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Der Israelit · 1907-10-24 · Heft 43 (24.10.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 43 (24.10.1907)
Date
1907-10-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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3« Jahrgang M IO. üdiöcbcr Volksfreund t« Monsts-Deilage zum „Jsraelit4 Verantwortliche Redaktion i Rabbiner Dr. ß. Qlolf Io Köln. Recht auf Arbeit. „Mit meiner ganzen Kraft diente ich eurem Eater." 1. B. M. 31«. Im Vordergrund der modernen wirtschaftlichen Kämpfe steht die Forderung von Rechten. Diejenigen, welche sich beeinträchtigt, zurückgesetzt, schwach oder geschwächt glauben, verlangen ihre Rechte. Dabei ist es nun allerdings wahr, daß die bisher als Gepflogenheit geltende ungleiche Verteilung von Rechten und Pflichten den Sturm der Entrüstung über die gesellschaftlichen Unzuträglichkeiten entfesselt hat. Aber so gewiß die rechtlichen Ungleichheiten die gesellschaftlichen Gegensätze erzeugten, so gewiß kann eine aufrichtige Aussöhnung und ein wahrhafter Ausgleich nur dadurch erzielt werden, daß Rechte und Pflichten in das richtige, Verhältnis zu einander gebracht werden. Uns scheint das Recht bei der Pflicht zu beginnen. Wir möchten behaupten — und glauben dabei im Sinne des Judentums zu reden — erfüllte Pflichten erwerben sich kampflos die Rechte. Der mit Ernst wahrgenommenen Pflicht wird das Recht geradezu entgegengebracht. Denn das Verhältnis von Recht und Pflicht, Leistung und Gegenleistung gründet sich auf ein so natürliches Gesetz wie Geben und Nehmen, Empfangen und Spenden. Die Wechselwirkung erfolgt mit eiserner Naturnotwendigkeit. « w t H e t <r «. Das Mädchen vom Lande. „Guten Tag Frau Meyer/ na, waren Sie an der Bahn?" „Ach, Sie sind's, Herr Weinberg. Wie kommen Sie denn hier nach Grüntal?" „Geschäft. Na, wie gebt's denn?" ' „Eben habe ich meine Rosa fortgebracht/ sie geht in Stellung. Wir Habens gut getroffen." „Das freut mich. Wohin ist sie denn?" - „Ziemlich weit fort, nach G. Aber wissen Sie, Herr Steinberg, ich habe sie gern dorthin gegeben/ es ist ein gutes Haus. Meine Nichte von hier war auch früher dort, wohl an die zehn Jahre. Die Behandlung ist fteundlich, und sie hat sich ein schönes Sümmchen erspart." „Daß Sie Ihre einzige Tochter überhaupt zu fremden Leuten geben, Frau Meyer. So nötig haben Sie es doch nicht, und es gibt doch bei Ihnen Arbeit genug." „Das schon. Aber das Kind soll mal unter andere Leute, und dann wollte es auch gern vom Dorfe weg. Im vorigen Sommer da hat sie in einer feinen Restauration kochen gelernt. Na, nun ist sie gut untergebracht bei feinen, frommen Leuten. Mein seliger Mann sagte auch immer, man muß sich mal andern Wind um die Ohren wehen lassen." „Adieu Frau Meyer, ich muß weiter gehen. Lassen Sie sichA gut gehen." „Gleichfalls, Herr Weinberg, gleichfalls." Die Frage „Recht auf Bildung" haben wir jüngst vom jüdischen Gesichtspunkt aus in dem Hauptblatt des „Israelit" No. 31 vom 1. Aug. 1907 zu beleuchten versucht. Etwas schwerer ist freilich die Frage „Recht auf Arbeit" zu beantworten. Sie würde sich viel eher erledigen lassen, wenn statt von Rechten mehr von Pflichten die Rede wäre. Es wäre dadurch sofort ein großer moralischer Erfolg gewonnen. Man würde weniger Arbeitsscheu finden, mehr Liebe zur Arbeit und schon dadurch allein viel weniger Elend. Eine Arbeitsleistung macht eine andere nötig und das Recht auf Arbeit würde sich selbst dadurch eine größere Arbeitsgelegenheit schaffen. Wäre einmal erst in Wahrheit der Satz anerkannt: Arbeit schändet nicht, wäre erst die Pflicht zur Arbeit den Menschen zu Bewußtsein gebracht, dann bekäme die Arbeit erst den ethischen Wert, den das Judentum ihr stets beigemessen hat. „Arbeit ist etwas Großes sie ehrt den Arbeiter." In der Tat, jede Pflicht, die uns wird, ehrt uns. Sie erkennt unsere Leistungsfähigkeit an. Freilich, so lange bleibt die Bewertung der Arbeit nur Phrase, so lange es eine Klassifizierung der Arbeit gibt, so lange die Berufe sich nicht im gemeinsamen Streben nach Arbeit und in Betätigung der Arbeit zusammen finden, so lange zwischen Arbeit und Arbeit eine Scheidewand steht, so lange kann unter Umständen die Scheu vor einer Arbeit begreiflich erscheinen. So lange man selbst sich eine Arbeit zu tun scheuen würde, so Inzwischen hatte sich Rosa in der Bahn behaglich eingerichtet. Es war eine