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Der Israelit · 1907-10-24 · Heft 43 (24.10.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 43 (24.10.1907)
Date
1907-10-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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theistfchen RÄistionen geitteinfam ist. Auch das Christentumz. B., soweit es nickt' auf dem Standpunkt der radikalen Bibelkritir steht, lehrt das Gleiche, wenn es auch der Meinung ist, daß jener göttliche Akt durch das Auftreten des christlichen Religionstifters wieder aufgehoben worden ist. So muß auch die „historisch gemäßigte Reform", für die Philippson schwärmt, jene Grundwahrheit des Judentums anerkennen. Tut sie es nicht, dann müßte sie folgerichtig zur radikalen Reform fortschreiten und jedes Gesetz der Bibel, das über eine rein ethische Forderung hinausgeht, also die Beschneidung, alle Sabbat-, test- und Speisegesetze usw. für unverbindlich erären. Nun giebt freilich überaus viele Vertreter jener „historisch-gemäßigten Reform", die an manchen dieser Gesetze praktisch'festhalten und doch den Grundsatz D'Dpn p min' leugnen Aber wie kann man nur auf den Gedanken kommen, in diesen Männern Vertreter irgend einer „Richtung" innerhalb des Judentums oder gar des Judentums zu sehen, „dem die Zukunft gehört 9" Das Gefühl der Pietät, das jene Männer durch das Festhalten an den überlieferten Gesetzen betätigen, mag angenehm berühren, vom Standpunkt klaren Denkens ist es Halbheit, Prinzipienlosigkeit und Inkonsequenz. Da begegnen wir ferner bei Philippson der geflissentlichen Zusammenstellung des gesetzestreuen Judentums mit der Orthodoxie in den christlichen Kirchen, auch hier wieder der Verwechselung der B o r au s s e tzun g en der Religion mit dem Inh alt der Religion, auch hier wiederder törichten Austastung,daß der durch gewisteUmstände hervorgerufene und nur von einem Teil geführte Kampf der „alten Orthodoxie" gegen „weltliche Bildung, weltliche Schulen und die Predigt" dem Wesen des gesetzestreuen Judentums entsprang und aus den „Zugeständnissen" an die Neuzeit seitens der „Neuorthodoxie" ein prinzipieller Unterschied zwischen den alten und den neuen Orthodoxen zu konstruieren sei. Und dann die letzten Sätze! Sie find geradezu von köstlicher Naivetät! Mit einer von Sachkenntnis ungetrübten Sicherheit wird uns erzählt, daß „die alte Orthodoxie" überhaupt keine Weltanschauung besesten, wird unsere ganze unübersehbare Literatur der Exegese, Religionsphilosophie und Sittenlehre mit einem Federzug ausgestrichen und die Grundanschauung, die das Judentum von den Zeiten der Propheten ab durch Jahrtausende, hindurch ununterbrochen beherrscht hat, als — eine Erfindung von S. R. Hirsch ausgegeben. So seltsam — um ein mildes Wort zu brauchen — diese Vorstellungen sind, um der Persönlichkeit willen, die sie vertritt, müßte noch eingehender über sie gesprochen werden. Hier sollten sie zunächst nur festgenagelt werden. Sie find umso gefährlicher, als bei PhiliMsoN das Streben herrscht, in seiner Weise jeder ,Mchtung" gerecht zu werden. In seinem Kopf malt sich das innere Leben der deutschen Judenheit nach dem Schema: die Berliner Reformgemeinde in der Johannisstraße auf der einen Seite als radikale Reform, die Israelitische Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. aus der anderen als starre Orthodoxie und dazwischen die verschiedenen „Richtungen" in der historischen, gemäßigten Reform. Wir norddeutsche Gesetzestreuen haben alle Ursache, gegen jene Zusammenstellung mit den Liberalen nachdrücklich Protest zu erheben. Wir müssen immer und immer wieder betonen, daß wir uns von einem Teil unserer Gesinnungsgenoffen in Einzelheiten von geringer Bedeutung vielleicht unterscheiden, daß diese aber zu einem Nichts verschwinden gegenüber der Riesenkluft, die uns von denen trennt, die durch Leugnung von D'JDvn p min und anderer vom Judentum stets vorausgesetzter Grundwahrheiten sich völlig außerhalb des traditionellen Judentums stellen. Was hier gesagt wurde, ist bester und gründlicher in diesen Blättern wiederholt ausgeführt worden. Gegenüber den Bestrebungen aber, wie sie in dem Buche und in dem Wirken Philippsons vorliegen, tief einschneidende prinzipielle Gegensätze um jeden Preis zu überbrücken und entgegengesetzte Weltanschauungen zu verschiedenen „Richtungen" zu degradieren, gegenüber den Behauptungen einer gewissen Gruppe von Nationaljuden, wie