtheit befragen, ob sie ihre Aufgaben in einer oder mehreren Organi-? sationen, mit vereinten oder geteilten Kräften lösen will. Auch diese letzte Bemühung hatte keinen Erfolg. Die Wfertigung, die den Herrn zu Teil wurde, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Graf Apponyi erklärte, daß er sich ganz und gar nicht kompetent erachte, in jüdischen rituellen Angelegenheiten zu entscheiden. Und in der Hauptsache handle es sich doch nur um solche. Es wäre dies das größte Absurdum in einem Staate, der auf der Basis der Gewissensfreiheit und .Selbständigkeit des ÄWWxrr :Wtms mrsgebaut ist.' Anderthalb Jahre find seitdem verstrichen und die Kultusregierung hat mit keinem Sterbenswörtchen verraten, daß sie ihren Standpunkt geändert habe oder gar den Wunsch hege, der Mischen Konfession eine einheitliche Organisation zu oktroyieren. Inzwischen hat sich auch die orthodoxe Zentralleitung im Rahmen der erweiterten Autonomie zu einer intensiveren Tätigkeit aufgerasft und allenthalben hat sich die positive Erkenntnis durchgerungen, daß die orthodoxe Judenschaft vom Standpunkte des Religionsgesetzes, wie auch dem Staate gegenüber als selbstständige Glaubensgenossenschaft in autonomer Weise organisiert wird. Die Orthodoxen wollen und werden nicht einmal versuchsweise in eine gemeinsame Beratung, mag diese Landeskongreß, Landesversammlung, Judentag, Bund oder Verband heißen, mit den Neologen einwilligen. Mögen unsere „liberalen" Neologen und konservativen Delegierten darüber denken, wie sie wollen, für die wahrhaft gesetzestreuen Juden ist es ein feststehender Grundsatz, daß ein religiöses, wenn auch nur kultuell-administratives Zusammenarbeiten mit den Neologen ein für allemal ausgeschlossen sei. Die große jüdische Versammlung — meint Dr. Paul Mandl — soll gar keine Organisation haben. Es soll kein Landeskongreß sein,, sondern eine freiwillige, zwanglose Zusammenkunft. Das ist doch gewiß etwas Unschuldiges. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn diese Landesversammlung zustande kommt — und unseresDafürhaltens wird sie zu - stande kommen — auch Mitglieder orthodoxer Gemeinden bei derselben eine Rolle spielen werden. Sie werden selbstredend kein Mandat von einer orthodoxen Körperschaft hiezu haben, denn darüber kann man sich tit Ungarn keiner Täuschung hingeben: ein orthodoxes Gemeinwesen wird diese Mischmasch- Versammlung nicht beschicken, aber der Regierung und öffentlichen Meinung wird man doch Sand in die Augen streuen wollen mit der statistischen Aufftellung, daß so und soviel orthodoxe Gemeinden vertreten waren. Daß auch mit der projektierten Landesversammlung kein anderer Zweck verfolgt wird, als der einheitlichen Organisation der Orthodoxen mit den Neologen die Wege zu ebnen, steht außer Frage. Die Urheber der Bewegung machen auch kein Hehl daraus. „Hauptaufgabe der Landesversammlung" — sagt der Pester Reformrabbiner Dr. Hewesi — „wird es sein, die Einberufung des Kongresses zu betreiben." Wie naiv sind doch unsere neologen Glaubensbrüder! Wäre es demnach vollständig ausgeschlossen, daß die gesetzestreuen Juden mit den Neologen, nicht in religiösen Fragen, aber in allgemeinen Wohlfahrtsangelegenheiten, die die Gesamtjudenheit interessieren, in irgend einer Form gemeinsame Beratung pflegen? Auf diese Frage antworten wir mit einem entschiedenen: Nein! Ausgeschlossen wäre dies nicht. Wer vorher müßten doch unsere neologen Brüder sich zu der Erkenntnis erheben, oder .herablassen, daß die Gegensätze auf religiösem Gebiete zwischen ihnen und dem gesetzestreuen Judentum durch keinerlei Formeln und diplomatische Schachzüge überbrückt werden können. Die neologen Führer wissen es ganz gut, daß die Kongreßgemeinden selbst und deren Rabbiner die Unifikation auf der Basis der einzigen ehrlichen und gerechten Möglichkeit, der Rückkehr zum Gottesgesetz wie es in den Codices niedergelegt ist, garnicht wünschen können, niemals wünschen werden. Deswegen müßten sie selbst dafür eintreten, daß die konfessionelle Autonomie der orthodoxen Gemeinden von der Legislative gegen jeden Angriff geschützt werde. Wenn die neologen Führer dies aufrichtig wünschten, wür- > den sie dies bei ihrem Einflüsse auch bald erreichen. Dies ist der einzige Weg, die Angelegenheiten der