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Der Israelit · 1907-10-24 · Heft 43 (24.10.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 43 (24.10.1907)
Date
1907-10-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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34. Oktober 1907. Der Israelit. Ro. 43. Sette 1V. — könnten wir g-roßartigere Proben' dessen leisten, dessen wir fähig sind? Könnten wir besser erweisen, wie schwer uns des Königs Wille wiegt, als daß wir uns entschließen, die höchste religiöse Pflicht, die wir kennen, wenn es sein mu ß, hintanzusetzen, wenn das Vaterland ruft? Und doch, wer anders eher als der Staat, wer anders eher als der oberste Feldherr müßte anerkennen, daß höher als alle Pflichten gegen' Menschen, dem Ästenschen die Pflichten stehen müssen gegen Gott. Auf welche Treue und Gewissenhaftigkeit könnte der Kriegsherr sicherer bauen, als auf die, die geschult ist im Gottesbewußtsein, im Bewußtsein vom unsichtbaren und doch schauenden Einen, der Herz und Nieren prüft? Und wenn Er, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der König aller Könige uns gebietet, am siebenten Tage sollst Du ruhen, sollst durch Deine Rast die Schöpfertätigkeit Deines Gottes beweisen, die Herrschaft des Lenkers aller Menschengeschichte, des Richters aller Fürsten und Völker — — dann sollte es uns zur Ehre gereichen, dann sollte es uns Vertrauen in den Äugen der Nationen erwerben, wenn wir freiwillig hingingen, um ein Recht zu betteln, an dessen Erlangung unumgänglich die Verletzung des heiligsten GebotesderBibel geknüpft ist; der Heiligung des Sabbaths? Kann wohl Verrat an den idealsten Gütern des eigenen Stammes eine wirksame Fürsprache sein? ftllel der Heitere und seine Zeit. Unter den schwierigsten Verhältnissen war Hillel der Naszi von Israel geworden. Das große Sanhedrill bestand nicht und das ganze Volk seufzte unter dem eisernen Joch des Jdumäers Herodes. Dieser hatte seit einigen Jahren die Königskrone inne, die er sich in Rom durch Bestechung und sclavische Unterwürfigkeit verschafft hatte und benützte seine Macht zu den grausamsten Erpressungen und Verfolgungen seiner jüdischen Untertanen. Seine Umgebung bestand aus einem Troß römischer und griechischer Höflinge, gewissen- und charakterlosen Kreaturen, die der Prunk seines Hofes angelockt hatte, und diese waren seine Ratgeber und Vollstrecker seiner unnrenschlichen Befehle. Auch sein Lebensbild hat Halewy mit bekanntem Scharfblick und seiner gründlichen Behandlung der Quellen in überzeugender Klarheit gezeichnet, sodaß wir einen Einblick in das Seelenleben des großen Würgers gewinnen, der auf der einen Seite die Fremden an seinem Hofe und in Judäa und selbst die senlsteu griechischen Städte verschwenderisch beschenkte, aus der anderen Seite seine jüdischen Untertanen in der unmenschlichsten Weise auspreßte und dem Ruin entgegenführte. Es ist uns in.den Quellen ein Citat aus -er Rede der jüdischen Gesandtschaft erhalten geblieben, die nach dem Tode des Herodes, als dessen Sohn Archelaos in den Fußtapfen des Vaters ging, den römischen Kaiser um Aufhebung der Herodianischen Dynastie anflehte, und dieses Citat läßt uns mit Schaudern erkennen, welche Leiden Herodes dem Volke brachte, zu dessen König er eingesetzt war. Daselbst heißt es: dem Namen nach sei Herodes wohl König der Juden gewesen, in der Tat aber habe er die ärgste Tyrannei ausgeübt, vieles zum Verderben der Juden ersonnen und sich nicht gescheut, eine Menge willkürlich erdachter Neuerungen einzuführen. Eine große Anzahl Menschen habe er, was in früheren Zeiten niemals geschehen sei, auf verschiedene Art aus dem Wege geräumt. Diejenigen aber, welche er am Leben gelassen, seien noch viel unglücklicher, einmal wegen der Angst, die sein blutdürstiges Wesen ihnen eingeflößt habe, dann aber auch wegen der beständigen Besorgnis, ihr Vermögen zu. verlieren. Die benachbarten, von Ausländern bewohnten -Städte habe er verschönert, um die in seinem Eigenen