Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1907)
- Date
- 1907-11-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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V . ..... .E-»•' _•..;■-■= er jetzt nicht zu erreichen vermag. Auf diesem Standpunkte befindet sich der glaubenstreue Jude. . Auf einem ganz und gar verschiedenen Standpunkte stehen die Anhänger der Reform. Für diese ist die jüdische Vergangenheit die zeitlich abgeschlossene Geschichtsepoche des jüd. Volkes, in welcher bestimmte religiöse Formen, die nur für diese Epoche Giltigkeit hatten, in die Erscheinung getreten waren. Als wären die Anordnungen des Judentums ein Produkt des menschlichen Geistes, beschränkt die Reform dieselben sowohl hinsichtlich des Ortes als hinsichtlich der Zeit und vindiziert der Gegenwart das Recht, aus sich selbst heraus dieselben zu modistzieren oder gänzlich abzuschaffen. Die Opfergebote haben für die Reform keinen absoluten, sondern nur relativen Wert, keine ewige, sondern nur vorübergehende Bedeutung. Ja, den konsequenten Reformern ist der Standpunkt unseres Lehrers Mose überhaupt ein überwundener und das Judentum eine überwundene Form des religiösen Bewußtseins, wie dies einige unter ihnen zur Genüge in Wort und Schrift geäußert haben*). Deshalb kann der Reform die jüdische Zukunft nimmermehr als das reinere und vollkommenere Spieaelbild der jüdischen Vergangenheit erscheinen, die in"'der Schrift und der Tradition enthaltene Idee eines Messias, der die alte Herrlichkeit Israels wieder Herstellen soll, wird von ihr verworfen, sie hat sich eine eigene Messiasidee gebildet und für dieselbe in den alten israelitischen Schriften Anhaltspunkte gesucht. Hätte nun Dr. Steckelmacher sich darauf beschränkt, den Standpunkt der Reform im Gegensatz zu dem der „Orthodoxie" genau zu präzisieren, darzulegen, wie die „Orthodoxie" vermöge ihrer Grundsätze notwendig die Neuerungen des Gebetbuches perhorreszieren muß, wie wieder die reformistische Richtung in dieser Beziehung mit der jüdischen Vergangenheit brechen, ihre Wünsche, Hoffnungen und Bitten in anderer Weise gestalten mußte, — dann wäre es überflüssig, auch nur mit einem einzigen Worte darauf zu erwidern. Für wen sollte die Entgegnung geschrieben werden? Für die Reformer? — Diese müßten ihren Standpunkt aufgeben, wenn sie auf unsere Worte hörten. — Sollte denn zu Nutz und Frommen der Gesetzestreuen eine Erwiderung vonnöten fein? Diese werden doch nicht „blindlings dem Urteil ihrer prinzipiellen Gegner folgen!" *) Gott sei Dank, daß die meisten Reformer nicht so konsequent sind! Ich bin aber weit entfernt, ihnen diese Inkonsequenz zum Vorwurf zu machen, — es ist das jüdische Herz in ihnen, das die Folgerungen des Verstandes nicht anfkommen läßt.; Allein die „Denkschrift" Steckelmächers begnügt sich nicht damit, das „Gebetbuch" als Ausdruck des Standpunktes seiner religiösen Richtung hinzustellen, sondern er versucht es zu „beweisen", daß es nur der alte Geist des Judentums ist, „der, nachdem er lange geruht, in den vielfachen, auf eine teilweise Umgestaltung des überlieferten Gebetbuches abzielenden Bestrebungen in her. neueren Zeit zu neuer Betätigung erwacht ist" (S. 18), daß in dem „Gebetbuch" nicht Glaubensprinzipien des Judentums, wie sie von Schrift und Tradition stets gelehrt wurden, bei Seite geschafft sind, ja, daß sogar Mose ben Maimon, der gefeierte Lehrer des Judentums im Innern dieser Reformrichtung huldigend, nur aus Furcht vor „verketzernden Gegnern" nicht wagte, seine Ansicht offen auszusprechen (S. 26 und 40). — Solcher Täuschung muß mit aller Schärfe entgegengetreten und durch einige Worte „zur Aufklärung und Belehrung" der Irreführung des Volkes begegnet, werden*). Gleich am Anfang in der Einleitung beruft sich der Verfasser der „Denkschrift" darauf, daß bereits in Berlin, Breslau, Frankfurt a. M. usw. Gebetbücher im Gebrauch sind, die Abweichungen prinzipieller Art von dem überkommenen Siddur enthalten. Auf diese Begründung seiner' Reformen lassen wir ein kleines Mädchen die gehörige Entgegnung aussprcchen. Einst, so