Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1907)
- Date
- 1907-10-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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über dirV Mäste der EiyzÄnen hinausaehenden Zielen. Das Fundament der Gemeinde, weil sie eben die Gemeinschaft Freiwollender ist, besteht in der gemeinsamen Ueb erzeugnn g. Die Liberalen im Staat können es ohne Zwang mit lansehen, wenn einmal die Konservativen ans Ruder kommen, und umgekehrt. Was aber dort wohl erträglich ist, wird bei der jüdischen Gemeinde zum furchtbarsten Gewissenszwang. Das Austrittsgesetz ist ein Not ge setz, ein Freiheitsgesetz allerersten Ranges. Wir wollen gar nicht lang, untersuchen, ob die Kluft zwischen Orthodoxen und Neologen der Quantität oder gar der Qualität nach so groß oder, so beschaffen ist, wie die zwischen Protestanten und Katholiken. Das sind populäre Vergleiche, die bei einer theoretischen Betrachtung rein rechtlicher Verhältnisse am besten aus dem Spiele bleiben. Tatsache ist, daß die Kluft groß genug ist, um unter Umständen dem orthodoxen Mitglied einer neologen Gemeinde die bitterste Gewissensnot, die arausamste Pein zu bringen. Das Austrittsgesetz ist ein Freiheitsgesetz. Es hat die Scheidung gebracht zwischen Juden gemeinschaft und Juden gemeinde. Es hat so eine von der Gemeinde freie Sphäre geschaffen und in Wirklichkeit so die Einheit"der Judengemeinschaft gerettet. Nur weil wir das Austrittsgesetz haben, darum ist es dem in der Minorität befindlichen Juden, — ob orthodox oder nevtog ist gleichgültig, denn beiden kommt dieses Gesetz zn Gute, — ist es ihnen möglich, I u d e n zu bleiben ohne der Gemeinde anzugehören, d. h. ohne Gewissenszwang und Gewissensnot. Und eine Beschuldigung ohnegleichen, für die der parlamentarische Ausdruck fehlt, ist es, daß Hirsch oder Hildesheimer jemals die Andersdenkenden „verketzerten" oder gar von der „Judengemeinschaft a usschließen" wollten. Die gesamte deutsche Orthodoxie wird gegen diese Beschimpfung ihrer großen Heimgegangenen Führer protestieren, vom Memel bis zum Rhein weiß sie in ihrer Gesamtheit sich eins in dem Gefühl,welch schreiendes Unrecht hier ihren Helden geschehen. Und so ist's denn gerade die Behandlung des Austrittsgesetzes - in dem Philippsonschen Buch, die aufs klarste den auffallenden Mangel des Verfassers an Politischem Scharfblick, an Verständnis für die treibenden Kräfte der Entwicklung zeigt. Daß er andrerseits die Eigenart S. R. Hirschs und dessen Verhältnis zur „alten Orthodoxie" nicht erfaßt hat, das steht — wie bereits angedeutet — im tieften Zusammenhang mit der ganzen Richtung der aus den Trümmern der Reform erstandenen neujüdischen Politik und das soll darum in anderem Zusammenhang betrachtet werden^ Ebenso behalten wir uns die literarisch-historische Würdigung des Buches vor. Gerne sei zum Schluß Philippsons ehrliche Begeisterung für das Judentum anerkannt, wie er es.nun einmal versteht, sowie der Sohnestreue, mit der er dem Vater in seinem Buche ein Denkmal gesetzt. » KochemsvWa«. Her Hoeife Judenfaa. Wer sich der einmütigen Ablehnung erinnert, der die Idee eines „Judentages" noch vor wenigen Jahren in fast allen Kreisen der deutschen Judenheit begegnete, der wird mit besonderem Interesse den Veranstaltungen der in diesen Tagen zu Frankfurt a. M. stattgehabten zweiten Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden gefolgt sein. Freilich war es eine mit einer gewissen Künstlichkeit arrangierte Veranstaltung, und die ohne jede Diskussion und ohne jedes