Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1907)
- Date
- 1907-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1„_ A»tes Teil zur Schaffung derAlienbill in gmnd beigetrugen haben. Es ist der Kampf des Jndividiums oder einer Gesamtheit um die EzMenz^ der natürliche Egoismus, gegen den alle Weisheit der Weisen und idealen Lehren der Weltverbesserer nichts auszurichten vermögen. Auch die Standesehre ist ein ausgiebiger Grund zum Kampfe gegen ungeeignete und un- «kwünschte Elemente, die den Stand entweihen. Sa bekämpfen die Aerzte die Kurpfuscher, die Rechtsanwälte die Winkeladvokaten. Welcher Art sind nun die Beweggründe in dem Kampfe der jüdischen Lehrer gegen ihre ausländischen Kollegen? Bon einer Verdrängung seitens der letzteren kann doch wahrlich nicht die Rede sein, solange der Lehrerstand noch nicht an einer Ueberproduktion leidet und es kleine Gemeinden gibt, die kaum den Ansprüchen eines seminaristisch gebildeten Lehrers genügen können. Auf intellektuellem Gebiete kann der einheimische und besser Borgebildete unmöglich von Fremden und schlechter Ausgebildeten verdrängt werden. Und es genügt ein Blick in den Inseratenteil, wo es in 99 von 100 Fällen heißt: „Seminaristisch?ebildeter Lehrer bevorzugt" oder Ausänder ausgeschlossen", um sich von der Lächerlichkeit einer solchen Behauptung zu überzeugen. Ebensowenig kann hier der Gedanke einer Lohnherabdrücmng ins Gewicht fallen. Für die Festsetzung des Etats und die Dotierung ihrer Beamtenstellen ist stets nur die Leistungsfähigkeit der Gemeinde maß- und ausschlaggebend und nicht die günstigen oder ungünstigen Angebotsverhältnisse. Je größerund leistungsfähiger die Gemeinde, desto größer ihre Ansprüche bezüglich der Qualität ihrer Beamten. Bleibt noch als einziger Grund, aus dem der Kampf der feindlichen Brüder abgeleitet werden kann, die Standesehre, zu deren Bewahrung man sich gegen die Einmischung fremder,ungeeigneter und unerwünschter Elemente wehrt. Damit befinden sich nun die Lehrer im krassen Gegensätze zu den Rabbinern. Was die ersteren als Krebsschaden durch Anrufung der staatlichen Gewalt abschaffen möchten, suchen die letzteren durch eine Gegenaktion zu erhalten. Wer hat Recht? Ich glaube, daß man bei einiger Objektivität und einigem Gerechtigkeitsgefühl die Kompetenz in dieser Frage den Rabbinern zuerkennen muß und zwar nicht etwa aus blindem Antoritätsglauben, sondern aus dem sehr einfachen Grunde, well der Rabbiner den ausländischen Dilettanten-Lehrer kennt und Gelegenheit hatte, ihn auf seine Qualifikation zu beurteilen, während der .Berufskollege diese Gelegenheit weder hatte noch suchte. ' Wohl die meisten kleinen Religionsschulen werden auch in den preußischen Landen hie und da einmal vom Rabbiner des Kreises inspiziert. Selbst wo dieses nie der Fall ist, steht der ausländische Lehrer wenigstens als Schächter unter der Kontrolle eines Rabbiners. Tatsache ist ferner, daß viele gerade dieser Lehrer, vielleicht im Gefühle einer sozialen und beruflichen Unsicherheit, die Rabbiner der Nachbarstädte zu ihren Freunden und Ratgebern gemacht haben. Der Lehrer sieht jedoch zumeist - den fremden Amtsbruder verächtlich über die Achsel an. Bei Conferenzen wird über die Ausländerinvasion geklagt, ohne daß man dabei allzugenau die Gebote der Höflichkeit gegen die anwesenden Vertreter dieser Kategorie zu berücksichtigen pflegt. Und erdreistet sich einer der letzteren — was höchst selten geschieht — das Wort zur Verteidigung zu ergreifen, so geht ein Tuscheln und Lächeln und Flüstern durch die Reihen. „Hört ihr, wie er spricht, welcher Accent, welcher Tonfall! Und dieses Uebel wird in die Schule geschleppt, empörend!" Der innere Wert dieses Mannes wird aber von den Herren vom Fache vollständig ignoriert, es gilt ihnen nicht der Mühe wert, über Fähigkeit oder Unfähigkeit eines Menschen, der seinen Beruf freiwillig gewählt, sich ein Urteil zu verschaffen. Die Rabbiner aber haben reichlich Gelegenheit ein klares Urteil über diese Lehrer zu gewinnen, folglich müssen sie es auch besser wissen. Und ihr