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Der Israelit · 1907-10-24 · Heft 43 (24.10.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 43 (24.10.1907)
Date
1907-10-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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«Feite 18. Nr. 43. Der JSraeltt. Bewertung auch ein Hauptmoment dabei ist. Ein anderer wesentlicher Faktor bleibt das das ganze jüdische Leben beherrschende Recht oder wie wir meinten, die Pflicht zur Bildung. Das ideale Streben ist es, das eint. Es kommt in solchen Versammlungen, die zwecks gemeinsamen Thaurohstudiums veranstaltet werden, die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß das ganze äußere Leben etwas Untergeordnetes ist. Die Arbeit ist nicht die Hauptsache und die durch sie erzielte äußere Lebensgestaltung ist das Lebensziel nicht. Der Jude verliert das sittliche Ziel nicht aus dem Auge. Thauro bleibt ihm der vornehmste Zweck seines Daseins, „Derech Erez" soll ihn nur den Weg dorthin führen. Auf dem geistigen Gebiete bestimmen materielle Werte den Vorrang nicht, auf dem sittlichen ordnet sich gern und aus sich heraus das Geringere dem Erhabnen und der Kleinere dem Größern unter. Drum ist in solchem Kreise der wirtschaftliche und soziale Kampf unbekannt. Das Streben und das Denken gilt Höherm, Dauerndem, das von kleinlichen vergänglichen Fragen des Jntereffes und der Eitelkeit unberührt bleibt. Wie sehr einem solchen jüdischen Arbeiter aber auch der Erfolg der Arbeit nicht das Hauptziel ist, so weiß er sich doch verpflichtet, für sich und seine Familie eine Lebensgestaltung zu gewinnen, die auskömmlich ist und, wenn möglich, ihn zur materiellen Höhe bringt. Der Jude soll keineswegs als Sclave durchs Leben gehen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man als Vollzieher einer sittlichen Pflicht den Erwerb sucht oder ob man äußerer Zwecke wegen „weiter kommen" möchte. Das Ziel und das Motiv bilden die durchaus verschiedenen Formen der „Geschäftsprinzipien". Dieser jüdische Arbeiter nimmt aus den gezeichneten Prinzipien heraus auch seine Pflicht recht ernst. Hat er einmal seine Kraft einem Arbeitgeber vermietet, dann hat er dieselbe auch stets zur Verfügung zu halten, dann gilt für ihn u. a. das Gesetz (Sch. Or. Choschen Mischpot 337 ,g): der Arbeiter darf nicht bei Nacht arbeiten, wenn er bei Tag in Diensten steht, er darf nicht hungern und sich nicht die Nahrung entziehen, um sie seinen Kindern zu geben, weil dadurch seine Leistungsfähigkeit verringert wird - er schwächt sich und kann infolgedessen die Arbeit des Arbeitgebers nicht mit voller Kraft leisten. Nebenbei beachten wir: der Gesetzgeber braucht den jüdischen Arbeiter nicht zu warnen, seine Barschaft nicht zu vertrinken, zu verspielen, die Nächte nicht in äuloi judilo zu vertändeln. Er warnt ihn nur unter Hinweis auf seine Pflicht, die Nächte nicht zu durchwachen, — um, wenn sein Einkommen nicht ausreicht, auch die Nächte nicht zum Tag zu machen — im Dienste der hungernden Familie/ warnt ihn unter Hinweis auf seine Pflicht als Arbeitsnehmer, sich nichts am Munde abzusparen, — um es den nach Brot verlangenden Kindern zu reichen,' warnt ihn unter l Hinweis auf die nicht ihm gehörige Zeit, nicht zu lange bei inbrünstigem Gebet vor seinem Gott zu stehenbeti vierten Segensspruch des Tischgebetes braucht er z. B. nicht zu sprechen, des Tischgebetes, in dem der Aermste für sein Stückchen Brot, das ihm geworden, seinem Schöpfer innig dankbar ist.