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Der Israelit · 1907-11-14 · Heft 46 (14.11.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 46 (14.11.1907)
Date
1907-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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WWWWWWWW *0.48. Seit« 2. 14. NvvenMrl schrist, S. 60) noch „ein Beweis für freie Aenderungen nach den Zeitbedürstrissen" darin gefunden, daß (nach'meiner Ansicht in der Wissenschaft!. Beilage zur jüdischen Pr." 1899, Nr. 11) eine vor der Zerstörung des Tempels in der Benediktion 12VS1V nawi vorhanden gewesene antisadduzäische Stelle nach Einführung der n'i'ün nma in dieser ihren Ausdruck gefunden hat. Wir wollen nun davon absehen, daß alle diese angeführten Aenderungen und Ausgestaltungen teils von den Verfassern der Gebete tralbehörde Gesamtisraels, ausgegangen selbst, teils vom Synhedrium, der religiösen Zensind, der von der Thora die Befugnis eingeräumt wurde, zum Schutz des Gesetzes selbst ein göttliches Gebot temporell aufzuheben. Bon alledem abgesehen, was beweisen alle eben den Zeitbedürfnissen gemäß getroffenen Anordnungen, wie haben unsere Asten den „Zeitbedürfnissen" Rechnung getragen? Hat man zur Zeit, als die Glaubenslehren angezweifelt oder negiert wurden, diese Lehren aus dem Gebete ausgemerzt, um den „religiösen Empfindungen" der Vornehmen, Reichen und Mächtigen gerecht zu werden? Nein, man hat im Gegenteil die verleugnete Lehre mit aller Schärfe und mit nachdrucksvoller Betonung im Gebete ausge- Mochen, man hat Anordnungen getroffen, daß die Irrlehren als solche erkannt und die noch gesunden Kreise des Volkes vor dem Gifte jener Häresie bewahrt wurden. Was ergibt sich also für uns, wenn wir in den Fußtapfen jener wahrhaften „Väter" des Volkes wandeln wollen? Die Lehre, daß wir jetzt, da das heilige Vermächtnis unserer Ahnen angegriffen und verstümmelt, die Glaubenslehren, für die sie ihr Leben hinzugeben bereit waren, versteckt und verleugnet werden, mit allem Nachdruck diese.Prinzipien hervorheben, sie vor aller Welt laut verkünden und mit der altbewährten echtjüdischen Zähigkeit und Ausdauer an unseren Heiligtümern festhalten, sie treu bewahren und beschützen müssen. Sonst hat es die „Denkschrift" im ganzen ersten Abschnitt (S. 5—18) unternommen, offene Türen einzurennen und durch Exzerpte aus den Schriften von Zunz, den DVT)TD von Landshut und Baer nachzuweisen, daß unser TiTD nicht auf einmal entstanden, sondern nach und nach durch allmähliche Entwickelung, wobei sich auch die verschiedenen Riten ausgebildet haben. Zu diesem Nachweise'ist aller gelehrter Apparat ganz überflüssig, dies kann auch jeder Laie aus dem weit verbreiteten titd von Baer (SfcOttn m*Qy "HD) sich klar machen. Falsch ist bei der Auseinandersetzung nur, daß diese Entwicklung, um sie als der Gebetmacherei der neuesten Zeit einigermaßen leines ruilleton. Ldawe Rubin. Bon Alexander SwientochowSki.. Uebertragung aus dem Polnischen von S. H o r o w i tz. Ich mache den Leser darauf aufmerksam, daß die Personen und Ereignisse, die Ich hier zu schildern beabsichtige, einer Gesellschastssphare angehören, die ihre Anwälte nicht zu honorieren Pflegt; somit habe ich mich dieser Schilderung ganz uninteressiert unterzogen. Diesen Vorbehalt erachte ich für