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Der Israelit · 1907-11-07 · Heft 45 (7.11.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 45 (7.11.1907)
Date
1907-11-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Bukarest, 31. Oktober. Die Natiomck--- Leitung erhielt aus Bukarest folgendes Telegramm: König Carol hat erst jetzt durch einen Zufall von den (seiner Zeit mitgeteilten) Folterungen der jüdischen Soldaten im Regimente VIII L)ragos (Dorohoiu) Kennt nis erlangt. Der König hat sofort den Kriegs minister, General Averescu, beauftragt, un gesäumt eine gründliche Untersuchung gegen den Colonel Marasescu neuerdings einzuleiten, und ihm — dem Könige — von deren Ergebnis Bericht zu erstatten. Diesem allerhöchsten Befehle zufolge wird sich Colonel Marasescu ge mäß den vom Kriegsminister getroffenen Dispositionen Mitte November vor einem Kriegsgericht bestehend aus den Generalen Pavlo, Pressan und Zossima zu verantworten haben. Die Anklage wird Colonel Paleologlu vertreten. Amerika. Me tage und die flusjiditen 9es orthodoxen Judentums in fhneriha. (Von unserem Korrespondenten.) Nerv-Kork, 21. Oktober. In Ermangelung mitteilenswerter Nachrichten, die gegenwärtig sehr spärlich fließen, will ich mich einmal einem Gegenstand zuwenden, über welchen Sie schon lange von mir eine ausführlichere Darstellung verlangten, über den zu schreiben aber bisher sich nicht die Gelegenheit fand: Die Lage und die Aussichten des orthodoxen Judentums in Amerika. Eine der erstaunlichsten Tatsachen, die doch nicht wegzuleugnen ist, in der gegenwärtigen Epoche der jüdischen Geschichte ist es, daß die neue Welt mit raschen, ja, ungeheuer raschen Schritten an Stelle der alten als Hauptsitz des jüdischen Volkes tritt. Es findet eine Masseneinwanderung der Juden nicht nur nach den Vereinigten Staaten, sondern nach allen Teilen Nord-- und Südamerikas statt. Eine Reihe von Jahren schon beläuft sich die Zahl der jüdischen Einwanderer nach den Vereinigten Staaten auf 100600, heuer erwartet man, daß diese Ziffer infolge der Eröffnung eines neuen Eingangshafens in Galveston sich auf IM) 000 erhöhen wird. Nach Canada kommen jetzt etwa 25000 jüdische Einwanderer jährlich, und diese Zahl ist in rapidem Steigen begriffen. Aehnliches gilt von Argentinien, und auch in den anderen erschlossenen Gebieten Amerikas, aus denen keine bestimmte Angaben vorliegen, vermehrt sich die Zahl der dort ansässigen Juden durch neuen Zuzug von Jahr zu Jahr. Gering geschätzt beläuft sich die jüdische Bevölkerung von ganz Amerika auf zwei Millionen und vergrößert sich durch natürliche Zunahme und Einwanderung um mindestens eine viertel Million jährlich. wäre eth Irrtum, wenn man - meinte, daß an dieser Rieseneinwanderung lediglich Flüchtlinge aus den Ländern der Verfolgung, Rußland und Rumänien, beteiligt seien. Aus allen Ländern der alten Welt kommen die Emigranten, das größte Kontingent stellt nach Rußland Oesterreich-Ungarn, welche Tatsache durch die größere Zahl der^ dortigen Juden erklärt wird. Aber auch die von sefardischen Juden bewohnten Länder liefern jetzt einen bedeutenden Beitrag zur jüd. Einwandererzahl. Die Abkömmlinge der ehemaligen spanischen Juden haben in Mittel- und Südamerika reiche Mederlaffungsgebiete gefunden, deren Bevölkerungen ihnen durch Aehnlichkeit der - Sprache und Kultur und völligen Mangel judenfeindlicher Gesinnung äußerst sympathisch ist. Es steht also'fest, daß Amerika, nach dem Rate der Vorsehung, berufen ist, die Heimstätte für einen großen, wahrscheinlich den überwiegend größten Mil des jüdischen Volkes zu werden, und es erhebt sich die Frage: Welches wird das Schicksal des alten überlieferten Judentums unter dem westlichen Himmel sein? In Wahrheit ist es sehr schwer, auf diese Frage eine Antwort zu gchen. Me erfreulichen und die trüben Erschänungen sind eben zu sehr gemischt, K'awjp jHtförwWb, als daß man hier mit einiger Sicherheit etwas Voraussagen könnte. In Amerika findet man alle Variationen, die auf dem Gebiete der jüdischen Religiosität oder Irreligiosität überhaupt existieren, vom strengsten Chassidismus bis zum äußersten Radikalismus. Eine Stadt wie New-Aork, in welcher orchodoxe Synagogen, Reform-Tempel, die Gesellschaft für ethische Kultur, die Wise'sche