Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ZHMche Eategorieen fernhalten, den Arbeiter, der sich selbst zu erhalten vermag, steht eS jedoch im Gegenteil als erwünscht an. Natürlich ist an der Mehrzahl der Fälle grausamer und ungerechter Zurückweisung vorr Zufluchtsuchenden nicht nur die schlechte Handhabung des Gesetzes, sondern auch dieses selbst schuld. Der Board of Deputies hat nunmehr in seiner letzten Versammlung eine energische Aktion gegen die Aliens Act inauguriert. Man beschloß die Regierung entschieden zu einer Aenderung des Gesetzes aufzufordern, und zu verlangen, daß fie diese Aenderung in ihr bei der Eröffnung der Parlamentsseffion vorzulegendes Programm aufnehmen. Der Board beschloß ferner, bei dem Ministerium des Innern inzwischen dahin vorstellig zu werden, daß oie Einwanderuugsbehörden einstweilen die Weisung zu einer humaneren Ausführung des Gesetzes erhalten. vermischter. Aus Bayer«, 27. Ott. Zu den im ganzen 250 Schriftstücke umfasienden Einlauf der an die Kammer der Abgeordneten gelangten Petitionen gehört auch jene der Israelitischen Lehrerolldungsanstalt in Würzburg um einen)Zuschup, und die des Landesvereins behufs Erhöhung des Etats für Zwecke des israelitischen Kultus.? - H»henfalza,MOkt' Die vor' kurzem hier verstorbene Rentiere Karoline Krön er hat der hiesigen Synagogengemeinde ein Legat von 15000 Mk. vermacht als Grundstock für die Erbauung eines jüdischen Krankenhauses. Die Zinsen eines weiteren beträchtlichen Kapitals sollen allwinterlich rum Ankauf von Kohlen für Arme jeder Konfeffion verwandt werden. Lütgendortmund, 26. Okt. Die hiesigen Juden, die seit langer Zeit der Synagogengemeinde Dorstfeld angehören, find aus dieser Gemeinde rechtlich ausgetreten uno beabsichtigen,eine neue Synagogengemeinde hier zu grünten. Die erforderlichen Schritte find bereits bei den maßgebenden Behörden eingeleitet. Neumurkt (Oberpfalz), 27. Okt. Beim 50jährigen Jubiläum der hiesigen protestantischen Gemeinde sprach u. a. der rechtskundige Bürgermeister, Herr Hofrat und Landtagsabgeordneter Weißenfels, Worte der schönsten Toleranz, die es verdienen, in die Oeffentlichkeit zu gelangen. „Wir alle wtsien, daß in unseren Mauern nur Menschen wohnen, die in Frieden und Eintracht, trotz aller Verschiedenheit der Bekenntnisse miteinander gelebt haben und fürderhin verkehren wollen. Ist das eigentlich ein Wunder? Sollte es den anders sein? Bekennen wir nicht denselben Gott? Besitzen wir nicht dieselbe heilige Schrift als die Grundlage unseres Glaubens? Haben wir uicht alle eine gemeinsame Grundlage für die Betätigung der Nächstenliebe? Gewiß. Unsere Aufgaben, unsere Ziele und das Fundament, auf dem wir ruhen, die find uns gemeinsam. Deshalb wäre eS vollständig verfehlt, zu suchen, was uns trenntdeshalb ist es nur folgerichtig, das zu suchen, was uns einigt. Es liegt nicht in unserer Wohlfahrt, den ersten besten Einzelnen zu folgen, Hetzern und Verleumdern unser Ohr zu lechen. Seit *8 Jahren meiner Tätigkeit dahier und sicher noch vorher find unsere Bürger neben einander gewandelt iu Frieden, Ruhe und Eintracht und kein Anlaß hat sich ereignet, der dies Zusammenwirken zerstört hätte. So soll eS auch weiter bleiben!" Herr Dekan Stammverger hob noch hervor, daß die Stadt Neumarkt dafür bekannt sei, daß in ihr ein stiedliches Zusammeneben der Konfessionen stattfindet und gepflegt wird. Nikvlsburg, ^5. Oktober. Nach dem amtlichen stattstischen Ausweis wird die Schule der Nikolsburger politischen Jsraelitengemeinde zusammm von 358 Schülern besucht, von denen 267 katholischer und 01 israelitischer Konfessionen find. Petersburg, 25. Okt. Wie die Wiborger Zeitungen melden, befindet sich das Denkmal des ermordeten Herzenstein, das an der Morbstelle hätte errichtet werden sollen, noch