Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1907)
- Date
- 1907-11-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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%ttte 6 Nr. 46 V« Jöraeltt. 14 No ember 190T Alliance französisches Grpräge nage von den 67 Mitgliedern des Centralkomitees seien nur 26 Franzosen — und begründet das Vorwiegen des französischen Sprachunterrichts in ihren Orientschulen mit den im Orient gegebenen Verhältnissen, die die Kenntnis des Französischen notwendig machten Die Erklärung widerspricht ferner Philippson, wenn er die Entstehung der Anglo- Jewish Association und der Israelitischen Alliance zu Wien als Reaktion gegen die französischen Tendenzen der Alliance-Leitung darfteüllt. Die erstere fei gegründet worden, um der Alliance in ihrer Notlage während des deutsch-französischen Krieges beizustehen/ die letztere, weil das österreichische Staatsgesetz die Gründung von Komitees einer Gesellschaft verbietete, die ihren Centralsitz außerhalb Oesterreichs hat. Diese Angaben werden von der Anglo Jewish Association und der Israelitischen Alliance in Wien in Briefen bestätigt, in denen allerdings als zweites Motiv für die Gründung der beiden Institutionen die Erwägung bezeichnet wird, daß für eine inländische, mit der Alliance Israelite Universelle im Kontakte bleibende Vereinigung bedeutendere Mittel aufgebracht werden könnten. Des weiteren wendet sich die Erklärung gegen die scharfe 8kritik, die Philippsohn an der Tätigkeit der Orientschulen der Alliance übt, und gegen dessen Aeußerung, daß unter der französischen Färbung der Alliance das Jnteresie für sie in Deutschland gelitten habe. In einer uns zugegangenen Erwiderung auf . die Erklärung der Alliance hält Prof. Philippson seine Behauptungen aufrecht und betont insbesondere die Tatsache, daß der Sitz der Zentralleitung nach wie vor Paris istes fei eine alte Erfahrung, daß die fremden Mitglieder eines Ausschusses die Sitzungen teils selten, teils nie besuchten. Philippson erklärt, er schreibe sich als Historiker das Recht zu, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die sein Thema umfasse, sein. auf eingehenden Studien beruhendes Urteil abzugeben. Bon besonderem Interesse ist für uns, was er über die Allianceschulen im Orient sagt: „Was ich über die Mängel der Allianceschulen im Orient gesagt habe, halte ich in vollem Maße aufrecht. Jeder Kenner der Verhältnisse wird wir darin beipflichten. Um mich hier nicht in Einzelheiten zu verlieren, frage ich die Alliance nur: wie kommt es, daß trotz ihrer seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient — mit Ausnahme einzelner besonders begabter oder vom Glück begünstigter Individuen — in dem gleichen Zustande sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben? Und das, während die christlichen Elemente, die Armenier und?,umal die Griechen, infolge ihrer ausgezeichneten und ystematisch gegliederten Unterrichtsanstalten in überraschend glänzendem und fruchtbarem Aufsteigen begriffen sind. Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Ueberlieferungen und Bedürfnissen tzhrer Zöglrnge -an und nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antisüdische Kulturweise aus. Dieses letztere System ist notwendigerweife mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen, von Trödlern, Hausierern, kleinen Handwerkern und Vermittlern bewohnten Judenviertel der levantinischen und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Erziehungswerk der Alliance gewirkt hat. Daß da dem für seine Glaubensgemeinschaft warm empfindenden Juden einmal ein bitterer Ausdruck in die Feder fließt, ist leicht verzeihlich. Die Jrrtümer und Verfehlungen zahlreicher höherer Angestellter derselben — die der ganze Orient kennt, — hier aufzuführen, enthalte ich michum der Sache willen. Eine persönliche Aussicht von Mitgliedern des Zentralkomitös wäre längst dringend geboten. Alle jene Dinge habe ich nicht zum ersten Male zur Spräche gebracht, sie Iind vielmehr der Alliance oft uno in viel schärerer Weise gsagt worden; sie hat nicht darauf gehört und das einmal befolgte System