Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1907)
- Date
- 1907-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14 No"k»«Ser 1SV7. Der JSraettt. Kt. 46. Seite S nomie, Medizin, Philosophie u. s. w. von ihnen als selbstverständliche nvIN^ nmons betrachtet wurden*) Diese Hochschätzung der allgemeinen Wissenschaft hat sich trotz Ghetto und Abgeschloffenheit die langen Golußjahrhunderte hindurch erhalten und tritt manchmal in bemerkenswerter Weise zu Tage. So finden wir in einer von R. CH. David Asulai (irrn) verfaßten in neben dem B'v2n mw o'vv» '«1'1 zugleich o.tibdi nimn n!22N lrra! Eine ebenso charakteristische Stelle im *?«w «mo war es, die zu den folgenden Betrachtungen den ersten Anlaß gab. Zur 17. .iiv'v des zweiten der 7112« 'pia wird in« poip BV3 dort erklärt, daß unter 1*7 wrv mw min nicht unsere min, die doch ja unsere wiv sei, gemeint sein könne, vielmehr sei die nrvv ein Hinweis aus das Studium der nicht spezifisch jüdischen Wissenschaften, welches aber ebenfalls wie das ganze Tun und Lassen - des Juden dw dip*7 betrieben werden soll *?3i 1*7 wit raw mm 1112*7-7 Ivitp ipnn O'OV Dtt>*7 V.T. Man mag die moderne Popularisierung der Wissenschaften freudig begrüßen oder sie wegen ihrer unliebsamen Begleiterscheinungen bedauern, soviel steht fest: zu keiner Zeit waren Schlagwörter, Ideen, geistige Mächte, Potenzen idealer Art, derart in den weitesten Kreise wirksam wie in unserem, trotzdem nicht mit Unrecht materialistisch genannten Zeitalter. Auch der Materialismus ist eine Idee, die sich aber durch ihre Naivität und Sinnfälligkeit sehr leicht Eingang in die Köpfe der großen Maffe zu verschaffen weiß: Geistige Kräfte sind es in erster Linie, die in unserem Volk vor allem so Viele der alten jüdischen Sinailehre entfremden. Gewiß! Die große Masse denkt zunächst überhaupt nicht, sondern folgt der „süßen Gewohnheit des Daseins." Aber man würde die Macht der Jdce gar sehr verkennen, wenn man nicht zugiebt, daß es immer Ideen sind, die nach und nach umgestaltend auf ihre Zeit wirken, und ihr immer mehr und mehr ein eigentümliches Gepräge aufdrückten, bis — eben eine neue Idee auf den Schauplatz tritt. Es sind die schwersten Kämpfe, die der junge zum Mann heranreifende Jude zu bestehen hat, wenn nicht nur der yin ijp, sondern auch die D*?iyn mein sich ihm gegenüber stellen, wenn eine fremde, der gewohnten jüdischen völlig entgegengesetzte Gedankenwelt sich ihm plötzlich öffnet, und er betäubt von der neuen, glänzenden, von so Vielen vertretenen Wahrheit, dasjenige über Bord zu werfen in Gefahr kommt, was jenem Neuen entgegengesetzt ist. Nicht nur der Akademiker — dieser freilich in erster Linie — jeder jüdische Mann und jedes jüdische Weib, alle, die denkend in das Geistesleben ihrer Mitmenschen blicken, müssen darauf vorbereitet sein, diesen Kampf — deffen Beginn die Lektüre .ein es Buches, ja nur eines ephemeren Zeitungsartikels sein kann — auskämpfen zu müssen — und für diesen Kampf giebt's wenig Helfer. Eine gute Apologetik — die ja für den gesetzestreuen Juden noch fehlt — wird ein Werk sein, das die Mühe seines Schaffens kaum lohnt) denn es wechseln ja gar sehr die zu bekämpfenden Ideen und eine Apologetik, die heute frischste Aktualität atmet, ist in einem Lustrum oder gar in zwei Lustren dem Tritt vergleichbar, der dem toten Löwen versetzt wird. Und noch