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Der Israelit · 1907-10-31 · Heft 44 (31.10.1907) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 44 (31.10.1907)
Date
1907-10-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Grundsätze, sondern lebendig leuchtende Vorbilder. 3. Die Religion allein antwortet auf das Verlangen der Lebenskraft nach großem Ausleben, indem sie durch die übermenschliche Größe und Konsequenz ihrer geistigen Jdeäle die Versprechungen des niederen Auslebens zu übertreffen weiß. 4. Das Naturhafte kann nicht durch Halbheiten, sondern nur durch das ganz gereinigte und vollendete Geistige bemeistert werden. Dieses aber erscheint nur in der Welt der Religion. 5. Die Religion allein erfüllt am vollkommensten alle Forderungen der „Pädagogik der Ablenkung" — weil sie am stärksten gerade diejenigen Seelenkräfte (z. B. die Phantasie)' an sich zu ziehen weiß, die ohne solche höhere Nahrung und Beschäftigung am leichtesten von der erotischen Sphäre gefangen genommen werden. 6. Die Religion hat das ganze Seelenben so gesteigert und vertieft, daß dadurch auch die sinnlichen Erregungen mit einer höheren Liebe in Verbindung gesetzt, beruhigt und dem geistigen Leben unterworfen wurden. 7. Me Religion kann auch allein die höchsten Gesichtspunkte für die sexuelle Ethik geben, weil ihre Weisheit allein aus höchster geistiger Freiheit stammt — ohne solche Freiheit aber haben wir stets nur eine Ethik, die bewußt oder unbewußt vom Geschlechtsleben diktiert wird, statt darüber zu stehen und aus dem Ganzen des Lebens heraus jedem Teile sein Recht zu gebend 8. Die Religion mit ihrer Lehre von der Ueberwindung und Verherrlichung des geistigen Lebens will nicht Ausrottung der Triebe, sondern nur vollkommene Beherrschung der Natur. Darum ist sie allein die würdige Begleiterin der großen Technik, welche die äußere Natur dem Menschen unterwirft. Ich schließe mit der Hoffnung, daß man künftig über diese sexuellen Fragen nicht so viel reden und schreiben wird, als dies heute leider zur Klärung der Sachlage nötig scheint. Auch werden wir später hoffentlich keine besondere Sexualpädagogik mehr brauchen. Diese ist ja heute nur dadurch entstanden, weil unsere schwächliche moderne Erziehung in der Wahl ihrer Mittel die Stärke des sexuellen Triebläbens überhaupt gar nicht berücksichtigt hat, sondern meinte, man könne die menschliche Natur mit Schalmeien und Aesthetik erziehen. Das rächt sich nun bitter. Wird erst unsere Pädagomk wieder auf voller Kenntnis der menschlichen Natur beruhen, dann werden wir auch keine gesonderte Sexual - Pädagogik mehr brauchen. Lfc*Q. »orrespondenzen und Eachrichten. unter der jüdischen Bevölkerung herrsche. Sollte die Nachricht zutreffen, so ist den beteiligten Gemeinden anzuraten, gegen die beabsichtigte Auflösung, die dem Wortlaut und dem Geiste deZ neuenVolksschulgesetzes entschieden widerspricht, Einspruch zu erheben und diesen Einspruch, falls notwendig, bis vor den Kultusminister zu bringen. Berlin, 27. Okt. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zur Unterstützung des Hilfswerks in Marokko der Alliance Israelite Universelle in Paris 12,500 Frs. überwiesen. E. R. Berlin, 20. Oklbr. Eine Vorlage betreffend Nachtrag zum Haushaltsetat der isr. Gemeinde für die Zeit vom 1. April 1907 bis 31. März 1908 bildete den Mittelpunkt der heutigen Nep'.