notwendig, damit der Gerichtshof der öffentlichen Meinung, der meine Beweggründe beurteilen wird, unter ihnen keinen solchen finde, der mich bezichtigte, es sei meine Absicht gewesen, mich um die Glaubensgenossen meiner.Helden „verdiente^ zu machen. Und deshalb muß ich vor allem erklären, daß der Name Rubin einzig und Klein das bezeichnen konnte, was Chawe und ihr Mann Simche sein wollten, nicht aber, was sie tatsächlich waren. Denn sie waren so arm, daß sie — ohne ihrem Wohlstand zu nahe zu treten — Sandstein hätten heißen können. Simches Urgroßvater, der wenigstens den Namen eines Kleinods besitzen und das Zauberwort auf seine Verwandtschaft übertragen wollte, nannte sich Rubin. Das half aber weder ihm noch seinen Nachkommen. ' Simche war ein in das größte Elend eingefaßter hkubin. Es gebrach ihm tatsächlich an nichts, was notwendig ist, einen armen Teufel zu ersticken. Ms „Chasfid" saß er fortwährend im Bethause; überzeugt analog binzustellen, in unbegründeter Weise als Ausfluß der Befriedigung eines „Zeitgeschmacks" oder „Zeitbedürfnisses" erllärt wird. Das erinnert stark an die vierziger Jahre und das „unfaßbare, luftige Zeitbewußtsein" der berüchtigten Braunschweiger Rabbinerversammlung (Grätz XI 567). In Wahrheit sind die angeführten Erscheinungen einfach aus der Natur der Entstehung, Verbreitung upd Erweiterung der feststehenden Gebete zu erllären. Die Gebete waren nicht ausgezeichnet, sondern, wie die Träditionslehre überhaupt, mündlich überliefert (vgl. Sabbat 115 d). Als man zum Niederschreiben der Gebete sich entschloß, wurden natürlicherweise verschiedene Varianten vorgefunden, die sich durch spätere Abschreiber noch vermehrten. Ferner gestattete man sich an manchen Stetten paitanische Zusätze zu machen,, da durch solche der Hauptinhalt der Gebete nicht alteriert, sondern nur weiter ausgeführt erschien. Solche spätere Hinzufügungen wurden von manchen wieder angefochten, daher von einigen Gemeinden abgelehnt. So entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte die verschiedenen Minhagim, die aber sämtlich als heilig verehrt wurden, und es galt allgemein als feststehende Norm, daß jede Gemeinde an ihrem Minhag festhalten müsse (Mag. Abr. 68). Man stützte diese Vorschrift treffend durch den Spruch: "JEK min enton bto (Verlasse nicht die Lehre deiner Mutter). Die Gemeinde sollte von ihren Gliedern Jets als die allen gemeinsame Mutter geliebt und, verehrt werden, so wie die Gesamtgemeinde .Israels Ww nDJD) als die Mutter Gesamtisraels gedacht wird (Chullin 93 d). Erst den Söhnen des achtzehnten Jahrhunderts war es Vorbehalten, diese ehrwürdige alte Mutter mit Hohn und Spott zu verlassen und eigene, nue Wege einzuschlagen. Es ist daher ein Widersinn ohnegleichen, wenn in der ..„Denkschrift" (S. 18) jene Richtung der neueren Zeit als eine Wiederaufnahme des alten Weges „lebendiger Entwickelung" gezeichnet wird. D,as ist keinx „lebendige Entwickelung", das ist eine Revolution, die schonungslos das Alte zerstört und nur die Trümmer desselben als Bausteine zu ihren Neuschöpfungen benutzt, teils weil sie es für geraten hält, sich der unerfahrenen Menge als von altadeliger Herkunft zu präsentieren, teils weil sie religiös impotent ist und aus sich selbst heraus nichts Nennenswertes zu erzeugen