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Der Israelit · 1907-11-14 · Heft 46 (14.11.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 46 (14.11.1907)
Date
1907-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wahrheit rund heraus : „De? Talmud und die Kodizes sind für uns nicht maßgebend?!" Das müssen sie doch sowieso oft genug offen oder verblümt erklären. “ J .... Kochrmm«ösch«t. BoOenhulfur. Der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" blickt jetzt ans das achte Jahr seines Bestehens zurück. Die Bestrebungen des Vereins sind bisher nicht eben vom Glück begünstigt gewesen; der Mangel an * Mitteln und die Ungunst der Verhältnisse, mit denen er naturgemäß zu kämpfen hat, ließen, es nicht zu bedeutenden Fortschritten auf dem Wege zur Verwirklichung seiner Pläne kommen. Der zur Veröffentlichung bestimmte achte Jahresbericht, der uns zur- Verfügung gestellt wird, beschäftigt sich eingehend mit diesen Dingen und legt die Ursachen dar, die die Entwickelung des Vereins gestört haben. Der Verein ist hervorgegangen aus der Absicht, die in mehrfacher Hinsicht bedauerliche Konzentration der Juden auf einige wenige Berufe durch die Erschließung einer neuen Erwerbsquelle, der landwirtschaftlichen Tätigkeit, zu verringern und damit gleichzeitig das Vorurteil zu zerstreuen, als seien die Juden allen große körperliche Anstrengungen erfordernden gewerblichen Tätigkeiten, insbesondere dem Ackerbau von Haus aus abgeneigt. Man richtete ein Lehrgut ein, aus dem auch einer Anzahl Eleven eine gute Kenntnis aller Zweige der Landwirtschaft vermittelt wurde. Aber es zeigte sich dann, daß für die jungen Leute nach Beendigung ihrer Lehrzeit keine geeignete Unterkunft zur weiteren Ausbildung gefunden werden konnte. So mußten dieselben bis auf zwei ins Ausland gehen, und es ist nicht anzunehmen, daß sie, nachdem sie dort einmal ansässig geworden sind, wieder nach Deutschland zurückkehren werden. Für die Errichtung eigener Ansiedelungen konnte der Verein nicht die erforderlichen Kapitalien aufbringen. Die Unterbringung der jungen Leute nach ihrer Lehrzeit wird wohl auch in Zukunft ein schwer zu lösendes Problem bleiben. Das ist der kritische Punkt in der Arbeit des Vereins für Bodenkultur wie des Ahlemer Institutes. Die Schwierigkeit erscheint fast unüberwindlich, wenn num_7wie es für die Beteiligung gesetzestreuer Kreise wenigstens alsVorbedingung gelten muß — für das Fortkommen der Zöglinge nicht auf Kosten des Sabbath sorgen will. Glücklicherweise bieten die jüdischen Kolonien in Amerika und Palästina ein Betätigungsgebiet für die in Deutschland ausgebildeten Landwirte und für diesen Zweck wäre denn frellich die Ausbildung von Kräften, die auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen, von hoher Bedeutung. Die flerabfebung 9er flafuralifafionsfaxe in England Die in England für die Naturalisation bisher zu entrichtende Taxe von 5 Pfd. ist durch die Verfügung der Regierung auf 2 Pfd. 15 S., also fast die Hälfte herabgesetzt worden. Diese Verfügung ist auf die Vorstellungen einer Deputation des Board of Deputies beim Primierminister zurückzuführen, auf die dieser entgegnete, daß er prüfen werde, ob die bestehende Taxe die der Regierung aus der Aufnahme eines Ausländers in den Staatsverband erwachsenden Kosten übersteige, und daß er bejahenden Falles eine entsprechende Reduzierung vorzunehmen gedenke. Der Ministerpräsident scheint sich der Meinung der Deputation, daß sich eine möglichste Erleichterung der Eingliederung der im Lande ansässigen Fremden in den Staatsverband empfehle, angeschlossen zu haben, und das macht seiner liberalen Gesinnung alle Ehre. Man weiß ja längst, daß Herr Campbell-Bannermann die Behandlung der Immigranten, die das vorhergehende Kabinet inaugurierte, nicht billigt und daß er das Fremdengesetz nicht geschaffen haben würde. Der jetzt vorliegende Regierungsakt erweckt denn auch die Hoffnung, daß der Ministerpräsident bald die vielfach geforderte Revision des Gesetzes im fremdenfreundlichen Sinne