Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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nichts an. Nur wie die fromme ,^reuzzeitmrg" hen getauften Juden, den Christ gewordenen Harden noch als „jüdisch" bezeichnet und die Handlung, die die christliche Milche an ihm vollzogen hat, vollständig ignoriert, das verdient bemerkt zu werden. Sonst gilt ja den Männern der „Kreuzzeitung" die an einem Juden voll- 2ene Taufe als Freibrief für den Eintrit in! Aemter, die der Staat zu vergeben hat. Wer wenig Gewissen genug hat, seinen Glauben wie fein Hemd zu wechseln, wer gesinnungslos genug ist, um materieller Vorteile wegen in einen anoern Glauben hineinzudesertieren, der kann ordentlicher Professor an einer Universität werden, der kann die ganze militärische Laufbabn bis oben hinauf passieren, dem steht Tür und Tor offen für alle Ehrenämter. Stets hat man mit offenen Armen jene jüdischen Apostaten ausgenommen, welche ihre früheren Glaubensgenossen verleumdet und auf die Folter gebracht und in den Tod getrieben haben. Ja, die Apostaten, sie waren willkommene Mithelfer, wenn es Judenhetzen geben sollte- und in neuerer Zeit, wenn sie sich allen denen angenehm zu machen wußten, welche Freiheit und Gerechtigkeit zu unterdrücken bestrebt waren. Machten sie sich aber unbequem, dann hielt man ihnen wieder ihre Abkunft vor, dann wurde die Taufe als nicht geschehen angesehen. Harden, so wenig er den Namen verdient, ist ihnen der Jude, Stahl, alias Schlesinger, der Vater und Gründer der Kreuzzeitungspartei, ist der gute Christ. 8. 6in neologer Verdang. Wir lesen in mehreren Blättern „liberaler" Richtung folgendes: „Gelegentlich der Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden fand in Frankfurt a. M. am 12. Oktober eine vertrauliche Besprechung von Delegierten liberaler Vereine statt. Es wurde hierbei einstimmig die Gründung eines allgemeinen liberalen Verbandes zum Zwecke der Stärkung und Förderung deS freifinnigen Judentums beschlossen, und es wurde eine Kommission gewählt, welche die erforderlichen Vorbereitungen treffen und demnächst zu einer größdren Delegirrtenversarmnlung etnladen soll." Die Anregung zur Gründung dieses Vereinsbundes ist schon vor einem halben Jahre in der Allgemeinen Ztg. des Judentums gegeben worden. Bon unserem Standpunkte hätten wir alle Ursache, dem Zustandekommen dieses Projekts mit Ruhe entgegenzusehen, vielleicht aar uns dessen zu freuen. Die Vertuschungskünste, mit denen beute der krasseste religiöse Radikalismus durch die Firma „traditionelles Judentum" verdeckt zu werden pflegt, nehmen in der letzten Zeit geradezu beängstigende Formen an. Hat doch bei der Einweihungsfeier der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", der Stätte, eines Feuilleton. Berliner Silhouetten. n. Wer aus der Ueberfüllung der Synagogen und Kgen Betlokale Schlüsse aus den religiösen Geist t Berliner Judenyeit ziehen wollte, würde sicher zu dem Resultat kommen, oaß hier noch wahre n*TP D'OBt zuhause ist und die Leute ein unwiderstehliches Bedürfnis fühlen, ihre Andacht gemeinsam auszu- ÜLen. Das wäre aber eine höchst oberflächliche Abschcchung des hier herrschenden religiösen Lebens. Bedenk! man, daß in Berlin nahezu 107,000 Juden leben, worunter ungefähr 55,000 über zwanzig Jahre alte Personen und daß die sämtlichen großen Synagogen im ganzen höchstens 8000 Menschen fassen und nimmt man an, sämtliche zu Gebetstätten hergerichteten Räumlichkeiten, einschließlich der von Privaten unternommenen Vorkehrungen, eine gleiche Zahl Beter ausgenommen haben mögen, was aber tatsächlich nicht der Fall war, so wären immerhin 16,000 Menschen zum Gottesdienst gekommen. Die restierenden 39,000 erwachsenen Berliner Juden wären aber zuhause oder sonstwo geblieben. Und selbst den Fall angenommen, es wären mir 30,000, ja nur 25,000 Erwachsene am Roschtzaschanoh und Jom-Kjppur von jeglichem Synagogenbesuch ferngeblieben, — welche Rückschlüsse hätte man auf die wirklichen religiösen Verhältnisse der Juden in Berlin — soweit Synagogenbesuch dazu überhaupt taugt— zu ziehe»:? Die Entfernung von den Synagogen, in die man sonst zu gehen gewohnt ist. an der