sie in dem zu Anfang zitierten Leitartikel ausgesprochen waren, das Judentum sei „historisch-traditionell" und würde in seinem ursprünglichen Wesen nicht erschüttert, wenn auch alle dogmatischen Voraussetzungen fielen, muß auch das Selbstverständliche immer wiederholt werden. Das ist eine undankbare, aber notwendige Arbeit: » I.DC.. Koch-mmn-fcha«. Ein Brief des bordmayor von bioerpool. Die Judenmission hat in der letzten Zeit in verschiedenen Städten Englands Palästina-Ausstellungen veranstaltet, durch die sie natürlich die eine öder die andere arme Seele einzufangen hoffte. Auch nach Liverpool kam die Ausstellung, und es fügte sich, daß das dorttge Stahtoberhaupt bei einer der Eröffnungsftierlichkeiten präsidierte- Der Rev. S. Friedeberg machte den Lordmayor nachträglich auf den Charakter der Ausstellung aufmerksam und gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß der Lordmayor durch seine Beteiligung an jener Feier die unlauteren Machenschaften einer Konfession gegen eine andere gefördert habe. Daraus erhielt Herr Friedeberg von seiner Lordschaft ein Schreiben, in dem es heißt: „Ich hatte, bis ich Ihren Brief laS, keine Ahnung davon, daß mit der Ausstellung, wie Sie schreiben, der Zweck Juden zum Christentum zu bekehren, verfolgt werbe. Hätte ich es gewußt, so hätte mich nichts dazu bewegen können, bei der Eröffnung zu Präsidieren und dadurch einer solchen Sache meine offizielle Billigung zu leihen. Ich stünme ganz mit dem überein, was Sie Über die Angelegenheit schreiben, und danke Ihnen herzlich für Ihre Mittetumg. Ich bitte Sie, allen Juden unserer Stadt mein Bedauern wegen der aus Unkemttnis geschehenen Handlung zu übermitteln und Sie der Hochachtung zu verfichern, die ich vor Ihrer - Religion und den Opfern, die Sie stets für denn Erhaltung bringen, hege. Sie können von diese« Brief nach Belieben Gebrauch machen." Man muß auch vor diesem Schreiben eines englischeil Oberbürgermeisters alle Hochachtung haben. Her jüdifdie Kleinhandel in Galbien. Die Lage des jüdischen Kleinhandels in Galizien ist als sehr prekär bekannt. Und wenn man den Dingen, so wie sie jetzt liegen, ihren Lauf läßt, so wird man zusehen müssen, wie sich die Verhältnisse der kleinen jüdischen Kaufieute und Händler in Galizien immer mehr verschlechtern. In der „Jüdischen Zeitung" wird die Frage m einem instruktiven Artikel erörtert. Der Verfasser führt aus, wie der junge Anfänger dank seiner Unerfahrenheit von den Großhändlern, an die er sich wenden muß, beim Warenbezug übervorteilt und ausgebeutet wird,' dazu kommt dann vor allem die Wirksamkeit der von polnischen Geistlichen geleiteten Konsumvereine, die den jüdischen Händler, Schritt um Schritt von der bäuerlichen Kundschaft verdrängen, und schließlich die unsinnige, preisverderbende Konkurrenz, die ' die jüdischen Händler sich gegenseitig machen, sodatz an einen entsprechenden Verdienst gar nicht zu denken ist. Gegen diese Uebelstände empfiehlt der Arttkelschreiber mit Recht als das wichtigste Mittel die Organisation des jüdischen Kleinhandels, durch die auf dem Wege der Genoffenschaftsbildung der Einkauf geregelt würde und die auch die Konkurrenz aus dem eigenen Lager weniger schädlich machen könnte. Das Beste wäre es wohl, wenn die geplante Organisatton der galizischen Orthodoxie, die hoffentlich bald Wiicklichkeit wird, auch diese Aufgabe in ihr Programm, aufnehmen würde. zu stipulieren der Generosität des andachtsbedürftigen Publikums überlassen, so machen sie glänzende Geschäfte. Ein Schammes seufzte einem alten Bekannten und Vertrauten — und wer sonst als der Schammes eines großen Tempels sollte der Vertraute eines Synagogengängers sein? — ins Ohr: „Sllle Quartal sollte Rosch-Haschonoh und alle halb Jahr ein Jomkippur sein!" Ein. Ihrem Berichterstatter befreundeter Herr hatte ebenfalls für sich und seine Frau je ein Machsor vom Schammes einer sehr großen Synagoge entliehen und stmg beim Verlassen des Gotteshauses am Nachmittag den literarischen oder sagen wir buchhändlerischen Schammes: „Nehmen Sie denn auch heute am Jomkippur Geld von mir?" „Wann soll ich's denn von Ihnen nehmen? Kommen Sie denn sonst das ganze Jahr noch einmal in die Synagoge?" Da sage noch einer, es gäbe keine frommen Leute mehr in Berlin, wenn ein Schammes, der doch von den Feiertagen die meiste Plage hat, schon an einem Rosch-Haschonoh nicht mehr genug und gleich vier jährlich zu erleben wünscht und den