herbeiführen werde. Ost und Wert. Man schreibt uns aus Religionslehrerkreisen: Die viel besprochene Not des jüdischen Lehrerslandes ist, wie die anderer Berufe teils äußerlicher teils innerlicher Natur, aber der empfindlichste Schmerz scheint doch von jenem Fremdkörper herzustammen, der ins Innere des Organismus eingedrungen, da über diesen wunden Punkt am meisten geschrieen wird. Und jener rücksichtslose, drückende Fremdkörper — es ist der liebe Kollege, sageu wir der Au ch -Kolke ge, dessen Wiege nicht am Rheinesstrand oder, am Fichtelgebirge oder sonst irgendwo in der Nähe des teutonischen Waldes, sondern in der lithauischen Sandebene oder an der polnischen Weichsel gestanden hat, der nicht wie der deutsche Bollblutkollege in der Dorffchule A-B-C, sondern in einem Cheder Chumesch und Bibel gelernt, der, während der' erstere auf Seminarien Aussätze über Comenius und Rousseau geschrieben hat, sich auf irgend einer Jeschiwoh mit Hillel und Schamai, Abaje und Rowo befaßte, mtb der nun den Mut hat, hierher zu kommen, Gebete vorzusingen, Ochsen zu schächten und ein halbes Dutzend (oft nur ein viertel) Kinder im Hebräischen zu unterrichten. — Es ist das schon eine alte Geschichte, ein bereits chronisch gewordenes Leiden, und darum wäre nicht einmal die erneute Petition der Lehrer, die das Rundschreiben des Kultusministers, vom 11. Juli verursacht hat, mehr imstande gewesen, die weite Oeffentlichkeit, die an solche frommen Wünsche und Versuche gewöhnt ist, sonderlich zu interessieren, hätte sich nicht durch das Vorgehen des „Allgemeinen Rabbinerverbandes" eine Komplikation ergeben, die der alten Angelegenheit eine neue Wendung und aktuelle Bedeutung verliehen. Aus welchen Motiven und Voraussetzungen heraus sind die Rabbiner an ihr Verteidigungswerk gegangen? Ist vielleicht die Liebe zu den Ausländern das Motiv? Oder sind sie, die ja in ihrem Berufe eifersüchtig jedes unbefugte Eindringen zu verhindern suchen — siehe die Stellungnahme der Rabbiner gegen die Vollziehung von Trauungen, ja sogar das Abhalten von Leichenreden seitens der Lehrer —, der Anschauung, daß der Religionsunterricht als ein freies Gewerbe von jedermann rücksichtslos betrieben werden darf? Ich glaube, daß der Grund für das Eintreten der Rabbiner, deren bona fides in dieser Sache nicht dem geringsten Zweifel unterliegt, doch tiefer liegt und mit dem springenden Punkte des ganzen Konkurrenzkampfes, wie er sich unerfreulicher Weise heute in den Lehrerkreisen abspielt, eng zusammenhängt. Ueberau, wo zwischen zwei Kategorien einer gleichen Berufsklasse Reibereien und Kämpfe enstehen, können diese von verschiedenen, oft entgegengesetzten Punkten ihren Ausgang nehmen. Unsere modernen wirtschaftlichen Konkurrenzkämpfe kennen drei solcher Streitquellen: 1. die Furcht vor Verdrängung,- 2. Lohnherabdrückung,- 3. die Standesehre. Aus den ersten beiden Gründen kämpft der Weiße mit dem Neger in Südamerika, der St. Franziskaner mit dem Mongolen, haßt der hiesige Arbeiter den italienischen. Die Gründe waren es auch, die fehlten ihr nicht. Sie träumte fortwährend von Wohlhabenheit und Risiko. Einmal hatte sie schon beinahe auf zehn Garmiez Honig ein Angebot gegeben, im letzten Moment aber zog sie sich zurück, aus Furcht ihre ganze Barschaft einzubüßen. Als sie aber erfuhr^ daß ihr Bekannter jenen Honig gekauft und daran vier Rubel verdient hatte, brach sie in Weinen aus und beschloß, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit einen entscheidenden Schlag, zu riskieren. Eines Tags lief he zur Weichsel, um einznkaufen. Als sie sich den Fischern näherte, bemerkte sie unter ihnen eine ungewöhnliche Bewegung. Der Grund war vier frisch gefischte. Störe. Bei Chawe blitzte ein waghalsiger Gedanke auf: wenn sie sie kaufte? Mit Beben in der Sttmme fragte sie nach dem Preis. „Ln gros zu fünf Groschen das Pfund," entgegnete einer der Fischer. „Es werden hundertfünfzig Pfund sein." Ebawe begann leidenschaftlich zu feilschen. „Was ist da viel zu reden," sagte der Fischer, „wir haben'schon