immer auf der Statton Terioki, ohne daß eS von jemanden übernommen worden wäre. Nach dem Eisenbahn-Reglement wird daS Denkmal als „unbestellbares Gut" demnächst versteigert werden. Bekanntlich konnte das Denkmal deshalb nicht an seinem Bestimmungsort ausgestellt werden, well die finnlänbische Regierung die Erlaubnis hiezu verweigert hat. - - - O Odessa, 25. Oktober. Bier hervorragende jüdische Aerzte beschlossen, zu Beginn der nächsten JahreS eine meoizinissche Wochenschrift in russischer Sprache herauSzugeven. Die Wochenschrift, die dm Titel „Jewreiskij medicinskij Golos“ (^Jüdische medizinische Stimma") süyrm wirb, hat dm Zweck, die Mischen Massen Wer die Ursachen und Formm der hauptsächlich unter dm Judm verbreiteten Krankheiten aufzurlären und fie mit der modernm Hygiene bekannt zu machen. Verekuverr«. Tt Kraukfmch tu M., 24. Oktober. Eine kleine Völkerwanderung war es, die sich am letzten Sonntag Abend in Bewegung setzte, um der Einladung des „Vereins zur Pflege jüdischer Lebmsanfchauung", ftrlgend, die verheißenen Referateß^über „Die' Frauenbewegung und die Ethik des Judentums" zu hören. Auf 8 Uhr lautete die Einladung, aber lange vorher war der große Saal der Loge zum Frankfurter Adler überfüllt, trotzdem nur Frauen zu dieser Versammlung Zutritt hatten. Die Türen nnrßten geschlossen werden, so daß Hunderten der Eintritt versagt blieb. Das einleitende Referat hielt Herr Moritz A. Loeb, der ungefähr folgendes ausführte: lieber die Frauensrage ist in den letzten Wochen so viel geschrieben und gesprochen worden, daß es zur Gewinnung eines objektiven Standpunktes nötig erscheint, sich die Entstehung der Frauenfrage wieder in das Gedächtnis zu rufen. Mtertum und Mittelalter kannten die Frauensrage nicht. Bis in die erste Hälfte des 19ten Jahrhunderts hinein war die Familie zugleich Produkt: onseinheit, in der die für die Bedürfnisse des Tages dienenden Güter hergestellt wurden. Es sei hier nur daran erinnert, daß Wasserholen, Brodbacken, Seife und Lichter bereiten, Vorräte für den Winter Herrichten, zu den Obliegenheiten jeder Hausfrau gehörten. Das Alles hat längst aufgehört: die Fortschritte der Technik und die Entwicklung der Industrie haben dem .Einzelhaushalt den größten Teil seiner Arbeit abgenommen. Und dieser Prozeß ist noch nicht beendet; täglich hören und lesen wir von neuen Fortschritten, die die häusliche Arbeit immer .mehr zusammendrängen.. Parallel dieser Entwicklung im Einzelhaushalt gingen die ungeheuren Umwälzungen der Volkswirtschaft, die aus dem Agrarstaat einen Industriestaat schufen und eine völlige Aenderung in der sozialen Struktur Deutschlands bewirkten. Sind doch aus den 24 Millionen Einwohner, die auf dem Gebiete des heutigen Deutschen Reiches im Jahre 1816 gezählt wurden, inzwischen über 69 Millionen geworden. Für die Frauenwelt machte sich diese Umwälzung nach zwei gänz verschiedenen 'Richtungen geltend. Die Frauen der oberen Klassen erfuhren eine gewaltige Arbeitsentlastung, während die Frauen aus den unteren Schichten aus ihrem Heim gerissen wurden, um in der Industrie, in Bergwerken, im Verkehr und Handel den gewaltigen Bedarf nach Händen decken zu helfen. So trägt das, was man unter „Frauensrage" im Allgemeinen versteht, einen gänzlich verschiedenen Charakter, je nach den Schichten, die man dabei im Auge hat. Fragen wir uns Nun, welche Rückwirkung die geschilderte Entwicklung auf jüdische Verhältnisse ausübt, so ist es bemerkenswert, daß ihre Nachteile hier doppelt stark zutage treten. Der Zug vom Land in die Stadt, der dazu geführt hat, daß heute mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands in Städten wohnt, tritt bei den Juden in erheblich verstärktem Maße auf; umfaßt doch Groß-Berlin heute mehr als 2v»/o, Frankfurt a. M. ca. 6 o/o