erzählt R. Jofua b. Chananja, ging ich meines Weges, und um meinen Weg abznkürzen, zog ich über ein Saatfeld dahin. Da begegnete mir ein kleines Mädchen und sprach zu mir: „O Wanderer, hast du denn keinen anderen Weg, warum zertrittst du uns Armen unsere Saaten!?" „Sieh, mein Kind," sprach ich, „das Feld ist ja hier, wo ich gehe, bereits abgetreten. — mtior *]moDtr ez'Dd2? „Räuber wie du haben es zertreten!" schrie mir das Mädchen entgegen. — Der große R. Jofua erklärte sich durch die Antwort des Kindes für besiegt. Wenn nun Reformer sich mit Berufung auf frühere Zerstörer für berechtigt halten, unser überkommenes Heiligtum zu zertreten und zu verwüsten, so wird sie jedes jüdische Kind ad absurdum führen mit dem lauten Aufschrei: ^üb rmjQ: -rnoDtr! „ Ja □'DD1?, es waren Räuber und Zerstörer die ersten Urheber der Synagogenreformen *) Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei bemerkt, daß die Ausdrücke „Täuschung" und „Irreführung" hier nur im objektiven Sinne hinsichtlich der Wirkung, welche die „Denkschrift" aus unerfahrene und nicht sachkundige Leser ausüben könnte, zu verstehen sind, daß es mir aber fern liegt, zu behaupten, der Verfasser hätte beabsichtigt, das Volk zu täuschen oder irre zu führen. (im Jahre 1818). Sie ist höchst unlauterer Herkunft, dre Reform! Eine „Mffchlingsgeburt, die ohne Liebe und Begeisterung in die Welt gesetzt worden", nennt sie Grätz (XI 416). Ein „gefinnungsloser Menteurer, ein Spieler, der sich später taufen ließ", sorgte durch Lügen und durch Herbeiholung von Gutachten „nicht ganz zurechnungsfähiger Männer" (zwei Rabbiner in Ungarn und zwei Halbrabbiner in Italien) für die „Heiligsprechung" dieses Reformritus, wie man dies bei Grätz (XI 41.5—422) ausführlich erzählt findet. Die späteren Reformer fanden den Weg bereits abgetreten und hielten es für ihr gutes Recht, weiter zu zertreten. Wenn nun sachliche Gründe zur Rechtfertigung von Neuerungen vorgebracht werden, da find wir bereit, sofern sie auch für den glaubens- und gesetzestreuen Juden von Bedeutung sind, darauf einzugehen. Kommt man uns aber mit der Autorität der „Großgemeinden", so genügt es, auf die □'Xir nsip hinzuweisen, welche hinter dem Rücken der Reform hängt. (Fortsetzung folgt.) Zgnoramnr mul seine Konsequenzen. Von Dr. M. Ascher in Neuchütel. (Schluß.) Unser Professor für Naturgeschichte hat uns in der Schule Lehren als Wahrheit verkündet, die heute als Irrtum klargestellt sind, die jedoch damals von mir als unbedingt richtig betrachtet wurden, nicht , weil ich ihre Wahrheit einsah, sondern einfach deshalb, weil ich die Autorität des Herrn Professor unbedingt anerkannte und auf die Worte des Meisters schwor. Wem soll der Knabe denn Glauben schenken, wenn er nicht einmal den Worten des Lehrers trauen darf?! Und wenn nun gar, wie es leider oft genug an unseren Gymnasien und Hochschulen der Fall ist, solche Lehre»Weisheiten in Widerspruch mit den Lehren unserer min stehen, was dann —?! Deshalb, erwachsener Schüler, Vorsicht im Urteil und noch einmal Vorsicht! .bf) 'imo DD22b 'inn mnn, die Regungen des Herzens und die Täuschungen der Sinne sind die eigentlichen Irrlichter für den Verstand. Möge dein Wille stets von einem lauteren Streben nach Wahrheit geleitet sein, damit in zweifelhaften Fällen das Urteil zumindest suspendiert werde und du dich nicht verführen laffest, den Schein für Wahrheit zu erklären. Aber auch ihr Lehrer - nntn O'öDn 77nno ü'Dttf Dt? Nxon mn 8LV. Seht euch vor mit euren Worten, daß ihr nur objektive ma befangenen Monismus und bekämpft die von ihin ausgehende atheistische Propaganda, welche sich zu Unrecht auf Ergebnisse der Naturwissenschaft beruft. UM Kchlev, dein die Wissenschaft die- Kenntnis der wichtigsten in der Bewegung der Sternenwelt aeltenden Gesetze verdankt, gerade durch die Erforschung oer Natur kerne Einbuße, sondern einen reichen Gewinn für seine tiefreligiöse Persönlichkeit erlangt hat, so glaubt der Bund, der sich nach dem Namen dieses großen Astronomen nennt, in eben diesen Bahnen der Wahrheit den größten Dienst zu leisten. Die