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Der Israelit · 1907-10-31 · Heft 44 (31.10.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 44 (31.10.1907)
Date
1907-10-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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und endkch viertens der Mangel an-jedem tieferen psychologischen Verständnisse für die Unentbehrlichkeit der Religion gerade auf diesem Gebiete. Letztere Vernachlässigung folgt mit Notwendigkeit aus der Ueberschätzung der intellektuellen Einwirkung. Im Vergleich mit den modernen Pädagogen haben kirchliche Kreise sich vielfach allzu langsam entschlossen, dem Prinzip der „sexuellen Aufklärung" gewisse unumgängliche Konzessionen zu machen — andererseits aber haben diese Kreise infolge ihres Berbundenseins mit einer großen Tradition der Seelenkenytnis und Seelenpflege doch einen sehr tiefen und richtigen Instinkt gezeigt für das, was den Modernen fast ganz verloren gegangen zu sein scheint: nämlich die Würdigung der fundamentalen Schutz- und BewahrÜngskraft des Schamgefühls. Gerade an diesen Punkt seien einige kritische Bemerkungen über Jrrgänge in der modernen Sexualpädagogik angeknüpft. Man muß vom naturwissenschaftlichen Standpunkt darüber erstaunt sein, daß die meisten modernen Schriftsteller das Schamgefühl stets nur als eine veraltete Prüderie behandeln und ganz die Lehre der Biologie übersehen, daß so tiefgewurzelte Instinkte doch stets auch eine fundamentale biologische Funktion haben, die vom oberflächlischen Verstände vielleicht gerade deshalb nicht begriffen wird, wejl sie eine Schutzvorrichtung gegen ihn selber ist, d. h. gegen die Gefahren, die unseren tiefsten Lebensvorgängen durch die grübelnde Reflexion drohen! Ich erinnere mich an den naiven Ausruf in der Broschüre eines Arztes, der sich darüber wundert, daß man über die sexuellen Funktionen nicht ebenso zwanglos rede wie über die Funktionen der Ausscheidung rc. Der Schleier des Geheimnisses, der über die sexuelle Sphäre gebreitet wird, erscheint diesem Autor und zahlreichen anderen nur als ein Produkt der christlichen Lehre von der Sündhaftigkeit des Geschlechtstriebes (Mißverständnis!) —'und dieser Hinweis genügt, um die betreffenden Empfindungen ein für allemal als Rudimente einer überwundenen Anschauungsweise abzutun. Man kann gerade an diesem Beispiel wieder einmal sehen, wie leicht die suggestive Gewalt von abstrakten Theorien und Anschauungsmoden die elementarste Beobachtungsfähigkeit lahm legt — denn sonst könnte doch jener Arzt nicht so den entscheidenden Unterschied übersehen, der zwischen Sekretionsorganen und Fortpflanzungsorganen 'begeht : daß nämlich die Fortpflanzungsorgane zugleich Organe der intensivsten physischen Lusterregung sind und als solche durch Ahnung, Vorspiegelung oder Erinnerung stets ein Uebermaß von Aufmerksamkeit auf sich zu lenken drohen. Und diese geistige Konzentration, die nicht der fortpflanzenden Funktion jener Organe, sondern vielmehr den Lustgefühlen gilt, die sie dem Individuum versprechen — diese geistige Konzentration ist eben die allergrößte Gefahr für die Gesundheit des Geschlechtslebens und ihre Verhinderung muß daher im Mittelpunkt aller Sexualpädagogik stehen. Denn erst durch sein Eindringen in die Welt der Vorstellung und der Phantasie wird der sexuelle Reiz zur Ueberreizung und gewinnt jene tyrannische Macht über den Willen^ der gegenüber jede Belehrung versagt. Es scheint mir nun, als sei das Schamgefühl gerade derjenige fundamentale Bewahrungsinstinkt, der das Individuum davon abhält, die physische Funktion, die der Gattung bestimmt ist, zu einem individuellen Lustzwecke zu machen und sie aus dem Unbewußtsein in das Licht des Bewußtseins und der Reflexion zuerheben. Alle die großen Pädagogen der Vergangenheit haben diese Wahrheit instinktiv geahnt und darum der Wege des Schamgefühls eine so große Bedeutung zugemessen. Sie wußten, daß die Hauptsache in aller Sexualpädagogik nicht darin bestehe, die Gedanken