der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Das Leben in der Stadt, zumal ül der Großstadt, bedingt teuere Lebenshaltung bei vermehrter Unsicherheit der Existenz. Daraus resultiert Abnahme der Zahl der Eheschließungen und immer höheres Alter der Eheschließenden, besonders der Männer. — Die Ehelosigkeit, früher eine seltene Ausnahme in jüdischen Kreisen, wird zur gewohnten Erscheinung. Mit dieser Entwickelung wird die Frage nach der Versorgung der Töchter, deren Verheiratung nicht mehr wie früher mit ruhiger Sicherheit erwartet werden kann, zu einer schweren Sorge für alle nicht mit Glücksgütern gesegneten Familien. Wir sehen also, daß die gleichen Probleme, die die allgemeine Frauenbewegung beschäftigen, auch die jüdischen Kreise erfüllen. Kein Wunder, daß sich auch eine spezieN jüdische Frauenbewegung zu entwickeln begonnen hat. Bon einem verhängnisvollen Einfluß war es hierbei, daß bei der allgemeinen Frauenbewegung Jüdinnen von Anfang an im Vordertreffen gestanden batten. Wir brauchen nur an Henriette Goldschmidt und Lina Morgenstern zu erinnern, Die den Anfang der Bewegung geleitet haben und denen ein zahlreicher Nachwuchs folgte. So war es ganz natürlich, daß auch die jüdische Frauenbewegung getragen wurde von Frauen, die sich in der allgemeinen Bewegung geschult und herangebildet hatten. Ohne Verständnis für die Eigenart des jüdischen Bolksstammes, ohne Pietät für seine Jahrtausende alte Kultur und leider auch ohne Kenntnis und Achtung des jüdischen Gesetzes, operieren sie an den Gebresten, die sie hrer vorfinden, genau nach der Schablone, die ihnen von außen her zugeführt wurde. So kommt es zu solch tieftraurigen Erscheinunungen, wie sie uns die jejjt stattgefundene Tagung des jüdischen Frauenbundes soeben bot. Es kommt zu Aeußerungen und Krittken des jüdischen Gesetzes, die aus der Mitte der Tagung heraus mit Recht als Schmähung des Judentums bezeichnet werden und die einen freudigen Widerhall nur in den anttsemittfchen Blättern finden, wo über sie mit schmunzelndem Behagen quittiert wird. Gern sei anerkannt, daß die Führerinnen der jüdischen Frauenbewegung, wie sie uns die letzte Tagung kennen lehrte, sich mit Selbstlosigkett und rastlosem Effer ihrer sthweren Arbeit unterziehen. Wenn ihren Mühen der Erfolg fehlt und fehle« muß, so haben wir die llrsache zu suche» in ihrer Unkenntnis des Mischen GHetzes und der Mischen Kultur, nicht minder aber auch in 8er mangelhafte» Ausrüstung mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen, ohne die dauernde Leistungen von allgemeinem Werte auf diesem Gebiete nun einmal nicht zu erringen sind. Was soll man dazu sagen, wenn eme Rednerin, wie. es auf der jüngsten Tagung des Mischen Frauenbundes der Fall war, als Allheilmittel empfiehtt: ^Jches Mädchen, ob reich oder arm möge einen Berus nicht nur erlernen, sondern auch ausüben?" Der Einwand, daß alle Berufe heute schon Werfüllt seien und die Konkurrenz der Frau' die Lage der Männer noch weiter verschlechtern müsse, wird von der einen Rednerin mit d er Bemerkung abgetan, daß es die Sorge der Männer sei, sich mit der Konkurrenz abzufinden. Eine andere Rednerin meint, daß alle Arbeitskräfte leicht Verwendung finden, man brauche blos die Arbeitzeit erheblich einzufchränken; sie kennt also nicht einmal das ABC aller volkswirtschaftlichen Weisheit, wonach jede Abkürzung der Arbeitszeit einerseits zu einer Verstärkung der Intensität der Arbeit führt, andererseits zur Einstellung arbeitsparender Maschinen, sodaß als Faztt sehr, oft noch eine Verminderung der beschäftigten Arbeiterzahl. herauskommt. Man könnte diese Blütenlese noch nur. eine ganze Reihe ebenso krasser Jrrtümer vermehren, die alle bekunden, wie mangelhaft die geistige 8krsrüstung dieser Frauen ist, deren Eifer und Wollen ja gern anerkannt