Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1907)
- Date
- 1907-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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zu befassen, die es ermögttdjeu sollten, die Hohe der zur Förderung des jüdischen Religionsunterrichtes vom Staate zu erbittenden Summe zu berechnen. Die Enquete ist abgeschlossen und es wäre lebhaft zu wünschen, daß die auf Grund derselben mit den zuständigen Regierungsstellen schwebenden Verhandlungen ein den Interessen des jüdischen Religionsunterrichtes recht günstiges Ergebnis haben möchten. Indessen erachtet es die „Freie Vereinigung" als ihre Hauptaufgabe, die jüdischen Gemeinden vor allem zur Erhaltung und Förderung der jüdischen Volksschulen zu ermuntern, denen gegenüber der bloße Religionsunterricht immer nur ein Notbehelf sein kann. Um in dieser Beziehung aufklärend zu wirken und vor allem auch die praktisch gangbaren Wege zu zeigen, welche den jüdischen Gemeinden zur Neugründung von Volksschulen und zur Erhaltung der bestehenden derzeit zu Gebote stehen, hat die „Freie Vereinigung" soeben unter dem Titel: „Das neue Bolksschulunterhaltungsgesetz, Materialien und Ratschläge für die jüdischen Gemeinden Pr e u ße n s" eine Broschüre herausgegeben. Die Broschüre ist an sämtliche preußische Gemeinden, an die mittleren und größeren in zwei Exemplaren, versandt worden. Die Schrift, die sich an die Vorsteher der Gemeinden, nicht minder aber auch an die Lehrer wendet, entwickelt in übersichtlicher Weise die religiösen, pädagogischen, rechtlichen und finanziellen Gesichtspunkte, die bei der Erhaltung und bei der Neugründung jüdischer Volksschulen auf Grundlage des neuen Gesetzes in Betracht kommen. Aus dem Inhalt der Schrift seien folgende Abschnitte hervorgehoben: Die bisherigen Rechtsgrundlagen des preußischen BoWschnlwesens. — Christlicher Charakter der öffentlichen Volks) chulen — Zukünftiger Rechtszustand der öffentlichen Schulen. — Die Simultanschule eine christliche Schule. — Jüdischer Religionsunterricht an christlichen Volksschulen. — Die Stellung des jüdischen Religionsleherers an christlichen Volksschulen. — Jüdischer Religionsunterricht 'ohne Hebräisch. — Die jüdisch - christlichen Schulen. — Die jüdische Religionsschule. — Die Verpflichtung der d) .Pädagogische Gesichtspunkte. — Die Zwergschulen. — Fördert die jüdische Schule den Antisemitismus? — Die rechtliche Stellung der jüdischen Volksschule nach, dem neuen Gesetz: s) Allgemeines: b) Neu- Errichtung jüdischer Volksschulen: c) Auflösung: 6) Kommunale jüdische Volksschulen: e) Schulkommissionen. — Die Kosten für oie Unterhaltung einer öffentlichen jüdischen Volksschule. — Praktische Beispiele. — Die jüdischen Lehrer und die jüdische Volksschule. — Ergebnisse. — Der Anhang enthält die für die Juden wichtigsten Bestimmungen des neuen Gesetzes, sowie die Ausführungsbestimmungen und § 67 Nr. 3 des Gesetzes von 1847 nebst den zugehörigen Ministerialerlassen. Es sei besonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Schulkommiffion der„Freien Bereinigung" gerne bereit ist, die jüdischen Gemeinden und Lehrer Preußens durch Rat und Auskunft fu unterstützen, ihnen bei den Verhandlungen mit en zuständigen Verwaltungsbehörden zur Seite zu stehen und etwa notwendige Eingaben auszuarbriten. Die Lieferung ausreichender Unterlägen ist natürlich Vorbedingung. Sämtliche Zuschriften sind an das Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des ortho doxen Jud ent ums,Frankfurt a.M., Schützen st raße 14 zu richten. ' Serliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 20. Oktober. Die Wahlparole für die diesjährige Campagne der Repräsentantenwahlen scheint, wenigstens für die „Liberalen", endlich gefunden zu sein. Wer die Zeichen richtig zu deuten weiß, kann keinen Augenblick im .Zweifel sein, daß der Vorstoß der Herren Justizrat VeitSimon und B e n a s L e v y in der vorwöchentlichen Repräsentantenversammlung und ihre mehr heftigen als begründeten Angriffe auf den Vorstand wegen seiner Haltung