Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1907)
- Date
- 1907-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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er Israelit Eis Centralorjan fSrdas irtlednt Jilesfu IvfrMef m Iflcknii h fflanz 48. Jahrgang. Vrc,„hS,iri m m anM 51.0hfoberl9Q7. Sranhfurf a. Bl., Sen nTardieIdiman5668. Der JSraelit erscheint jedm Donnerstag. ' Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vierteljährlich» HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise str' die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub.» England 2 sh.» Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition. HestauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennige für die sechsgespaltene Eolonel-Zeile; Rabatt «ach Tarif. Jvseratenauna^ne nur -dnrch Hänfenste Ln tr.D»r^ev ßb-U. far der «. q. HMparkaffe Wie» Ro. 7»«SS. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto bei der Rigaer Commerzvank in Riga Conto bei dem K. Postsparkastenamt Budapest Ro. 18424. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialystok, Reval und Lodz Religiöse Lrünäer. Das französische Judentum, das Jahrzehnte hindurch von seinem religiösen Leben die Welt wenig oder gar nichts wissen ließ, hat seit einiger Zeit sich wieder auf seine religionsschöpserischen Fähigkeiten besonnen. Die Aktion des letzten Verbandstages der französischen Rabbiner, wodurch 822 und abgeschafft und durch eine „auflösende Klausel" der ro’iro ersetzt wurden, ist wohl allgemein bekannt. Nun tritt in der Seinestadt ein nicht minder grandioses Unternehmen reformatorischen Charakters auf den Plan, das seine Begründung zwar nur einem einzelnen Rabbiner und einer kleinen Gruppe in der Pariser Gemeinde verdankt, mit um so größerem Lärm aber von seinem Dasein Kunde giebt und von dem Heil, das es dem Judentum bringen werde. Es handelt sich um eine „Sonntagsgemeinde" ) doch ist damit die neue Institution nicht ausreichend charakterisiert, und es ist nötig zu sagen, was der geistliche Leiter, Rabbiner Louis Lövy, einem Preßvertreter über die Naturgeschichte seiner Koitzregation im einzelnen mitgeteilt hat. Herr Levy ist, nebenbei bemerkt, jener Rabbiner, der vor einigen Jahren auf einem interkonfessionellen Religionskongreß durch die Weitherzigkeit seiner Anschauungen liberal-christliche Kreise mit Bewunderung erfüllte. Hören wir, wie er seinen nunmehrigen Wirkungskreis äuszugestalten gedenkt: „Wir -werden am Sonntag einen feierlichen Gottesdienst abhalten, weil unter den heutigen Verhältnissen dies der einzige Tag ist, an dem jedermann frei hat. Aber wir-wollen deswegen nicht den .Gottesdienst am Frei ag abend und Samstag morgen abschaffen. Die Feste werden nur einen Tag gefeiert werden. Das heißt am Sukkoth werden wir den ersten Tag als Sukkoth und den achten als Schmini Azereth halten. Am Versöhnungstage werden zwei Gottesdienste stattfinden: der eine von 11 Uhr bis Mittag, der andere von fünf bis sechs nachmittags. Der Sonntagsgottesdienst wird tradittonelle hebräische Gesänge umfassen, die von einem aus Männern und Frauen bestehenden Chor vorgetragen werden - die Gebete sollen von einem Rabbiner vorgeleseu werden. Die Wochensidrah wird nur zum Teil verlesen; die vollständige Absolvierung der Thora wird sich so auf mehrere Jahre erstrecken. Jeden Sonntag predigt entweder der Rabbiner oder ein Laienmitglied der Gemeinde. Um ihren liberalen Geist zu beweisen, beabsichtigt die Gemeinde,sogar Geistliche anderer Konfessionen zu Gastpredigten einzuladen. Nur der Rabbiner wird ein Tallith tragen. Männer und Frauen sitzen zusammenler unbedeckten Hauptes. unterricht wird den Kindern zweimal wöchentlich erteilt. Sie werden in Hebräisch, Religionslehre, und über den Ursprung und den Zweck religiöser Handlungen unterrichtet. Die Beschneidung wird fakultativ sein. Der Rabbiner wird Mischehen einsegnen, unter der Bedingung, daß die nichtjüdislhe Partei zum Judentum übertreten wird. (Wenn der Bräutigam Jude wird, braucht er nicht die Beschneidung an sich vollziehen zu