Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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M ff Der €nke). Erzählung von Friedrich Rott. euilleton. 12 ' (Fortsetzung.) „Ich weiß eigentlich wirklich nicht, warum? aber es war mir doch recht, denn wenn Leute erst einmal gelacht haben, dann wird man schon mit ihnen fertig. Papachen ist dann auch gleich auf unfern Vorschlag eingegangen und hat gesagt: Unsere Kinder sind wahrhaftig gescheidter als wir. Nun, Herr Schröder, Sie haben jetzt die Wahl, soll die Trauung ohne Sang und Mahl stattfinden oder soll letzteres im Saalbau stattfinden und von Levi Kundrat ausgeführt werden? Mein Papa hat zuerst noch einige Schwierigkeiten gemacht, schließlich aber hat er gesagt, er wolle mit der ganzen Geschichte weiter nichts zu tun haben, Papachen möge machen, wks er wolle, seinethalben könne der Teufel kochen. Dann haben sie sich aber doch wieder die Hand geschüttelt und sind zusammen fortgegangen. — So, jetzt weist du die ganze hochinteressante Geschichte, ich habe mich wirklich großartig amüsiert." Frau Gotthold schüttelte den Kopf, es lag eine leise Mißbilligung in ihrem Ton, als sie sagte: „Wer dich so hört, würde gar nicht glauben, was du für ein Herz hast." „Aber mein Mamachen weiß, daß ihre Tochter kein böses Herz hat." „Freilich weiß ich das, habe ich doch schon oft genug Gelegenheit gehabt, deine Herzensgüte kennen zu lernen. — Aber wie ist es denn mit Eurer Hochzeitsreise? Habt Ihr schon einen endgiltigen Beschluß gefaßt?" „Ueber unsere Hochzeitsreise? — Eigentlich ja." „Nun, wohin geht die Reise?" „Das weiß ich wirklich nicht." „Aber du sagtest, daß Ihr bereits einen endgiltigen Beschluß gefaßt habt." „Das haben wir auch, die Sache verhält sich nämlich so. Gestern abend, als mich Theo nach Hause begleitet hat, hat er mir so viele Komplimente gemacht, hat gesagt, er habe mich so lieb, ganz besonders, weil er ein so gute Mutter habe, der man eine gute Tochter sein müsse. Dann hat er gesagt, du hättest mich auch sehr lieb, und^ch weiß nicht, was noch alles. Kurz und gut, er ist beständig wie die Katze um den heißen Brei herum gegangen, man hat gesehen, er will etwas sagen, traut sich aber nicht damit herauszurücken. Da habe ich ihm gesagt, er solle doch nicht so langweilig sein, sondern einfach sagen, was er will, ich würde ihn weder beißen noch kratzen. Darauf ist es denn endlich 'rausgekommen. Er wüßte nicht, wie das sein würde, wenn wir verreisen würden, bevor du noch wieder ganz hergestellt wärest, Papa würde in der ersten Zeit vielleicht noch weniger zu Hause sein können als bisher, dann wärest du ganz allein, er glaube, er werde keine ruhige Minute haben. Ich habe mich wirklich geärgert über -en dummen Kerl, habe ihm auch gesagt, daß ich ihm das so leicht nicht vergeben werde, daß er geglaubt hat, ich könnte deinetwegen ruhig sein, wenn ich dich allein wüßte, und er weiß doch, daß kein Mensch dich lieber haben kann als ich." „Gutes Kind!" sagte die Leidende gerührt, „aber du hast mir noch immer nicht gesagt, was Ihr wegen Eurer Hochzeitsreise bestimmt habt." „Nun, das ist doch eigentlich selbstverständlich, daß wir damit warten, bis du wieder vollkommen hergestellt sein wirst. „Nein, Kind, nein, das ist zu viel, ein solches Opfer kann ich nicht annehmen." „Aber beste Mama, du sollst doch kein Opfer von uns annehmen, dir bringen wir keines, sondern einzig und allein uns, weil wir in der Ferne nicht ruhig sein könnten, wenn wir dich allein und leidend wüßten. Wir haben das schon alles eingehend überlegt. Mit unserer eigentlichen Hochzeitsreise warten wir, bis du wieder gesund sein wirst. Aber der Sanitätsrat hat doch gesagt, daß du gleich nach unserer Hochzeit entweder an die See oder ins Gxbirge mußt und wohin du gehen wirst, dorthin gehen wir mit dir und bleiben zusammen vier Wochen bei dir. Wenn du aber länger dort bleiben müßt, dann fährt Theo allein nach Hause, ich aber bleibe bei dir, solange du fort sein mußt. Ist es so recht?" Tränen erstickten die Stimme der Kranken, sie konnte nur mit ihrem Blicke danken und mit ihrem Händedruck. Aber trotz aller Sorgfalt und liebevollster Pflege, mit der ihre Angehörigen sie umgaben, schwand sie von Tag zu Tag mehr dahin. Ihr Gatte hatte schon dem Sanitätsrat gegenüber die ' Befürchtung ausgesprochen, daß sie zn schwach sein werde, irgend eine Reise zu unternehmen. Der Arzt hatte die Achseln gezuckt und ausweichend geantwortet. Was er befürchtete, wollte er ihren nächsten Angehörigen nicht mitteilen, dem alten Schröder gegenüber sprach er es jedoch offen aus, daß er das Ende nicht für fern halte. Der im Grunde gutherzige Mann war mächtig erschüttert durch diese Mitteilung, und er sah sich dadurch sogar verrnlaßt, nicht weiteren Einspruch zu erheben gegen ein rituelles Hochzeitsmahl. Er