Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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& zu beraten haben. Der demnächst stattfindenden eH«i Sitzung dieses Exekutivkomitees weiLen Wer besonders wichtige Fragen zur Beratung vorliegen: 1.Stellungnahme zudem projektieren jMsch-theo logischen Seminar in Lemberg; 2. Beschlußfassung über den Antrag des Brzezaner Rabbiners betreffend die Abstellung verschiedener Unzuträalichkeiten bei Rabbinerwahwn in Galizien. Bei dem gemeinsamen Gottesdienste wurde ein Gebet für die baldige Genesung Kaiser Franz Josephs verrichtet und an die Kabinettskanzlei nach Wien folgendes Telegramm abgesendet: „Die hier behufs Beratung von Angelegenheiten religiöser Natur versammelten orthodoxen Rabbiner Galiziens trachten es für die erste und helligste Pflicht, ihre Gefühle der Loyalität und tiefsten Ergebenheit für Ew. Majestät und das Kaiserhaus untertänigst und ehrfurchtsvoll zu Füßen zu legen Die gedachten Rabbiner haben auch gemeinsam im Gotteshause ihre inbrünstigsten Gebete zum Allgütigen für die baldige Genesung der geheiligten erhabenen Person Sr. Majestät emporgesandt. Möge der Allvater unser Flehen erhören und Ew. Majestät noch recht lange in geistiger und körperlicher Frische zum Heile und Segen der gesamten Menschheit erhalten." Noch am selben Abend langte aus Wien folgende. Antwort ein: ,^Öberrabbiner Schwadron in Sandowa- Wischnie. Seine kaiser - königlich apostolische Majestät haben die durch Ew. Hochwohlgeboren in so begeisterter Weise zum Ausdruck gebrachte Loyalitätskundgebung der in Sandowa-Wischnie versammelten orthodoxen Rabbiner Galiziens mit Befriedigung zur allerhöchsten Kenntnis genommen und danken allergnädigst für Ihre frommen Gebete und guten Wünsche. Kabinettskanzlei." Ungarn. Viel Irklrm um nidifs. (Bon unsere n Korrespondenten.) . Budapest, 28. Oktober. Wie seiner Zeit in diesen Blättern berichtet -wurde, hat der Pester neologe Rabbiner zum Hofdiner, welches Ministerpräsident Wekerle heuer am Geburtstag des Königs gegeben, keine Einladung erhalten. Mehrere Zeitungen haben dies seinerzeit vermerkt und die Unterlaffung der Einladung als symptomatisch bezeichnet. Wir haben damals der Meinnung Ausdruck verliehen, daß man der ganzen Sache keine so große Bedeutung beizulegen brauche. Unsere neologen Brüder sind aber anderer Meinung. Sie suchen die Ehre, suchen am helllichten Tag mit der Laterne in der Hand. Zuerst machten sie den Minister a latere, der zugleich Führer oer katholischen Bolkspartei ist, für diese Zurückgsetzung verantwortlich Es hat sich aber herausestellt, daß der edle Graf die Zeitung der Morgen gar nicht liest und von dem eigentümlichen Gravamen keine Kenntniß bekam. Nun, nach Wer Monaten ist die Geschichte dieses Festessens wieder aktuell geworden. Das Organ der Neologen bringt intereffante Enthüllungen, die auch für die Tagesblätter recht Pikante Leckerbissen abwerfen. Der Kabinetschef soll sich einem jüdischen Abgeordneten geäußert haben: „Ich biu in der Sache unschuldig. Wie meine Vorgänger habe auch ich die Liste der Einzuladenden hinausgegeben, welche auch den Namen des Pester Rabbiners Kohn enthielt. Aber noch vor der Versendung der Einladungen, kam zu mir ein anderer Rabbiner und sagte, daß die Einladung ihm gebühre, da er der Ortsrabbiner sei. Da ich die Zänkerei, den Zwist vermeiden wollte habe ich in der unangenehmen Situation beschlossen, keinen der beiden Rabbiner einladen zu lassen." Das neologe Blatt knüpft an diese Ausrede des Ministerpräsidenten politische Betrachtungen und will sür's erste abwarten, bis sich der Rivale des Herrn Dr. Kohn vor dem Tribunal der neologen Schriftgelehrten gerechtfertigt haben wird. Zum bessern Verständnis dieser miniellen Offenbarung sei erwähnt, daß