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Der Israelit · 1907-10-24 · Heft 43 (24.10.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 43 (24.10.1907)
Date
1907-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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als Funktion der jüdischen Volksseele anfieht, das Judentum daher rein religionsgeschichtlich begreift. Für diese Richtung ist es natürlich furchtbar glttchgülttg, ob es einen Gott gibt, ob Gott die Welt geschaffen, seinem Volke die Lehre gegeben usw. Zugleich aber hat sie das Bestreben, ihre eigenen, in der Geschichte des Judentums unerhörten Gedankengänge an das alte Judentum anzuknüpfen, denn eines der Haupttnomente in der Idee des Nattonaljudentums ist ja die gemeinsam erlebte Geschichte des jüdischen Bolksstammes. So kommt oer allem historischen Denken Hohn sprechende Unsinn zustande, daß zwischen den Vertretern jener bestimmten Spielart oes neuen Nattonaljudentums und dem Judentum früherer Jahrhunderte eine innigere Beziehung bestehen soll, als zwischen dem letzteren und den Ueberteugungen des. heuttgen gesetzestreuen Juden! Sie schieben alles Ernstes ihre Ablehnung der Dogmen auch dem alten Judentum zu, dem alten Judentum, das mit seinen Martyrium, seiner Kette von Leiden und unsäglichen Qualen doch wahrlich zu einer Karrikatur entstellt würde, wenn eben nicht diese Leiden für die von Gott gegebene Lehre, für das göttliche Gesetz ertragen worden wären. Also die Juden vor dem neunzehnten Jahrhundert, denen war es ganz gleichgütig, ob es einen Gott, eine Vorsehung oder eine Unsterblichkeit gibt? Es war ihnen auch aleichgilttg, ob D'wn p min, ob die Gesetze, für deren Erfüllung sie ihr Gut und Blut hingegeben, göttliche Gesetze sind? Sie waren ihnen „uralte Sitten", wie etwa der Berliner an gewissen Tagen Eisbein und Sauerkohl ist, Sitten, „die neben der freiesten Erkenntnisfreudigkeit bestehen können?" Und wir, die wir uns rühmen, die Erben der Anschauungen unserer Väter aus den früheren Jahrhunderten zu sein, Wir haben „in unzweideutiger Anlehnung an die Lehrgebäude der christlichen Konfessionen" uns die Dogmen erst zurechtgezimmert! Auch hier haben wir bei dem Recensenten so eine wirre Erinnerung an eine geschichtliche Tatsache. Nur verkehrt er sie wieder in das Gegenteil. Die Reformrabbiner in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die mit dem früheren Inhalt des Religionsunterrichts, mit Bibel, Taunud, den Dinim nichts mehr anzufangen wußten und den Konfirmandenunterricht einführten, legten allen Nachdruck auf „die Glaubens¬ und Sittenlehre", verfaßten Katechismen, kurz, gestalteten den Unterricht ähnlich wie in den anderen Religionen. Von gesetzestreuer Seite find dann später auch derarttge Religionsbücher erschienen, die aber fast alle den Gesamtinhalt der pentateuchischen Gesetze mit aufnahmen und dadurch die Dogmen in den Hintergrund drängten. D<L8 Tollste aber leistet sich der Herr mit der Behauptung: „derBegriffdes„richttgen"Glaubens, der Orthodoxie, ist durch S. R. Hirsch und seine Schule in ein System gebracht." Es würde die Leser beleidigen, wollte ich viele Worte über diesen Widersinn verlieren. Wer nur irgendwie mit S. R. Hirschs Schriften vertraut ist, weiß, daß es selten einen führenden Geist innerhalb des Judentums gegeben hat, dem dogmatische Erörterungen ferner lagen.