Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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WWW Hintangeh Wer Lmn dies alles voll begreifen, wer wagt es angesichts dieser Tatsachen in nicht geklärten Dingen ein apodiktisches Urteil abzugeben?! — Theorieen können oft noch so fest gegründet scheinen und doch falsch sein. Wir leben in einer Zeit mit scharfem kritischen Gewissen und haben so. Gelegenheit zu beobachten, wie gar manche Lehre, die uns einst fast als heiliges Gesetz vorgetragen wurde, entweder schon in die Rumpelkammer gewandert ist oder doch auf dem besten Wege ist dahin zu wandern. Ich verzeihe dir, Physikprofessor, daß du auf Newtons Gesetz der Schwerkraft schworst und daß du mir die Lehre von den Elementen als heilig und sicher predigtest. Du wußtest es ja nicht besser, schon deine Lehrer waren betrogene Betrüger und du warst noch nicht bei den Curies und bei Ramsey in .die Schule gegangen. — Wir leben in einer großen Zeit. An unserem Gürtel hängen nicht Skalps erschlagener Feinde, aber wir rühmen uns, alt- . ehrwürdigen Hypothesen den Todesstoß versetzt zu haben. Auch die alte Kant-Laplace'sche Theorie von der Entwicklung des Sonnensystems wird nun wohl den Weg alles Irdischen antreten müssen. Was bleibt dann noch von unseren kosmischen Theorieen übrig, wenn sie nicht mehr ist? Es bildet sich ein Sonnensystem aus einem ungeheuren Teil fein verteilten Stoffes, Planeten werden infolge der Wirkung der Zentrifugalkraft abgefchleudert, Monde bilden sich auf ähnliche Weise usw. Das war ja alles so einfach, so einleuchtend. Und als gar Plateau demonstrierte, daß eine in einer alkoholischen Lösung schwebende Oäkugel, sobald sie in beschleunigte Rotation gesetzt wird, Sonderkugeln abschleudert, da schwand vollends jeder Zweifel und das Weltbild war fertig. Warum vergaß man denn aber ganz, daß es auch nichtrechtsläufige Kometen gibt? Die Kant-Laplace'sche Hypothese geht einfach von der Voraussetzung aus, daß es nur rechtsläufige Weltkörper gebe. Erst aus dieser Voraussetzung jeraus konnte Laplace auf Grund von Wahr- . cheinlichkeitsüberlegungen die wichtigsten Teile einer Theorie aufbauen, und Plateau selbst meinte sein Experiment sei nur eine passende Veranschaulichung für den Fall, daß die Kant- Laplace'sche Theorie zutreffe, könne aber nicht als Beweis dafür angesehen werden. 1786 wurde die neue oaeeaniHnv eslesre so fest gegründet, daß es scheinen konnte, dem Erkenntnisgebiete sei nichts wesentlich Neues von gleicher Bedeutung mehr Vorbehalten, und erst unserer Zeit werden die Augen geöffnet über die Widersprüche, die -sich aus der Kant-Laplace'schen Theorie ergeben, und erst wir erkennen, daß selbst Kants Erklärung, die nichtrechtsläufigen Kometen seien eben fremde Gäste im Sonnensystem, doch in Wirklichkeit keine Erklärung ist. x erkennen zwar Wahrheiten, aber die Endlichkeit und Beschränktheit unserermenschlichen Vernunft hat zur Folge, daß es eine Grenze gibt, wo unser Wissen ein Ende hat. Nur das vollkommenste Sein und der Grund und Ursprung alles Seins hat in sich den lauteren Quell der Wahrheit, nicht wir. Infolge der Beschränktheit unseres Erkennens halten wir zuweilen den Schein für Wahrheit und überdies wird unser Urteil auch bei bestem Wollen mehr oder minder von Stimmungen, Neigungen und Leidenschaften beeinflußt. Wir wollen jedoch deshalb nicht die Hände in den Schoß legen und mutlos von einer Unmöglichkeit des Erkennens sprechen, sondern rüstjg vorwärts schreiten auf der Bahn der Erkenntnis. Wenn wir an der Grenze unseres Wissens angelangt uns mit schwerem Herzen dazu entschließen, mit Dubois-Reymond „ixnorabiinu»«, „wir werden es nicht wissen", oder was wohl noch richtiger ist, „ixuoramn^, „wir wissen es nicht", auszurufen, so spricht aus uns nicht die Stimme der Verzweiflung, sondern wir berühren nur das Goethe'sche Wort: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Wir wollen aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen, uns zu hüten vor den Quellen allen Irrtums, vor verkehrter Geistesbildung, vor dem Vorurteil und dem Einfluß der Neigungen und Leidenschaften. Zumeist ist es Ungeübtheit im Urteilen, im Unterscheiden und Erklären, Denkträgheit, Mangel an Aufmerksamkeit, Hang zur Zerstreuung, Ueberspanntheit der Einbildungskraft u. dgl., die ein umsichtiges Untersuchen und Erwägen verhindern. Heil