die königl. rg sowohl, wie das Palais des Ministerpräsi- -imten sich in Ofen befinden. Ofen besitzt aber auch eine selbständige neologe Kuktusgemeinde, in der der ungarische Dichter Dr. A. Kis als Oberrabbiner refidie^. Es handelte sich demnach um die Kompetenz des iontn tOD, die der Ortsrabbiner verteidigen mußte. Das offizielle Neologenblatt ist allerdings der Meinung, daß der Ministerpräsident des ungarischen Staates das Recht habe, auch den Rabbiner einer anderen ungarischen Gemeinde als *nn*n iOö bei sich anzuerkennen. Nach den Bestimmungen des Schulchan Aruch wäre aber diese Ansicht nicht ganz einwandfrei. Auch soll Dr. Kohn seinerzeit als Mitglied der Prüfungskommission am Rabbinerseminar dem Dr. Kis große Hindernisse bereitet haben, so daß letzterer angeblich wegen mangelhafter Kenntniß des Schulchan Aruch erst nach einem zweiten Eramen die Rabbinerautorisation erhielr. Alle diese Kombinationen zerstreute aber Herr Dr. Kis selbst indem er in den politischen Tagesblättern die Erklärung abgab, daß er mit dem Ministerpräsidenten Wekerle überhaupt in seinem Leben noch nie gesprochen habe. Durch diese Erklärung des Rabbiner wäre aber der Ministerpräsident desavouiert, was die seltsame Affaire nur noch mehr komplizieren würde. Der jüdische Abgeordnete Emanuel Sag ergänzte deswegen seine Information, indem er sich korrigierte, nicht derRabbinerselbst,sondern andere konfessionelle Sachwalter hätten die Einladung für den Ofener Rabbiner reklamiert. — Auch der Kultusminister Graf Albert Apponyi wurde befragt, ob es wahr sei, daß er dem Ministerpräsidenten angeraten habe keinen jüdischen Geistlichen zum Hofdiner einzuladen, worauf Apponyi telegraphisch erwiderte, mit welchem Rechte man von ihm eine solche Dummheit voraussetze. Wie sich nun herausstellt, kann weder der Ministerpräsident noch der Minister um die Person des Königs, geschweige der Kultusminister für die in Rede stehende Unterlassung verantwortlich gemacht werden. Die Minister Koffuth' und Andrassy wurden selbst vom neologen Wochenblatte nicht in Verdacht gezogen. Erfreulich ist es aber immerhin, daß diesmal auch in neologen Kreisen die odiose Zurücksetzung nicht den separatistischen Bestrebungen der bösen Orthodoxie zugeschrieben wird. Glücklicherweise ist auch der Rabbinatsstuhl der Ofener orthodoxen Gemeinde seit längerer Zeit vacant und so kann die erwähnte Reklamation nicht für einen orthodoxen Rabbiner vorgenommen worden sein. Das Organ unserer neologen Compatrioten sieht in diesem „Fall" eine Beleidigung der ganzen Konfession und kann sich nicht beruhigen, solange der Schuldige nicht eruiert ist. Die Recherchen werden fortgesetzt. Lieb' Volk Israel, magst ruhig sein! Es ist selbstredend, daß die geschmacklosen Rekriminationen des offiziellen Wortführers unserer geaichten jüdischen Patrioten in besonnenen Kreisen noch schmerzlicher empfunden werden, als die seinerzeitige Zurücksetzung des Herrn Kohn selbst, zumal es allgemein als feststehend betrachtet wird, daß es dieserhalb nicht zu einer Kabinettskrise kommen wird'. Wie recht hatten doch unsere Weisen mit der Sentenz: *p*nn iädö nmn m-wn ,nnw nriN. Bud apest, 29. Okt. Der hiesige „Tiferes- Bachurim-Verein", der seit längerer Zeit infolge mangelnder Mittel seine Tätigkeit suspendiert hatte, hat sich zu neuer Arbeit aufgerafft. Die Stellenvermittelung für den Sabbath haltende Personen, die mit so großen Opfern an Zeit und Mühe eingerichtet wurde, wird von der Bereinsleitung mit edler Hingebung ausgeübt. Die angesehensten politischen Zeitungen haben sich auch bereit erklärt, die Vakanzen von Zeit zu Zeit unentgeltlich zu veröffentlichen. In den Vereinslokalitäten werden nunmehr auch die Vorträge wieder ausgenommen. Man wird allabendlich abwechsend