ein großer Mangel haftet den Apologien zum größten Teile an,- sie werden gewöhnlich nur von denjenigen gewürdigt, die ohnedies mit dem Verfasser einverstanden sind, diejenigen aber, an die sich eigentlich die Apologie richtet, sind von vornherein dazu geneigt, jeder Berteid'gung das Stigma der Befangenheit und Voreingenommenheit aufzudrücken. (Bergt, die Pater Wasmannschen Vorträge). Was aber tun? — uoann »nwe, von unseren Gegnern sollen wir die Methode, die Taktik *) Einige der charakteristischsten Betegstellen lassen wir folgen: (.n*D mmn) o»ya» wyq»i 'oi nean nya vh* prffuoa papma j*h nbjpra atwA jm*n b tn&p 12 dwd Van tbk nv p pyov '1 nett «ti m* ’®j»i nap* *h 'n hym nw aom airon vhy ,ann nAtot . (Ji*y na») nAnai mbpna anwA rraco *jdw 1a toio» *1 *®m »n lernen. So wie der Angriff erfolgt, wollen wir seine Zurückweisung versuchen. Wollen auch in Scheidemünze umsetzen die Goldbarren zeitgenössischer Philosophie, wollen daraufhinweisen, wie viel, wie unendlich viel des Wahren und Guten noch zu lernen ist von den nichtjüdischen Denkern, von jenen nichtjüdischen Denkern,die als Gegner ein er materialistischmonistischen Weltau ffassnn g unsere natürlichen Bundesgenossen sind, von jenen Denkern, die wohl kundig der Naturwiffenschaft, ja sogar Meister in derselben, nichtsdestoweniger über der Außenwelt die Innenwelt nicht vergessen. Unparteiisch wie sie sind, wollen wir sie hören und es versuchen zu zeigen, wie viel doch in den philosophischen Strömungen der Gegenwart vorhanden ist, das da geeignet erscheint, uns und insbesondere unseren jungen Akademikern Halt und Stütze zu gewähren, wenn ihnen jüdische und moderne Weltanschauung als unvereinbar Vorkommen. Nur die hellsten Sterne am philosophischen Himmel Deutschlands, die sich in einer Periode gesteigerter Leuchtkraft befinden, — vor Allem das Doppelgestirn Fechner-Lotze — wollen wir versuchen in größere Sehnähe zu bringen. (Fortsetzung folgt.) krlänternngen imd Gedanken. €ln $(batzkä$tl«in Von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) 67. Das Recht. Die Thora gebietet: „Ihr sollt kein Ansehen achten im Gericht, den Kleinen wie den Großen sollt ihr anhöreu. Fürchtet euch vor keinem Menschen, denn das Recht ist Gottes Sache..." (5. B. M. 1. 17.) Der Sinn des Ausdruckes „denn das Recht ist Gottessache" ist zwar zunächst der, daß die Rechtsprechung im Namen Gottes erfolgt und darum so heilig und unantastbar sein muß, daß keinerlei Menschensurcht aufkommen darf. Aber der Ausdruck läßt noch eine andere Deutung zu: Du sollst, wenn ein Großer und ein Kleiner, ein Reicher und ein Armer im Gerichte vor dir stehen, dich durch keine anderen Motive als die unparteiischer Gerechtigkeit dich beeinflussen lassen. Es darf dich nicht die Rücksicht leiten, daß durch das aus strengem Recht gefällte Urteil der Kleine schwerer getroffen werden kann als der Große, oder umgekehrt, und daß in solchen Fällen das strenge Recht in einem höheren Sinne eine Ungerechtigkeit ist. Darum sagt die Schrift: „Denn das Recht ist Gottes Sache" d. h. das höchste Recht, die ausgleichende Gerechtigkeit, sie steht allein bei Gott, und sie sollst du daher Gott überlassen. -!- * -r- 68. Die öffentliche Befchämung. Nach einem sinnvollen Wort unserer Weisen ist, „wer seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt, gleich dem, der Blut vergießt." (Baba mezia 57 b) Es kann daher das Wort der Schrift: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden" (1. B. M. 9. 