unentwegt fortgesetzt. Wahrlich, nicht die Lust am Tadeln, hat mich zu meiner Darstellung veranlaßt, auch keine Gegnerschaft wider die sonst so verdienten und von mir hochgeachteten Männer, die in Paris die Leitung in Händen haben, sondern das brennende Mitleid mit unseren ungli cklichen orientalischen Glaubensgenossen, sowie der innige Wunsch, daß hier endlich Besserung geschafft und die großen pekuniären Mittel, die der Alliance zur Verfügung stehen, in angemessener Weife verwendet würden." Was hier über die Mißachtung der Anschauungen und Ueberlieferungen der jüdischen Bevölkerung im Orient durch die Alliance gesagt ist, haben wir früher wiederholt behauptet, wenn auch Herr Prof. Philippson es wohl nicht ganz in unserem Sinne gemeint haben wird. Im übrigen ist die Philippsonsche Kritik an der Alliance genau so subjektiv und ungerecht wie seine Urteile über die „Neu-Orthodoxie." Oberfranken, 12. Novbr. Im Oberfränkischen Landrat hatten die Rabbinate Bamberg und Burgkundstadt sehr ausführliche Eingaben eingereicht, in welchen sie darüber Beschwerde-führen, daß die Zuschüsse für diejetligen Kultusschulen, welche eingegangen sind, eingezogen wurdensie verlangen die Weiteraewährung dieser Zuschüsse. Entsprechend der Ansicht der Negierung sprach sich der Landrat. dahin aus, daß er eine gesetzliche Pflicht nach dein Schulgesetz nur gegenüber politischen Gemeinden anerkennen könne, nicht aber gegenüber Kultusaemeinden. Die Zuschüsse wurden deshalb gestrichen, auch ein freiwilliger Zuschuß a b g e l e h n t. Den Kultusgemeinden wird anheimgegeben, entweder die Schulen aus eigenen Mitteln zu erhalten oder die Kinder in die anderen Schulen zu schicken. _ Oejletrretdj. Erwartungen unö Enttäuschungen. Wien, 6. November. Endlich kam auch der jüdische Klub, wie sich die vier Vertreter der jüdisch-nationalen Partei im Reichsrate nennen, zu Worte — nicht im Parlamente, wo man bis dahin noch herzlich wenig von der Existenz dieser neuen Fraktion merkte, sondern vor seinen Wählern im „Hotel zur Post". Die Versammlung war zahlreich besucht, wie es von einer solchen, an der zum ersten Mal. jüdische Parlamentarier über ihre Erfahrungen in ihrer 5 monatlichen politischen Tätigkeit und ihr Zukunftsprogramm sprechen sollten, nicht anders zu erwarten war. Wenn diese Versammlung trotzdem so wenig parlamentarisch ablief, so liegt es zu allernächst an dem Gefühle der Enttäuschung, das in den jüdischen Arbeiterkreisen sogar zu einem solchen der Erbitterung gegen die jüdischen Abgeordneten wurde. Man hat bei den Wahlen zuviel erwartet, vielleicht auch zuviel versprochen. Und so war es das allgemeine Gefühl der Unzufriedenheit und des Unbefriedigtseins, das die Gemüter der Versammelten beherrschte und durch das bescheidene, fast kleinlaute Auftreten der Redner noch eine wesentliche Steigerung erhielt. Es kam weder zur Diskussion noch zu einer Resolution noch zu einem Vertrauensvotum. Letzteres wurde vom Leiter der Versammlung mit Rücksicht auf die oppositionelle Stimmung gar nicht beantragt. Was die Abgeordneten, von denen drei zu Worte kamen, sagten, enthielt nichts neues, wenn auch schon der gedämpfte Ton und die Reserve bezüglich der Versprechungen für die Zukunft an und für sich etwas neues in diesem Kreise ist. Zur Beruhigung ihrer Wähler in Galizien, die die höchsten wirtschaftlichen Erfolge von ihren neuen Vertretern erwarteten, werden die nichts sagenden, tonlosen Ausführungen der letzteren keineswegs beitragen. Herr Dr. Gabel stellte sich und seinen Kollegen ein Zeugnis aus mit „Betragen im Reichsrate 1." „Die Radaupolitik ist aufgegeben." Der jüdische Klub darf nicht provokatorisch Vorgehen. Herr Dr. Stand bekräftigte diese Taktik und lobt sie als „energisch, aber t a k t v o l l". Wie wenig die leitenden Kreise des jüdischen Arbeiterstandes mit diesem „Takte" der Erwählten einverstanden.sind, beweist der geharnischte Artikel in der vorletzten Nummer des „Jüdischen Arbeitet in Krakau, des Organes der zionistischen Arbeiterpartei „Poale Zion". Unter der Überschrift: „Schläfrigkeit oder Kuliffenpolitik" wendet sich die Zeitung mit bitteren