MaybaumS Geist waltet, einer der Dozenten in Anwesenheit des Kultusministers den Mut gehabt, diese Lehranstalt als eine Lehrstätte des „traditionellen" Judentums zu bezeichnen und zu feiern!! Wo sollen wir noch hingeraten, wenn die Leugnung der Offenbarung, die Zersetzung des Pentateuchs zu tausend gefälschten Lappen, der Welt als traditionelles Judentum dargestellt wird! Wie lange wirds dauern, und die gleichen Kreise nehmen auch die Bezeichnung „gesetz es - tr eu" für ihre Gesetzeshöhnung in Anspruch, um mit desto größerem Erfolge das eigene subjektive Fürwahrhalten mit der historischen Würde des alten, tausendjährigen Judentums zu umkleiden! Wenn es gegenüber diesen grandiosen Taschenspielerkünsten als ein wahres Glück anzusehen ist, daß man uns die Bezeichnung „orthodox"bis jetzt wenigstens noch nicht streitig zu machen sucht, so kann eine Klärung der Verhältnisse zu Gunsten der mit Füßen getretenen religiösen Wahrhaftigkeit erst mit dem Tage eintreten, an dem das sogenannte „liberale^ Judentum zu etwas größerem Selbstbewußtsein erwacht. Das hält schwer, weil unserer Neologie das positive Programm fehlt. Aber wenn diese Kräftigung nur insoweit gelänge, daß die „Liberalen" sich ihres Namens nicht mehr schämten und ihre tatsächliche Stellung zur Tradition auch offen zuzugeben begännen, dann wäre damit ein moralischer Fortschritt ersten Ranges erzielt. llanSglorren. (Schluß.) Sei barmherzig! Habe Angst vor dem Alleinsein. Glaube nicht, es genüge, für seine leibliche Notdurft zu sorgen, auf geistige Erhebung zu denken, solcher ‘ Egoismus entwürdigt und tötet das Leben. Gehe nie an ftemdem Elend achtlos vorüber. Drücke kein Auge zu, wenn verwahrloste Kinder, denen du die Krankheit und das Verbrechen der Eltern ansiehst, dir begegnen, weine ihnen eine Träne nach, diese Träne adelt, diese Träne verbündet dich mit dem Allgemeinen. Wenn Du so begnadet bist, ein sorgloses Leben zu führen, wenn dein Mittagstisch gedeckt, dein Schlaf ein erquickender ist, was haben die Andern, was hat die Menschheit davon? Vergiß nicht, daß tausende von Tischen rings um dich tage-, wochenlang'kahl und öde sind, daß unglückselige, arme Wesen sich die Mittel erbetteln müssen, um ein freudeloses, finsteres Dasein fortzuspmnen. Und wenn du im Begriffe bist, bei festlichen Ereignissen der höchsten Freude dein Herz zu öffnen, und die man in Anbetracht des Fahrens leicht erreichen kol»nte, muß außer Erwägung bleiben, zumal doch ein Rabbiner gaiiz unverblünit seinen andächtigen Zuhörern schon vorher versichert hatte, daß es reine „dogmatische" Sünde sei, selbst an den höchsten Festtagen zu fahren, wenn man nur die fromme Absicht habe, mit der Gemeinde sein Gebet zu verrichten und das Worr Gottes verkünden zu hören. Aber abgesehen davon, kanrk nicht geleugnet werden, daß der immer mehr sich fühlbar machende Mangel an Synagogen viele Juden von den Andachtstätten fernhält. Es muß daher umso mehr anerkannt werden, daß die hiesige Mission in entgegenkommendster Weise diesem Marigel dadurch abzuhelfen bemüht war, daß sie auf Kol Nidre und Jom-Kippur einen besonderen Gottesdienst für Juden einrichtete, der nach Angabe eines Teilnehmers überaus starck besucht tvar, besonders von jnngen Leuten beiderlei Geschlechts. Wie dieser durchaus glaubwürdige Zeuge weiterhin mitteilt, sollen sich dabei ebenso empörende wie die Juden beschämende Szenen zngetragen haben. Ein Redner erklärte den jugendlichen Zuhörern die Bedeutung des Jom-Kippur wie es noch me dagewesen sein soll. Und das jungjüdische Auditorium applaudierte mit stürmischem Händeklatschen. Dem Vortragenden kam es nicht im Entferntesten in den Sinn, etwa eine religiöse Stimmung zu erwecken, denn dazu kannte er sein Publikum zu gut. Das Ganze lief auf eine Verhöhnung des Judentums hinaus, und „dazu applaudierte der jungjüdische Pöbel aus allen Gesellschaftsschichten Berlins", schrieb der Gewährsmann Ihres Berichterstatters, der noch inrrner an eine Mystifikation hätte glauben mögen, wenn nicht auch bereits von einem hiesigen jüdischen Blatt der Tatbestand festgestellt »vorden wäre. dann schrecke die SpukgestaltenJMt zurück, die fie dir dämpfen