*) Die gewaltige Bedeutung der Gesetze stellt er in den Vordergrund, malt in glühenden Farben das Glück aus, das sie schon hinieden dem treuen Erfüll« spenden, gewährt dem Leser einen Blick in den verborgenen Sinn scheinbar unverständlicher Satzungen, knüpft an die Worte der Bibel tiefsinnige Erläuterungen, rüttelt die Gewiffen wach wie ein Prophet der alten- Zeit.. Aber Hirsch ein systembildender Dogmattker!! Dann könnte man tausendmal mehr Maimonides als einen Dogmattker bezeichnen. Was der Leitartikler von Maimonides schreibt, beweist ebenfalls, daß er nie dessen philosophisches Werk, von den anderen Werken gar nicht zu reden, gelesen. Trotzdem hat er eine sehr sichere Meinung über ihn, spielt er ihn und sein Wirken gegen das gesetzestreue Judentum aus. Doch wie gesagt, es ist eigentlich lächerlich, dergleichen ernst zu nehmen. Dennoch ist es heutzutage nicht überflüssig, derartigen Expektorationen entgegenzutreten. Denn ist es auch Wahnsinn, hat es doch Methode. Wir hörten dieselben Stimmen, nur freilich ohne jene grandiose Pragmatik, gelegentlich der Bestrebungen, eine Gesamtorganisation für die preußische Judenheit zu schaffen: D"n ’-oi TOT), das liberale und das gesetzestreue Judentum lehre dieselbe Wahrheit und nur eine gewisse Clique, die schroffe Orthodoxie, sei aller Uebel Urheber. Und soeben ist von Martin Philippson, dem Vorsitzenden des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, dem geistigen Vater aller Bestrebungen, das deutsche Judentum einheitlich zu organisieren, der erste Band der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" erschienen. Ueber das Buch werden unsere jüdischen Histottker ihr Urteil zu fällen haben. Hier seien nur die Ausführungen erwähnt, die der Verfasser über die Stellung des gesetzestreuen rum „liberalen" Judentum in seinem Buche gibt. Auch hier der Versuch, zwei überaus wesensverschiedene Dinge, die sich so wenig wie Feuer und Wasser vertragen, zusammenzubringen, auch hier völlige Unkenntnis oder Vernachlässigung der *) Der Kampf gegen Frankl's pütppn "Om dreht sich freilich um die Frage von rHPD} robn, war aber in seinen tieferen Ursachen nur eine Abrechnung mit der Richtung des Breslauer Seminars. prinzipiellen Seite'des Gegensatzes. Ms Beispie für die Oberflächlichkeit, mit oer die Weltanschauung des gesetzestreuen Judentums beurtellt wird, sei die Stelle über S. R. Hirsch zittert (S. 183 f.): „Hirsch forderte als erstes die Anerkennnng der Unantastbarkeit der gesamten schriftlichen Ueberlieferungen des Judentumserst wmn man diese zugegeben, mag man aus ihr den religiösen Lehrbeariff vernunftgemäß ableiten. Das jüdische Gesetz ist vollkommen, und alles an ihm ist fundamental — man hat die Wahl sich voll und ganz zu ihm zu bekennen ober es zu leugnen. Er wendet sich also in erster Linie an den Glauben, erst in zweiter an die Vernunftnicht sowohl diese gilt es zu überzeugen als vielmehr an dem unmittelbaren, über jede Vernunft und jede Kritik erhabenen Glauben festzuhalten. Es ist das gleiche Prinzip, das den christlichen Kirchen zu Grunde liegt, während die große Mehrzahl der denkenden Israeliten als unterscheidendes Merkmal ihrer Religion die Tatsache in Anspruch nimmt, daß bas Judentum von seinen Bekennern nur das zu glauben verlangt, was fie vernuftgemäß zu begreifen imstande sind. Aber die neue Orthodoxie unterscheidet sich auch von der alten und zwar in doppelter Beziehung. Einmal nahmen die neuen Orthodoxen von ihreü Gegnern weltliche Bildung, weltliche Schulen, die Predigt an, alles Dinge, die die