uns, denen die göttliche Lehre .gegeben, und denen der Quell der Wahrheit erschlossen ward, daß wir vor Irrtum gefeit sind in den großen Menschheitsfragen. Wir wollen jedoch hier diesen Punkt außer acht lassen und nur mit erkenntnistheoretischen Gründen operieren. Wenn es gilt den Irregeleiteten zu überzeugen, dann müssen wir ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen suchen. Wir müssen ihm zeigen, wie er entweder einer einseitigen Anschauungsweise sich hingiebt und dadurch den Blick zur Beurteilung der anderen Gebiete verloren hat, oder eine durch Erziehung, Stand, Zeit- und Parteigeist eingegebene Meinung hegt, oder aus Interesse, Eigennutz u. dgl. sich eine falsche Ansicht aneignete oder Stolz und andere Leidenschaften mitsprechen läßt. (Schluß folgt.) Sexualpädagogik; Bon Professor Fr. W. Förster in Zürichs Die Redaktion dieser Zeitschrift hat mich aufgefordert, ihren Lesern auch meinen Stützpunkt in der Frage der sexuellen Pädagogik darzülegen. Ich kann dieser Einladung nicht ganz entsprechen, da ich meine Ansichten bereits in einer binnen kurzem erscheinenden Broschüre zusammengefaßt habe und mich nicht gern wiederholen möchte. Doch will ich im folgenden wenigstens in einigen kurzen Absätzen meine abweichende Haltung gegenüber manchen modernen Vorschlägen präzisieren. Und zwar möchte ich zunächst eine allgemeinere Warnung aussprechen: Da sich eine.sehr große Anzahl von Pädagogen und Aerzten übereinstimmend für eine sehr weitgehende Aufklärung ausgesprochen haben, so ist man vielfach geneigt, diese übereinstimmenden Gutachten als einen „60N86N8U8 8api6ntium" von autorativer Bedeutung anzusehen. Es muß aber doch im Interesse der Sache energisch darauf aufmerksam gemacht werden, daß fast alle die Pädagogen, die hier zu Worte gekommen sind, ihrem ganzen Berufe nach in erster Linie Jntellektpädagogen sind, deren ganze Zeit und Gedankenarbeit bisher in fast ausschließlicher Weise durch die Pädagogik des Wissens beansprucht war und die überhaupt erst anläßlich der wachsenden sexuellen Gefahr begonnen haben, sich eingehender mit den Fragen des Charakters und des ethischen Unterrichtes zu befassend) Man hat deshalb im Auge zu behalten, daß hier selbst die wunderbarste Uebereinstimmung nur eine Uebereinstimmung von Anfängern ist und alle Merkmale einer solchen an sich trägt — nämlich erstens die außerordentliche Ueberschätzung der bewahrenden Bedeutung bloßer Belehrung und verstandesmäßiger Aufklärung, zweitens die ebenso außerordentliche Unterschätzung der sexuellen Gefahren, die gerade aus der Hinlenkung des Börstellungslebens auf die sexuelle Sphäre entspringen, drittens die vielfach wahrhaft naive Loslösung *) Der obige Aufsatz, der zu einem viel diskutierten Gegenstand sehr beachtenswerte Ausführungen macht, erschien zuerst in den reichhaltigen und anregenden Münchener „Süddeutschen Monatsheften" und ist uns zum Abdruck überlasien worden. Mit dem, allerdings den Gegenstand selbst nicht berührenden, Satz des Berfasiers, daß die christliche Religion „das Reifste des Judentums in sich ausgenommen und zu höherer Entfaltung gebracht" habe) sind wir natürlich Iricht einverstanden. D. Red. l) Es ist charakteristisch, daß gerade die Heil- Pädagogen, die eine wirkliche Praxis auf dein Gebiere der Charakterpslege hinter sich. haben, in der Frage der Aufklärung sehr reserviert denken. Vgl. z. B. das Buch des Hamburger Psychiaters Schäfer über „moralischen Schwachsinn". statteten den Gottesdienst.zu einem besonders weihevollen. Vor dem.Gebet sang eine Dame mit herrlicher Sopranstimme das Halleluja von Hummel. Herr.bestieg nun die .Kanzel und hielt eine zu Herzen gehende Antrittspredigt. Zum Schluß derselben segnete er die Gemeinde, welche sich sehr zahlreich eingefunden hatte, mit dem dreifachen Priestersegen. Der Chor sang das Beethovensche Lied: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" und alle verließen in festlich gehobener Stimmung das Gotteshaus. — Also geschehen nicht in der evangelischen oder katholischen Kirche, sondern in der Synagoge in Düsseldorf. (Der bedeutendste amerikanische Brnckenbantechniker ein Jude.) Die Geschichte einer glänzenden Karriere, die vom Ghetto ihren Ausgang nahm, erzählt die Newyorker „Times". Vor ungefähr 25) Jahren verließ die Familie M o i s s i e f f das Ghetto einer russischen Stadt und kam nach