lange Reise von acht Stunden, die sie vor sich hatte. Aber das Fahren machte ihr Freude, das Leben an den Bahnhöfen erweckte das Interesse des Dorfkindes. In ihrem Abteil saß noch eine ältere Frau, die sich freundlich mit dem jungen Mädchen unterhielt. Rosa plauderte offenherzig über Zweck und Ziel ihrer Reise / sie machte auch keinen Hehl aus ihrer Freude, von zu Hause fortzukommen. „Eigentlich wollte ich ja nach Frankfurt, aber meine Mutter wollte nicht. In so einer großen Stadt werden Mädchen leicht, meinte sie. Aber in G. soll es schön sein." „Halten Sie sich brav, liebes Fräulein", sagte die Reisegefährtin, „es giebt überall schlechte Leute, die einem freundliche Worte sagen, dabei aber nur an sich denken". „Ich werd' mich schon in acht nehmen", meinte Rosa. Endlich war die lange Reise zu Ende. Rosa wurde am Bahnhofe von dem bisherigen Mädchen ihrer neuen Herrschaft abgeholt, das jetzt heiraten wollte. G. machte auf Rosa, die noch nie in einer Großstadt gewesen, einen großartigen Eindruck. Die hellerleuchteten Schaufenster, die elektrischen Bahnen waren ihr ganz fremd und wirkten fast betäubend. Schließlich war sie ftoh, am Ziele zu^sein. Es war ein dreistöckiges Haus mit Vorgarten und Balkons. Rosa erschien es wie ein Palast. Ihre jetzige Hausfrau begrüßte sie fteundlich „Bon Ihrer Mutter habe ich viel Gutes gehört. Seien Sie nur lange hat man nicht das Recht, von einem andern deren Ausführung zu verlangen. Wenn die Arbeit salonunfähig macht, wenn sie nicht ehrt, sondern gerade den Ausschluß aus der Gesellschaft bewirkt, dann erfreut sie nicht, sie bedrückt vielmehr, sie veredelt nicht, sie setzt moralisch herunter, sie wird nicht als erhebende Pflicht, sondern als unerträgliche Notlage empfunden. Natürlich, daß man dann die Zeit ihrer Dauer abkürzen möchte, daß man die Arbeit gern versäumt. Daß aber die Schranken, die in der heutigen Gesellschaft zum moralischen Schaden aller Teile die Berufe heute trennen, willkürlich errichtet und durchaus nicht natürlich gegeben sind, das. beweist noch heute jeder echtjüdische Kreis, der sich zum gemeinsamen Studium der Gesetzeslehre vereint. Da sammeln sich um das gemeinsame Ideal am selben Tisch der Reiche und der Arme, der Großindustrielle und der Handwerker, der Großkaufmann und der Hausierer, der Rentner und der Bettler. Sie alle haben das gleiche Recht, dem größeren Gelehrten wird die größere Ehre zu teil und ehrfurchtsvoll erhebt sich der weniger Kundige — und wäre er der weitaus Begütertere — vor dem kundigen aber armen Manne, der buchstäblich im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdient oder nicht einmal zu verdienen vermag. Das ist stets ein Bild der sozialen Arbeit, die die Thora mit- Erfolg geleistet. Es ist diese günstige Wirkung aber nicht nur der Hochschätzung der Arbeit zuzuschreiben, wenn diese immer brav und fromm, dann werden wir lange zusammen sein. Gehen Sie nur jetzt auf Ihr Zimmer und machen sich's behaglich. Dann essen Sie und ruhen sich aus." Das Zimmer war hell und geräumig/ es war eine Mansarde. Die Herrschaft wohnte im zweiten Stock. Bald war Rosa emgetebt in dem Haufe. Wohl gab es tüchtig Arbeit, aber da die Hausfrau, eine verwittwete Frau Rechtsanwalt, und die erwachsene Tochter des Hauses mithalsen, schaffte Rosa gern. Es gab nie ein barsches Wort/ beide Damen unterwiesen das junge Mädchen freundlich. Es war ein lebhaftes Haus, obgleich nur Mutter und Tochter zusammen waren. Am Platze wohnten zwei verheirate Töchter und ein ebenfalls verheirateter Sohn, die tätlich zur Mutter kamen und auch ihre Kinder mnbrachten. So war es in den Nachmittagsstunden immer lebhaft, ein großer Kaffeetisch versammelte alle. Auch sonst katnen viele Besucher, die gastfteie Dame des Hauses lud gern am Schabbos und Jomtauw junge Leute ein, die in G. in Stellung waren. Rosa schrieb ganz begeistert nach Hause, sie bekam auch viel Trinkgelder, die sie aus Anraten ihrer Herrschaft auf die Sparkasse brachte, da der Lohn mehr als ausreichend war für ihre Bedürfnisse. In demselben Hause wohnte noch eine jüdische Familie, mit deren Mädchen Rosa bald Freundschaft schloß.- Oft saßen sie Abends noch lange in einer der Mansarden zusammen und plauderten. Die neue Freundin war wesentlich älter als Rosa und hatte schon mancherlei ' Stellungen hinter sich. Sie erzählte dem Dorf-

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