werden mag, ohne daß man in ihnen einen Ersatz für den Mangel an tteferer Einsicht zu sehen braucht. Vor allem tut not, daß die heute an der Spitze stehenden Führerinnen abgelöft werden durch Frauen, die nicht nur Liebe zur Juden heit, ihre bedrängten und bedrückten Teile leitet, sondern, die auch Liebe zum Judentum in seiner erlebten und überlieferten Gestalt durchglüht. Diese Fraaen werden dann die großen Aufgaben, die sich aus der sozialen Frage, aus der Frauenftage entwickeln, zu lösen wissen, ohne zu Schablonen zu greifen, die anderen, außerjüdischen Verhältnissen .entnommen find. Sie werden auch heilsamen Einfluß gewinnen auf die Kreise der jungen Mädchen, auf die heute so vieles einstürmt an geistigen Eindrücken aus der uns um- , gebenden Welt und denen eine Verarbeitung Kiefer Eindrücke ohne Leitung und Unterstützung schwer sauen muß. Der zweite Referent, Herr Jakob Rosenheim, begann mit dem Hinweis darauf, daß die Frauenbewegung neben ihrer von dem Vorredner geschilderten sozialen Bedeutung als eine sittliche Bewegung vom jüdischen Standpunkt aus erhöhte Aufmerksamkett beanspruchen dürfe. Handele es sich doch gerlwe für den Juden und die Jüdin darum, der besonderen eigenen sittlichen Aufgabe treu zu bleiben inmitten den von Jahrhundert zu Jahrhundert mit immer neuer Kurst sich entfaltenden ethischen Strömungen. Es kommt dabei vor allen: darauf an, die in der Bewegung liegenden sittlichen Triebkräfte zu erkennen, danach festzustellen, welches die Tendenz sei, nach deren Richtung sich die Bewegung entwickele. Dabei könne die Betrachtung einzelner überragender Persönlichkeiten, die der Frauenbewegung den Stempel ihres Geistes aufgedrückt haben, besonders nützlich sein. In diesem Sinne unterzog der Redner die Gedankenwelt der begabtesten Vorkämpfern» der ethischen Frauenbewegung, Ellen Key, einer eingehenden Betrachtung. Die ganze Gedankenwelt Ellen Keys bewegt sich Um drei tragende Grundgedanken, den Jndividualis-. m u s, der sich in stolzem Selbstgefühl gegen die aufgedrungenen Satzungen und Sitten der Gesellschaft auflehnt, den Kultus der Schönheit und endlich um eine von besonders starkem Schwünge getragene Apotheose der Liebe. Diese drei Gedankenströmungen, die neuerdings der norwegische Philosoph Norström in einem glänzend . geschriebenen Werke analysiert hat, und die der Redner in den Werken Ellen Keys durch Zitate nachwies, gliedert sich als ein damit kaum in Ein- .. llang zu bringendes Gedankenelement eine vierte Idee an: das GeMl derBerantwortunggegen- ' über den ungeborenen Generationen. Jme ersten drei sittlichen Tendenzen bei Ellen Key führen ' zu nichts weiter als zu einem verfeinerten Gefühls- ~ Egoismus, bei dem irgend welche Sttllichkeit nicht bestehen kann. Der letzte Gedanke aber, der geeignet wäre, jene drei anderen völlig Wer den Haufen zu werfen, kann, bei Ellen Key mit ihrem religiösen Radikalismus überhaupt nur dadurch Bestand haben, daß auf durchaus utopische Weise von den ungeahnten Herrlichketten künftiger Uebermenschen gefabelt und der ganzen Weltentwicklung eine sittliche Würde anempfunden wird, die ihr auf Grund der naturwissenschaftlichen Voraussetzungen der dichtenden Denkerin ganz und gar nicht innewohnen kann. GegenWer d«n glänzenden Gedankenbau Ellen Keys und ihrer Rachbetermnen, dessen verführerischer Einfluß auf die Herzen der empfänglichen weiblichen Jugend .gar nWt hoch genug angeschlagen werden kann, schilderte der Redner nunmehr m ausführlicher Darstellung, welchen Standvuntt die jüdische Lehre zu den emzelnen bisher behandelten Puntten einnehme. ES würde zu wett führen, die einzelnen Belegstellen zu wiederholen. Was zunächst die Frage des Jndivrdualismus betrafst, so weiß das Judentum schon auf Grund seiner Anschauung, von der Entstehung des