Newyork. Sie chatten nicht so viel Geld bei sich, um einem „Floh ein paar Blendklappen zu kaufen" — wie der Amerikaner sagt. Ihre erste Arbeit war in einer der Schwitzbuden Arbeit zu finden um von dem Verdienst das Geld zurückzuzahlen, djas ihnen gute Freunde für die Reise vorgestreckt hatten. Leon Moissieff, ein Junge von kleiner schwächlicher Gestalt, mußte den übrigen in der Arbeit helfen. Seine Kinderhände waren den ganzen Tag beschäftigt. Mer auch Nacht um Nacht mußte er arbeiten, bis er müde entschlief) um aber ebenso rasch von seinem Arbeitgeber wachgerüttelt zu werden. Beim Morgengrauen staüd die Familie Moissieff wieder auf, um zu Scheere und Madel zu greifen. Wer Leon Moissieff war ambi- HöS. Wie so viele junge Juden verzehrte auch ihn ein unauslöschlicher Wissensdurst. Kaum war er in den englischen Sprache so weit, „Umted States“ englisch aussprechen zu können, trat er auch schon in eine Schule ein. Er fiel seiner Familie nicht zur Last, und durfte es auch nicht. Wenn er nicht mithalf verdienen, konnten sie ihm auch nicht zu essen geben. So peddelte er denn früh Morgens und svät abends nrit Schuhschnüren, verkaufte Briefpapier, führte kleinere Aufträge aus oder half die Geschäftsläden scheuern und auskehren. Auf diese Weise kam er durch die Elementarschulen. Dann trat er in das College der Newyork-Eity ein, während er zur selben Zeit seinen Unterhalt durch Stallarbeiten und Verrichtung von Laufburschendiensten deckte. Frühzeitig zeigte sich seine Vorliebe für das technische Studium. Die außerordentliche Begabung und der unermüdliche Fleiß des jungen Menschen erweckten die Aufmerksamkeit des berühmten Professors der technischen Mteilung der Columbia-Universität, Carl S. Burr. Dieser nahm sich nun seiner an, Dank dessen Jnterverktion erlangte er eine Stellung im technischen Departement der City von Newyork. Leon Moissieff war noch nicht 25 Jahre alt, als er die Pläne für die große neue. Manhattanbrücke über den East River entwarf. Mcht viel älter war er, als er die Pläne für die neue Hendrik-Hudson- Brücke fertigstellte und kaum dreißig Jahre zählte er, als ihn die Regierung mit der Untersuchung der Ursachen des Brückeneinsturzes über den St. Lawrence- Strom betraute, bei welchem Unglücksfalle viele Menschen ihr Leben einbüßten. In Fachkreisen gilt oieser äußerlich unansehnliche Ingenieur Leon Moissieff „mit dem Affengesichte", wie das Blatt bemerkt, als der bedeutendste Brückenbautechniker unserer Zeit. (Die abesiinische Legende.) Bei den Herausgebern der „Jewish Encyclopedia", Funk & Wagnalls Comp., in Newyork ist soeben die englische Uebersetzung eines interessanten abessinischen Manuskripts erschienen. Das Original des Manuskripts befindet sich im Besitze des Kaisers Meneltk, der behauptet, daß in diesem Dokument seine direkte Mstammung vom König Solomon historisch nachgewiesen sei. Das Manuskript stellt ein Fragment der'äthiopischen Chronikensammlung „Ruhm des Königs" dar und enthält die Geschichte der Königin von Saba, ihre Reise nach dem Königshof Salomon's, die Geburt ihres Sohnes und dessen spätere Reise nach Jerusalem. Die Handschrift beschreibt dann, wie die Gesetzestafeln durch die Freunde des jungen äthiopischen Prinzen gestohlen und an einen verborgenen Platz gebracht wurden, wo sie jetzt noch von den Aethiopiern verehrt würden. Die Handschrift war früher Eigentum des British Museums, und wurde im Jahre 1872 dem abessinischen Kaiser ausgefolgt. (Einfluß der Bibel auf die Kultur Englands.) Der englische Gelehrte Dr. Jucker hat jüngst ein Buch veröffentlicht, worin nachgewiesen wird, welchen Einfluß die alten und modernen Literaturen der Welt auf die Entwickelung und Ausdehnung der englischen Literatur ausgeübt haben. Interessant sind die Bemerkungen, die der Autor macht hinsichtlich der literarischen Beziehungen zwischen der Bibel und der alten und modernen Literatur Englands. „Die Hebräer", sagt er, „haben mehr als alle Literaturen zusammen unsere Nationalliteratur beeinflußt. Der großartige Stil dec Bibel, ihre eigenartigen Bilder und die schöne Form ihrer herrlichen Poesie haben von jeher den gefeiertsten englischen Schriftsteller zum nachzuahmenden Muster gedient. Wer die Werke der letzteren mit einiger Aufmerffamkeit liest, wird sicherlich viKes darin finden, was vom Geiste der hebräischen Bibel beseelt und durchhaucht ist." '