wackeres, mutiges Eingreifen entspringt der vollen Kenntnis und Würdigung der Dinge, wie sie heute liegen, und, solange keine entscheidende umfassende Aenderung und Besserung eintreten kann, auch bleiben müssen. Eine Besserung könnte angebahnt werden, nicht erst durch eine staatliche Regelung, die in Preußen wenigstens, in weiter Ferne liegt, sondern von innen heraus, durch Anbahnung besserer und engerer Beziehungen zwischen den beiden Kategorien. Das Territorium, das beide Lager durch Interessengemeinschaft vereinigen soll, braucht nicht erst gesucht und gefunden zu werden, es ist da, es ist die Fortbildung des Lehrers. Ich bin weit davon entfernt, von jedem, der von Osten herkam, zu behaupten mo^ni fro 1T3. Die Luft im Zarenreiche allein macht noch keinen zum Thoragelehrten, so wenig wie das Seminar aus jedem Jüngling gleich einen, fertigen Pädagogen macht. Ich kenne Kultusbeamte östlicher Abstammung, deren Ignoranz selbst bei jüdisch-religiösen Disziplinen keinen Halt macht und deren Unfähigkeit sich auf allen Gebieten dokumentiert. Dagegen sah ich manchen Lehrer von deutscher Geburt und Ausbildung, der durch eifriges, ehrliches Streben sich ein reiches Maß'gründlichen Mischen' erworben hat. Beides sind Ausnahmen. - Senn in der Regel erstreckt sich die Tüchtigkeit des gu Len deutschen Lehrers auf die profanen Fachern und der pädagogischen Methode, während der tüchtige ausländische Lehrer ein reiches Ausmaß jüdischen Wissens mit aus der Heimat gebracht hat. Warum sollten sich diese beiden statt einander zu befehden nicht vereinigen und gegenseitig aus ihre Fortbildung einwirken? Die Verschiedenheit' des Werde- und Bildungsganges sollte nicht ein Hindernis, sondern vielmehr eine Anregung zur gegenseitigen Ergänzung sein und als Gelegenheit zur Ausfüllung von Bildungslücken auf beiden Seiten benutzt werden. Beide würden daran ungemein profitieren und am meisten die jüdische Religionsschule. Geistige Strömungen der Segenwatt in ihrer Ledeutung für dar Judentum. „ .... Je fester der Jude auf dem Felsen seines Judentums steht, je voller erdas Bewußtsein seines Judentums in fich trägt, je geneigter wird er überall sein das den jüdischen Wahrheiten entsprechende wahrhaft Wahre, wahrhaft Gute anzunehmen und sich dan bar anzueignen, von welchem Geiste es auch gefunden, aus welchem Munde es ihm auch töne, wird immer geneigt sein nivxv nao no«n S. R. Hirsch. Mit Recht wurde in diesen Blättern darauf hingewiesen, daß man sich in den Kreisen derjenigen, denen die „Neuorthodoxie" ein Dorn im Auge ist, bemüht, die Persönlichkeit S. R. Hirsches Wt auf Kosten der von ihm vertretenen Sache zu heben, um sein Wirken so darzustellen, als ob er der alten Form des Judentums einen nagelneuen Inhalt gegeben, und als ob wir, die wir in ihm denjenigen verehren mayn TtnntP, eigentlich Anhänger eines im neunzehnten Jahrhundert neu entstandenen „Hirschentums" wären. Insbesondere die immer und immer wieder von Hirsch betonte Wahrheit, welcher er auch im obenstehenden Motto Ausdruck gab, daß wahre Thora-Erkenntniß und wahre Bildung keine Gegensätze sind, möchte man mit aller Gewalt als etwas hinstellen, was dem alten Judentum völlig fremd war. Für denjenigen, dem die Geschichte unseres Volkes bekannt ist, wäre es überflüssig, hier auch nur ein Wort zu verlieren, um darzutun wie sie alle, die größten Geister unseres Volkes, ihre Größe eben durch die Universalität ihres Wissens, bekundeten, wie Astromrf das weinerliche Schreien der Kinder, die von vier Seiten an ihr zerrren, etwas zu antworten. Schließlich holte sic aus der Tasche zwei Birnen, durch-- bih sie in je zwei Teile, und stopfte mit ihnen vier wtttgeöftnete Münder. „Srmche", rief sie ihrem Mann zu, der mit rückwärts verschränkten Künden die moosbewachsenen Schindeln seines Hauses betrachtete, „trage die Fische in die Stube." „Hier ist ihnen nicht kalt und sie können liegen", entgegnete er phlegmatisch, und hüstelnd trippelte er nach der Stadt. Chawe zitterte vor Zorn und in ihren Augen schimmerten zwei volle Tränen. Sie haßte den Mann