- Seht eine Welt des Ernstes und des Innenlebens, des geistigen Strebens und erhabener Sittlichkeit, der Strenge und der Pflichttreue. In solcher Welt gibt es keine Fragen, da sind sie längst gelöst, da lebt vorbildlich, doch still, eine soziale Welt unter all den Bedingungen und Voraussetzungen eines lebendig gewordenen Jdea- «lismus, den eine Kulturwelt heute noch nicht zu "ahnen vermag. Im Pflichtenleben besteht kein Kampf um Rechte. Möchten die Menschheitsklassen erst ihre Pflichten erkennen, dann brauchen sie ihre Rechte nicht erst zu fordern,' sie bringen sie sich entgegen. Jiidtecbe Offiziere? Es ist traurig, wenn Juden überhaupt durch äußeres Gepränge sich fesseln lassen. Beweist doch die Lebenskraft des jüdischen Volkes, daß nicht „in Kraft und nicht in Macht" das Lebensechter zu finden ist. Das ist ein Gedanke, den die Geschichte des jüdischen Volkes tausendfach illustriert. Seit dem Tage, da unser Ahnherr Awrohom als einziger seiner Zeit berufen ward, den Mächtigsten, von ihnen weichend, zu trotzen, um das Recht in die Welt einzuführen, in Recht vorbildlich ihr voranzuleuchten bis hin zu unserer Zeit, in denen wir, vereinzelt, zerstreut unter den Völkern rechtlos leben, seit diesem Tage baute sich unser Dasein nicht auf Macht und materielle Stärke auf. So haben wir auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die Erscheinungen nicht allzu hoch zu bewerten, die mit Geräusch und kinde Wunderdinge von den Herrlichkeiten der Großstädte, die sie schon gesehen, von Vergnügungen, die Rosa kaum dem Namen nach kannte. „Aber hier in G. ist es auch schön", meinte die vielgewanderte Dina gönnerhaft, „es sind viel feine Herren hier. Sie kennen ja viele, Rosaich wollte es käme zu uns auch so oft Besuch." Rosa lachte die Freundin aus. „Was ich davon habe, wenn die zur Frau Rechtsanwalt kommendie sehen mich doch nicht an." „Na, was meinen Sie wohl. Neulich fragte mich Herr Stein, wissen Sie, der Hübsche, Blonde, nach Ihnen- Sie hätten ihm ein paarmal die Türe aufgemachtaber Sie wären so schüchtern gewesen, daß er Sie gar nicht anreden konnte." „Ach was Sie da sagen- Sie wollen mich bloß ärgern. Ich mache, daß ich in mein Bett komme, ich muß morgen früh raus." „Träumen Sie was Feines von dem hübscheu Herrn Stein." Die Aeußerung, daß ein feiner Herr, der ihre Herrschaft besucht, sich nach ihr erkundigt hatte, interessierte Rosa doch sehr. Sie gab jetzt mehr acht auf die Gäste des Hauses und demente bald selbst mit Vergnügen, daß mancher wohlgefällige Blick ihre hübsche Erscheinung traf. Sie legte jetzt auch mehr Wen auf die Kleidsamkeit ihrer Toiletteihre Mutter hatte ihr als Lehre auf den Lebensweg mitgegeben, daß für ein Mädchen die Hauptsache sei, immer einfach und sauber gekleidet zu sein. Das lockige Blondhaar hatte sich Rosa mit immer feuchten Bürsten glatt gestrichen - jetzt sah sie bei den anderen, daß sie ihr glattes Haar zu Locken brannten. Bald hatte sich das Dorfkind in ein. chikes Stadtmädchen verwandelt, dem die moderne Haartracht und die hellen Blusen gut standen. Frau Rechtsanwalt amüsierte sich über die Verwandlung, sie freute sich über das hübsche Mädchen, das immer in großen weißen Schürzen sauber umherging und dabei vor keiner Arbeit zurückschreckte. Inzwischen hatte der Winter begonnendie Zeitungen brachten Ankündigungen von Vergnügungen aller Art. Die Hausfrau schenkte Rosa einmal ein Theaterbillet. Ein Theater hatte das Mädchen noch nie gesehen, und sie war den ganzen Tag vorher in größter Aufregung. Ihre Freundin Dina ging mit, sie war schon an solche Freuden gewöhnt und kritisierte an allem. Rosa war so benommen von den Ereignissen auf der Bühne, daß sie auch während der' Pause für nichts weiter Sinn hatte. Das paßte aber Dina nicht. Sie hatte im Theater manche Bekannte gesehen und wollte diese im Foyer treffen. Als Rosa merkte, daß das ganze Publikum hinaufging, gab sieDina's Drängen nach. Das elegante Treiben da draußen machte ihr doch Spaßsie blickte nach allen Seiten. Auf einmal stößt Dina sie an. