Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1907)
- Date
- 1907-11-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wtchrheit vortrager, daß ihr selbst in den profanen Wissenschaften, aber erst recht in religiösen Angelegenheiten nicht Anlaß zu Mißverständnissen gebet und ganz gewiß nicht Dinge als objektiv wahr Hinftellt, die nur eure subjektive Ansicht sind. Selbst die besten Köpfe werden leicht geblendet und verführt. Ein einzelner spricht eine neue Idee aus, gedankenlose Nachbeter greifen sie^auf, brüllen sie als Schlagwort auf die Straße hinaus, und bald beherrscht das für die Idee geprägte .Schlagwort eine kleine oder größere Gemeinde und gewinnt Gewalt über die Entwicklung. Wenn dann das Schlagwort hinwegkritisiert wird, tritt die Beschämung ein, man errötet über seine eigene Kindlichkeit und vergißt den alten Irrtum schnell genug, um einem neuen in die Hände zu fallen. Seid nicht Sklaven. des Zeitgeistes, damit nicht die Theorien, die ihr aus eure Schüler übertraget, diesen zum Verderben gereichen und so Fluch auf euer Haupt * kommt. Das Falsche findet schnell genug Verbreitung, das Richtige nur schwer. Und man täusche sich nicht damit, daß man vielleicht meint, es schade wenig, ewigen Schülern eine falsche Theorie gelehrt zu haben, wenn man doch andererseits tausend herrliche wahre Ideen verbreitet habe. Weit gefehlt! Es ist ein altes Exempel: Wenn ein Mensch zwanzig Jahre hindurch jegliches, Jahr durch sein Beispiel oder absichtlich nicht mehr als einen einzigen Mitmenschen mit irgend einer Idee oder gar auf dem Gebiet heiliger Pflichten irreführte, und jeder dieser unglückseligen Verführten jährlich wiederum nur einen einzigen auf seinen Abweg brächte, so würde ^>ie Anzahl der Irregeleiteten, die alle jenen ersten gewissenlosen Frevler zum Urheber ihres Fluches haben, nach zwanzig Jahren — wer hätte es wohl für möglich gehalten — über eine Million betragen. Geben wir uns Mühe, ein freies, unabhängiges Urteil zu gewinnen, nicht wie die Menge derer, die einfach gedankenlos nachplappern,' was sogenannte Zeitphilosophen predigen. So wie das Altertum die Philosophie mors dialectico trieb, das Mittelalter mors theolojico, die Neuzeit bis Leibnitz mors geometrico, Kant und seine Schule mors critico, die Naturphilosophie der Gegenwart mors biologiso, so ist die Erklärung aller Dinge der Mode unterworfen. Machen wir uns deshalb los von jeder Modephilosophie und betrachten wir vielmehr , die Dinge unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit! Wir haben Merkwürdiges schon erlebt und «werden Wunderbares noch erleben. Warte nur ab, lieber Freund, und erwäge sorgfältig, bevor du urteilst! Du hast einen Freund, der huldigt dem Skeptizismus, einen, der schwört auf den Dualismus, und einen, der liebt den Kritizismus, einen, der ist ergeben dem Mystizismus, und einen, der zieht den Eklektizismus vor, und noch einen, der hat sich wieder einem anderen „mus" ergeben. Ist da ein einfacher junger Handlungsbefliffener oder Gymnasiast, er ist wirklich gar nichts weiter, um sich aber ein Air zu geben, schließt er sich der Partei des Atheismus an. Nun ist er doch wenigstens etwas und sein „mus" hört sich recht imposant an. — Dein Freund, der dem Skeptizismus huldigt, warum spricht der denn soviel und laut und macht sich so sehr bemerkbar? Wenn der Zweifel an allem sein letztes Wort ist, so ziemt ihm das Schweigen. — Dein Freund von Positivismus ist immer bestrebt, die Wissenschaft auf die in der Erfahrung gegebenen Tatsachen und deren Gesetzmäßigkeit zu gründen, übersieht aber, daß dem Verstände ein bloßes Beobachten empirischer Fakroren