christlich-jüdische Sonntags-Synagoge und sozialistische und anarchistische Vereine gleichermaßen florieren, ist gewiß in religiöser Beziehung ein Babel. Wie steht es nun in diesem Wirrwar, um unser teueres Erbe, das thoratreue Judentum, seine Gegenwart und seine Zukunft? Zunächst müssen wir konstatieren, daß der gegenwärtige Zustand relativ befriedigend ist. Im Gegensatz zu den deutschen Berhältniffen z. B. ist die Orthodoxie hierzulande nicht die Religion der Minderheit, sondern die der Mehrheit. Die Reformer besitzen die herrlichsten Tempel und das meiste Geld, die Orthodoxen aber sind die überwiegende Masse des Volkes. Unter den Hunderten jüdischer Andachtsstätten der Stadt New-Aork sind die nach orthodoxem Ritus geleiteten in der großen Ueberzayl. Auch auf dem Gebiete der jüdischen Erziehung hat die Orthodoxie die entschiedene Oberhand- Da sind drei Jeschiboth uno eine Anzahl Tamud-Thora-Schulen, einige von imponierender Größe, und eine ungezählte Menge Gemeinde- und Privatschulen, die alle im Geiste des überlieferten Judentums geleitet werden. Auch ist die Nachfrage nach Koscherfleisch geradezu enorm und übersteigt beinahe die Lieferungssähigkeit der Engrosfleischer. Aehnliche Verhältnisse wie in New-Aork existieren jetzt fast überall in den Vereinigten Staaten, während in dem übrigen Amerika die Reform fast unbekannt ist. Dies die Lichtseiten, die Schattenseiten aber geben leider zu den ernstesten Befürchtungen Anlaß. Zunächst müssen wir zu unserem Bedauern das Vorhandensein einer inneren Morschheit der hiesigen Orthodoxie konstatieren. Es fehlt an Begeisterung, an Tatkraft, und was noch schlimmer ist, an Konsequenz' und Prinzipientreue. Das Gros der Orthodoxen besteht aus Eingewanderten, meist ruffisch-polnischen Emigranten, die in ihrer neuen Heimat ohne Begeisterung und bloß gewohnheitsmäßig die Sitten ihrer Geburtsländer weiterüben. Zwischen Eltern und Kinder gähnt eine weite Kluft und die letzteren sind zum größten Teil dem überlieferten Judentum entftemdet. Die Synagogen mit ihrem ungeregelten und lärmenden Gottesdienst und dem oftmals ungeziemenden Betragen der Besucher, Unsitten, die sie aus den halbzivilisierten Ländern des slavischen Ostens mitgebracht haben, mißfallen dem jungen Geschlecht, welches durch die weltlichen Schulen den Geschmack an schöner Umgebung und ästhetischen Formen gelernt hat. Es wird dem Gottesdienst gegenüber zuerst aleichailtig und wird ihm dann abgeneigt. Dazu kommen die ökonomischen Verhältnisse und die heftige Geschäftskonkurrenz, die zur Sabbathentweihung führen, und der Bruch mit dem praktischen Judentum ist perfekt. Der Hauptmangel ist aber das Fehlen einer einheitlichen Organisation. Ohne Oberhaupt und ohne Gemeindeverbände (die Union of Orthodox Congregations hat mit den inneren Berhältniffen der Gemeinden nichts zu schaffen) gleicht die so große und zahlreiche orthodoxe Judenheit Amerikas einem steuerlosen Schiffe, und sie ist nicht imstande, die geeigneten Schritte zur Sicherung und Wahrung der jüdisch-religiösen Lebensführung und zur Beseitigung der vielen hindernden und störenden Einflüsse. Direkte Folgen dieser trostlosen Zustände sind das Sinken der Autorität der orthodoxen Rabbiner, die kaum in chren eigenen Gemeinden das gebührende Ansehen genießen, und das rapide Anwachsen der Reformer, oder vielmehr der Irreligiosität, die indirekten Folgen entziehen sich überhaupt der Beobachtung. Wie das in der Zukunft werden wird. 0'p7K "rv jnv. Wir wollen das Beste hoffen. Sicher ist, daß die amerikanische Orthodoxie tiefere Ueberzeugungstreue, wärmere Begeisterung, Verständnis für die Probleme der Zeit, größere Opferfreudigkeit und vor allem wirkliche JnMkeit nötig hat, wenn die schlimme Lage, in welcher sie sich gegenwärtig befindet^ einer besseren weichen und das überlieferte Judentum zu der Machtstellung und dem Ansehen, ja, der leitenden RoÄe im amerikanisch-jüdischen Leben gelangen soll, die ihm schon der Zahl seiner Anhänger nach gebühren. vemttchter. Mannheim, 6. November. Ein leider nicht mehr überraschendes Zeitbild liefert ein vom hiesigen Kaufmannsgericht kürzlich erlassenes Urteil. Der Tatbestand war folgender: Der Klager stand seit dem 1. April 1907 gegen 150 Mk. Monatsgehalt in den Diensten der Beklagten, deren