alte Orthodoxie als Ketzereien mit dem Banne belegt hatte. Und . weitens, die alte Orthodoxie hatte die strenge Befolgung aller zeremonialgesetzlichen erwählte Gatturm von gottgefälligen Menschen ausmachen, baß ihnen durch ihre ,Gesetzestreue^ eine vorzügliche Reinheit der Sitten und eine Sicherheit vor Berlockmtgen der Sünde gewährt wird, wie solche auf anderem Wege nicht erwachsen kann, daß endlich sie allein die wahren Nachkommen, Erben und Repräsentanten des auserkorenen Volkes Gottes find. Mit der Sicherheit des fatalistischen Mohammedaners ober des strenggläubigen Katholiken meinen sie, , ein ganz von Gottesgedanken getragenes, dem Willen Gottes gemäß vollendetes Leben" zu führen." Das steht in einem Buche, das von einem in der profanen Wissenschaft anerkannten Historiker, einem früheren Rektor einer Universität, verfaßt ist, einem Manne, der der Intelligenz des liberalen Judentums berufen erschien, die neueste Geschichte des Judentums zu schreiben! Jeder Satz ist falsch, wie dem Kenner der Geschichte und der Literatur des Judentums ohne Weiteres einleuchtet. Da haben wir zuerst wieder die Vorstellung, daß S. R. Hirsch die Glaubenssätze eingeführt, daß er vor allem das Dogma von D'Dtpn p min erfunden*). Was enthält denn, um es rwch einmal zu sagen, die Grundwahrheit D'DtPn p min anderes als die Ueberzeugung, daß Gott es ist, der sich Seinem Volke offenbart hat und ihm durch Mosche Seine Lehre, die schriftliche und die mündliche, gegeben, eine Grundwahrheit,die,soweit die schriftliche Lehre in Betracht kommt, sogar allen Bekennern der mono- *) Es gibt übrigens nichts Neues unter der Sonne: Wer denkt hier nicht an die komische Entrüstung gewisser alter Frankfurter über Rabbiner Hirsch „der das Verbot des Tragens am SchabboS aufgebracht." leines eu illeton. verliner Silhouetten. L Alte Berliner Balbattim wollen mit Genugtuung konstatiert haben, daß die hohen jüdischen Festtags das Sttaßenbild der Reichshauptstadt ganz wesentlich beeinflußt hätten und auch an der Börse nicht unbemerkt geblieben wären. Wie weit letzteres nun auf nachweisbaren Tatsachen beruht, vermag Ihr Be richterstatter, der nur seine eigene Börse kennt, nicht zu bestätigen. Aber was die Straßen Berlins während des Rosch-Haschanoh und Jom-Kippur anlangt, so sind die alten Beobachter des Berliner K'hillelebens vollständig im Recht. Nicht etwa daß die vielen nicht geschlossenen jüdischen Geschäfte verraten hätten, daß die ernstesten Tage des Jahres sich über das jüdische urtt unjüdische Berlin herabgesenkt hatten. Keine Spur Noch nie zuvor waren so zahlreiche jüdische Geschäfte Kontore und Fabttken in gewohnter Weise in werk täglicher Tättgkeit offen, als in diesem Jahr, und wenn man annimmt, daß etwa zwanzig Prozent alle, Läden, Bankgeschäfte und Kontore am ersten und viel leicht auch noch zehn Prozent am zweiten Tag Rosch- Haschanob ihre Tiaren geschlossen hielten, so stellen wir der Religiosität oder wie man sonst diesen Ladenschluß bezeichnen will, ein ganz beträchtlich schönes Zeugnis aus. Nun darf allerdings nicht verschwiegen wetten, daß viele Ladeninhaber wirklich ein nicht geringes materielles Opfer brachten, wenn sie fast den ganzen ersten Tag geschlossen hielten und durch Zettel an der Ladentür kund und zu wissen taten, daß um fünf Uhr wieder aufgemacht würde. Diejenigen, die erst um ein halb sechs oder gar erst um sechs Uhr die Ladentüre ihren Kunden öffneten, kamen sich sicher ganz orthodox