konnte es kaum fassen, daß die schöne Frau, die ihm am Verlobungsabend so sympathisch und noch jugendlich erschienen war und mit der er den Ball eröffnet hatte, daß sie totkrank sein sollte. Als er Gotthold in den nächsten Tagen an der Börse traf, ging er zu ihm und fragte ihn, ob er das Hochzeitsmahl bereits bestellt habe und wiederholte ihm nochmals, aber in ruhiger, freundschaftlicher Weise, daß er sich um gar nichts kümmern werde, sondern dem andern alles überlaffe'und sich im Vorhinein mit allem einverstanden erkläre. Mit Rücksicht auf die zunehmende Schwäche der Mutter des Bräutigams fand die Trauung in ihrer Wohnung statt. Ihr Gatte und ihr Sohn trugen die Chaiselongue^ auf der sie ruhte, in ein Zimmer neben dem Saal, in dem der Trauhimmel aufgestellt war, derart, daß man vom Nebenzimmer aus, wenn die Verbindungstür geöffnet war, das Brautpar während des Aktes sehen konnte. Die Braut war entzückend schön, glückstrahlend in ihrer bräutlichen Anmut und in ihrer reichen doch einfachen Brauttoilette. Der Bräutigam war auffallend bleich,' wohl empfand auch er das Glückverheißende des Tages, aber die Angst um das Befinden der Mutter zog ihm das Herz zusammen. Er hatte sie heute noch schwächer gefunden als seither, vielleicht eine Folge der Erregung des Tages, und außerdem hatten die teilnahmsvollen Erkundigungen Fremder nach ihrem Befinden die Vermutung in ihm erweckt, daß ihr Arzt Fremden gegenüber sich doch anders ausgesprochen haben müsse als zu ihren Angehörigen. In dem weiten mit Menschen gefüllten Saal ward kein lautes Wort besprochen, leise flüsternd unterhielten sich einige, die meisten verharrten schweigend, denn es war bekannt, daß im anstoßenden Zimmer die schwerkranke Mutter des Bräutigams weilte. Erst als das Brautpaar bereits unter dem Trauhimmel stand, ward die Berbindungstür spannweit geöffnet, aller Blicke wandten sich dorthin auf die totenbleiche, schattengleiche Gestalt, die in langem, weißschimmernden Gewand auf der Chaiselongue ausgestreckt lag, deren große dunkle Augen tränenumflort auf ihre Kinder geheftet waren, die in dieser Stunde den Bund fürs Leben schließen wollten. Lautlose Sttlle herrschte, als der Funkttonierende den Trauungs akt begann. Unmittelbar nach dem Schluß desselben eilte das Brautpaar hinein zu der kranken Mutter und die Verbindungstür ward geschloffen. Möglichst geräuschlos entfernten sich die Anwesenden. Inzwischen hing Malwine schluchzend an der Mutter Hals, während Theodor sich vergebens bemühte, sie zu beruhigen. „Malwi, Malwi, ich bitte dich ums Himmels willen, schone Mama!" Aber sie konnte sich nicht so rasch fassen. Die Kranke streichelte ihr liebkosend die iranenüberfluteten Wangen und blickte glücklich lächelnd auf zu dem Sohne, der ihre andere Hand an'die Lippen gedrückt hatte. „Laß sie weinen, Kind, dann wird' es ihr leichter und mich macht dieser Ausbruch ihres weichen Herzens nur noch glücklicher." „Mama versteht mich", flüsterte Malwine unter Tränen lächelnd, und allmählich gelang es ihr doch, sich zu fassen. Jetzt kamen auch die Väter hinzu, die Neuvermählten zu umarmen. „Ihr seid uns durchaebrannt, Ihr Ausreißer," sagte Schröder, die Tochter und den Schwiegersohn gleichzeitig an sich ziehend. „Ihr habt uns doch gefunden," sagte Malwine, seine Umarmung erwidernd. Dann zog . Gotthold beide in seine Arme und geleitete sie in ein anderes Zimmer, wo der Tisch gedeckt war und wo sie zum erstenmal als Mann und Frau zusammen speisen sollten. Inzwischen hatte Schröder der Kranken seine. Glückwünsche ausgesprochen und noch einige Worte mit ihr gewechselt, aber er war entsetzt über die Verheerung, die die wenigen Monate, in denen er sie nicht gesehen, an ihr vollbracht. Während er mit ihr sprach, waren ihr die Augen zugefallen. Leise zog er sich zurück und war eben im Begriff das Zimmer zu verlassen, als Gotthold ihm entaegentrat. „Sie wollen doch nicht fort, Herr Schröder?" „Ihre Frau Gemahlin bedarf der Ruhe, der heutige Rummel ist zu viel für sie." „Selbstverständlich, aber kommen sie in ein anderes Zimmer." „Es ist vielleicht bester, Sie bleiben jetzt bei ihrer Frau. Ich fahre auf ein Weilchen nach Hause, um fünf Uhr treffen wir uns doch im Saalbau?" „Selbstverständlich." „Sorgen Sie nur dafür, daß auch das Brautpaar rechtzeitig dort eintrifft, wenn man sich selbst überläßt, sind sie imstande und vergessen das Hochzeitsmahl." Beide Herren lachten: „Seien Sie ohne Sorgen, ich werde es ihnen schon rechtzeittg in Erinnerung bringen, daß Braut und Bräuttgam beim Hdchzeitsmahl nicht fehlen dürfen." Noch einen Händedruck, dann schieden die Herren. Im Grunde seines Herzens war Gotthold dem andern dankbar, daß er sich entfernt hatte, leisen Schrittes schlich er wieder in das Zimmer und setzte sich dicht neben die Chaiselongue, auf der die Kranke ruhte.