beide Inhaber Inden sind. Am 12. August nachmittags kam ein Handlungsgehilfe der Firma M. Lc O., der als Zeuge vernommene Salomon A., ebenfalls jüdischer Konfession, in das Geschäft, um eine Telegraphenzange zu holen. Es entspann sich ztoischen ihm und dem Kl. ein Wortwechsel, weil Kl. der Meinung war, was A. verlange, sei keine Teiegraphenzange, sondern eine sog. Kombinationszange. Der Mitangestellte des Kl., Paul G., machte dem Kl. .klar, daß es sich in der Tat um eine Telegraphenzange handle. A. entfernte sich dam». Während er hinausging, äußerte Kl., daß er sich doch von denk Judenbub (oder Dreckjudenbub) nichts gefallen lasse. Später kam A. wieder, um etwas anderes', zu holen. Kl. ließ ihn warten und bediente ein« anderen Kunden, der nach A. gekommen war, zuerst. Als G. ihm darüber Vorhalt machte, äußerte Kl.: er sei Antisemit und gehöre dem Deutschnationalen Hjandlungsgeh.ilfenverbande an; er de-) diene den A. nicht. Infolge dieses Verhaltens kam es nunmehr zwischen dem Kl. und G. zum Wortwechsel. In diesem Augenblick kam der Teilhaber der Beklagten, Herrmann H., hinzu. Bon dem Borausgegangenen unterrichtet, «öffnete er dem Kl. seine sofortige Entlassung. Kl. erkennt diese Entlassung aK .berechttgr nicht an und beansprucht demgemäß Me Weiterzahlung des Gehaltes vom 13. August bis dttfee September mit zusammen 245 Mk. Die Klage ist abgewieseu. Aus den Gründen: Die Entlassung ist zu Recht erfolgt. Das Wort „Judenbub" oder „Dreckjudenbub", welches Kl. dem Salomon A. gegenüber gebraucht hat, hat sich zwar nicht direkt gegen die Inhaber der beklagten Firma' gegen die Prinzipal des Kl., gerichtet; aber es liegt auf der Hand, daß Kl. durcb^ diese Aeußerung sich einer Mißachtung der jüdischen Konfession überhaupt schuldig gemacht hat. Damit stimmt überein seine späterhin erfolgte Aeußerung, er sei Antisemit. Das Gericht ist der Meinung, daß die Inhaber der beklagten Firma sich derartige gegen ihre Konfession sich richtende Aeußerungen eines Angestellten nicht gefallen zu lassen brauchten, daß man ihnen nicht zumuten konnte, einen Angestellt« in ihren Diensten zu behalten, der in ihrem Geschäfte in Anwesenheit von Kunden und vor dem anderen Personale sich antisemitischer Tendenzen gerühmt hatte. Bflaumloch, 1. November. Die letzte israelitische Einwohnerin unseres Ortes rst in dies« Tagen gestorben. Bor 40 Jahren gab es in Pflamnloch noch über 150 Israeliten, vor 30 Jahren noch etwa 100. Bor zwei Jahren ist die israelitische SultuSgemeinde aufgelöst worden. Thann (Elsaß), 31. Oktober. In der hiesig« israelitischen Kultusgemeinde besteht,wie der „Elsässer Kurier" berichtet, seit längerer Zeit eine Reibung zwischen dem Rabbiner und der Berwaltungskommission, so daß es sogar zu einer Auseinandersetzung in der Synagoge kam, und eiu Gemeindemitglred, das jetzt in einer Annonce der Thanner Zeitung auch genannt wird, den Rabbiner weg« Störung des Gottesdienstes beim Kultusminister verllagt wurde, während ein anderes Mage beim Konsistorium erhob. Dieses hat aber auf Grund einer französisch« Ordonnanz die Berwaltungskonnnission aufgelöst, eine. Verfügung, gegen die das Kultusministerium wieder angerufen werden soll. Brüht, 3. November. Der kürzlich verstorbene Rittergutsbesitzer Friedrich Giesler hat neben anderen namhaften Sttftungen auch der jüdischen e m e i n d e ein Legat von 500 Mk. hinterlassen. Wie«. 31. Oktober. Im kleinen Festsaal der Universität demonstrierte heute abends 6 Uhr eine große Anzahl von zionistischen Studenten gegen den Professor für d«tfche Literatur, Dr. Arnold< Eine große Anzahl zionistischer Studenten, welche zum Teil nicht zu den Hörern Professor Arnolds gehört^ hatte die letzt« Sesselreihen des Saales okkupiert. Adrf . dem Katheder lag eine Nummer der „Jüdischen Ztg", in welcher ein Zitat eines Buches des Prost Arnold abfällig kommenttert wurde. In seinem hin erschienen« Buche „Das moderne Drama" _ Professor Arnold nämlich geschrieben: „Das jüdische Milreudrama wurde auch von den beiden Erfind«« und Jmpresarii des sogenannt« Zionismus Theodor Herzl und 'Max Nordau gepflegt." An der ZemmMnoth war darauf verwiesen, daß diese Worte des Professors Arnold, d« getaufter Jude sei und 'früher J

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