lassen.) Es wird nur eine Klasse von Trauungen geben und nur eine Taxe für dieselben. DieKnaben werden zu 14 Jahren Barmizwoh, nachdem sie vor einem Komitee eine Prüfung bestanden haben. Nach einem Leichenbegängnis und am Jahrzeitstage wird Gottesdienst abgehalten. Das hebräische Kaddisch und die Mehrzahl der wichtigen Gebete, das Sch'ma, die Schmone Esre, werden beibehalten werden." Dies das Programm der Pariser Sonntags-- gemeinde, die wie die Berliner Schwesterinstitution von vielen jüdischen Blättern im Gegensatz zu den anderen Synagogengemeinschaften als „Reformgemeinde" bezeichnet wird, als ob die landläufige mit Orgelsynagoge u. dgl. versehene Gemeinde diese Bezeichnung nicht ebenfalls verdiente. Das Programm entbehrt nicht des Humors. Denn daß die Laien in der Synagoge Predigten halten, das ist zwar an und für sich gar nicht einmal so unjüdisch, wird aber doch in diesem Zusammenhang von. niemand ohne herzliche Heiterkeit ge.lesen werden. Hoffentlich führen die Herren auch bald freie Diskussion ein. Wie eine Meldung aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, aus Amerika, klingt es aber, wenn wir hören, daß auch Geistliche anderer Glaubensbekenntnisse den Mitgliedern der Gemeinde die Lehren ihrer Religion in der Synagoge vortragen sollen. Das Gebot der Beschneidung und das Verbot der Mischehe würde sich in diesem Kreise allerdings sehr antiquiert ausnehmendas sieht jeder ein. Rätselhaft ist nur, weshalb Herr Levy die Knaben erst mit 14 Jahren will Barmizwoh werden lassen. Ob sie zu 13 oder zu 14 Jahren trotz des Bewußtseins ihrer religiösen Großjährigkeit als getreue Schüler ihres Rabbiners das Thoragesetz zu übertteten anfangen, das ist für diesen doch wohl ziemlich gleichgiltig. Schließlich verdient bemerkt zu werden, daß Rabbiner Levy die Gründung seiner Gemeinde als eine Notwendigkeit betrachtet, weil sie berufen sei, dem Niedergang des Judentums in den letzten 30 Jahren zu steuern. Wir müssen, so meinte er, uns selbst in Einklang bringen mit den neuen Forderungen des Lebens und mit dem modernen Bewußtsein, wenn wi« Hem Abfall ein Eyhemachen wollen. Diese Argumentatton kommt in die" Mode. Herr Lovy könnte sie. vom badischen Oberrat gelernt haben. Der Pra?ef?" fflolfhe - Barden und Sie „Hreu??eifung“. Mit der Ueberschrift, die wir den folgenden ^Bemerkungen vorangesetzt haben, ist zugleich die ^Fräge/ die'erwartet werden kann: „was hat der Prozeß'Moltke-Harden in einem jüdischen Blatte zu tun?" beantwortet. Nicht mit dem Prozeß an sich, wohl aber mit den Aeußerüngen, . die er bei den Männern der „Kreuzztg." ausgelöst hat, haben wir uns zu beschäftigen. Die „Kreuzzeitung" behauptet, sie habe viele Zuschriften enthalten, die große Entrüstung ausdrücken über den „jüdischen Denunzianten und seinen jüdischen Verteidiger." Sprechen wir von dem Verteidiger zuerst. Was^Äller^ Welt hat denn das Amt eines Verteidigers mit seinem jüdischen Bekenntnis oder seiner Zugehörigkeit zum Judentum zu tun? Ein Verteidiger hat seinen Auftraggeber zu verteidigen und hat alle gesetzlichen Mittel und alle seine Geschicklichkeit anzuwenden, um den Angeklagten zu entlasten. Das ist seine Pflicht, und wenn er es nicht tut, verletzt er sie, ob er Jude oder Christ ist. Es mag ja mancher die Empfindung haben, daß der Verteidiger zu scharfe Worte gebraucht hat. Hat er aber die erlaubten Grenzen überschritten? Es scheint doch nicht, denn sonst hätte der Vorsitzende, den man doch nicht Jude nennen kann, ihn in seine Grenzen zurückgewiesen. Der „Kreuzzeitung" paßt es aber sehr in ihren Kram, ein wenig in Antisemitismus - zu machen, die Gelegenheit ist zu günstig, um sie ungenutzt sich entgehen zu lassen. Nun zum „jüdischen Denunzianten." Wir haben, offen gestanden, durchaus keine Sympathie für Harden- und daß er Apostat ist, macht ihn uns nicht angenehmer, im Gegenteil. Wir wollen auch nicht untersuchen, was es mit dem Denunziantentum auf sich hat, schließlich könnte man ja jeden Redakteur, der eine Eiterbeule aüfsticht, einen Denunzianten nennen. Aber das Acht uns hier