Anklagen gegen die jüdischen Abgeordneten, die nach ihrer Ansicht ihr Wort an das Mische Massenproletariat nicht eingehalten und das auf sie gesetzte Vertrauen nicht gerechtfertigt hätten Die heftigsten Angriffe sind gegen Dr. Slraucher gerichtet, der das, wofür er zu kämpfen versprach, das allgemeine Wahlrecht der Kultusgemeinden, nicht einmal in seiner eignen Gemeinde Czernowitz, deren Vorsteher er ist, einzuführen versuchte. Der Artikel ist insofern von symptomatischer Bedeutung, als er die Unzufriedenheit der breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung Galiziens mit ihren parlamentarischen Vertretern illustriert, und die Drohung,, bei de" nächsten Wahlert sich von ihnen loszusagen, sollte doch den Begründern und Führern der jüd^ ^-nationalen Partei ernstlich zu denken geben.. Auch unser Kultusvorftortd gab wieder einmal Anlaß zu Klagen über Inkonsequenz und unwürdiges Entgegenkommen einem Antisemiten gegenüber. Es herrscht hier im allgemeinen das Prinzip, Gesuche um Veranstaltung von Privatminjonim abzulehnen. Nun aber wurde an den letzten hohen Feiertagen gegen einen Herrn Axelrad eine lobende Ausnahme gemacht und zwar, wie der Kultusvorsteher Frank bei der letzten Sitzung mit Entschiedenheit behauptete, aus die Intervention eines christlich - sozialen Bezirksamtmannes, der Eigentümer des betreffenden Minjanhauses ist und dafür eine hübsche Miete vom Veranstalter bezog. Der Präsident sprach sich zwar von jeder Schuld frei, indem er die gartze Verantwortung dem Bethausvereine zuschob und man darf daraus gespannt sein, wie der letztere die Sache, die übrigens mehr von der komischen Seite genommen wird, zu Erklären wissen wird. Daß wir aber hier nicht immer nur Anlaß zu Klagen und Protesten, sondern auch zu Fest und Feierlichkeit haben, beweist die Einweihung des neuen Hauses, in dem nunmehr die Volksschule Talmudthora ihr Heim haben wird. Der imposante Bau ist auch ein Denkmal jüdischer Opferwilligkeit. Hoffen wir, daß er auch zur Pflegestätte echt jüdischen Geistes wird. Krakau, 10. November. Nach langen Bemühungen und Verhandlungen ist es endlich dem Misch - demokratischen Reichsrats-Abgeordneten Dr. Adolf Groß gelungen, mit einer Kohlenfirma einen Vertrag abzuschließen, wodurch es möglich wird, die armen Juden der Stadt, trotz der hochgeschraubten Kohlenpreise während des ganzen Winters mit billigem Heizmaterial zu versehen. Das durch den Abg. Dr. Groß gegründete Einkaufsbureau kaufte 300 Woggons prima Jaworzner Stückkohle, welche an verschiedenen Verkaufsstellen am Kazimierz zum Detailpreis an Juden gelangen. Die Preise werden während der ganzen Berkaufsdauer — bis Ende März 1908 — die gleich billigen bleiben. Zu dieser erfreulichen Nachricht bemerkt der „Tygodnik": „Mehr als einmal wollten schon die deutschen Juden ihren galizischen Brüdern zu Hilfe kommen, wußten aber nicht recht, wie es am besten geschehen könnte. Sehr eingehend und ernst beschäftigte sich in jüngster Zeit u. A. der „Israelit" mit der schlechten Lage der jüdischen Kleinhändler in Galizien. Das Blatt machte den Vorschlag,- daß die kleinen Kaufleute sich organisieren und Änkaufsbureaus errichten möchten, welche für sie die Einkäufe besorgen sollen. Hierdurch wäre auch der Einkaufspreis einheitlich geregelt und die mörderische ^Unterbietungs-Konkurrenz würde aufhören. Der „Israelit" brachte auch Beispiele aus Deutschland, welche die Richtigkeit seiner Anschauungen beweisen. Durch diese Vorkehrungen wird nicht nur der Preis geregelt und die Qualität der Ware gehoben, sondern auch der Kredit der Kleinhändler gefestigt werden. Des-? halb schlägt nun der „Israelit" vor, in jeder Stadt solche Mische Bereinigungen zu gründen, die sich dann zu einem Kreisverbande zusammenschließen müßten. Auf Grund dieser Anregung gen hat Abgeordneter Dr. Adolf Groß in Krakau in den Mgsten Tagen eine Aktion eingeleitet, um eine ähnliche Organisation vorläufig für die Kohlenbranche zu schassen, deren Zweck es ist, die Kleinhärchler vor der Ausbeutung der Kartelle zu schützen." Wie aus dem eingangs mit-, geteilten Berichte ersichtlich, haben dieBemühuy-?