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Der Israelit · 1907-10-31 · Heft 44 (31.10.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 44 (31.10.1907)
Date
1907-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WM 'A4 v VCI 1 Vorganges durchs die hündische Analogie nicht verletzt werde. Wären wir den Tieren nicht so merkwürdig ähnlich, eine solche Verwarnung wäre ganz sinnlos. Gerade weil die Darwinschen Entdeckungen so verblüffend find, daß sich viele dadurch veranlaßt sehen, die Grenze zwischen Mensch,und Tier als eine fließende zu betrachten, wacht das Judentum sorgsam darüber, daß der Mensch in seinen tierisch-sinnlichen Verrichtungen nicht aufhöre, Mensch zu sein. * Soziale Hilfsarbeit. Es giebt so gut wie einen Geld- und Geburtsadel -auch eine geistige Aristokratie. In den Adern von Kant und Goethe hat blaues Blut geronnen, vor dem der unbetörte Menscheninstinkt immer noch mehr Respekt haben wird, als vor Patrizierrechten, die sich auf gestempeltes Papier und glänzende Wappen gründen. So gut, wie der Geburts- und Geldadel auf die Bedürfnisse der niederen Stände eingehen muß, wenn er nicht die schwersten Verwickelungen heraufbeschwören will, muß auch der geistige Aristokratismus, muß auch der sittliche Heroismus, die moralische Heldenstärke soziale Hilfsarbeit leisten. Die geistia-sittlichen Proletarier wollen nicht minder ihr Recht als die Expropriierten im Reiche des Mammon. Das ist der wahre Sinn der göttlichen Verordnung: Vor einen Blinden lege kein Strauchelwerr. Hilf ihnen hinweg über die Schlünde der ' Erde, wenn sie zu schwach sind, aus eigner Kraft darüber hinwegzukommen. Stehe nicht stolz daneben und berufe dich nie auf deinen Adel, wenn ringsum die Menschen in sittliche Not versinken. Es gehört zwar sicherlich etliche Selbstüberwindung dazu, als Weltverbesserer sich von allerhand Leuten auslachen zu lassen, aber ward dem Aristokratismus die bevorzugte Stellung wirklich nur dazu eingeräumt, daß ihn das eigne Fett überwinde und gefühllos mache für alle Wunden und Gebresten des menschlichen Daseins? * Wett und Heimat. In der jüdischen Seele wohnt der weitschweifendste Kosmopolitismus dicht neben beschränktestem Spießbürgertum. Der russische Jude sehnt sich in der amerikanischen Freiheit nach seiner russischen Heimat, nach seinem russischen Himmel, nach seinen russischen Gräbern, wo sein Großvater und seine Großmutter schlafen, obwohl er weiß, daß er zu Haus seines nackten Lebens oft nicht sicher ist. Andererseits klingt in seiner Weltanschauung, in seinen Gedanken und Gebeten, in seinen Schriften, in der jüdischen Literatur ein weltumspannender Universalismus in solch berauschenden Tönen, daß man ftagen könnte, wie Menschen, die so denken und beten, gute Patrioten sein können. Das allgemeine im besonderen) das besondere im allgemeinen — ein Charakteristikum der jüdischen Seele. * Talmudische Apologetik. Mit unnachahmlichem Humor fragt der Talmud: 'IN 'n&D'$3 lK'J'Jp U'3N ntPD '31, war denn unser Lehrer Moses etn Jäger oder Bogenschütze? Mit dieser Frage will der Talmud auf ironischem Wege die Behauptung entkräften, die Thora sei nicht von Gott. Denn wie hätte Moses das Wesen aller Tiere und Vögel kennen sollen, daß er auf Grund dessen hätte befehlen können: dies ist rein, dies ist unrein! Ein Gesetzbuch für die Dauer einer gewissen historischen Zeitspanne hätte so gut wie Lykurg und Solon ein Moses zustande bringen können. Aber das Universum in seiner innersten Wesensart mit solcher Gründlichkeit zu durchschauen, daß in trockenen Sätzen sür ewige Zeiten das Verhältnis des Menschen zu diesem Universum im allgemeinen und dessen lebendigen Bewohnern insbesondere von ihm hätte festgelegt werden können, das war auch ein Moses so wenig wie Lykurg und Solon imstande. Denn war denn unser Lehrer Moses ein Jäger oder Bogenschütze? Das ist talmudische Apologettk. R. B. Jporamus und seine Konsequenzen. Von Dr. M. Ascher in Neuchutel. Wir sind in der Wisseuschaft weit vorwärts gekommen. Viele Rätsel, die früher ftir unlösbar galten, sind gelöst, und in der Kenntnis der Natur und im Verständnis ihres Wesens sind bedeutende Fortschritte gemacht worden. Die Größe, die Stellung und das Gewicht des Neptun waren durch