ohne die sie verknüpfende philosophische Hypothese nicht genügt, ja daß er ohne metaphysische Begriffe überhaupt nicht operieren kann. Der Begriff der ewigen Bewegung, der Unendlichkeit der Materie, ja der Begriff „Gesetz" selbst ist im Munde des Positivisten eine Inkonsequenz. — Dein Freund dualistischer Richtung meint, seine Anschauung entspreche den Phänomenen der Erscheinung, dem Gegensatz von Körper und Geist, Kraft und Stoff usw., am besten, er übersieht aber, daß als metaphysische Lehre der Dualismus dem zwingenden Bedürfnisse des menschlichen Geistes nach einer einheitlichen Weltanschauung entgegensteht.— Der Kritizismus wiederum behandelt die Begriffe Gott, Freiheit, Unsterblichkeit als Postulate der praktischen Vernunft, um sie dem im Gebiet der rei en Vernunft herrschenden strengen Determinismus zu entziehen. Dadurch verwickelt er sich aber ebenfalls in fatale Widersprüche. — Dein dem Mystizismus ergebener Freund rühmt sich, in besonderer Beziehung zu Gott zu stehen, doch seine angebliche Erkenntnis wurde ihm nur im Zustand der Extase und ist jeder wissenschaftlichen Analyse un;ugänglich. — Und dein weiterer Freund, der eklektisch Angehauchte, begnügt sich damit die Stücke der ganzen Wahrheit in den bereits vorhandenen Weltanschauungen zu finden. Er stellt die widersprechendsten Systeme mit der Behauptung, daß jedes eine Seite der Wahrheit repräsentiere, kritiklos nebeneinander, was natürlich keine g schloffene, einheitliche Weltanschauung ergeben kann. Jeder deiner Freunde trägt seinen Rock nach einem anderen Schnitt und alle diese Schnitte sind mehr oder minder der Mode unterworfen. Alle Theorien enthalten Wahrheiten und Mängel. Und wenn man nun doch fragt, mein Lieber, welcher Richtung du huldigst, was wirst du antworten? Gib nur getrost zur Antwort, du hältst es mit der ntsmpn min. Man wird vielleicht ein Hohngelächter anstimmen, in dem Wahn, du „glaubest" in dem Sinne, daß du den Autoritätsdusel mitmachest und Unwahrscheinliches für wahr haltest. In der Regel wird von den Rationalisten unter „Glauben" blindes Meinen, unbegründetes Fürwahrhalten verstanden. Dies ist aber ein großer Irrtum, wahrer Glaube ist vielmehr ein vernünftiges Fürwahrhalten, das auf innerer Ueberzeugung beruht. Freilich huldigen wir unbedingt einer Autorität, aber keiner geringeren als der Gottes. Uebrigens beruhen ja Geschichte, Natur, Länder- und Völkerkunde, yistorisches und positives Recht zum größten Teil auf Glauben. Wenn die Vernunft des Menschen noch so weit sich entwickelt haben wird, immer wird doch das meiste, was man weiß, durch den Glauben vermittelt sein. Wir haben oben darzulegen versucht, wie vielen Jrrtümern der Menschengeist unterworfen ist und welches Unheil dadurch erwächst, daß man unbedingt auf die Worte sogenannter Autoritäten gibt. Sind wir jedoch überzeugt, daß ein Gott ist, der allmächtige, allwissende, absolut wahrhaftige Urheber aller Dinge, so ist der Gaube an diese göttliche Autorität, ja nur ein rein vernünftiger Glaube, dem unbedingte Wahrheit innewohnt. Goethe sagt: „Wir stecken in lauter Wundern und das letzte und beste der Dinge ist uns verschloffen." Wenn aber demnach schon im Bereich des Natürlichen so viele Geheimnisse uns umgeben, darf man es dann anders erwarten auf dem Gebiet des uns von Gott Ueberlieferten? Verstünden wir jetzt schon alles, was Gott uns offenbarte, dann wäre die Offenbarung für uns eine Offenbarung, die nichts mehr offenbarte. Darum find wir von der Hoheit auch solcher Gesetze überzeugt, für die uns eine plausible Erklärung fehlt, da sie von dem allwissenden, allwahrhaftigen Gotte uns zum Heile gegeben