wollen, sondern eile ihnen entgegen und beglücke sie, wie und womit du kannst. Denke nie, ou seiest auf dich selbst gestellt, du bedürfest der andern nicht. Was wäre der Mensch ohne die andern? Ein verlassenes Geschöpf ohne Ziel und Zweck. Ein blinder Maulwurf, ein träg dahinschleichender Würm. Du kannst das Elend nicht aus der Welt verbannen, kannst Schlaflosen keinen Schlaf, kannst den Hungrigen kein Brot, kannst den Nackten keine Kleidung schaffen? Aber wenn du nur denkst an sie, dich eins weißt mit ihrem Leid und ihrer nach eiüem FreundeSblick darbenden Leere, so hast du das deiniae getan, wenn du selbst ein verlassener Bettler bist. Ziehe keinen Kordon rings um dich und dein Haus, ein großer Garten sei dir die Erde, in welchem Geschwister Arm in Arm durch Blumenbeete wandeln. Sei barmherzig! * Traum und Wirklichkeit. Ein schöner Traum ist besser als ein gedankenloses Wachen. Wenn unsere Volk wieder anfängt, an seine Heimat zu denken, von eigenem Boden, von einer väterlichen Scholle zu träumen, so ist das gewiß besser und sittlicher, als wenn es in gedankenloser Arbeit sich selbst vernichtet, indem es sich mit seiner Vergangenheit durch treulose Charakterverderbnis dem Untergänge weiht. Aber vergesse man doch nicht, daß diese Scholle nie unser war, daß die religiöse Pflicht, sie durch Chodosch, Orloh u. s. w. dem Eigner des Alls zu weihen, keine blinde Gewohnheit, sondern eine nationale Tat gewesen, die aus einem lebendigen Bewußtsein absoluter Gotteshörigkeit erquoll, daß, wer die Vergangenheit nicht preisgeben will, auch verpflichtet ist, über ihre Gepflogenheiten und ihren geistig-sittlichen Habitus zu wachen und sie der Zukunft zu vererbendann wird aus dem schönen Traum ein eben solch schönes Erwachen werden. Anders nicht. * Mensch und Tier. rmy*? Vids □•now non pwa ^ainn. So heißt es im Traktat Kiduschin. Wer auf der Straße ißt, gleicht dem Hundemanche erklären ihn für unwürdig, Zeugenschaft abzulegen. Raschi erläutert: 11122 TSpö il'ttl TKin. Weil er nicht auf seine Ehre achtet. So hoch steht der Mensch über dem Hunde, daß er nicht einmal in einer solchen Privatsache, wie Essen, einen Augenblick vergessen soll, daß er Mensch sei. Und dann gerade erst recht nicht. Denn weil der Mensch bezüglich des Essens ^ine ähnlich funktionierende Maschine wie der Hund ist, rtmß er darauf achten, daß die äußere Würdigkeit dieses Doch lassen Sie uns wieder in eine regelrechte Synagoge zurückkehren und ein wenig den verschiedenen Predigern zuhören, zumal von den Kantoren nur wenig zu sagen ist und mancher Bal Tokea schon bei der Teruo so gründlich stecken blieb, daß er überhaupt nicht mehr gehört wurde. Also, wie erwähnt, hatte ein Prediger es nicht für unerlaubt erklärt, zu fahren, wenn man sich nur zum Zwecke der Erbauung in die Straßenbahn setze. Ueber die Qualität der Predigt selberhatte ei»» andrer Rabbi sich-ebenfalls am Rosch Haschonoh ausgesprochen. Der Mann mag keine Nörgler «leiden und sagte u. a., die andächtigen Zuhörer sollten doch nicht an die Form sich soviel halten, den Stil bemäkeln, oder den Aufbau kritisieren. So etwas gehöre sich nicht, man sollte den Kern, den Inhalt in sich aufnehmen, statt Satzbau, Darstellung (vielleicht auch die Grammatik, unter die Lupe nehmen. Wie muß der Mann sich seiner Rhetorik und Sprachreinheit sicher fühlen! Und doch hatte er Recht. Warum? bitte, hören Sie ihm selber zu. Eigentlich hätte er vor Beginn seiner Rede sagen sollen: „Schwarzseher dulde ich hier nicht, und Kritiker mögen den Staub von ihren Beinkleidern schütteln" usw. Da hatte es ein Kollege — beinahe hätte Ihr Berichterstatter Konkurrent geschrieben derm doch viel besser angefangen.. Der sehr offenherzige, weil auch noch sehr junge Rabbiner bekannte freimütig, daß er h e u t e, d. h. am Rosch-Haschanoh, so etwas wie in die Oeffentlichkeit geflüchtet sei. An gewöhnlichen Sabbat- oder Feiertagen habe er nicht das Publikum vor sich, wie heute, mit dem er so frei sprechen könnte. Des Pudels Kern war, daß alle „Zeremonien" ohne Gefahr für das Judentum abgeschafft werden könnten. Die Zeit des Wunderergo Aberglaubens, sei ein für allemal vorüber und nur.