jüdischen Confession aus ihrer jetzigen ZerfaHcenheit herauszuführen und iedes Mißtrauen im Nn verschwinden zu wachen. Den wollen aber unsere ne-logen Brüder nicht gehen. Im Gegenteil. Sie vergießen noch immer Krokodilstränen über die religiösen Spaltungen im 1 Judentum; sie hören nicht auf, die Orthodoxen als Friedensstörer und Verräter zu stigmatisieren und haben nur ein leidenschaftliches Begehren: auf den Trümmern des Lesetzestreuen ' Judentums den babylonischen Turm der einheitlichen jüdischen Landeskirche aufzubauen. Für solche selbstmörderischen Pläne hat das gesetzestreue Judentum nur eine Antwort: cip kV) i2-i ran ->Lim nsy ixy! Bei dieser Gelegenheit verdient es auch registriert zu werden, daß selbst der erste ung. jüd. Kongreß 1868 nicht nur von den - orthodoxen Rabbinern sondern auch von einsichtigen- Reformern als verwerfliches Mittel einer herrschsüchtigen Neologie gebrandmarkt wurde. Leopold L ö w, einer der hervorragendsten Theologen des Reformjudentums, hat in einer Unterredung mit dem ehemaligen Kultusminister H Baron Eötvös das ganze Kongreßunterneh- J men aufs Schärfste verurteilt. Während der | Wahlvorbereitungen fragte ihn nämlich der Minister — so berichtete die „W. I. P." —, ob er | in seiner Gemeinde kandidieren werde. „Exä zellenz" — antwortete Löw — „ich kandidiere - nicht und nehme a^ch keine Wahl an." Erstaunt erkundigte sich der Minister nach den Gründen; dieser ganz unerwarteten Abstinenz, er hatte be- - stimmt geglaubt, Rabbiner Löw in der ersten ij Reihe derer zu sehen, die die unpatriotischen Dnn-? kelmänner Niederkämpfen würden. Baron Eötvös war damals nämlich der aufrichtigen Meinung, J die Orthodoxen seien unpatriotisch und bildungs- | feindlich, wie es ihm die Spitzen der Pester jü- J dischen Gemeinde zu geflüstert hatten. „Wenn H Exzellenz eine Enttäuschung vertragen können", erwiderte Löw, „dann will ich meine Gründe i offen darlegen." Der Staatsmann, der von; Löws Scharfblick eine hohe Meinung hatte, bat i diesen, ihm die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. > „Obgleich ich für die radikalste Reformierung der jüdischen Religion bin", erklärte der Reformrabbiner, „möchte ich dieses Ziel doch nur auf geradem Wege erreichen. Was aber jetzt | unsere jüdischen Kreise beherrscht, ist das ge- | rade Gegenteil von Ehrlichkeit. Exzellenz i sind irregeführt! Die Orthodoxen, die die j große Mehrheit der ungarischen Judenheit bilden, < werden sich nicht unterdrücken lassen, und da sie l zahlreicher und kampfesfähiger sind, da ihnen } das religiöse Prinzip ungleich höher stehen muß, . als uns der Wunsch nach Reformen, wie wir in allen anderen Konfessionen sehen, daß die Orthodoxen eifriger sind als die Liberalen, so - liegt die Gefahr nahe, daß die orthodoxen Juden, die zudem in ihren Rabbinern Führer von ’ ~ unbestrittener Autorität besitzen, den Nachweis erbringen, daß sie nicht nur die Mehrzahl, son- ( dern auch die Stammreligion sind, die Besitzenden/ und dann Adieu Träume von Schulfonds-Millionen und Hegemonie für Pest und seine Affiliierten. Um dieser Katastrophe vor- < zubeugen, werden meine verehrten Freunde von der Reform ein wohl nicht sehr reinliches, aber oft erprobtes Mittelchen anwenden: sie werden >3 kühn behaupten, daß sie auch orthodox sind. U Wir werden das erbärmliche Schauspiel genießen, | daß Männer, die den größten Fest- und Fasttag der jüdischen Religion, den Bersöhnungstag, grundsätzlich nicht beobachten, erklären werden, -:1 sie seien ebenso strenggläubige Juden, wie der / Preßburger Rabbiner, der jeden für einen Gesetzesübertreter erklärt, der dort Samstag sei- ' neu Rock auf dem Arme trägt, wo man nach - religiöser Vorschrift keinerlei Last tragen darf. _ J Diese Heuchelei wird zur Fölge haben, daß 220 J Männer, die Elite der ungarischen Judenhett, sich | in endlose Debatten einlassen, über die Frage, f was orthodox ist, und was nicht. Die ttefe Kluft, die die Gesetzestreuen von den Gesetzesverächter» . scheidet, wird jede ersprießliche Tättgkeit des Kon- '4 gresses hemmen, und ich liebe es nicht, meine Aeit zu vergeuden. Gestatten mir Ew. Exzellenz noch deren Erwägung anheim zu gebe», -| wie in die Angelegenheiten der ungarischen Kr-

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