Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1907)
- Date
- 1907-10-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449287--63864-2506428- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
!lftg*tQW 1 Hm »im ■■MMiffiliJiLiiMm Wer dürfte es den Juden verderben,!e in diesem Verlangen in der Lat ms einig find. Und dennoch will uns das laute Rufen nach der Gewährung eines selbstverständlichen? Rechtes wenig würdevoll erscheinen. Was in einer Eingabe/im Juristenstil, sich vernünftig und einleuchtend ausnimmt, das wirkt nach unserem Gefühle im höchsten Grade peinlich, wenn «s vor einer tausendköpfigen Menge immer Weder und wieder als der Wünsche höchstes Ziel tn allen Tonarten variiert wird. Offiziers- und BeWtensteÜungen, Geschworenen- und Schöffenamter, ja selbst Richterwürde und Ministerportefeuilles — das alles sollte den Juden lieb -Md willkommen sein, wenn es ihnen der Staat, wbe er als Berfassungsstaat gewiß sollte und Mßte, entgegenbringt — aber als geistiger Mittelpunkt einer jüdischen Massenversammlung, Mfgebauscht zu einer Angelegenheit, von der die -Ehve der Jüdenheit abhängen soll, nimmt sich diese Sehnmcht nach all den äußeren Würden politischer Macht, in unseren Augen wenigstens, gar zu kleinlich aus. Wann werden wir den Tag erleben, an dem die Wünsche und Hoffnungen des alten echten tibentumS, das Sehnen nach voller unverrzter Erfüllung des Gottesaesetzes im Leben der Gesamtheit, die Gemüter der deutschen Juden ergreift und damit endlich an die Stelle künstlicher religiöser Surrogate das historische Judentum, an die Stelle erzwungener konfessioneller Scheingemeinsamkeit die innere Einheit religiöser Ueberzeugung tritt.' -z- * ‘ Die Memoiren des dürften Qruffoni. Die vor Kurzem erschienenen Memoiren des Fürsten Urussow find eine wichtige Quelle für die Kenntnis der neuesten Geschichte Rußlands. Ei» ansehnlicher Teil des Buches ist der russischen Judenfrage und insbesondere dem furchtbaren Pogrom von Kischineff gewidmet. Der Fürst widerspricht der Auffassung, daß Plehwe, der damalige Minister des Innern, den Pogrom inszeniert habe. Auch der Brief, in dem der Mimster den Gouverneur von Bessarabien angewiesen haben soll, diePogromistennichtzustören, bezeichnet Urussow als Erfindung. Mag nun ein solcher Brief existieren oder nicht — der »Hasman" teilt mit, die „Times" in London besitze die Abschrift desselben — so viel ist sicher, daß der Gouverneur so gehandelt hat, als ob solch ein Brief geschrieven worden sei, und .daß er damit die Intentionen seines Vorgesetzten Plehwe nicht durchkreuzte. Das ist auch die Ansicht Uruffows, daß die Regierung verantwortlich ist ftrr den Pogrom von Kischineff, wie für die anderen Judenhetzen der letzten Jahre. Die Protektion, W . sie der antisemitischen Presse angedeihen ließ, und die ganze Haltung ihrer Jndenpolitik mußten tut Volk die Ueberzeugung wecken, daß es den Wunsch des Zaren uno seiner Ratgeber erfülle, wenn es die Juden totschlage und beraube. Der Fürst trifft das richtige wenn er sagt- „Die Hauptursache dieser Ausschreitungen ist das Vorhandensein einer AusnahmegeseHgebung für die Juden. Solange ein Teil der Bevölkerung durchs Gesetz als inferior erklärt wird, solange wird der durchs Gesetz bevorzugte Teil, zumal wenn er aus einem rohen Pöbel besteht, es für ein patriotisches Werk halten, jene änderen zu mißhandeln." eines Juden beizuwohnen. Der Gerichtete hing die ge Minutenzahl am Galgen und wurde dann dichten Bart des Juden owzurrsiere». Infolgedessen hatte die Schlinge nur eine Ohnmacht, nicht aber den Tod verursacht. „Stellen Sie sich meine Lage'vor," erzählte mir P., „als der Arzt mir sagte, daß der Jude (Shid), nach fünf Minuten erwachte.' Wie verfahren'? Ein zweites Mal ihn aushängen hielt ich für unbequem, anderersetts mußte die Todesstrafe vollstreckt werden." „Was taten Sie?" fragte ich, und erhielt die mir denkwürdige Antwort: „Ich befahl, ihn schnell zu begraben, ehe er erwachte." — P. gestand, daß er einen Christen nicht lebendig begraben hätte, während ein ähnlicher Fall mit einem Juden ihn