Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1907)
- Date
- 1907-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israeli* Bi Centralergan für Jas Kt Mixe JifcBfu 0009363 Il|rhfcfNI Bf. ‘ 48. -MM-, B» SnmMu8..rn, »«leggSte: M**• Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe Ml. 1.50 vierteljährlich» HestauSgabe auf Kmrstdruckpapiet Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für -i» gewöhnliche Ausgabe: Oeüerreich-Ungarn 2 Lr., RuUand 1 »ut»., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnementbei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition. HestauSgabe nur direkt. JMÄtWst': 30 Pfnmige für die sechSgesvaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haafeustei» n. Bögler A.-G. in Eonto bet der St. K. Poftspartasse «ien Ro. 7SS05. Frankfurt a. M. und deren Mlialm. Eonto bei ber RtMer Eommerzbanr in Sttga Die „krli«dts«g" der Orthodoxie durch $. R. fiirsch. Bon Dr. I. Wohlgenmth in Berlin. „Der Rückschritt von einem historisch-traditionellen zu einem dogmatischen Judentum ist eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, eine unzweideutige Anlehnung an die Lehrgebäude der christlichen Konfessionen, auch wenn ste im Gewände des traditionellen Judentums auftritt. Der Begriff des richtigen Glaubens, der Orthodoxie, in ein System gebracht durch S. R. tirsch und seine Schule, ist nicht weniger ffimilation, v,^ npn als die Orgel und der Sonntagsgottesdstnst." So steht allen Ernstes geschrieben in einer jüdischen Zeitung*), von einem Manne, der im Kreise seiner Gesinnungsgenossen eine führende Stellung einnimmt. * In diese wenigen Zeilen ist eine solche Fülle von Jrrtümern, eine solch grobe Unkenntnis der Geschichte des gesetzestreuen Judentums zusammengedrängt, wie sie mir noch nicht bei Vertretern der radikalsten Reform begegnet ist. Eine entschiedene Zurückweisung ist hier um so eher geboten, als der Schreiber dieser Sätze den Anspruch macht, Verfechter des „historisch-traditionellen Judentums" zu sein. Zum besseren Verständnis fei bemerkt, daß es sich in der Erörterung um diejenige Behauptung handelt, die für. das gesetzestreue Judentum von zentral er Be-' deutung ist, um die Frage: Ist min COtrn sv, berichtet uns die Bibel Wahrheitsodaß auch die Gesetze, die sie enthält, göttliche sind und als göttliche uns für alle Zeit verpflichten? Ein Geständnis zum Beginn! Ich kämpfe seit vielen Jahren mit Gleichgesinnten gegen die Bezeichnung „orthodoxes Judentum". Reugionsphilosophische, religionsgeschichtliche und apologetische Gründe, Gründe des subjektiven Empfindens lassen mir, wie vielen Andern, diese Bezeichnung als eine unzutreffende und die des „gesetzestreuen Judentums" als die richtige erscheinen. Eine eingehende Auseinandersetzung hierüber würde hier viel zu weit führen. Liest man aber Ergüsse, wie die obenzitierten, dann begreift man, daß und weshalb von einem Teil unserer Gesinnungsgenossen jene Bezeichnung so zäh festgehalten wird. Immer lauter werden die Stimmen derer — die erwähnte klingt nur besonders schrill — die allen Ernstes die Lehre verteidigen, für den Begriff desJudentums wären *) Daß es sich um eine Recension meiner den Lesern de« »Israelit" Sekanntm Aussätze über die Borträge de« P. Erich Wachmann handelt, sei nur nebenbei erwähnt, M aber Dir die obigen Auseinandersetzungen völlig außer als wahr anzuerkennende Glaubenssätze unwesentlich. Es ist nur ein Akt der Notwehr, wenn ein Teil der Gesetzestreuen mit aller Energie die unerläßlichen theoretischen Voraussetzungen des Judentums, die man populär mit Glauben zu bezeichnen pflegt, in den Vordergrund rückt und dies in der Bezeichnung Orthodoxie zum Ausdruck gebracht sehen will. Der gleiche Akt der Notwehr aber war es auch, der das gesetzestreue Judentum in seiner Gesamtheit, ganz unbekümmert um den Ausdruck „orthodox", dazu zwang und auch heute dazu zwingt, von „Glaubenssätzen" im Judentum überhaupt zu reden und sie mehr oder weniger zu unterstreichen. An und für sich hat das gesetzestreue Judentum nicht die geringste Veranlassung, ein besonderes Gewicht auf den Glauben zu legen. Denn was ist das gesetzestreue Judentum? Es ist ja das Judentum an sich, die gradlinige Fortsetzung des biblisch-talmudisch-rabbinischen Judentums. Das wird immer vergessen. Die anderen „Judentümer", von