auf das Sexuelle hinzulenken, sondern sie davon abzulenken. Sie wußten, daß die Vernunft, die man ausschickt, um die sexuellen Triebe zurückzudämmen, nur zu leicht gerade durch die geistige Berührung mit dieser Sphäre zur Sklavin ber sinnlichen wird. Darum beruhte auch ihre Gegenwirkung weniger auf einer speziellen und direkten sexuellen Ethik, als auf der Pflege religiöser Borstellungen, die den Menschen nicht nur über die Sinnlichkeit, sondern über die ganze Sinnenwelt hinaushoben und ihn in seiner geistigen Bestimmung durch erhabene Vorbilder, Symbole und Wahrheiten befestigten. Aus obiger Beurteilung des Schamgefühls heraus muß ich mich nun durchaus und prinzipiell gegen jede Art von direkter sexueller Aufklärung in der Schule und überhaupt gegen alles allzubereite Eingehen auf die betreffenden Tatsachen aussprechen. Ueber Fortpflanzung von Pflanzen und Tieren mag in maßvoller Weise gesprochen werden — aber äuch keineswegs in Form eines ganzen Lehrganges und mit so unnötiger Detaillierung, wie es leider auch auf dem Mannheimer Kongreß vorgeschlagen worden ist. Durch die Sexualspezialisten, die sich dieser Frage neuerdings besonders angenommen haben, ist ein gefährlicher Irrtum in die Behandlung des ganzen Themas hineingetragen worden: Nämlich die Ansicht, daß zur richtigen hygienischen und ethischen Haltung auf diesem Gebiete eingehende biologische und physiologische Einzelkenntnisse nötig sind. Man überlasse diese Einzelkenntnisse der Selbstinformatton im reiferen Alter — als Lehrstoff vor einer Klasse von Heranwachsenden vermehren sie nur den Anlaß zu übermäßiger kollektiver Beschäftigung mit dem ganzen Gegenstände und inspirieren unter den Knaben den Wetteifer zu immer eingehenderer 'Detailforschung. In der obersten Klasse soll gewiß eine Belehrung über die sexuellen Krankheiten gegeben werden — im übrigen aber mögen sich die Lehrenden damit begnügen, eindrucksvolle, konkrete Anregungen zur Charakter- und Willensbildung zu geben und überhaupt eine höhere Lebensauffassung durch alle Belehrung hindurchscheinen zu lassen — das ist mehr wert als alle biologischen Jahreskurse zusammen und wirksamer als alle direkten Belehrungen. Fühlt ein Lehrer oder eine Lehrerin, unter besonderen Umständen das Bedürfnis und die Gabe, direkt sexuell aufzuklären, um unreinen Elementen entgegenzuarbeiten, so ist es besser, sie bestellen sich 2—3 Schüler resp. Schülerinnen in ihre Privatwohnung, deuten"ihnen die Grundtatsachen diskret im Rahmen einer ethisch-religiösen Lebensanschauung an — und überlassen es dann den also Geehrten und Gefestigten, auf dem Wege kameradschaftlicher Einwirkung die Aufklärung weiter zu geben und einen reinlichen „Klassengeist" zu bilden. In all den Darlegungen über Sexualpädagogik habe ich zwar massenhafte biologische Einzelheiten des Lehrgangs, aber noch keinen einzigen Hinweis auf die Bekämpfung des Zotenwesens in den mittleren und oberen Klassen gerade unserer höheren Schulen gefunden. Gerade hier aber könnte am meisten auf obigem Wege privater Einwirkungen geleistet werden — es ist eine Aussprache über solche Dinge die beste Gelegenheit, die sexuelle Frage in der Schule zu berühren, ohne das ganze Problem vor versammelter Klasse aufzurollen. Und zwar würde ich bei solchem Appell ausdrücklich die Anregung zur Selbstzucht durch die soziale Aufgabe inspirieren, die Schwachen in der Klasse vor auflösenden und vergiftenden Reden auf sexuellem Gebiete zu bewahren, ich würde den besseren Elementen ihre Macht zum güten'Einflüsse vor Augen führen und endlich auch für die Selbsthygiene die außerordentliche Bedetung der Worte und der Phantasie darlegen. An anderer Stelle (Hochland, August- Heft) habe ich eingehend dargelegt, warum die Erziehung des Willens und überhaupt die Pflege des Charakters durchaus das Erste und Wichtigste in aller Gegenwirkung gegen die sexuelle Gefahr ist und daß im Rahmen einer solchen ernsthaften Gesamterziehung die eigentliche Aufklärung nur einen ganz kleinen Raum