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn Goldschmidt vorstelle, liebe Rosa." Diese wurde blutrot. So eine Vorstellung hatte sie noch nicht erlebtder Herr sah so fein aus. Kam er nicht auch manchal zur Frau Rechtsanwalt? __24. Oktober 1907. Pomp aller Augen auf sich zu lenken sich anstrengen. Von der Schule des Rabbi Jochanan ben Sakkai strömte einst neues Blut durch Israels schier entseelten Körper. Seitdem ist uns klar, daß aus den bescheidenen Hallen der Thoralehre der Lebensquell unseres Volkes sprudelt, und sein Lebensstrom unversiegbar durch die Zeiten sich ergießt. Die Zeitströme, wie stolz auch ihre Fluten dahinrauschen mögen, münden in das Meer — der Vergessenheit. Wohl ist es zu verstehen, wenn in dem langen Goluß, zu dem wir verurteilt sind, Bewegungen sich geltend machen, die das ProphetenwoA zum Motto haben „verborgen scheint mein Weg vor Gott und mein Recht scheint geschwunden vor meinem Gott." Aber vor Israel steht nicht mehr in leuchtenden Lettern: „Ich sprach zu dir, du seiest mein Diener." Wir wundern uns darum nicht, daß dort, wo Israels Ausgaben, das Wesen seiner Tauroh, die Bestimmung seines Daseins ein Buch mit sieben Siegeln geworderuift, die Zurücksetzung, bieder Jude des zwanzigsten Jahrhunderts erfahren muß, am schwersten empfunden wird. Kein anderes Feld seiner Betätigung, kein anderer Gedankenkreis nimmt sein senken und Tun in Anspruch als jeden Mann seiner Umgebung. Warum sollte er nicht dasselbe erreichen und erstreben, als jeder seiner Zeitgenossen? Dieweil die Wiege seines Ahnherrn einst am Jordan stand, darum soll der späte Enkel weniger geachtet sein, als der Nachfahr der Völker am heiligen Gangesstrom? Und das ist ihm doch der einzige Unterschied. Er kennt die jüdischen Aufgaben nicht, noch weniger will er sie anerkennen — mit ihm rechten wir darum auch nicht-uns trennt das Wissen und das Leben. Doch daß ein Jude im Sinne des überlieferten Judentums, mit einstimmen kann in den Ruf nach dieser Gleichberechtigung, das scheint uns die erschreckendste Gefahr, der wir mit allem Ernst und aller Kraft zu begegnen haben. Wohl dienen wir mit ehrlicher Treue dem Vaterland, das uns zu seinen Fahnen ruft und Gut und Blut gilt uns nichts, gilts, dem Vaterland, dem teuren, unsere Liebe zu beweisen. Um so reiner, so lauterer ist unser Empfinden, als wir reichlich die Selbstlosigkeit unserer Leistungen dadurch erweisen können, daß wir auf Gegenleistungen wirklich nicht zu rechnen haben. Ehre und Auszeichnung haben wir nicht zu gewärtigen. Und doch die Treue und doch die Liebe „Sie erinnern sich wohl meiner nicht, Fräulein Rosaich habe Sie doch öfter gesehen, wenn ich zu Frau Rechtsanwalt kam. Ich wollte Sie immer mal ftagen, wie es Ihnen in G. gefällt, aber Sie liefen ja schnell weg." „So ein seiner Herr, der zur Herrschaft kommt, was hat der wohl mit unsereinem zu sprechen", antwortete Rosa. „Oho!, mit so einem hübschen jungen Mädchen spricht doch jeder gerne, und ich danke Ihrer. Freundin, daß sie mich vorgeftellt hat; nun werden wir uns wohl öfters sehen." Es klingelte und alles eilte auf die Plätze. „Bis nachher", rief Herr Goldschmidt den Mädchen nach. Die Aufführung nahm ihren Verlauf, aber Rosas Aufmerksamkeit war geteilt. Ob der feine terr wirklich nachher sie noch anreden würde? ie wußte ja gar nicht, was sie mit ihm sprechen sollte und bewunderte Dina um ihre große Gewandheit. Als die Vorstellung zu Ende war, erwartete richtig Herr Goldschmidt die Mädchen am Eingang des Theaters. Er war in Begleitung eines Frenndes, der sich sofort eifrig mit Dina unterhielt. So ging Herr Goldschmidt mit Rosa, die allmählich ihre Schüchternheit ablegte und zutraulich von ihrer Heimat erzählte. Die Komplimente, die ihr Begleiter ihr zwischendurch machte, bereiteten ihr große Freude. (Fortsetzung folgt.)

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