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Der Israelit · 1907-10-17 · Heft 42 (17.10.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 42 (17.10.1907)
Date
1907-10-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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17. OKöSer 1997 «er JSmcktt. Seite 9 die Trauung eines Juden mit der Schwester seiner^ noch lebenden von ihm geschiedenen Frau vollzog, hat am 13. dieses Monats wieder einmal den Kultusvorstand beschäftigt. Bekanntlich hatte der Kultusvorstand in einer früheren Sitzung beschlossen, der betr. Partei ein Zeugnis über die erfolgte Trauung auszufolgen, nur ohne den Vermerk, daß die Eheschließung nach mosaischem Gesetze rechtskräftig fei. Dieser Beschluß wurde damals gegen die Einsprache des Präsidenten Dr. Alfred Stern und des Kultusvorsteher Dr. Markus Spitzer gefaßt. Der Beschluß wurde aber bis heute nicht ausgeführt, da der Präsident Dr. Stern neuerliche Versuche unternehmen wollte, die Majorität des Vorstandes für seinen Standpunkt zu gewinnen, daß der Kultusvorstand vor Allem das jüdische Gesetz zu vertreten und zu verteidigen habe und daß in diesem speziellen Falle der Vorstand schon aus prinzipiellen Gründen nur der äußersten Gewalt weichen dürfe. Deshalb sei die Ehe als ungiltig zu betrachten und die Ausfolgung jedweden Trauungsscheines zu verweigern. Allerdings vermochte, wie nicht anders zu erwarten gewesen, das Präsidium für diesen Standpunkt keine Majorität im Vorstand zustande zu bringen. In der nichtöffentlichen Sitzung vom 13. d. M., in welcher 25 Vorsteher anwesend waren, wurde nach mehrftüdiger, sehr erregt geführter Debatte, mit 13 gegen 12 Stimmen beschlossen, die alten Beschlüsse in dieser Frage aufrechtzuerhalten. Lemberjg, 6. Oktober. Im Aufträge der jüdischnationalen Parteileitung begab sich am Donnerstag eine Deputation unter Führung der Reichsratsabgeordneten Stand und Dr. Gabel zum Landmarschall Grafen Badeni, um demselben die Wünsche ihrer Partei betreffs der Landtagswahlreform bekanntzugeben. Namens der Deputation richtete Abg. Stand an den Landmarschall eine längere Ansprache, in der er diese Wünsche in dreifacher Richtung darlegte : 1. Allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht- 2. Nationaler Kataster: 3. Eine gerechte Wahlgeometrie, im Falle der Ablehnung der zweiten Forderung. Stand wies bei dieser Gelegenheit auf die Zurücksetzungen hin, die die Juden seitens der autonomen Landesbehörden zu erdulden haben. Graf Badeni erteilte hieraus nachstehende Antwort: „Die jüdische Bevölkerung hat ein unbestrittenes Recht, ihre Postulate aufzustellen und daher anerkenne ich auch ihr Recht, eine Deputation zu entsenden, um in der Wahlreform die Anschauungen der jüdischen Bevölkerung bekannt zu geben. Soweit sich jedoch die Deputation nicht nur an den Landtag, sondern auch an mich persönlich gewendet hat, muß ich erklären, daß nicht nur ich, sondern alle Landtagsparteien bezüglich des allgemeinen Wahlrechtes für alle Bürger ohne Rücksicht auf die Steuerleiftung oder den Militärdienst einig sind. Was jedoch das zweite Postulat, d. h. den Nationalkataster betrifft, so muß ich loyalerweise offen erklären, daß ich dieses Postulat nicht nur nicht unterstützen, sondern soar bekämpfen werde, da ich mein ganzes Leben indurch dafür gearbeitet habe, die Gegensätze zu mildern, während der Nationalkataster die Gegensätze verschärft. Im Uebrigen aber anerkenne ich das Recht der jüdischen Bevölkerung auf eine Vertretung ihrer Jntereffen und zweifle auch nicht daran, daß der Landtag dieses Recht berücksichtigen wird." " .. v v:;■ i; Ungarn. Budapest, 16. Oktober. Biel besprochen wird hier die Antwort, welche der Präsident des Abgeordnetenhauses, Julius v. Justh, anläßlich der! Parlaments-Eröffnung einer christlich-sozialen Arbeiterabordnung zuteil werden ließ. Aus die Ansprache des.Führers der Deputation, der sich in Hyperpatriotismus erging und behaftete, die Christlchsozialen kämpften »für Gott, für die Wahrheit, für die.Freiheit und für das Recht, erwiderte per Präsident in uirzweideutiaex Wesse: '„Dieses Abgeordnetenhaus Lat sich in sehr richtiger Weise zum Ziele gesteckt, so zu arbeiten, daß dieses Wirken allen Schichten