BflDin, *003 und ivw 'nBD lernen. Auch die Sabbathvorträge werden wieder regelmäßig abgehalten werden. Die Gründung dieses Vereins mußte der neologen Landeskanzlei förmlich abgerungen werden. Das Ministerium schickte nämlich die Satzungen des Vereins dieser Behörde * zur Begutachtung. -^Das „Lernen" und „Sabbathhalten^ erschien aber den Herren sehr verdächtig und sie wünschten disferhalb mit dem Präsidenten Dr. jur. Emil Deut s ch Rücksprache zu nehmen. Zu ihrem Erstaunen mußten sie aus dem Munde dieses jungen Mannes erfahren, daß es sich um wirklich gesetzestreue Bestrebungen handle, die im Rahmen des Vereines Verwirklichung^finden sollen. Der Kanzleichef gab sich alle Mühe den verirrten jungen Mann für den bereits bestehenden und von der Reformgemeinde protegierten jüdischen „Jugendverein" zu gewinnen. Dr. Deutsch erklärte aber, « sei orthodox und wolle orthodoxen Zwecken dienen. Damit nun die Wirksamkeit dieser Vereinigung keine größere Ausdehnung gewinne, hat es die neologe Kanzlei durchgesetzt, daß der Verein die Bezeichnung „orthodox" tragen müsse. Der Verein hat seit seinem fünfjährigen Bestände schon viel Gutes gestiftet und verdient von gesetzestreuen Gemeinden und Rabbinern ausgiebiger unterstützt zu werden. Rumänien. I a s sy, 25. Okt. Das hiesige Blatt „Opinia" bringt in ihrer letzten Nummer nachstehende Notiz: Wie wir aus absolut sicherer Quelle erfahren, hat der österr.-Ungar. Gesandte in Bukarest der rumänischen Regisrrmg eine Note überreicht, in der gegen die zahlreichen Ausweisungen rumänischer Juden auf österreichisches oder ungarisches Gebiet energisch protestiert wird. Diese Protestnote hatte — wie die „Opina" hinzufügt — zur Folge, daß der Minister des Innern, Herr^Jonel Bratianu,. sämtliche Präfekten des Landes angewiesen hat, Juden, die Ausweisungsdekrete erhalten, nicht aus österreichisch-ungarisches, sondern nunmehr auf russisches Gebiet abzuschieben! REtaM». Petersburg, 21. Oktbr. Die plötzliche, allen unerwartet gekommene Verabschiedung des Gehilfen des Handelsministers, Geheimrats Stoff, welcher als tüchtiger, unermüdlicher Arbeiter bekannt ist, und der das Ministerium allein leitete, ist, wie dem „Berl. Tagebl." berichtet wird, auf folgenden charakteristischen Umstand zurückzuführen. Stoff, dem auch Schulen unterstanden, hatte in einer Handelsschule die Aufnahme von Juden über die Norm gestattet, wozu bemerkt werden muß, daß diese Schule hauptsächlich aus Mitteln der jüdischen Gesellschaft der betreffenden Gemeinde unterhalten wird. Stoff wurde daraufhin vom Minister für Volksaufklärung aufgefordert, seine Verfügung rückgängig zu machen. Er antwortete mit der Einreichung seines Abschieds, der sofort angenommen wurde. Der Rücktritt Stoffs wird in liberalen Kreisen aufrichtig bedauert. Petersburg, 22. Okt. Den Theater- und Konzertdirektionen in den Hauptstädten wurde verboten, jüdische Künstler zu engagieren, unter der Androhung der Ausweisung der Letztgenannten. London, 28. Oktober. Die Klagen über die harte und ungerechte Handhabung der Aliens Act mehren sich von Tag zu Tag. Sie bilden schon eine ständige, ziemlich umfangreiche Rubrik in den jüdischen Blättern Englands. Ein besonders krasser Fall, ' der jüngst vorgekommen ist, betraf einen Mann, dessen Verwandten in England wohnen und sich gegenüber der Einwanderungsbehürde bereit erklärten, ihm eine gute Beschäftigung zu geben. Auf die ganz unbefugte Frage der Beamten, ob infolgedessen ein anderer Arbeiter aus seiner Stelle entlassen werden würde, gaben sie das als wahrscheinlich zu, und die Behörde wies daraufhin den Ankömmling als unerwünschten Fremden ' zurück,' eine Entscheidung, für die die Aliens Act übrigens keinerlei Unterlage bietet. Das Fremdengesetz will lediglich Arbeitsunfähige und