Rechnung schon bekannt, ehe der Planet selbst noch entdeckt war, und der Chemiker Mendeljew hat gar ein System der noch zu entdeckenden Elemente aufgestellt. In der Tat sind inzwischen einige dieser «noch zu entdeckenden Elemente" entdeckt worden und wurden genau so befunden, wie sie Mendeljew nach spezifischem Gewicht und Wahlvermögen festgelegt hatte. Und nun gar die Entdeckung der Existenz Dutzender von Strahlenarten, die ftüher für uns einen unmöglichen Begriff dargestellt hätten, oder die Lehre von den elektrischen Wellen oder der drahtlosen Telegraphie und anderem mehr! Zweifellos ist, daß man viele Dinge, die uns heute noch als „Zufall" Vorkommen, mit der Zeit als gesetzmäßige Vorgänge erkennen wird, und daß es noch'viel Neues geben wird, von dem sich unsere Schulweisheit richts träumen läßt. Verkennen wir jedoch nicht, daß wir im Grunde genommen mit jedem Tage deutlicher erkennen, wie wenig wir wissen. Ferner werden wir wohl nie im Stande sein Materie und Kraft einerseits und das Bewußtsein anderseits zu erklären. — Kraft, Leben, Licht, Wärme usw. sind Worte, von denen jedes ein Geheimnis ausdrückt. Um nur eines dieser Beispiele herauszugreifen. Zwanzig Millionen Meilen von uns entfernt finden gewalttge chemische Prozesse statt, und diese chemischen Prozesse wirken in Gestalt von Licht- und Wärmestrahlen durch den kalten Weltraum bis herab auf die Erdenkugel, lassen uns in jeder Minute ungeheure Mengen von Energie zukommen, die allein das organische Leben ermöglichen. Warum staunen wir nicht über dieses große Wunder? Sehr einfach! Wen es uns durch den alltäglichen Anblick zur Ge-, wohnheit geworden ist. — Und ist nicht auch das Wesen der magnettschen und elektrsschen Erscheinungen in ttefes Dunkel gehüllt? Die Natur ist eine Sphinx, die uns nicht leichte Rätsel zu lösen aufgibt. Wir besitzen Mikroskop und Chemie, und gleichwohl können wir nicht einmal die Natur der Befruchtung erklären. Geheimnis bleibt uns also selbst ein Akt, den Milliarden von nen, Tieren und Menschen seit Erschaffung elt vollziehen. Wir verstehen nicht einmal das Wesen einer unschuldigen „Erkältung", seitdem festgestellt worden, daß der Einfluß der Kälte nur den Boden für die Wirksamkeit der eigentlichen Ursache vorbereitet, selbst aber nicht unmittelbar krank machen kann. — Digitalis nnd und Anttpyrin, Diurettn und Atropin und vor allem Opium und Morphium vermögen viel. Doch bei einereinmal ausgebildeten Atrophia granularis cum hypertrophia cordis wird keine Kunst der Welt der Niere ihr altes Gewebe wiedergeben oder das hypertrophische Herz kleiner machen können. Niemals wird man die emphysematös geblähte Lunge zur Norm zurückführen, niemals die sklerotischen Herde bei Sklerose des Hirns nnd Rückenmarkes wieder in normales Gewebe zurückverwandeln können. Allen Respekt vor eurer Kunst, ihr Aerzte! Aber Ar heilt nicht, sondern schafft nur die Verhältnisse, welche die Bahn ftei machen für das Wirken natürlicher Ausgleichungen. Wer kann die Kraft begreifen, die diese natürlichen ohne unser Zutun sich vollziehenden Ausgleichungen besorgt? Der Verlust der einen exstirpirten Niere wird durch entsprechende Volumenzunahme der anderen funktionell gedeckt. Die drohende Stauung des Darminhalts oberhalb einer verengten Stelle des Darmlumens wird durch die rasch, innerhalb einer Woche bereits zur Entwicklung gelangende rein geistig könne das Judentum in der Zukunft be- . stehen. Wie dieses rein geistige Judentum aber in Zukunft sottexistieren könne, das hat der weise Rabbi seinen nicht alle auf gleicher gelstiger Höhe stehenden Andächtigen nicht mehr mitgeteilt. Höchstwahri scheinlich ist ihm dieses „Wie" damals noch ebenso - unklar gewesen, wie es den „andächtigen Zuhörern" rauch heute noch ist. Diese Herren betrachten das gessetzestreue, nein, überhaupt das gesamte Judentum für einen Sterbenden und gedenken ihm von der .Kanzel herab den Gnadenstoß zu versetzen. Ob sie a.uch bedenken, daß sie dann noch weit überflüssiger me rden, als sie bereits jetzt schon sind? Ein Rabbiner, der so treuherzig bekennt, daß er ja' nach der Qualität feines Publikums so, aber auch l.Mders kann, ist jedenfalls ein ehrlicher Mensch, und da 's verdient immerhin Anerkennung. Sch» Gierig ist