vermag. Mit einer seltenen Kühnheit setzt sich die „Denkschrift" (S. 16 ff.) über die Halacha *?3 ^131 ynöDö mttfon (Berachot 40 b) hinweg, mit der Bemerkung, daß trotz dieser Vorschrift Aenderungen an den überlieferten Gebeten tatsächlich einer sehr guten Familie zu entstammen, betrachtete er sich als Kapazität, die von der Welt unterstützt werden müßte, damit sie nicht zugrunde gehe; schließlich seit einer Reihe von Jahren brustkrank, war er zu gar keiner körperlichen Arbeit tauglich. Der Tod des Vaters gab ihm noch den letzten Stoß. Er bekam nämlich als Erbteil ein Viertel Haus in Kasimierz an der Weichsel, das Viertel einer Ruine, deren Fenster auf das Niveau des kotigen Gäßchens herabgesunken und die sogar, weil zum Niederreißen bestimmt, steuerfrei war. Trotzdem war Simche auf seine Erbschaft, die ihm den Titel eines Hauswirts verlieh, stolz. Nachdenl er in seine Stube, die fein ganzes Eigentum ausmackte, zwei Aftermieter genommen hatte, zankte er entweder mit chnen oder versprach ihnen für den „Frühling" Reparaturen, oder saß auf der Bank vor dem Hause, wärmte sich in der Sonne oder streute drei Hühnern gekochte Kartoffelschäler!. Selbst die Synagoge vernachlässigte er. Krankheit, Hunger, Familienstolz, und schließlich das Gefühl seiner Hausherrnwürde — all dies versetzte den armen Menschen in einen Zustand absoluter Ohnmacht. Wenn der Müßiggang ihm zusetzte. ging er nach dem Marktplatz und erzählte den Passanten von den zahlreichen Kauflustigen für seine Besitzung, die niemand begehrte. Da die Mieter 'o gut wie nichts zahlten, wird wohl die Frage aüftauchen, wovon Simche mitsamt seinen vier Kindern lebte? Zur Auflösung dieses Rätsels ist eben Chawe Rubin von nöten. Mn Künstler, der schadhaft gewordene Bilder zu renovieren versteht, würde sagen, daß die dreißigjährige Chawe eine schöne Frau war. In der Tat konnte jeder noch in ihr eine regelmäßige Gesichtslinie, eine wohlgeformte Nase, ein feuriges schwarzes Auge, ein winziges, fein modelliertes Ohr, ein anziehendes Lächeln wahrnehmen, aber all dies, war vorgekommen find. Das ist eine ganz neue Art, religiöse Entscheidungen zu treffen, daß man da, wo man einen Widerspruch zwischen der Praxis und der Halacha entdeckt zu haben glaubt, letztere einfach über Bord wirft und dies unerhörte Verfahren dadurch begründet zu haben vermeint, daß ein Gutachten, welches sich nicht zu solcher Nonchalance aufzuschwingen vermag, als ein „modernisierter Bann" stigmatisiert wird. Npn hat aber der auch von den Reformern respektierte Maimonides sogar an zwei Stellen diese Halacha rezipiert: Einmal in w"p 'n 1, 6 mit den Worten: „Die Regel ist, wer die (wörtlich: „die Münze"), welche die Weisen für die Benediktionen geprägt haben, verändert, der gilt als ein Irrender und muß nochmals nach der ZfIVvdie Beracha sprechen;" wiederholt ist diese Halacha in H. Berachoth 1, 5: „Die Form aller Berachot haben Gsra.und sein Gerichtshof angeordnet, und es ist ungehörig, solche zu ändern, etwas hinzuzufügen oder etwas hinwegzunehmen, und wer diejk3vv, welche die Weisen für die Berachot geprägt haben, ändert, ist fürwahr ein Irrender." Zur.Zeit des Maimonides gab es bereits so vielerlei Variationen in den Gebeten pnd auch in vielen Berachot, daß jeder Denkende einsieht, daß das Wortp3vvin dieser Halacha nicht auf den Wortlaut zu beziehen ist, sondern auf den Inhalt, her als das Gepräge der Beracha betrachtet wird. (Nur an manchen Stellen wurde auch der Wortlaut als zum „Gepräge" gehörig erklärt.)