mancherlei zur Erfüllung der großen Aufgabe dienenden Mittel und Wege sind u. a. folgende: Literarische Veröffentlichungen und Büchervertrieb, Veranstaltung von Lehrkursen, Vorlesungen und Vorträgen, Darbietung von Lehrmitteln, Unterstützung der Forschung durch Stipendien usw. Zur tatkräftigen Ausftchrung der Arbeir soll die Berufung und Anstellung von Männern der Wissenschaft, sowie die Schaffung einer Zentralstelle für die Arbeit des Bundes dienen. Wir sind des Einverständnisses aller derer gewiß, wechle mit weitein Blick die Erfordernisse unserer Zeit erkennen und denen die Förderung echter Naturerkenntnis in unserm Volke am Herzen liegt; alle diese aber bitten wir, der Zustimmung die Tat unverzüglich folgen zu lassen, und fördern hierdurch zum Erntritt in den Keplerbund aus." Beitrittserklärungen nimmt die Geschäftsstelle des Bundes (Frankfurt a. M., Neue Mainzer Straße 41) entgegen. Die konstituierende Versammlung des Keplerbundes wird am 25. November in Frankfurt a. M. abgehalten. (Vreslauer Reform-Poesie.) Bei der ,^Feier der Vorbereitung der jüdischen Rekruten und Emjährig- FreiwMgen auf den Fahneneid" in der Neuen Synagoge zu Breslau wird, wie der Berliner „G.-A." meldet, ein Lied gesungen, das würdig ist, einem weiteren Kreise bekannt gegeben zu werden. Es lautet: Beim holden Namen Vaterland, Erwachen holde Triebe. Ich fühle mich mit ihm verwandt. Ich fühle, daß ich's liebe. In diesem Lande lebt ich auf, O Wonne, hier begann mein Lauf Zum hohen Ziel des Lebens. So will ich denn auch dankbar sein Und anderen wieder nützen, Will raten, helfen und erfreue»». Und Gutes unterstützen. Was Ordnung, Recht und Eintracht nährt, Und was des Landes Wohlstand mehrt Soll stets mir teuer bleiben. Dieses Attentat auf den guten Geschmack entspricht ganz de»n in unserem Blatte erst jüngst gekennzeichneten Geiste, der unsere Gebetbuchfabriken geboren hat. Nur daß die badischen Gebetsabrikanten doch noch einige Grade mehr ästhetisches Empfinden besitzen als ihr Breslauer Gesinnungsgenosse. Der Geist ist derselbe. (Tchalom Asch s „Gott der Rache" ausgepfifferr) Auf der Newhorrer Jargonbühne im Thaliatheater wurde vortzze Woche Schalom Asch's „Gott der Rache" zur Ausführung gebracht. Während der Aufführung kam es wiederholt zu turbulenten Szenen. Am Schluffe wurde stark gepfiffen. Sowohl die englischen, wie auch die jüdischen Blatter protestieren in langen Artikeln gegen wertere Aufführungen des Stückes, welches die heiligsten Gefühle oer Juden verletze und verunglimpfe. Die „Newvork-Times" weist darauf hin, daß dieses Stück viel schmutziger und skandalöser sei, als | Bernhard Shaw's „Mrs. Warren's Profession", welches bekanntlich in mehreren ainerikanischen Städten polizeilich verboten wurde. (Amerikanisches Bidliottjekmesen.) In mehreren öffentlichen Bibliotheken Amerikas wurden in jüngster Zeit eigene Abteilungen für hebräische und Jargonliteratur eingerichtet. Neuestens wurde diese Eiweiß tung in St. Paul im Staate Minneapolis gettoffen Fast alle bekannten hebräischen und Jargonlverke wurden angeschafft. Die ansehnlichen Kosten trägt die Verwaltung der städtischen Bibliothek, die auch je eine« hebräischen und einen jüdischen Katalog anlegen und ebensolche Leihzettel anfertlgen lassen. Mit der Ans- . wähl der anzuschaffenden Werke wurde ein ComitS, bestehend aus jüdischen Gelehrten, bettaut. (Hohes Alter.) In Baltimore lebt ein Jude namens Mraham Leb Kolinski, der vor kurzer Zeit sein 114tes Lebensjahr vollendete. Er wurde in Kiew, (Rußland) geboren und verbrachte auch den größten Teil seines Lebens in dieser Stadt. Dreimal wurde sein Haus von den Huligans zerstört, bis er, des Kampfes müde, sich aufraffte und zu seinen Söhnen nach Balttmore zog. Kolinski war viermal verheiratet urrd hat alle vier Frauen überlebt, von denen ihm jede eine Anzahl Kinder hinterließ. Bon zahlreichen Enkelkindern find 5 schon fünfzig Jahre au. Die Familie scheint überhaupt durch Langlebig'eit begünstigt zu fein, denn vor zwei Jahren starb in Rußland ein jüngerer Bruder Kolinski's im Alter von 11V Jahren.