aber dann die Lage eines solchen Rabbiner s, wenn er die Seelenmesse zelebriert, was man hier Maßkir nennt. Mit d ieser Seelenfeier ist es nämlich ein gar eigenes Din ‘8, besonders hier in Berlin. Obgleich der wrssenschaftli» ch sehr weit fortgeschrittene Jude (und welcher Jude würde sich nicht für wissenschaftlich fortgeschritten und aufgeklärt halten?) lieber auf ein Jenseits verzichtet, ehe er sich zumuten ließe, aufzuerstehen, so mag er doch keinesfalls auf die Seelenzahl der Rabbiner, ..die diese Seelenfeier abhalten, daß tot auch mausetot und noch niemand zu diesem schönen Erdenleben zurückgekehrt ist, der Kunde aus anderen Welten gebracht hatte. Für die meisten Menschen ist ja allerdings die ganze Religion eine Jensettsftage,. aber die ^elenfeier liegt für die große Mehrheit außerhalb der Religionssphäre. Sie ist eben Gefühlssache, bei der man sich unter Gesang und Predigt an seine Toten erinnern und in eine wehmütig weiche Sttmme versetzen läßt. Damit hat man sich wieder einmal für Monate hinaus mit den verlorenen Eltern, Kindern und Verwandten abgefunden, mtt denen kein Schimmer einer Hoffnung, oft nicht einmal der Wunsch des Wiedersehens mehr verbindet. „Und wenn Ihnen doch aller Glaube der Seelenfortdauer fehlt, warum gehen Sie denn zur Seelenseier?" „Weil ich an Jähheit keine Kaddisch sage und man doch auch einmal an seine Verstorbenen erinnert sein will." So die Antwott eines mäßig liberalen Berliners. In dem „erinnert sein wollen", liegt die Lösung von allen Erscheinungen im modernen Judentum; sogar der Gedächtnisschwäche sür die Toten, dem ganzen Ausfluß der Pietätlosigkeit gegen Alles Alles, besonders der Kinder gegen die Eltern. Und doch hyt ein Rabbiner im Maßkir die Eltern darauf hingewiesen, daß ihre eigene Gottvergessenheit sie bei ihren Kindern vergessen mache und sich so die unjüdische Erziehung der Jugend an ihnen wieder räche. Die Jugenderziehung wurde überhaupt als Hauptthema an den hohen Festtagen von vielen Kanzeln herab besprochen. Schade nur, daß die Hauptbeteiligten, eben die Jugend, fast gar nicht zugegen war. Das kam und kommt daher, daß diese so gut wie gar nicht bei der Plätzeverteilung berücksichtigt und so mtt Gewalt von jeglichem Gottesdienst ferngehalten wird. Und diese nicht zu beschönigende Tatsache rührt daher, daß man, abgesehen von einigen unverkäuflichen Plätzen letzter Garnitur, die an Mittellose unentgeltlich abgegeben werden, alles zu Geld macht, wo eben nur ein Mensch noch sitzen kann. In einer Synagoge des vornehmen Westens wurden Kol Nidre mehr als dreißig junge Mädchen und junge Leute von etwa 14 bis 17 .Jahren unerbittlich zurückgewiesen und Ihr Berichterstatter hötte, wie die kleine« Gruppen auf einen Vorschlag hin sich in die Restauration eines benachbarten Warenhauses, das selbstverständlich nicht geschlossen hatte, begaben. Unter solchen Umständen darf es kaum noch in Erstaunen setzen, daß am Rosch-Haschanoh und Jom- Kippuv die Lawn-Tennisplätze die beliebtesten Aiusslngspnnkte um Berlin herum kaum die Massen der feiernden jüdischen Jugend zu fassen vermochte, die Cafts, Cabarets, Theater, Restaurants gefüllt waren und der Kol Nidre stellenweise an die Sylvesternacht erinnerte, wenn man das wüste Treiben einer solchen in Abzug bringt. Es ist kaum übertrieben, wenn die Leute prophezeien, daß bei günstigem Wetter Ehre Restaurants, die Spiel-, Sport- und Reitplätze, wie ancb die Berkehrsstätten und Bergnügungsetablsssements künftig an den hohen Festtagen ihre besten Einnahmen erzielen würden. Teilweise war dies ja auch schon in diesem Jahre der Fall. Am Jom-Kippur soll beispielsweise auf dem Teich im Tiergatten kein Boot bis in die sinkende aNcht hinein auch nur auf Minute rtzunbesetzt geblieben sein — von Juden. Das Judentum mag sich vorfehen, wenn erst diese Jugend einmal erwachsen sein wird. A. S. (Eine religiöse Feier.) Die Einführung einkS.Z Geistlichen in sein Amt wurde, wie wir in einem. Blatte lesen, dieser Tage durch Absolvierung folgenden Programms feierlich begangen: Beim Eintritt Srtönte das Largo von Handel, von Orgel und Harft^ feierlich gespielt.. Die vorzüglichen Leistungen/ des Chors, der Orgel und der Harfe.gW

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