Reiche gelegenen durch Steuern zu erschöpfen und zu Grunde zu richten. Das Volk, das bei seinem Regierungsantritt sich noch eines besonderen Wohlstandes erfreut habe, hat er völlig verarmen, die Vornehmen um der geringfügigsten Ursache willen töten und ihr Vermögen einziehen lassen, und diejenigen, denen er wenigstens noch das Leben geschenkt, seien von ihm um Hab und Gut gebracht worden. Außerdem, daß er die dem einzelnen auferlegten jährlichen Abgaben aufs strengste eingetrieben habe, sei man auch noch genötigt gewesen, ihm selbst, seinen Verwandten und Freunden sowie den Steuereinnehmern reiche Geschenke zu geben, weil man sich der Plackereien nur mit Aufopferung von Silber und Gold habe erwehren können.Kurz sie seien von Herodes so mißhandelt worden, daß ein wildes Tier ihnen wohl keine schlimmeren Unbilden hätte antun können, wenn^es zur Herrschaft über sie gelangt wäre. Zwar sei ihr Volk auch schon früher von schweren Unglücksfällen heimgesucht und zu Auswanderungen gezwungen worden, aber es komme doch in der Geschichte kein Beispiel einer Drangsal vor, die mit dem gegenwärtigen Elend, welches Herodes heraufbeschworen, verglichen werden könne. — Soweit der Bericht der jüdischen Gesandtschaft in öffentlicher Versammlung vor dem römischen Kaiser, in Gegenwart auch der Freunde des Herodes, vor allem des Nikolaus von Damaskus, des ränkevollen Kanzlers des Herodes. Mit Schaudern erkennen wir die entsetzliche Lage der Juden Palästinas, sehen wie Herodes nur Griechen und Grichentum fördert und zu heben sucht, die jüdische Bevölkerung des Landes aber aussaugt und mit kühler Berechnung dem Untergang zuzuführen bestrebt ist. Denn sein Plan war, mit jüdischem Gelde in Borderasien ein mächtiges Griechenreich zu gründen, Jerusalem sollte entthront werden und an seine Stelle das von ihm mit verschwenderischer Kraft ausgestaltete Caesarea am mittelländischen Meere treten. Wie Halewy zeigt, war die Erneuerung des Tempels, die Herodes ausführen ließ, nur ein Mittel, um den Argwohn des römischen Kaisers abzulenken, der aber Herodes durchschaute und ihm rechtzeitig in den Arm fiel. — So lagen die Verhältnisse im heiligen Lande, als an jenem denkwürdigen Borbereitungstage zum Pessachfeste dem Babylonier Hillel das Naßiamt übertragen wurde In jener unheilvollen Zeit sprach Hillel das mahnende Wort aus: Wenn nicht jetzt, wann dann! Hillel erkannte, daß nicht länger gesäumt werden durfte, an die Sichtung und Ordnung der Tradition, die sich an den Urtext der Mischna an schloß, heranzutreten. Wohl stand die Formulierung der Tradition schon seit den ersten Zeiten der Männer der großen Synode wörtlich fest und waren als Kern der Mischna unverändert überliefert worden. Die Erklärung dieser Grundsätze der Tradition aber war noch nicht in bestimmten einheitlichen Formen gefaßt, und in den Berfolgungszeiten seit Antigonos von Socho bis zu Hillel waren vielfache Divergenzen in der Kommentierung der Urmischna entstanden, die nur durch ein Zusammenfassen aller geistigen Kräfte, die gemeinsame Arbeit aller Träger der Tradition gesichtet, geprüft und zur allgemein gültigen Halacha gesiihrt werden konnten. Das ist, wie Halewy nachweist, das gewaltige Werk des Zeitalters der Tannaim, mit Schamai und Hillel beginnend und durch Rabbi Jehuda Hanaßi seinen Abschluß findend. So verstehen wir, daß an die deutlich sich ab hebenden Sätze der Urmischna sich die Kontroverse von Beth Schamai und Beth Hillel anschließt, sehr häufig nur ein einzelnes Wort des Urtextes kommentierend und kaum je über einen Grundsatz der Tradition selbst divergierend, sondern immer nur über die Ausdehnung und Anwendung des betreffenden Lehrsatzes der Urmischna anseinandergehend. Ferner zeigt Halewy, wie es sich in diesen beiden parallelen Strömen der Erklärung des Urtextes in den weitaus meisten Fällen nur um dieFeststellnng der Sejagim (der Zäune) handelt, mit denen die Lehrer Israels das Thoragebot vor Uebertretung schützten, daß Schamai und seine Schule