*) Daher sagt z. B. Beth Joseph (Or. CH. 294), es sei kein Zk3vv'12V, wenn man statt 'im pn nn« am Sabbath - Ausgang nnä '131 sagt, denn beides hat denselben Inhalt (ton intt py f?3nr). Es würde zu weit führen, die verschiedenen Bestimmungen der Dezisoren hinsichtlich der Halacha von jnüö hier anzuführen. Das eine steht fest, daß in dem badischen Gebetbuche nach der übereinstimmenden Ansicht aller gegen diese Halacha verstoßen wird, das kann keinerlei Söphistik bestreiten. Oder ist das keine Aenderung des wesentlichen Inhalts, wenn z. B. i'MQTl motM ufw. (oder D'no nv?D nach Jer., was dasselbe ist) in niÖW 1T3 usw., TH DÖX nK in np-rc nox ntt usw., vru V3pv usw. in yw THJ usw. Lund alle Mußaf-Gebete in solche von vollständig abweichendem Inhalte metamorphosiert werden? Wozu also diese Berufung auf Vorgänger, warum sagen die Herren nicht die *) So betreffs der Erwähnung von N.13-Y1 jeder Beracha: was auch beim Beten in nichthebräischer Sprache gilt, — eme Vorschrift, die bei der Uebersetzung in vorliegendem Gebetbuche ganz unbeachtet blieb, so daß, wer aus diesem Gebetbuche in deutscher Sprache betet, bei den meisten Benediktionen seiner Pflicht nicht genügt. von so vielen Kennzeichen des Elends entstellt, daß ich es verziehe, von Chawes Arbeitsamkeit, statt von ihrer Schönheit zu reden. Sie war so arbÄffam, wie eine Jüdin es sein muß, die; den Mann und vier Kinder von ihrem Handel, dessen Betriebskctpital nur drei Rubel beträgt, ernährt. Wäre Chawe als Christin geboren worden, hätte sie täglich einige (polnische) Gulden verdienen und anständig leben können: der Jüdin aber boten viele Erwerbsarten allerlei Hindernisse, und so mußte sie sich auf den Zwischenhandel mit den unentbehrlichsten Lebensmitteln beschränken, was ihr durchschnittlich 2V bis 25 Groschen täglichen Reingewinnst abwarf. Und das nur bei sehr großen Anstrengungen. Man mußte frühmorgens, nach der von der Stadt drei Werst entfernten Kolonie rennen, die gepachtete Milch abnehmen, und sie in die Häuser austragen; man mußte mehrere Dörfer durcheilen und einige Töpfe Butter oder Käse für die Beamtenfrauen kaufen; man mußte nach dem an die Stadt grenzenden Meierhof Petroleum liefern — und so werter. In einem kleinen Städtchen, wo jeder alles zu Haus hat oder es billig erstehen kann, rnuß die Vermittlung beim Einkauf? eine sehr beschränkte fein und läßt sich nur bei bescheidenen Anforderungen aufrecht erhalten. Und so rannte Chawe vom Morgengrauen bis in die Nacht, um der 25 Groschen willen. Der Bannkreis ihrer Armut war das spärliche Gründungskapttal, das eine Gefchäftsausdehnung nicht gestattete. Wenn sie 50 Rubel zur Verfügung hätte, wurde sie bestimmt am Sabbath Atlas'kleider tragen und die Leute würden sie höflich grüßen. Sie aber hatte nur drei Rubel im Umlauf. Die pekuniäre Basis ihres Geschäftes zu erweitern vermochte sie nur auf eine einzige Weise: durch eine Reihe kühner und glücklicher Operationen. Me zwei wichtigsten Eigenschaften hierzu: Ambition und Wut 4 & 4 Oha. ,s. Al&Jt

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