in der Orgelfrage in der Rykestraßen-Synagoge das Signal für den Beginn des Kampfes und das Schlagwort für die Dberalen Parteigänger zu liefern bestimmt war. ttai so erheiternder wirkte unter diesen Umstän- 1 den der Vorwurf, den die Herren gegen den ' Vorstand erhoben, daß er aus Furcht vor der „Volksstimme", d. h. mit Rücksicht auf die Wahlen die Einführung der Orgel in die genannte Synagoge abgelehnt habe. Tatsächlich liegt die Sache so, daß weder das Für noch das Wider in dieser Frage das Ergebnis der nächsten Wahlen wesentlich zu beeinflussen vermochte. Es ist ein schlechtes Ding um das Prophezeien und namentlich das Vorhersagen von Wahlausgängen ist ein undankbares Geschäft. Aber wer die „Volksseele" der jüdischen Gemeinde kennt, die grenzenlose Indolenz, die Gemeindeangelegenheiten gegenüber diesen Riesenkörper erfüllt, beobachten gelernt hat, der wird schwerlich an einen demnächstigen konservativen Wahlsieg glauben mögen. Vielleicht, daß diejenigen Recht behalten, die eine liberal-konservative Blockpolittk auch für die Gemeindewahlen prognostizieren und von Verhandlungen, die in diesem Sinne von den Parteiführern bereits längst in aller Sttlle eingeleitet sind, zu berichten wissen. Aber eins darf als feststehend gelten: die Orgelfrage wäre ebensowenig die liberalen Segel zu schwellen geeignet, wie umgekehrt, .ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Zu'lange schon hat die Versöhnungsphrase hier uneingeschränkt geherrscht, als daß eine an den Sieg ihrer Sache glaubenoe Kampfesfreudigkeit in den Herzen,sich etablieren könnte; zu groß 'ist das metallische Schwergewicht des Berliner jüdischen Liberalismus, um anders als unter schweren Opfern und Verzichten, deren nicht allzu viele fähig sind, eine Lluflehnung gegen seine Machtstellung, eine Ablehnung der Vorteile, die er zu bieten hat, zu ermöglichen; und schließlich lebt zu wenig Einheitlichkeit in Wollen, Fühlen und Handeln in den konservativen Kreisen, als daß auf . absehbare Zeiten hinaus an einen Sieg der gesetzestreuen Richtung zu denken wäre. Zum zweiten Male werden sich die „liberalen" Parteihäupter nicht wieder wie bei den vorletzten Wahlen von den Ereignissen überraschen lassen; dafür sorgt schon ihr Verein, der mit feinem ständigen Bureau und seiner gutgefügten Organisation den . Regungen und Stimmungen innerhalb der Wählerkreise nachzugehen jedenfalls besser in der Lage ist, als die, von allem Anderen abgesehen, mehr als mangelhaft organisierten Konservativen. Hier den" Boden, den wie nirgends sonst so harten und steinigen Boden zu bereiten, in langsamer, stetiger Arbeit dem gesetzestreuen Gedanken erst wieder die Herzen zu erschließen, in unverdrossener Tätigkeit, die den Augenblickserfolg gering änschlägt und für die Imponderabilien desto feineres. Empfinden betätigt, die Samenkörner auszustreuen, religiösen Verständnisses. begeisterter Liebe zur Thora, verehrungsvoller Ächtung vor ihrem heiligen Wort und, nicht zuletzt, bescheidener Unterordnung des Denkens und Tuns unter ihre ewigen, unveränderlichen Satzungen dieses große, die Einzelkraft unendlich überragende Werk zu unternehmen und zu fördern, das muß die erste und letzte Aufgabe der neübegründeten OrtsgrüPpeder„FreienBereinigung" sein, die unter so aussichtsvollen Aspekten ins Lehen trat. Wohlverstanden: nicht als ob ich die „Freie Bereinigung" zur 'Einpeitscherin für die konservative Partei oder gar — Tiorribile dictu — zur Soldträgerin der „Adaß Jisroel" stempeln möchte; wiewohl ich nicht zweifle, daß so Mancher, dem es so in den Kram paßt, das aus meinen Worten herauslesen und trotz meiner Gegenerklärung doch dabei bleiben wird. Aber wer imstande ist, sich über den Moment zu erheben und die Dinge sud speois seterni zu betrachten, wird 'mir beistimmen, daß die Gemeinden und Parteien ja doch nur der gelegentliche, sichtbare Ausdruck find, welchen Gedankenrichtungen sich schaffen, und daß ihre Existenzberechtigung ustd Daseinsfähigkeit durch das größere Dder geringere Maß bestimmt wird, mit welchem