äsentawensitzung. An der Debatte beteiligten sich die Herren Weinberg, Benas Levy und Louis Sachs, Vonseiten des Vorstandes Justizrat Lachmann. Im Allgemeinen war man der Ansicht, daß eine Nachbewilligung nur in Ausnahmefällen, z. B. wenn es sich um Rettung von Glaubensgenossen re. handelt, stattfinden dürfe. Herr Louis Sachs betonte, daß man in Zukunst eine klare Aufstellung machen müsse, die Schuld treffe die Herren, welche in einzelnen Kommissionen arbeiteten, ohne genügend informiert zu sein. Endlich sprach Herr Aron Hirsch das erlösende Wort, der Vorstand erkläre selbst, daß Fehler gemacht wurden, ihn treffe keine Schuld, das Geld ist ausgegeben: „ich bitte die geforderte Summe zu bewilligen." Bei Punkt 3, Schaffung neuer Büieau-Assistentenstellungen stellte gleichfalls Herr Aron Hirsch den gewiß sehr beherzigenswerten Antrag, den Direktor der Gemeindeknabenschule aufzufordern, abgehenden Schülern den Vorschlag zu machen, als Büreaulehrlinge einzutreten. Beim Rechnungsabschluß der Bibliothekskommission, der von Herrn Landschaftsmaler Bodenstein verlesen wurde, ergreift Herr Prof. Geiger das Wort. Er habe früher die Bibliothek das Stiefkind der Gemeinde genannt, jetzt nehme er sein Wort zurück, Vonseiten des Vorstandes sei viel geschehen um der Bibliothek zu ihrer jetzigen Bedeutung zu verhelfen, trotzdem bitte er den Vorstand der Bibliothek sehr bald ein eigenes Heim zu errichten, die kostbare Schenkung von Albert Wolf liege in Kisten verpackt und könne aus Mangel an Raum nicht aufgestellt werden. Innerhalb der Gemeinde seien viele angesehene Leute, die von der Existenz der Bibliothek nicht einmal etwas wüßten. Herr Benas Levy unterstützt mit warmen Worten das Gesuch des Herrn Prof. Geiger, er bittet den Vorstand in seinem im November erscheinenden Jahresbericht der Bibliothek etwas mehr Beachtung zu schenken. Herr Justizrat Lachmann erklärt, daß der Vorstand daran festhalten werde, die Bibliothek in dem zu schaffenden Neubau Oranienburgerstraße 28 unterzubringen. Herr Vorsteher Netter teilt mit, daß der Bericht bereits im Druck und mit einem ausführlichen Referat über die Bibliothek versehen ist. Wegen vorgerückter Zeit mußten einige Punkte vertagt werden. Derrtsrhes Meich. Frankfurt a. M., 31. Okt. Aus Fritzlar kommt die Nachricht, daß die Regierung die in dem dortigen Bezirke befindlichen jüdischen Volksschulen mit weniger als zwölf Schülern aufzu- 'ösen beabsichtige und daß darob große Bestürzung Berlin, 21. Oktober. Unter Vorsitz des Serrn James Simon fand am 17. Oktober eine itzung des geschästsführenden Ausschuffes des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Mit lebhafter Befriedigung nahm der geschästsführende Ausschuß Kenntnis von den günstigen Berichten, die Herr Dr. Paul Nathan von den ersten Etappen seiner Studienreise nach dem Orient — Sofia, Philippopel, Constantinopel — erstattet hat. Es wurde beschlossen, die Subvention von 4000 Kr. für den in Galizien zwecks Studiums der Verhältnisse ständig stationierten Sekretär des „Wiener Hilfsvereins firr die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", der sich im besonderen die Fortführung der volkswirtschaftlichen Hilfsaktion in Galizien angelegen sein läßt, zu erneuern. Der Delegierte des Hilfsvereins hat die spezielle Aufgabe, weitere Möglichkeiten zur Vermehrung j der Erwerbsgelegenheiten in Galizien, zur Ein- 1 führung neuer und zur Ausbreitung schon bestehender Industrien: ausfmvkgzuma^en^- rr hat auf seinen Studienreisen bereits wertvolles Material in dieser Richtung gesammelt, das für die Ausgestaltung des Hilfswerks nutzbar gemacht wird. Für den Ausbau des Bremer Auswanderungsbureaus des Hilfsvereins der Deutschen Juden werden