nicht in Verlegenheit gesetzt hätte. Er war davon Überzeugt, daß er geschickt gehandelt habe. — Bei solchen Geschehnissen erschütterte mich weniger das Schicksal der Opfer, als jener geistige Prozeß, durch welchen rmsere mittleren Beamten sich die Gewohnheit aneignen, für den rechtlosen Juden besondere moralische Normen zu gebrauchen. Meiner Ansicht nach ist es nicht sowohl für die Juden, wie für Rußland selbst die Abstumpfung des moralischen Gefühls von Schaden, welche sich bei dsem Vollstrecken der Judengesetze avsgebildet hat, und welche unbedingt als Merkmal eines zuverlässigen und treuen Untertanen dient. —- Fürst Urussow fragt dann zuletzt: Ob die Haltung per russischen Offiziere und Soldaten während der jüdischen Pogrome der Würde der russischen Armee entspreche? Ist es nickt eine Entartung christlichen Geistes, wenn die kirchliche Obrigkeit jene barbarische igt des Hasses gegen die Juden nur deswegen der Kanzel gestattet, weil die Zivilgewalt die « außerhalb des Gesetzes gestellt hat? Deshalb Maschescdwan-Ztimmung. Bon Bär Menachem. Düstere Herbsttage! Feuchtkalte Lüfte streichen über leere Fluren, stille ist's geworden in Wald und Feld. Dichter Nebel ringt um die Herrschaft mit den lichten Strahlen des Tagesgestirns, mehr und mehr verlängern sich die Abende, und die Bewohner der Dörfer und Städte sammeln sich mit Vorliebe „um des Lichts gesell'ge Flamme." Alles geht der altgewohnten Beschäftigung nach. Die Schulen haben ihr Wintersemester begonnen, der Kaufmann seine „Saison", der Reisende seine Tour. Doch mich will's nicht loslaffen. Ein elegisches Gefühl durchzieht mein Inneres wie die Sehnsucht nach einem entschwundenen Glück, wie ein Traum von herrlichen Tagen. Es ist Marcheschwan, und immer noch befinde ich mich in der Sttmmung des Tischri. Wie ein sarbenprächttges Kaleidosskov kommt mir dieser Monat vor, lebensvoll ziehen seine Bilder noch einmal an meinem geistigen Auge vorüber. Ihr Zauber fesselt noch jetzt weine Seele. Gerade jetzt, in behaglicher Ruhe und ©title, gebe ich mich doppelt gern diesen Betrachtungen hin. Welche Fülle von tiefgründigen Gedanken und erhabenen Anregungen, welch eine Menge heiliger Lehren und Pflichtübungen ist aufgestapelt in dem verflossenen Monat Tischri! Der ganze Reichtum jüdischer Ideen und jüdischen Empfindens ist in den Monat Tischri 'eingewebt woc en. Und darum trifft seine güldne Abendröte noch verklärend den Marcheschwan, wenn längst, die Sonne des siebten Monats untergegangen.^ Ein Monat von der Bedeutung des Tischri kann nicht unvermittelt vor unser Auge treten. Ihm geht als gewaltige Ouvertüre ViS# voran, mit Bußgebeten und Posaunenklängen, aus der sinaiitischen Zeit uns in seinem Ernst bekannt. Mit dem Morgengrauen fanden wir zu den schreckte ich nicht im mindesten vor der Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden zurück. Ich sehe hfrrm mir ym Mittel. —MmpMmrkrein gegen oie Juden zu befreren." (Aus der Geschichte der Juden in Wie».) Gegenwärtig werdm in Men am Judenplatz (Innere Stadt) Kaualifierungsarveiten durchgeführt. Hierbei wurden zahlreiche Funde auS der Römerzeit gemacht. Run ist über der Schicht, in -er die antiken Gegenstände stch befanden, eine neue blosgelegt worden, die Ueberreste aus einer späteren Zeit enthielt. So entdeckte man inmitten des Jubenplatzes' in einer Tiefe von Mehreren Metern festaevaute Grundmauern, bet denen ntchtrömifcher Ursprung konstatiert wurde. Die Provenienz dieser starken Mauern zu ergründen, Mm sich ewige Archäologen zur Aufgabe gemacht. Wmn sich die nunmehr bestehende Annahme dieser Fachlmte bewahrheiten sollte — waS so ziemlich sicher ist — st hat man eS hier mit dm Ueberrestm einer jüdischen Synagoge zu tun, die fick im Mittelalter inmitten der alten Wiener Judmstadt befand. Diese Annahme erschewt umso rtchttger, da einer der ältesten, aus der Babenberger Zeit stammenden Wiener Stadtpläne gmau an derselben Stelle das Gebäude einer Synagoge bezeichnet. Diese Ausgrabungen beweisen dann auch die Behauptung, durch die die Auftrdwng der Juden w Mm mS auf die Mmerzeit