wegen seiner Trägheit und Krankheit, insoweit man im Joche schwerer Arbeit hassen kann. Wenn Simche gesmrd gewesen wäre, hätte sie für ihn eine gewisse Anhänglichkeit empfunden. Ginge er nur, um zu lernen, müßig, dann hätte sie geduldig die ganze Bürde der Ernährung der Familie ertragen. Simche aber ging aus Gewohnheit der lleinsten Beschäftigung aus dem Wege, woran allerdings auch seine Krankheit Schuld trug. Solch ein kranker Parasit, kann es für eine arme, die ganze Familie ernährende Frau etwas Schrecklicheres geben? Chawe schwieg, fortwährend mit den Stören beschäftigt, die man rasch los 'werden mußte, damit die Jumhitze ihnen nicht schade. Taub für das erneute Geschrei der Kinder, erhob sie sich schnell und rann nach einem in der Nähe gelegenen Hause, zu einer ihrer Kundinnen, zur Frau Kassier, die sie im Gärtchen antraf. „Ah, ah, gnädige Frau, was ich für Sie habe, ick Hab' noch. niemanden davon ein Wörtchen gesagt. Erneu ganz frischen, schönen, sehr schönen Stör." „Ein Stör," sagte die Kassierin, „das ist kein Fisch, das ist kein Fisch. Voriges Jahr habe ich zwanzig Pfund mariniert und warf die Hälfte weg, denn selbst die Kinder haben nicht davon essen wollen." „Was jagen Sie, was sagen Sie. . . Der selige Notar hat oas geschmorten Pilzen vorgezogen. . . Die Frau Rrchterin erinnert mich immer: „Simchowa, Simchowa, *- wann wird für mich ein Stör sein?" Uebrigens wenn billig.'. ." * „Nun, für Sie das Pfund einen (polnischen) Gulden." „Macht, daß Ihr fortkommt, für diesen Preis werde ick Lachs haben." „Sie kommen mich allein fünfundzwanzig Groschen, ick muß etwas verdienen." „Ich gebe fünfzehn Groschen und nehme dreißig Pfund." (Fortsetzung folgt.) (Roosevelt und Ahlwardt.) In einer Biographie Roosevelts: „Vom Reitersmann zum Präsiden t e n" von Dr. Max Kullnick, die demnächst im Berlage von Mittler u. Sohn in Berlin, erscheinen wird, findet sich eine kleine, bisher noch nicht bekannt gewordene Episode aus der Agitationsreise Ahlwardts, die dieser im Jahre 1895 nach Amerika unternonlmen hatte. Roosevelt war um diese Zeit Polizeipräsident von Newyork. Ahlwardt sollte in einer öffentlichen Versammlung sprechen, seine Freunde aber fürchteten für seine Sicherheit und begaben sich zu Roosevelt, um ihn zu bitten, für den Schutz des Gastes zu sorgen. „Was befürchten Sie denn?" fragte *) Simches Weib. Roosevelt. „Herr Ahlwardt ist oft sehr scharf in seinen Ausdrücken," sagten sie. „Da könnten sich möglicherweise die Juden zusammenrotten und ihn befchinftcken." „Das ist Unsinn," war die Antwort, „es gibt in Newvork keine friedlicheren Bürger als die Juden." Da die Abgesandten aber dabei beharrten, das Erscheinen einer besonderen Leibwache von Schutzleuten würde etwaige Ruhestörer am besten im Zaume hatten, so entließ sie Roosevelt mit der Versicherung, Ahlwardt solle an dem betreffenden Mend einen ausreichenden Schutz erhalten. Kaum hatte sich die Tür hinter den Männern geschlossen, als er einen Polizeikommissar zu sich berief und ihm befahl, aus der gesamten Schutzmannschaft dreißig Leute jüdischen Glaubens auszuwählen. Je deutlicher sie die Kennzeichen ihres semitischen Ursprunges an sich trügen, um so besser. Der Kommissar kannte seine Leute, und als Roosevelt die „Garde" musterte, mußte er gestehen, daß er seine Auswahl gut getroffen hatte. Er gab den Leuten ihre Anweisungen und schickte sie am Mend nach dem Lokal, in dem Ahlwardt reden sollte. Man male sich das Gefühl von Ahlwardts Freunden aus, als sie gleich an der Tür von ein paar Schutzleuten empfangen wurden, über deren Abstammung nicht der geringste Zweifel möglich war. Ueberall an den Pfeilern und Fenstern standen sie umher, selbst wie steinerne Säulen, mit ihren gebogenen Nasen und schwarzen Haaren, um Ahlwardt zu schützen. Und sie beschützten ihn auch. Unter den Zuhörern befarcheü sich natürlich auch einige Juden, und als einer von ihnen versuchte, die Rede zu stören, packte ihn einer der Schutzleute mit dem „reinen" Profil beim Kragen und beförderte ihn glatt auf die Straße. ~\L '* -i-/A i-iH i-r j- , > '