Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1907)
- Date
- 1907-11-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Crzie^ung und Lei? aS°3is Die soziale Wirksamkeit des jüdischen Cebrers. IV. Mit der Armenpflege erschöpft sich die Aufgabe des jüdischen Lehrers selbstverständlich nicht. Auch auf dem ökonomisch-sozialen Arbeitsfelde ist das Vorbeugen wichtiger als das Heilen der Schäden. DieErhaltung und Kräftigung des jüdischen Mittelstandes ist die Haiiptaufgabe aller derjenigen Faktoren, die sich in unserer Mitte sozial betätigen wollen. Ist es nötig, noch darauf hinzuweisen, daß die soziale Gesetzgebung der Bibel im Grunde genommen ja auch nichts anderes bezweckte als eine Ausgleichung der Gegensätze, sodaß der Armut und dem Elend nur ein beschränkter Spielraum gegeben war? „Wenn dein Bruder verarmt und es wankt seine Hand bei dir, so stütze ihn, er sei Fremdling oder Beisasse, daß er lebe bei dir." Den wankenden Bruder zu stützen, das fordert die min vor allem und erst in zweiter Linie kommt das Almosen. Und auch dieses muß in einer Weise gegeben werden, daß der Empfänger wieder zu selbständigem Erwerb gelangt: „Heildem, der auf vernünftige Weise für den Armen sorgt".*) Wenn es nun auch nicht wahr ist — was unsere Feinde so gerne behaupten — daß jeder Jude, der einen guten Rock trägt, reich oder auch nur wohlhabend wäre, wenn wir auch mit Bedauern konstatieren müssen, daß in einzelnen Gegenden infolge der antisemitischen Bewegung, der Gründung von Konsumvereinen usw. sin Rückgang der pekuniären Verhältnisse unserer Glaubensgenossen erfolgt ist, so können wir andererseits doch mit einiger Befriedigung seststellen, daß die materielle Lage der deutschen Juden gegenwärtig im allgemeinen eine verhältnismäßig günstige zu nennen ist. Das erklärt einigermaßen die Tatsache, daß die planmäßige und zielbewußte soziale Fürsorge in unserem Lager recht viel zu wünschen übrig läßt. Auf den „Katholikentagen" und auf dem evangelischen Kongreß nimmt beispielsweise die Erörterung wirtschaftlicher Fragen einen breit n Raum ein, während man sich auf den „Judentagen" damit bxgnügt, die Gleichberechtigung zu vergangen. Als ob den Armen — und es gibt deren leider noch mehr, als sich die Veranstalter der großen Parade träumen lasten — damit gedient wäre, wenn der Sohn des Kommerzienrats N. Offizier, oder *) „Wie es der Einzelwohltättgkeit schönste Aufgabe ist, den Armen zur Selbständigkeit zu verhelfen und der Verarmung vorzubeugen, so ist auch deS Gemeinwesens schönstes Wirken der Wohltätigkeit, so viel in seinem Kräften seinen ärmeren Gliedern die Wege zum selb- Sindtgen Erwerb zu eröffnen und zu erleichtern und die lmosenspende so weise zu letten, baß dadurch nicht der Faulheft und Trägheit und der Berunfittltchung Bor- Dub geleistet werde." (STlfl/ 602.) der des Justizräts 3c. Oberlandesgerichtspräsident werden könnte! Wohl geschieht im einzelnen viel des Guten, das soll willig anerkannt werden, aber es fehlt der große Zug und meistens sind es nur die großen Gemeinden, in denen der Arme und Zurückgekommene willige Hilfe findet. Die verschämten Armen sind aber auf dem flachen Lande, in den kleinen Gemeinden am häufigsten anzutreffen. Noch ist auch dort von einem eigentlichen Notstand nicht die Rede, aber: „Wer eher nicht für einen Mantel sorgt, als bis die ersten Regentropfen fallen, der hat verdient durch seine Lässigkeit, daß er durchnäßt wird, eh' er sichs versieht" (Shakespeare). Die Gründung von Hilfsvereinen zur Gewährung zinsloser Darlehen sollte die erste Maßnahme der von der „Freien Vereinigung" ins Auge gefaßten Wohlfahrtspflege auf dem Lande sein, und der jüdische Lehrer kann sich kein schöneres Denkmal setzen, als wenn er diese Bestrebungen unterstützt. Leicht wird ferne Aufgabe freilich nicht sein, denn das Verständnis für d e Notwendigkeit und Nützlichkeit solcher Vereine ist gerade da am geringsten, wo das Bedürfnis dafür am größten ist. Auch hier kann uns die Wirksamkeit von S. R. Hirsch V'xr vorbildlich sein. „Emden," so erzählt sein Sohn, Direktor Dr. M. Hirsch? xt von ihm, „war damals, im Anfang der vierziger Jahre, eine sehr arme Gemeinde. Mit wenigen Talern schon