seit einem Monat keinen Stör gegefangen. Ihr werdet fürs Pfund einen (polnischen) Gulden bekommen." Chawe war von der Hoffnung auf einen Gewinn so geblendet, daß sie sich mit dem Preis einverstanden erklärte, und „dinstweilen" drei Rubel gab. Den Rest hoffte sie nach dem sofortigen Verkauf nachzahlen zu können. Mit den Fischern nach der Stadt gehend, in einer Aufregung, die ihr Gesicht rötete, durchlief sie im Geist alle Häuser, wo sie einen Absatz für ihre Ware finden könnte. Der Richter, der Gerichtsfchreiber, der Notar, der Bürgermeister, der Kassier, der Gerber. Fünfzehn, Groschen fürs Pfund, zwanzig, vielleicht noch mehr. Bei diesem Gedanken strahlten Chawes Augen in einem jugendlichen Glanz, und um ihre» Mund glitt ein wonniges Lächeln. Sie rückte sich die Haube zurecht, und begann ^so rasch zu laufen, daß die mit den Stören belasteten Fischer sie kaum einzuholen vermochten. Aber wenn niemand kaufen wird? Hundertfünfzig Pfund für.ein kleines Städtchen, in welchem an einem Werktag kaum dreißig Personen sich solch einen Luxus gestatten können . . . Sie blieb verängstigt stehen, schnappte nach Atem, bald aber lief sie wieder voll Hoffnung. „Geht nach meinem Häuschen," sagte sie zu den Fischern, einen Stör an sich nehmend, „und wartet ein Weilchen, ich komme gleich, ich muß nur Geld wechseln." Und ohne eine Antwort abzuwarten, rannte sie durch ein schmales Gäßchen nach einem anderen Ende der Stadt. Chawe war in ihrem Geschäft zu sehr erfahren, um nicht gleich einzusehen, daß, wenn sie so viele Pfund Fische verkaufen wollte, sie die kleinstädtischen Potentaten nach der hierarchischen Reihenfolge aufsuchen müsse. Und obwohl die Wohnungen anderer Damen sich auf ihrem Wege befanden, eilte sie nach der entgegengesetzten Stadtgegend zur Richterssrau. Die Rechnung täuschte nicht. Nach einem verhältnismäßig kurzen Fleischen kaufte die Frau Richter einen ganzen Stör für drei Rubel, das heißt das Pfund für mehr als elf Groschen. Von der Hoffnung guf einen großen Verdienst berauscht, andererseits aber wegen des weiteren Verkaufes beunruhigt, empfand Chawe auf dem Nachhausewege abwechselnd freudige und schmerzliche Gefühle. Run, was — dachte sie, ermüdet laufend — einmal billiger, das zweitemal teuerer. Sie hat einen genommen, baar bezahlt, ich könnte jene zwei Störe wegschenken und hätte meine drei Rubel. „Meine drei Rubel" — rief sie laut aus, die Rubelnote in der Tasche drückend. — „Ihnen kommen noch fünf (polnische) Gulden, und ich werde sie nachzahlen, sind zwei Störe keine fünf Gulden wert?" Bon weitem sah Chawe vor dem Haus ihren Mann, der mit den Fischern disputterte und mit dem Stecken nach den Fischen, welche die Kinder Älgstlich betrachteten, stieß. „Was für Fische, was für Fische," sagte er verächtlich. — „Wer wird das essen? ein Hungriger: und wer wird bezahlen? — ein Narr. O, o, eine Delikatesse: Hat sie kein Angeld gegeben?" „Ja," antwortete einer der Leute, „sie kommt aber nicht mit dem Rest." ^.Schaut, sie kommt nicht! Habe ich beim kein Haus, bin ich denn kein Hausherr, ist mein Vermögen keine fünf Gulden wert?" Die herankommende Frau erblickend, steigette Simche jäh um einige Töne die Sttmme seines Stolzes. „Auf meinem Haus sitzt kein Groschen Schulden, so wird noch für zwei Störe Platz sein. Ich handle nicht mit solchen Dummheiten, ich habe gesagt, ich habe ein Haus, ich, Simche, der Hausherr." Den Mann mit einer strengen Rüge zur Ruhe bringend, wandte Chawe sich an die Fischer. „Ich Hab' noch drei Gulden zu zahlen." „Fünf!" riesen die Fischer. „Wie denn? Das Stück eine Rubel und ein Gulden." 1 Ein Zank begann. Aus Gewohnheit und in der offnung, sich für den, wie sie meinte, zu billigen erkauf deS ersten Störs zu enffchädigen, wollte Chawe etwas abhandeln: aber ihre Bemühungen erwref« sich als vergeblich. Nach dem Fortgehen der Fischer setzte sie sich auf die Bank vor dem Hause und begann sich mit der Schürze den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, ohne

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