denen es so viele gibt, liberales, nationales, Reformjudentum usw., wollten doch immer ein Neues bringen, oder an nach ihrer Meinung früher vorhandene und allein berechtigte Entwicklungsstufen wieder anknüpfen. Also das gefetzestreue Judentum ist das Judentum, wie es stets gewesen. Und dieses Judentum allerdings hat mit Ausnahme einiger kurzen Perioden einen Streit in Glaubenslehren nicht gesaunt und sich M .in Lüge versetzt gesehen, dem Bekenntnis zu gewissen Glaubenssätzen besondere Bedeutung beizulegen. Die Bibel selbst ist frei von jeder Form katechetischer Erörterung, ja mit Ausnahme des einen Satzes yotP findet sich keine Spur dogmatischer Belehrung. Aber warum? Weil eben gewisse Grundlehren selb st verständliche Voraussetzunge n jeder positiven Religion und natürlich auch de§ Judentums sind. Die Bibel lehrt nicht: Es gibt einen Gott. Eben weil sie ihn voraussetzt, beginnt sie: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das Buch Koheleth wird von Delitzsch (dem alten, nicht zu verwechseln mit dem Assyriologen) das Hohelied der Gottesfurcht genannt. Seine ganze Welt stürzt ihm zusammen, alles zieht er in Zweifels alles ist eitel, alles, was gur ist, verliert für ihn seinen Wert. Aber keine Andeutung finden wir in Koheleth von dem, was wir einen modernen Skeptiker oder auch einen des griechischen Altertums aussprechen hören: Gibt es einen Gott, und wenn es einen Gott gibt, gibt es eine Vorsehung? Ein Dogma wurde erst dann zum Gegenstand des Streites, ja es wurde erst dann recht eigentlich als Dogma empfunden, wenn es in Zweifel gezogen wurde. So traten die Erörterungen über TDö Twvh noVn erst mit dem Auftreten des Karäertums in den Vordergrund, die über DTion rmn erst im Anschluß an den Streit über Maimonides' Schriften. Nachdem der Streit entschieden, fiel es Keinem mehr ein, Selbstverständlichkeiten, wie sie vor allem die nielbestrittenen Grundwahrheiten waren, breit zu träen und besonders einzuschärfen. Die dreizehnGlaubenssätze des Maimonides führten im Siddur ein beschauliches Dasein.*) Dazu kam, daß man den anderen Religionen, vor allem dem Christentum gegenüber als das Wesentliche im Qubentum die Tat hinstellte. SchonJehuda Halevys Kusari beherrscht als Grundgedanke der Satzj: frOND □w or# Tttryo Sa# . Das Wesentliche und Entscheidende im Judentum find die Werke. Von diesen Jdeengängen war auch Mendelssohn beherrscht, als er sein „Jerusalem" schrieb. Er hatte die höchst undankbare Aufgabe, den aufdringlichen Bekehrungsversuchen Lavaters entgegenzutreten, ohne die christlichen Dogmen anzugreifen. Es war da der beste Ausweg, das erwähnte Kriterium in den Vordergrund zu rücken. Unter dem Einfluß von Mendelssohns „Jerusalem" ist dann der unendlich thörichte Satz entstanden: „Das Judentum kennt keine Dogmen." Man sollte den geistreichen Leuten, die Paradoxa verbrechen, das Handwerk legen. Der Schaden, den solche einseitige Wahrheiten anrichten, ist unberechenbar. Die oben zitierten Sätze sind nur so zu erklären, daß ihr Urheber völlig in dem Banne dieses Paradoxon stand, Mb die doch sicher in irgend einem, wettn auch noch so schwachen Maße vorhandenen Kenntnisse der jüdischen Literatur in dem Augenblick, als er jene Weisheit niederschrieb, völlig aus seinem Gedäcktnisse geschwunden waren. Oder ist es nicht ein Paradoxon? Kann das . Judentum — nicht die Judenheit — das Judentum, das doch gewissermaßen und sozusagen au ch eine Religion ist, aller Dogmen entraten? Und wenn man an dem Wort „D o g m a" Anstoß nimmt, kann es auf die Anerkennung gewisser geistiger Voraussetzungen verzichten, ohne sich selbst aufzugeben? Ich meine, jeder Mensch von Ueberlegung, ach nein, jeder Mensch, der gesunden Sinnes ist, könnte keinen Augenblick daran zweifeln. Wie konnte nun der Artikelschreiber, als er jene Sätze niederschrieb, auf den Gedanken komnten, das „historisch-traditionelle" Judentum wüßte nichts von der Verbindlichkeit gewisser Grundwahrheiten? Er ist Nationaljude und zwar — ich will hier durchaus nicht gegen den Zionismus an sich polemisieren — National- *) Daß Albos Polemik gegen Maimonides' Glaubenssätze nur formaler Natur ist, aber nicht die Bedeutung hat, die Berbindlichkeit der Dogmen zu bestreiten, sei den beliebten Verdunkelungsversuchen gegenüber hier zum tausendsten Male gesagt.