konnte sich ein armer Metzger — und das waren die meisten armen Leute — notdürftig ernähren: aber eben diese wenigen Taler waren für viele ein unerschwingliches Kapital. Da faßte mein Vater den Plan der Gründung einer Vorschußkaffe. Er ging von Haus zu Haus und sammelte aus einmaligen Beiträgen ein kleines Kapital von vielleicht 150—200 Talern. Niemand wies ihn ab, niemand unterließ es aber auch, seine kleine Gabe mit der Prophezeiung zu begleiten, das Kapital werde nur einmal ausgeliehen werden und dann Adieu Borschußkaffe! Und die Befürchtnng dieser wackeren Leute schien ja nicht unbegründet. Es waren ja in Wahrheit die wirtschaftlich allerschwächsten Existenzen, denen, selbstverständlich ohne Zinsen, aber auch ohne Bürgen und ohne jegliches Pfand, Darlehen bewilligt werden sollten. Jede Woche sollte von jedem Tater ein Groschen abgezahlt, dieser aber von dem Kassen boten abgeholt werden. Mein Vater rechnete auf das Ehrgefühl der Leute, und noch in späteren Jahren sprach er mit Genugtuung davon, daß er sich nicht getäuscht habe. Die Kaffe hatte zu jener Zeit niemals Verluste zu verzeichnen; gar manche Familie hat sich durch sie heraufgearbeitet und noch heute steht sie in Blüte." Kleine und wenig leistungsfähige Gemeinden mögen sich zu einer Distriktskaffe zusammenschließen und wir wollen auch hier darauf Hinweisen, daß Rabbiner Hirsch in Ostfriesland Armenverbände schuf zur Tragung derjenigen Lasten, die für die einzelnen Gemeinden zu schwer waren. Unseres Wissens besteht für Bocholt und Umgebung eine ähnliche Darlehenskasse, die schon segensreich wirkt. Ein ebenfalls recht verdienstliches Werk ist es, wenn der Lehrer wohlhabende kinderlose Elternpaare zur Errichtung eines 2D 12N veranlaßt, Familienstiftungen für r6s HDirn finden am meisten Anklang bei älteren Leuten, während Vereine für diesen Zweig der jüdischen Wohltätigkeit heute wenig Sympathien bei der großen Maste genießen. Daß die Ermahnung zur Sparsamkeit, auf die bereits früher hingewiesen wurde, nicht nur vom religiössittlichen, sondern auch vom ökonomischen Standpunkt aus dringend notwendig ist, sei hier nebenbei bemerkt. Nächst dem Kapital find es hauptsächlich Kenntnisse, die den Kampfe ums Dasein erleichtern. Nun ist das Bildungsstreben der Juden ja eine allgemein anerkannte Tatsache) vielleicht wird das Wissen, der Besitz profaner Kenntnisse sogar ein wenig überschätzt, und doch bleibt, namentlich für die Lehrer auf dem Lande, ein ausgedehntes Arbeitsgebiet. An Bildungseifer zwar seht es auch dort nicht, wohl aber an der Gelegenheit und der Möglichkeit, den Kindern eine bessere Bildung zu verschaffen. Danach empfiehlt sich nun jene Einrichtung, die sich in einer hessischen Gemeinde aufs beste bewährt hat. Dort ertellt, wie bei einer anderen Gelegenheit bereits einmal ausgeführt wurde, der Religionslehrer allen jüdischen Schulkindern ohne Ausnahme Privatunterricht in den profanen Fächern gegen eine angemeffene Vergütung, die die Gemeinde zahlt. Das ärmste Kind erhält so eine über das Ziel der Volksschule hinausgehende Bildung. Zum Schluß möchten wir noch die Frage des jüdischen Handwerks streifen. Bei der Berufswahl hat der jüdische Lehrer oft ein gewichtiges Wort mitzureden. Es muß sein Bestreben sein, diejenigen Elemente, die sich bisher dem Hausierer¬ oder Trödlergewerbe gewidmet haben, also die sozial schwächsten Kreise, dem Handwerk zuzuführen, wenn dafür Neigung und Befähigung vorhanden ist. Er trage aber dafür Sorge, daß die betreffenden Knaben bei tüchtigen Meistern untergebracht werden, denn nur leistungsfähige und tüchtige Handwerker haben Aussicht auf Erfolg und nur solche und nicht Pfuscher machen dem Judentum Ehre. Daß gerade hier außergewöhnliche Schwierigkeiten zu überwinden und trotz aller angewandten Mühe Enttäuschungen nicht selten sind, dürfte allgemein bekannt seinhier trifft das Wort ms? trat« nicht zu. Auf Lohn und Dank soll der jüdische Lehrer überhaupt nicht rechnenihm muß das Bewußtsein, das Gute gewollt und angestrebt zu haben, Befriedigung genug gewähren, um jene entbehren zu können. Nach jüdischer Auffaffung gibt doch der 'ay dem rvnn ebenso viel als dieser ihm, -'3;A ’’ _ yi;ii,'ii<TiHr' -