zurückgeführt wird. Es wäre damit klargestellt, baß die Juden länger in Wien leben, als die älteste Urwimer Familie. Tie Judenstadt befand sich schon zu den Zeiten der Babenberger dem Territorium des heutigen JudenplatzeS, sie war, ohne eine eigentliche Umwallung zu besitze», eine Stadt in der Stadt. Sie bildete den nördlichen. Teil des zur Markgrafenburg (an StÄle .rtrt-'TCr uns ein; alte, traute Töne, waren's, weiche Mollakkorde voll tiefer Sehnsucht kindlich schöne Bitten zum himmlischen Vater. Abraham tritt auf mit seinem Sohne - sie ^steigen zur ergreifenden Gotteshuldigung den Moriaberg'hinan. Und die späten Enkel beten die „Akerdos", von vielen Meistern ihnen gereicht. Gehobene Momente der einzigarten Geschichte eines einzigartigen Volkes werden erwähnt — ruytr 'v —, das Sündenbekenntnis in alphabetischer Ordnung, als wollte man alles ErdenMche «tt MschAeßy^ das herrliche nvw, die gebeteten" dreizehn Eigenschaft ' nriö n*wy vto — das findM HaMgehankbnarnppen zum jüdischen Vtti-Feste, verstärkt noch im Laufe der „zehn Bußtage". ION und O'vnn find das Motiv, tausendsirch variiert in unfern Bitten. Auf dem „Barmherzigkeitsthron" sitzt der „O"N2 ^SN "]bü", aufgeschlagen ist das □'Tin 1BD, es wird geschrieben, es wird gesiegelt. lasSo Vater und Richter, Weltenschöpfer und -Lenker ist Gott, allmächttg, allwissend und allgütig, so deuten es die lang gezogenen, gebrochenen und schmetternden Posaunerttöns' an, die Volksfignale Israels. In ihrem Gefolge der ttniP DV, der „heilige Tag"! Kol-Ntdrei ist seine Introduktion. Welch ergreifendes Zeugnis für die HeMgkeit unseres Wortes, welch stammender Protest gegen die Verdächtigung, mit Eid leichtfertig zu spielen! Wir sind stoh darauf. Die synagogalen Meistersänger sorgten, dafür, daß der lange Tag nicht langweilig wird. Auch der Nichtgelehrte kommt auf seine Rechnung.. Man hat in Kton Sy recht volkstümlich die Sünden und Fehler spezifiziert, wir lauschen in wunderbar ausgeführten Piecen den Lobgesängen der Engelscharen m himmlischen Sphären, den Thron des ^Allmächtigen umschwebend. Wir verfolgen den in ferner heiligen Würde daherschreitenden Hohenpriester bei dem peinlich strengen Tagesdienst und tragen selbst das weiße Priestergewand. Erschütternd wirkt auch auf den Leichtfertigsten das gewaltige" *)pin TMTM\ bi Erinnerung .an die „zehn Märtyrer", das unnachahmliche OLIV TpKn. Da endlich schließen sich die Tore, der eigenartige Schmelz . der Neilotöne ' trifft unser Ohr, wehmütig — demütig! Und aufwärts steigt zum nächtlichen Himmel Israels großes Glaubensbekenntnis, feierlich ertönt das yvV SfcW, unser Lebensbegriff, unser Sterbegebet -der Tag ist dahin, gedankenschwer und gedankentief, tvie er gekommen. Durch Freudenakkorde wird er abgelöft- Sukkaus naht. Im Gewände der Schönheit tritt es uns entgegen, und Freude istderGrunddes heutigen Kriegsministeriums) gehörigen landesfürstlichen Territoriums, auf dem die Juden unter Schutz.^ lebten Der Verkehr in der Judenstadt war aber ein sehr beschränkter und nur durch besondere Tore und Straßen war der Zugang gestattet. Später wurde die aus zumeist kleinen Bauwerken bestandene Judenstadt erweitert. Im Anschlüsse an die Judenstadt befand sich in der Gegend der heutigen Kohlmessergasse ein jüdischer Friedhof, der schon 1247 erwähnt wird. Im Jahre 1349 kam es zu großen Ausschreitungen des Wiener Pöbels gegen die Juden, deren Lage übrigens durch Erlasse Albrechts II. verschlimmert wurde. Eine furchtbare Katastrophe brach über die Wiener Juden im Jahre 1421 herein, als man sie der Hostiettschändung Und des Ritualmordes beschuldigte. Hunderte von Juden wurden teils auf dem Judenplatz, teils in Erdberg verbrannt, viele durch das Schwert gerichtet. Die am Leben Gelassenen wurden aus der Stadt verwiesen und so die Wiener Judenstadt in ihrer damaligen Form vernichtet. Zum Andenken an diese Heldentat wurde eine Tafel angebracht, die in mittelalterlichem Latein die Bestrafung der „Hebräerhunde" (llsdkasoruw canum) feiert Die Inschrift ist noch heute im Hause Nr. 2 des Judenplatzes zu sehen.