eine weitere Ausdehnung dieser vorbeugenden Bestimmungen empfangen hatte, als die Hillels von ihren Lehrern. Beide Schulen aber betrachteten als chre Lebensaufgabe, die Lehre, die Mosche auf dem Sinai empfangen, unversehrt der Gemeinde Jakobs zu erhalten urü> darum hat ihr selbstloser, edler Streit nur segensreiche Folgen gehabt. Im Zeitalter Hilles begegnen wir einer völlig neuen Erscheinung auf dem Gebiete des Thorastudiums. Während wir bis dahin immer nur ein Lehrhaus in Jerusalem als geistigen Mittelpunkt der ganzen Nation finden und noch Schemaja und Abfalion, wie wir gesehen haben, gemeinsam als Naßi und Ab Beth die an derselben Stätte wirkten, bestehen in Hilles Zeit plötzlich zwei Lehrhäuser in voller Blüte nebeneinander, Beth Schamai und Beth Hillel. In beiden Schulen war der allgemein bekannte und feststehende Mischnatext, die Lehrsätze der Tradition enthaltend, die Grundlage des Studiums und das Ziel, das sich beide Schulen gesetzt hatten, die Erläuterung und Anwendung der Urmischna in feste Formen zu fassen. Denn nur weil dies bis dahin seit Antigonos Zeit nicht möglich gewesen, waren in der ebenfalls traditionellen Erklärung der Urmischna eine Reihe von Divergenzen entstanden. Es handelt sich dabei häufig nur um die Interpretierung eines einzelnen Ausdruckes, ohne Einfluß auf den Grundgedanken des betreffenden Lehrsatzes, in den weitaus meisten Fällen nicht um die Thoragesetze selbst, sondern um die Anwendung der bereits von den Männern der großen Synode abgeschlossenen rabbinifchen Tekanoth,' in der Schule Schamais wurde hierbei zumeist die erschwerende, in der Hillels die erleichternde Tradition gelehrt. In unserer Mischna sehen wir, wie die Lehrsätze der beidm Schulen sich an den Urtext anschließen und bemerken dabei die auffallende Tatsache, daß fast ausnahmslos die Schule Schamais immer vor Beth Hillel genannt wird, obschon bekanntlich. Hillel der Naßi und Schamai der Ab Beth Mn war. Auch in dieser bedeutungsvollen Frage hat uns Halewy den richtigen Weg gezeigt. Als Hillel von den Bene'i Bethera das" Naßiamt erhielt, da bestand bereits die Schule Schamais, denn die Benei Bethera verwalteten wohl provisorisch das Amt, das bis dahin die Vorsitzenden' des obersten Gerichtshofes inne gehabt hatten, die Pflege der Thora aber retteten die dazu Berufenen ins Lehrhaus, und da hatten sich um den bewährten, unerschrockenen Schamai die Tausenden derer geschart, die unter den unglücklichsten politischen Umwälzungen dem Gesetzesstudium die opferfreudige Treue bewahrt hatten. Schamai hatte bereits jenem Gerichtshöfe angehört, den fünfzehn Jahre vor Hilles Ankunft Hyrkan einberusen, um den des Mordes angeklagten Herodes, der als Statthalter von Galiläa den Freischarenführer Chiskia mit seinem Anhänge niedergemacht hatte, zur Rechenschaft zu ziehen. Herodes war aber nicht wie ein Angeklagter, sondern im Purpurmantel, von seiner bewaffnetst Leibwache umgeben, vor dem Gerichtshöfe erschienen. Bei diesem Anblicke erschraken alle diejenigen, welche gekommen waren, vor dem Gerichtshöfe die Anklage des Mordes gegen Herodes zu erheben, die Verwandten und Annehmer der Erschlagenen, und im ganzen Hause herrschte Schweigen. Da erhob sich der fromme, aufrichtige Schamai, der keine Menschenfurcht kannte, und wies mit erschütternden Worten den König Hyrkan, der zugegen war, und die Richter zurecht, daß sie eine solch beschämende Situation zuließen und die eingeschüchterten Ankläger nicht ermunterten, ihre Sache vorzubringen. Wenn ihr jetzt Herodes verschont, sprach er zu ihnen, wiw er einst alle diejenigen, die ihm in dieser Gerichtssitzung das Leben erhalten haben, eines gewaüsamen Todes sterben lassen, — Worte, die buchstäblich in Erfüllung gingen. Das Verfahren gegen Herodes begann, doch als Hyrkan sah, daß dasselbe zur Verurteilung des Angeklagten führen würde, ließ er die Sitzung vertagen und verhalf aus Furcht vor dem römischen Statthalter in i -'S

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