sie dieser Mission gerecht werden. Und so mögen denn die „konservativen" Kreise die Scheu fahren lasten, als sollten sie wider ihren Willen dazu „gemißbraucht" werden, die Geschäfte der „Adaß Jisroel "zu besorgen und ihr neue Mitglieder zu werben. Die Gemeinsamkeit der Interessen bei den überzeugten □'NT hüben und drüben ist denn doch zu groß, als daß sie um so kleinlicher Gesichtspunkte vergessen werden dürfte, oder vor den Schranken einer durch Menschenhand geschaffenen Organisation sollte Halt machen können! Für die Hauptgemeinde geben wenigstens die regelmäßigen Repräsentanten«-Sitzungen der Öffentlichkeit einen wenn auch bescheidenen Daseinsbeweis. Für die Adaß Jisroel würde es selbst an diesem fehlen, wenn nicht die zahlreich in ihr blühenden Vereinigungen eine Tätigkeit entfalteten, welche die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken weiß. So erstattet jetzt, allerdings mit erheblicher Verspätung, das s. Zt. unter schweren Kämpfen und Zweifeln errichtete „Krankenheim der Chewra Kadischa" seinen (6.) Jahresbericht, der für jeden, der sehen will, den klaren Beweis erbringt, daß die Gründung dieser Anstalt in der Tat einem dringenden Bedürfnis entsprach, und daß dieselbe gehalten hat, was sie zu werden versprach, eine Institution, aus welche die Gemeinde mit Fug und Recht stolz sein darf. Das Krankenheim wurde von 394 Kranken ausgesucht, davon 91 innerlich, 303 äußerlich Kranke. Entlasten wurden als geheilt 128 (13 und 115) —32,48 o/o, als gebessert 206 (58" und 148) — 52,28 o/o, als ungeheilt 5 (3 und 2) 1,27 o/0, verstorben sind 34 (11 und 23) — 8,58 o/0. Die Sterblichkeit betrug auf der inneren Statton 12,08 o/o, auf der äußeren 7,57 o/0; Zahlen, mit denen das Krankenheim sich neben jeder anderen Heilanstalt sehen lassen darf. Die Summe der Verpflegungstage betrug 9060, die durchschnittliche Belegungsdauer eines Bettes 24 Tage: 246 Operationen wurden ausgeführt. Leitende Aerzte sind Prof. Dr. Blumenthal (innere) und Herr vr. S. Adler, Direktor des Pankower städtischen Krankenhauses (äußere Station); der Vorsitz im Kuratorium ging nach dem Hinscheiden des Begründers der Anstalt, Ad. ,Goldschmidt b% auf Herrn M. Kn oll er über. Weniger erfreulich als die Betriebsergebnisfe sind die Kassenverhältnisse der Anstalt, die noch mit einem aus ihren ersten Jahren herrührenden Defizit von ca. 4500 Mk. zu kämpfen hat. Hoffentlich bringt das nächste Jahr, welches das Krankenheim zum ersten Male auf eigenem Gr undundBoden sehen wird, die erwünschte Entlastung auch auf finanziellem Gebiet, damit mehr noch als es bisher die bescheidenen, materiellen Mittel erlaubten, armen und bedürftigen Heilungssuchenden unentgeltlich die Wohltat der Anstaltsbehandlung zu güte kommen kann. Hamburg.' 18. Okt. Der Verein zur Wahrung jüdischer Interessen hatte auf gestern abend eine Versammlung seiner Mitlieder einberufen, die aber nur von einer mäßigen Anzahl derselben besucht war. Auf der Tagesordnung stand zunächst die Vorbereitung zur Wahl von fünf Mitgliedern des Delegiertenkollegiums (Synagogenverband) für das Ende des Jahres. Die Versammlung wählte sieben Herren, die in der nächsten, im November stattfindenden Versammlung Bericht erstatten, bezw. Vorschläge über die Kandidaturen machen sollen. Zweiter Gegenstand der Tagesordnnng war das Projekt einer Aenderung des § 2 des Gemeindestatuts dahin, daß außer den bereits seit 1867 bestehenden beiden Gemeindeverbänden (Synagogen- und Tempelverband) noch weitere zugelassen werden sollten, wenn sich mindestens 300 Mitglieder dazu vereinigen. Dieser Teil der Versammlung gestaltete sich recht lebhaft. Ein Mitglied der Synagoge Benekestraße, die sich offenbar zunächst als besonderer Gemeindeverband konstituieren möchte, verriet, was die meisten bereits wußten, daß jene Vereinigung, die schon so manches zur Hebung ihrer finanziellen Verhältnisse getan, dann auch wohl eine eigene ntö'rtv einrichten würde. Was der Redner im übrigen über die Entwicklung des Gottes- Äenstes in der neuen Synagoge auf dem Born-