das Fasten so wenig anstrengt, daß er vor zwei Jomkippurim nicht zurückschreckt! Da könnten sich die viel höher stehenden Rabbiner beinahe ein Beispiel daran nehmen, obgleich sie den Schammossim eigentlich erst das Rosch-Haschonoh- und Jomkippuraeschäft bereiten. Bitte, mißverstehen Sie Ihren Berichterstatter nicht. Mcht als ob die Rabbiner die Schammossim zu dem Machsorimschacher verleiten; nein, die Sache liegt ganz anders, und zwar so: Einige Rabbiner haben als Prediger einen größeren, andere einen geringeren Zulauf und das wirkt ganz merklich auf den temporären Buchhandel der Herren Schammossim an den „liberalen" Synagoge», denen noch eine Reihe Betsäle zur Entlastung adjustiert werden mußten. Nu» wird man doch den orthodoxen Synagogen nicht nachsagen können, daß dort sich ein gleiches schönes Bild, alias Geschäft entwickelt habe, wie dort, wo die Juden selber darüber spotten, daß der Vorstand solche skandalöse Vorgänge duldet, die das Judentum nur in Mißkredit bringen müssen. Man darf aber, selbst wenn man sonst auch gewiß keine Veranlassung hat, als Parteigänger der hiesigen Gemeindeverwaltung aufzutreten, annehmen, daß ihr von dem schimpflichen und uns alle beschämenden Bücherwucher ihrer Synagogendiener nichts bekannt geworden ist und daß sie für die Folge den Leuten das schmachvolle Handwerk legen wird. — Uebrigens hat auch wieder einmal die „wohlgesinnte" nichtjudische Tagespresse Gelegenheit gehabt, der hiesigen Gemeindeverwaltung einige unangenehme Wahrheiten, deren Kern in gleicher Richtung liegt zu sagen. So schrieb die „Tägliche Rundschau" vor dem jüdischen Neujahr: „Das jüdische Neujahrsfest findet am 9. und 10. d. M. statt, Montag und Dienstag. Die großen jüdischen Geschäfte sind am Fest durchweg geschlossen, z. B. die Wäschefabriken usw., so daß deren Angestellte zu ihrer Freude jetzt, einschließlich des Sonntags, drei freie Tage haben. Einige 'Berliner Zeitungen bringen täglich ganze Spalten mit Anzeigen, die sich auf das jüdische Fest beziehen und in gewissem Sinne auch Schlüsse auf den Geist gestatten, in dem es von manchen gefeiert wird. Eure Ablösung der Neujahrswünsche findet beim „Verein Israelisches Heimatshaus und Volksküche" zur Speisung Notleidender statt. Die Namen der Wohltäter werden durch die „Boss. Ztg." und das „Berliner Tageblatt" bekannt gegeben werden. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde teilt mit, daß in verschiedenen Synagogen und Betlokalen die noch verfügbaren Plätze vermietet werden sollen; freittM sind in einer Synagoge nur noch „teuere" Plätze verfügbar. „Würdiger Gottesdienst wird von verschiedenen Religionsverernigungen angekündiat; man erfährt, wo man die „Eintrittskarten" erhalt«' kann. Nur gegen Bezahlung ist der Eintritt in die Bethäuser gestattet! Wie hoch die Preise sind, kann man daraus schließen, daß in der „Kantorenschule" nummerierte Plätze zu 2 Mk. zu haben sind. Ein „guter Damenplatz" in der Neuen Synagoge wird von ernem Herrn Schlesinger sogar mit 10 Mü ausgeboten, während man bei anoeren Plätzen die Zusätze findet: „vorzüglicher Männereckplatz" oder „besserer Damenplatz, erste Reihe". Zur besonderen Empfehlung hebt der „Unternehmer" wohl noch hervor, daß „Gottesdienst und Predigt unter Leitung der vorjährige» Kräfte" stattfinden, oder daß „Festgottesdienst und Predigt nur von erstklassigen, tüchtigen Kräften" gehalten werden. Dazu sind „Billets laut Plan von 2 Mark an" zu haben. — Biel anders, als der letztgenannte „Unternehmet kann auch ein Spezialitätentheater seine „Attraktionen" nicht anpreisen." Eine solche Bloßstellung des Berliner, ergo des ganzen deutschen Judentums sollte einmal unter konservativer Verwaltung vorgekommen sein! Ob sich die Herren auf der Gemeindestube der Oranienburger Straße sich nach einem solchen Nasenstüber immer noch einbilden, daß sie den ungeteilten Beifall der christlichen Mitwelt und die höchste Bewunderung der liberalen Juden damit ernten, soll dahingestellt bleiben. Wer die Herren sind ja nicht zu belehren und ehe sie dem konservativen Judentum in ihrer Intoleranz auch nur die kleinste Konzession machen lieber stellen sie das ganze auf den Kopf. Wie lange schon besteht z. B. in Moabit, wo wie im ganzen Nordwest etwa 20,000 Juden leben, und. darunter ein großer Teil konservativer, das Bedürf- - »iS nach einer oder auch zwei Synagogen. Erst, er- .4 'il ■ *!

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