einzunehmen braucht. Weit dringender als große Lehrer- UU^UtlVjlltU VWUU cher Abschiedsbelehruim ist der Chai weit mächtiger, als das Eingehen erscheitken her Kurse in Charakterpädagogik und in Methodik der ethischen Einwirkung, durch welche die Lehrer befähigt würden, vom ersten Schuljahr an alle Gelegenheiten des Schullebens in wahrhaft pädagogischer Weise zur Charakterstärkung zu verwerten. Dasjenige Wissen, das zu einer knrzen Belehrung über Geschlechtskrankheiten vor abgehenden Schülern notwendig ist, vermag sich ein Lehrer in einer Stunde durch Lektüre anzueignen — denn gerade bei sol- Charakter-Appell auf all die ekelhaften Einzelheiten, über die übrigens die Schüler dann meist selber schon mehr wissen als nöttg ist. Zum Schluß noch ein Wort über die sexualpädagogische Bedeutung der Religion. Herr vr. I. Marcuse, mit dem ich sonst in vielen Punkten übereinstimme, behauptet, die Geschichte zeige Schritt für Schritt die Ohnmacht aller Versuche, religiöse Grundanschauungen als hemmende Instanzen gegenüber dem Sexualismus aufznrichten. Ich würde verstehen, wenn jemand von der Ohnmacht aller Versuche spräche, durch intellektuelle Belehrung auf diesem Gebiete hemmende Motive wachzurufen. Unbegreiflich aber erscheint mir das absprechende Urteil über die Bedeutung der Religion inbezug auf Hemmung, Ablenkung und Vergeistigung der sexuellen Triebe. Man kann doch gerade heute sowohl bei den Juden wie bei den Christen deutlich beobachten — und von da aus den historischen Rückschluß machen — wie unvergleichlich viel charaktervoller und grundsätzlicher in sexuellen Dingen der orthodox Gläubige meistens im Vergleich mit dem Religionslosen dasteht. Daß trotz aller Religion selbst in den gläubigsten Epochen die Naturtriebe immer noch ihre eigenen Wege zu finden wissen — das ist gewiß eine Tatsache. Und wer keine klare Vorstellung von der ganzen Sprödigkeit des Menschenmaterials hat, der wird natürlich solches Mißlingen nicht der Schwäche der menschlichen Natur sondern den Erziehungsmitteln der Religion zurÄhnen — er wird meinen mit Davids Vergehen die pädagogische Unwirksamkeit des Gottesglaubens und mit der Unsittlichkeit im Mittelalter (die aus den neuen ungebändigten Rassen kam), die Ohnmacht des Christentums als „hemmende Instanz" an den Tag gebracht zu haben. Dem Mangel an Kenntnis der menschlichen Natur, der in solchen Urteilen zu tage tritt, ist durch keine Argumente abzuhelfen; geheilt werden könnten solche Beurteiler nur, wenn man eine ungebändigte Menschheit einmal auf zwei Jahrtausende ihren Erziehungsmitteln anvertrauen würde. Melleicht wird die Weltgeschichte wenigstens für kurze Zeit bis zu einem gewissen Grade dies heilsame Experiment Herstellen: die Zerstörung unh Geringschätzung religiöser Einflüsse wird zweifellos zunächst noch gewalttg anwachsen — da wird man eine erschreckende Entartung sich ausbreiten sehen; Laster und Perversität werden sich nicht auf bestimmte Kreise beschränken, sondern, fessellos einherschreiten und die ehrbarsten Traditionen mit Füßen treten — so wie einst die Kaiserstochter Julia aus ihrem Palaste kam, um an der ~ Straßenprostitution teilzunehmen. Dann wird man sehen, daß der Mensch seine sogenannte Vernunft nur braucht, um tterischer als jedes Tier zu sein — wenn die menschliche Seele nicht durch die erhabene Geistigkeit der Religion von der Bedienung der Sinne abberufen und zu ihrem wahren Sein geweckt wird. Es sind in kurzer Zusammenfassung folgende Gründe, die für die fundamentale und unersetzliche Bedeutung der Religion auf sexualpädagogischem Gebiete sprechen. Und ich rede hier von der christlichen Religion, die ja auch das Reifste des Judentums in sich ausgenommen und zu höherer Entfaltung gebracht hat: 1. Die Religion dringt am ttefsten gerade in das unbewußte Leben des Menschen, wo die eigentlichen Entschlüffe geboren werden. 2. Die Religion wirkt allein wahrhaft anschaulich, sie gibt nicht bloß Ideen und

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