6.), in diesem bildlichen Sinne auch auf den angewandt werden, der seinen Nebenmenschen öffentlich beschämt. Ihm wird dasselbe geschehen, was er an anderen verübte. 69. Rebehha. Wenn wir bei der Erzählung von dem Verhalten Rebekkas dem blinden Gatten gegenüber (1. B. M. Kap. 27) uns gegenwärtig halten, wie lieblich und anschaulich uns die Schrift das Wesen Rebekkas in der Szene am Brunnen (1. B. M. 24) schildert, wie liebevoll sie dort die Handlung bis ins Einzelste ausmalt und viermal (BB. 13k. 17 k. 43k. 46 k.) dieselben Ausdrücke wiederholt, um die Herzensgüte Rebekkas darzuftellen, — wenn wir bei der Erzählung von dem erschlichenen Segen es uns gegenwärtig halten, daß das dieselbe Rel ekka war, die den fremden Wanderer und seine dürstenden Tiere erquickte — dann werden wir den Gedanken, daß ihr Verhalten hier ein liebloses gewesen, abweisen, vielmehr im Sinne der Schrift selbst zur Erklärung des Vorganges annehmen müssen, daß Rebekka sich durch ihre Herzensgüte zu ihrem befremdlichen Verhalten verleiten ließ, indem sie es nicht über sich gewann, den greisen Vater durch die offene Mitteilung von der Unwürdigkit Esaus zu betrüben. * * * 70. Das öemiffen. In der eigenen Brust wohnt ein Richter, das Gewissen. Aber er kann nicht der einzige Richter sein über das, was gut und böse ist,' denn das Urteil des Gewissens ist nur subjektiv wahr, aber nicht objektiv. Auch der Großinquisitor Thomas Torquemada, der Blutmensch, handelte in Uebereinstimmung mit seinem Gewissen, als er Tausende und Abertausende von Menschen lebendig verbrennen ließ. * * 71. Die Seinöesliebe- I Wie kann es zweifelhaft sein, daß das Judentum auch die F indesliebe gebietet, wenn in der Thora auf das Gebot: „Du sollst dich nicht rächen" unmittelbar und im engsten Zusammenhänge folgt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3.B. M. 19. 18.), also ausdrücklich statt der Rache die Liebe geboten wird, die Liebe zu dem, welcher dir böses getan hat. M! 72. [Dus der Schmone Ehre. In der Schmone Eßre beten wir: „Segne unser Jahr wie die guten Jahre." Der Ausdruck „wie die guten Jahre" bedarf der Erläuterung. Er dürfte seine Erklärung darin finden, daß mit ihm auf die sieben guten Jahre in Egypten (I. B. M. 41.) hingewiesen wird, in denen ein solcher Neberfluß herrschte/ daß er für die folgenden Jahre der Not reichte. In gleicher Weise möge Gott auch das gegenwärtige Jahr segnen. (Wird fortgesetzt.) _ > J — Hi Lt*<korrespondenzen und Nachrichten. Deutsche«) Kelch. Berlin, 10. Nov. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite sendet uns eine auch vom Präsidium des Pariser Centralkomitees gebilligte Erklärung, die sich gegen die die Alliance behandelnden Stellender „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" von Prof. Marckin Philippson richtet. Prof. Philippson spricht in seinem Buch von den „irrigen, aber unvermeidlichen Folgerungen, die aus der Jnternationalität der Alliance gezogen und von Uebelwollenden gehässig ausgebeutet wurden" und erklärt den Vorwurf für berechtigt, den man der Alliance aus dem französischen Charakter ihrer Leitung, wie er sich vor allem in den Orientschulen äußere, gemacht hat. Die erwähnte Erklärung bestreitet es, daß der Leitung der