wurden. Wie der Mensch in der Erfahrungswelt für die Wirkungen Ursachen sucht und findet, so schreitet er auch zur letzten Ursache aller Dinge fort, erkennt also das Dasein Gottes und damit zugleich seine religiös-sittlichen Beziehungen zu Gott. Und wenn der Mensch im Selbstbewußtsein seine bewußten Tätigkeiten unmittelbar erfaßt, so vermag er auch wohl aus der Beschaffenheit derselben die Natur der ihnen zu Grunde liegenden Ursache zu erfassen und somit die Geistigkeit der Seele zu erkennen. Die Seele wird getrieben der mächtigen „Ursache aller Ursachen" sich zuzuneigen, ihr zu huldigen. Was so, selbst unabhängig von jeder Offenbarung, als Religion in oie Erscheinung tritt, das ist nicht erdacht, es ist mit der Einrichtung unserer Natur uns gegeben, ist nicht unser Werk, ist das Werk einer Vorsehung. Immer mehr werden wir inne, daß es eine Macht gibt, die uns ins Dasein ruft und aus ihm abruft, wann und wie es ihr gefällt, die Macht, in deren Aufträge wir selbst wollen, handeln, unser Leben führen sollen. orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches gteid}. Frankfurt a. M., 6. November. Der j stramm antisemitische Deutschnationale 'Handlungsgehilfenverband besitzt die Eigenart seinen Charakter als antisemitische Vereinigung bei jeder Gelegenheit in Abrede zu stellen. Da ist es nun von Wert, daß seine Zugehörigkeit zur antisemitischen Partei jetzt von Gerichtswegen festgestellt wurde. In einem am 5. Oktober gefällten Urteil der 6. Strafkammer des Landgerichtes Frankfurt a. M. heißt es nämlich: „Die mit Beziehung auf den Privatkläger, Mitglied des D.-N. H., gebrauchte Bezeichnung als „Kanditat der Antisemiten" entspricht zunächst der Wahrheit. Da ß der „Deutschnationale Handlungsgehilfen - Verband" antisemitische Tendenzen verfolgt, ergibt der oben angeführte K 2 seiner Statuten, und der Privatkläger war, wie er angibt, mehrfach Kandidat dieses Verbandes." Frankfurt a. M., 25. Oktober. Dle Talmud-Thora- und Jeschibah Ez-Chajim in Jerusalem, in der 800 arme und verwaiste Knaben ihre religiöse Erziehung und sonstige Ausbildung erhalten und 200 Schüler dem Studium des Talmud obliegen, diese größte unter den Anstalten dieser Art in der heiligen Stadt, ist in Räumen untergebracht, die allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechen. Vor 60 Jahren mit geringen Mitteln gebaut, vermag das Lehrhaus, zumal bei dem starken Zuwachs, den die Schule im Laufe der Jahre erfahren hat, seinem Zwecke auch im entferntesten heute nicht mehr zu genügen. Die Zimmer sind niedrig und eng und entbehren der gehörigen Lüftung, sodaß man sich nicht verwundern darf, wenn viele Zöglinge sich Augen- und Brustleiden dort zugezogen haben. Ein Teil der Schüler mußte infolge Raummangels in den letzten Jahren in der Ton min’’ "i ronn und in vielen weitentlegenen Vororten untergebracht werden, was aber mit großen Unzuträguchkeiten verknüpft ist. Es ist unbedingt notwendig, der Anstalt ein neues, den sanitären Notwendigkeiten genügendes Gebäude zu geben. Die Verwaltung trug sich schon Jahre hindurch mit diesem Gedanken, aber es fehlten die Mittel. Jetzt ist bereits die Summe von 20000 Mark aufgebracht,' aber mehr als das Doppelte ist erforderlich, um nur einen geeigneten Platz zu erwerben, und fast das Fünffache, um öinen Neubau mit den zunächst notwendigen 50 Lehrzimmern zu errichten. Die Verwaltung richtet daher an die Glaubensgenossen die dringende Bitte, nach Möglichkeit zur Verwirklichung des Planes beizutragen, eine Bitte, die bei der hohen Bedeutung oer Ez-Chajim für die Brüder in der heil. Stadt der wärmsten Berücksichtigung würdig erscheint. Die Herren