und Klassen des Volkes, ohne Unterschied der Religion, Konfession und der Nationalität zum Wohle gereiche. Und wendet man sich an dasselbe in dieser Richtung mit Vertrauen und mit einer Bitte, so wird man sich in diesem Vertrauen nicht täuschen." R«Ma«d. Homel, 11. Oktober. Die Juden in i Homel hatten den Gouverneur um die Erlaubnis gebeten, ihre Geschäfte an den Sonntagen des September ofsenhalten zu dürfen, weil sonst die jüdischen Feiertage eine ununterbrochene viertägige Geschäftsruhe mit sich bringen würden. Obwohl die Behörden das, Gesuch genehmigten, waren die Juden doch gezwungen, ihre Läden geschlossen zu halten, da die „echten Russen" andernfalls einen Pogrom zu veranstalten drohten. Bulgarien* Sofia, 29. September. Der heilige Synod hat in seinem offiziellen Organ eine neue Statistik ist der seit der Gründung des Fürstentums vollzogenen Uebertritte von Juden zur orthodoxen Kirche veröffentlicht. Danach haben sich während der letzten 30 Jahre in Bulgarien 74 Juden taufen lassen. Bemerkenswert ist, daß die bulgarische Gesellschaft jüdische Konvertiten keineswegs mit Wohlwollen aufnimmt und daß auch die Regierung ganz im Gegensatz zu der anderer Staaten sie durchaus nicht begünstigt. Der folgende Vorfall ist charakteristisch für die Haltung der Regierung in dieser Beziehung. — Vor einigen Jahren kam ein russischer Jude mit seiner Familie nach Sofia, um sich dort dauernd niederzulassen. Er ernährte sich und seine Angehörigen durch Erteilung von Unterricht in christlichen Familien. Es traf sich nun, daß an dem Gymnasium in Sofia eine für ihn geeignete Stelle frei wurde, und er reichte beim Unterrichtsminister seine Bewerbung um die Stelle ein. Gleichzeitig glaubte er jedoch, sich vorsorglich zu einem richtigeren Glauben bekehren zu sollen und nahm mit seiner Familie die Taufe an. Der damalige Unterrichtsminister Dr. Schischmanow, ein liberaler und den Juden freundlich gesinnter Mann, hatte ursprünglich den Bewerber ermutigt, als er aber von seinem Uebertritt hörte, riß er das Gesuch in Stücke und gab es ihm mit dem Bemerken zurück, daß er Leute, die ihr Volk verraten, nicht zur Erziehung bulgarischer Knaben gebrauchen könne. R«nränierr. Bukarest, 5. Oktober. Die „Jca" hat beschlossen, neuerdings eine Anzahl jüdischer Arbeiter in Rumänien, die nach Amerika auswandern wollen, zu unterstützen. Die „Jca" hatte ihre Geldsendungen nach Rumänien zum Zwecke derErleichterung der Auswanderungen, einige Zeit lang eingestellt. Die Auswanderungen werden im Laufe der nächsten Woche wieder beginnen. Der Vertreter der „Alliance Jsraelite" in Rumänien, Herr Astruc, wird sich schon in nächster Zeit nach Jassy begeben, um die aus 200 Personen bestehende erste Gruppe von Auswanderern bei Jtzcani über die Grenze zu begleiten. venalrchter. Aus -er Provinz Pose«, io. Oktober. In der Nacht vom vergangenen Sonntag zu Montag, gegen 1% Uhr, drang ein Arbeiter in die Wohnung der 72jährigen jüdischen Witwe Hirsch in Schönlanke ein, offenbar um sie zu berauben. Der Attentäter brachte der Greisin mehrere Stiche im Gesichte bei. Auf die gellenden Hilferufe der Angegriffenen kamen Nachbarn hinzu, worauf der Attentäter das Weite suchte. Durch die eifrigen Nachforschungen konnte der Täter bald ermittelt werden. Der Verhaftete, ein Arbeiter, Ambrosius Siewicz, ist schon mehrfach wegen schweren Diebstahls vorbestraft, M kn che«, 10. Oktober. Durch die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde kommen im Monat November mehrere Stipendien an bedürftige und? würdige israelitische Schüler hiesiger Mittelschulen oder an israelitische Studierende einer der hiesigen Hochschulen oder Akademien und sonstiger Kunst- und Musikschulen, ferner an hiesige Lehrlinge, in erster Linie an Landlungslehrlinge, zur Verteilung. Gesuche mit Dürftigkeitszeugnissen sind spätestens Mittwoch, 30. Okt. auf dem Gemeindesekretariate (Herzog-Maxstraße 7/0) einzureichen. Osnabrück, 10. Okt.'1 In Osnabrück ist die seit 30 Jahren mit bestem Erfolg betriebene einzige jüdische Metzgerei und Wurstfabrikation eingeaangen, es würde deshalb dort ein tüchtiger religiöser Metzger, besonderdurch Verkauf von Wurstwaren rc., eine gute Existenz finden. Wie«, 17. Oktober. Am 