die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt. Für das Kinderasyl in Odessa, das unter den Wirkungen der Pogrome und der Pogromfurcht ständig auf's Schwerste zu leiden hat, wird — gemeinsam mit dem Frankfurter Hilfskomite für die notleidenden osteuropäischen Juden —r ein Betrag von 5000 Mark bewilligt. Nach Maisad (Gouvernement Kowno), das durch zwei Brände im Juni und August schwer heimgesucht worden ist, wurden — gleichfalls gemeinschaftlich mit dem Frankfurter Hilfskomite — 1500 Mark überwiesen. Die Konsisfortumsroahlen im Unfer-eisaß. (Bon unserem Korrespondenten.) Straßburg, 30. Oktober. Kaum anderthalb Jahre sind verstrichen, daß die letzten mit großer Erregung geführten Wahlkämpfe ftattgefunden haben, und schon wieder bietet sich dasselbe Bild der gegenseitigen Verhetzung und Verächtlichmachung, wenn möglich in noch höherem Grade als vor dem 10. Juni 1900. Dieses Mal stehen sich zwei Gruppen von je drei Kandidaten gegenüber: die beiden ordnungsgemäß ausscheidenden Mitglieder des Konsistoriums Aron Durlach und Emanuel Meyer-Scheyen und an Stelle des freiwillig zurücktretenden ein Bankdirektor und Kommerzienrat, der nicht wenig erstaunt gewesen sein wird ob der ihm widerfahrenen Ehre, und ihre drei Gegner. Es fällt aber nicht schwer, der erstereu Partei den Sieg vorauszusagen, hatte sie ja schon das letzte mal von 2356 in 92 Gemeinden abgegebenen Stimmen 1589 resp. 1477 aus sich vereinigt. Zudem haben sich bereits die Vorsteher vvn 80 Gemeinden für sie. ausgesprochen, und bei der gegenwärtig mit Volldampf betriebenen Agitation wird sich ihr auch der kleine Rest ergeben. Die Männer der Gegenpartei sind homines novi, womit aber nicht gesagt sein soll, daß sie sich für den Posten des Mitgliedes einer jüdischen Zentralbehörde weniger eignen als jene. Ueberhaupt sind die Begriffe Partei und Gegenpartei hier nicht in dem üblichen Sinne zu nehmen, denn die eine hat ebensowenig ein Programm wie die andere, und die einen sind ebensowenig konservativ wie die andern liberal-neolog. In der Tat handelt es sich um eine reine Personenfrage, bei der Schlagworte wie Neid, Ehrgeiz, Größenwahn die Kampfesmittel bllden, und ab und zu bei der eigenen Verhimmelung auch einmal eine kleine Unwrrektheit mit unterläuft. Für die jüdischen Verhältnisse des Unter-Elsaß ist es also ganz ohne Bedeutung, wer am nächsten Sonntag den andern „schlägt". Dabei wäre es so nötig, daß einmal ein paar zielbewußte, tatkräftige Männer die Leitung des Konsistoriums übernähmen und mit dem alten Schlendrian aufräumten. Fürwahr, zu leisten giebt es noch genug in der Stadt und auf dem Land. Ist es nicht geradezu beschämend für einen Rabbiner, daß er bei Ein- und Absetzung eines Kultusbeamten in seiner Gemeinde nicht selbständig Vorgehen darfist es nicht höchst traurig, wenn man an jüdischen Feiertagen die Kinder in die Schule gehen sieht, denn so hat es ein Ukas des hohen Konsistoriums gewollt, daß nur der Vormittag des ersten und die beiden ersten Morgenstunden des zweiten Tages 21L2 21' für heilig gelten. Für die Leser des „Israelit" hat es wenig Interesse, wenn ich hier alle die Wahlnachrichten und Wahlartikel in exetenso wiedergebe, wenn zuweilen auch die Lachmuskeln dadurch in Bewegung gesetzt würden. Ich will auch nicht prüfen, oo die Objektivität und Unparteilichkeit, deren sich die einzige jüdische Zeitung Elsaß- Lothringens rühmt, auch überall zum Vorschein kommt, wenn schon sie sich ganz entschieden dagegen verwahrt, einen Unterschied zu machen

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