vor. Konnte man also durch die wenigen wirklich geschlossenen Kaufläden kaum daran erinnert werden, daß das jüdische Neujahrsfest wirklich noch in der Berliner Judenheit gefeiert werde, so gab es ein anderes Wahrzeichen dafür, daß man denn doch noch nicht ganz vergessen habe, daß Rosch-Haschanoh sei. Und das hat man zum guten Teil der jüdischen Gemeindeverwaltung zu verdanken, die schon Monate vorher in der Tagespresse an das rechtzeitige Mieten von Plätzen in den verschiedenen Synagogen und Betsälen erinnert. Wer also — mangels einer Luach — und wenn er in der Sommerfrische weilend säst ganz daran vergißt, daß er überhaupt noch Jude ist und es auch in diesenl Jahr wieder ein jüdisches Neujahrsfest gibt, das „Berliner Tageblatt" liest, erfährt, daß die ernsten Festtage nahen. Und jedes Jahr werden nicht nur alle Sitzplätze verkauft, sondern auch die Privatgottesdienst-Unternehmer machen ein ganz gutes Geschäft. So werfen die jüdischen Neujahrstage denn doch ihre Schatten voraus, zunächst freilich nur im „Berliner Tageblatt" und in einigen jüdischen Blättern. Das genügt ja auch, wennglerch es auch nur ein Bruchteil der Berliner Juden ist, der der Mahnung Folge leistet und sich Sitze „zur Andacht" sichert. Mer dieser Bruchteil ist es eben, der, nach Ansicht der alten Berliner Balbattim, an diesem Tage dem Straßenbild seilt eigenartiges Gepräge gibt. Wenn die christlichen Bewohner Berlins nämlrch vielen Männern und Frauen mit einem winzigen in Zeitungspapier eingeschlagenen Päckchen in den Straßenbahnen, Hochbahnen und auf der Straße begegnen, so wissen sie schon ganz genau, das; es jüdischer Feiertag ist und die Leute, die ihr Päckchen Judentum ängstlich und sorgfältig mit sich herumtragen, zur Synagoge wandernde Juden sind. Die braven Leute wollen kein Rischus machen und sich selber auch nicht blamieren, und schlagen, ehe sie die Straße betreten, ihre in Goldschnitt gebundenen Gebetbücher in Papier, damit beileibe Niemand auf den Gedanken komme, man sei noch so rückständig, sich mit „so was" zu befassen. Also die festlich gekleideten Damen (die;a auch täglich festlich gekleidet sind) und Herren mit ihren Gebetpäckchen verraten uns, daß „wieder einmal" Jomtof ist. Mer auch dieses Wahrzeichen jüdischer Feiertage wird bald aus dem Berliner Straßenbild verschwunden sein und die alten Berliner Balbattim, die es künftig Berlin an seiner Außenseite ansehen wollen, daß Feiertag ist, müssen sich aridere Merkmale suchen. Und daran — bitte, lachen Sie nicht, — sind die Schammossim schuld. Jawohl, die Berliner Schammossim und nicht die Rabbonim sind an dieser Neuerung schuld; diese belle,, Berliner Jungen, die Schammossim nämlich, von denen manche aber schon recht alt und daher auch sehr geschäftskundig sind, haben alljährlich den Besuchern der „Tempel", die ohne „Päckchen" erscheinen, Gebetbücher geliehen und dafür von den erkenntlichen Andächtigen ein Trinkgeld erhalten und auch dankend, trotz der Jomim nauroim, angenommen. Daraus hat sich nun allmählig eine Art Leihbibliothek entwickelt, bei der die Schammossim als eine Genossenschaft m. b. H. auf dem Plan erschienen. An oen jetzt verflossenen Festtagen hat ein einziger Schammes durch seinen Berlcihbetrieb fast 200 Mark verdient! An, Jom-Kippur allein an achtzig Mark! Da die „Bibliothekare" in den verschiedenen Synagogen niemals einen festen Preis machen, sondern das Entleihgeld

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