11. d. M. um 9 Uhr Abends fanden Passanten unter dem Tor des Hauses Leopoldstadt, trotze Pfarrgasse 7, ein junges Mädchen, das sich nicht bewegen konnte, sorgsam aus einem Federpolster gebettet. Der Arzt stellte fest, daß die Kranke ein schweres Leiden hat. Sie gab an, die Faßbinders:achter Jenrcl Gleischner zu sein, sie sei mit ihren Eltern, vie gezwungen wurden, Rumänien zu verlassen, aus Botuschani hieher zugereist. Die Familie kam Nachmittags hier an. Da oic Eltern noch keine Wohnung hatten, betteten sie die 15jährige Tochter in der Einfahrt eines ihnen ganz fremden Hauses und gingen weg, Wohnung zu suchen. Das Mädchen wurde in Spitalspflege gebracht. Spät Nachts meldeten sich die Eltern, die selbst obdachlos waren. Budapest, 16. Oktober. Ein Pogrom in Ungarn. Unter diesem Titel meldet ein ungarisches Tageblatt folgenden entsetzlichen Vorfall: In dem Dorse Nagy- TotFalu (Biharer Komitat) drangen dieser Tage eimge Bc.uernburschen in den Laden eines jüdischen Kaufmannes, schleppten diesen auf die Straße, wo sie ihn unter lautem Beifall von etwa 200 Bauern arg zurichteten. Dann stürmten sie das Haus des Opfers und demolierten es vollständig. Hierauf ergriffen sie einen zufällig des Weges kommenden jüdischen taubstummen Knaben, den der Pöbel ebenfalls halbtot schlug. Schließlich suchten sie den Schächter ans. Dieser wollte fliehen, wurde jedoch ergriffen und ihm dann unter dem Gejohle der Anwesenden der Bart und Schnurrbart gewaltsam abrasiert. Die entmenschte H--»rde mißhandelte dann noch eine Anzahl jüdischer Kinder. Wo inzwischen die Ortsbehörde gesteckt hat, darüber schweigt der Bericht. Die Gendarmerie hat nun eine strenge Untersuchung eingeleitet. Cssegg, 9. Oktober. Der Kantor der jüdische» Kultusgemeinde in Slatina, Franz Friedman», wurde vorgestern ermordet. Eine Anzahl von Ziegelarvettern überfiel ihn und schlug ihn mit Knütteln und Steinen so lange, bis er bewußtlos zusammenbrach. Er hatte tötliche Verletzungen erlitten und starb während des Transportes in bas Spital. Die Ausforschung per Täter wurde etngeleitet. Petersburg, 10. Oktober. Jn Oranien bäum — so erzählt die „Petersb. Gaseta" — erregte am 23. September die Nachricht, die Schwester der verstorbenen Porliria Kisfelwa, der bekannten Joannittn, habe zwer' Mädchen aus einer wohlhabenden jüdische« Fanrille entführt, große Aufregung. Bald erschien die Mutter der Mädchen aus Petersburg und versuchte mit Hilfe eines Gorodowois in das Haus der Joannittn am Dworzowy Prospekt einzudringen. Es gelang nicht und die Mutter wandte sich um Hilfe an den Kommandanten der Stadt, doch konnte nicht festgestellt werden wo sich die entführten Mädchen befanden. SS erweist sich, daß die Mädchen im Alter von zehn und 12 Jahren von der Magd, einer geschworenen Joannittn, in aller Stille „bekehrt" wurden. Als die Eltern davon erfuhren, trieben sie die Magd aus dem Hause. Am Sonnabend kehrten die Mädchen «aus der Schule nicht nach Hause zurück. In Oranienbaum bildet die Sache das Tagesgespräch. Frankfurt a. M., 17. Okt. Das Wintersemester der Bereinigung wurde gestern mit einem Referate beS Herrn Gustav Kaufmann über „DaS Werkverbot am Sabbath und desien soziale und ethische Wirkungen in der Gegenwart" eröffnet. Der Referent verstand es, in übersichtlicher, temperamentvoller Darstellung die Sabbathidee nach ihren verschiedenen Seiten llar herauszuarbeiten. Herr Rabbiner Dr. Breuer erläuterte eingehend den Begriff der am rov verbotenen N2MQ, beleuchtete insbesondere in geistvoller Weise bas Verbot des Tragens am Sabbath und schloß mtt einem warmen Appell an die zahlreich erschienene junge Hörerschar, das kostbare Gut des rQtt? allezeit in Ehren zu halten. Am Beginn der Sitzung hatte der Vorsitzende, Herr Leopold Schwab, dem allgemeinen lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gegeben, baß der verehrte bisherige Präsident, der Mitbegründer der Bereinigung und ihr unermüdlicher Förderer, Herr Jacob Rosenheim, sich genötigt sah von der Leitung zurückzutreten. Umfassende anderweitige Tätigkeit machen ihm seine fernere Mitwirkung im Vorstände des leider unmöglich. Herr Schwab entbot ihm den warmen Dank aller derer, die

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