freie Wort der Aussprache dahingleitenden Darbietungen stachen nicht grade angenehm von den lebendigen Lebensäußerungen ab, mit denen zum Beispiel die zionistischen „Judentage" die im Innern der Judenheit sich regenden geistigen Strömungen zur Spiegelung bringen. Allein trotzdem beweist der Judentag eines: Dank dem Antisemitismus und der dadurch bewirkten Aufstachelung des Mischen Selbstgefühls giebt es jetzt eine. ganze Menge reicher, intelligenter und mit Titeln gesegneter deutscher Juden, die sich der Zugehörigkeit zur Judenheit nicht mehr schämen und die eine Reise nicht scheuen, um diese Zugehörigkeit demonstrativ öffentlich zu zeigen. Mit dieser objektiven Feststellung, deren wir uns aufrichtig freuen, ist aber nach unserer unmaßgeblichen Meinung das Erfreuliche att der Institution der Judentage so ziemlich erschöpft, und jedem unbefangenen Beobachter mußte der widerspruchsvolle Charakter des ganzen Unternehmens grade bei der zweiten Tagung in die Augen springen. Der Vorsitzende hielt es für nötig im Eingang seines kurzen Berichtes über die Tätigkeit des Verbandes besonders daraus hinzuweisen, daß der Verband gemäß seiner Satzung sich um Angelegenheiten der „Religion und des Kultus" nicht zu kümmern habe— und wenige Aue blicke später erteilt derselbe Vorsitzende das Wärt dem Herrn Geheimrat Prof. Dr. Hermann Cohen, den — wie Cohen selbst von sich sagte — der Verband „zum religiösen Redner bestellt hat"! Auf den Jnyalt der Cohen'schen Rede hier einzugehen, verbietet uns die Ehrfurcht vor der geistigen Bedeutung des Redners, dem man mehr schuldet als eine flüchtige Augenblickskritik. Der Bortrag war überdies feinem innersten Sinne nach für den mit Cohens Gedankengängen nicht vertrauten Hörer durchaus unverständlich, und die Sch lag Worte allein, die paar kräftigen Wörtlein, gegen täckelianismus u. Pantheismus, gegen die „neue thik" und das „geistige Ghetto der jüdischen Wissenschaft" waren es, die einen pflichtmäßigen Beifall auslösten. Diese relattve Eindruckslofigkeit der Cohen'schen Rede darf indessen nicht über die Gefahren täuschen, die in der immer innigeren Verbindung zwischen dem geistigen „Gesinntjudentum^ Cohens und den politischen Organisattonsbestrebungen der Phllivpson und Genoffen für das überlieferte Judentum geborgen liegt. Hermann Cohen ist dazu berufen, der Dogmatiker des neologen Judentums zu werden und damit die haltlosen taufendfälttgen Judentümer der Modernen zu einem geistigen Ganzen zusammenzuschließen. Keiner fühlt stärker als Cohen selbst, wie sehr dem Reformjudentum dieser philosophische Halt nottut, wie es nur auf dieser Grundlage mit Selbftbewußtsein an die Oeffentlichkett, an den Sta/at herantreten und volle staatsbürgerliche Gleichberechttgung für die Juden nicht nur, sondern für das philosophisch ausgemergelte Judentum beanspruchen könne. Das ist die politische Bedeutung der Cohemschen Dogmatik des Judentums. Sie gestattet, mit Hilfe einer sich jüdisch nennenden fast- und kraftlosen Gottes id^e der Oeffentlichkeit und dem Staate jene Einheit des Bekenntnisses vorzudemonstrieren, die die Grundlage des Rosin'schen Organisationsentwurses bildete und die von der Reform jahraus, jahrein in allen Tonarten verkündet wird. Dieses einheitliche jüdische Bekenntnis soll der Staat prinzipiell als gleichberechtigt anerkennen und dann auch den vom Glanze ihrer philosophischen Humanitätsreligion beschienenen Bekennern die Thore der politischen Emanzipation endlich völlig öffnen. Das war das Leitmotiv der beiden Referate >ur staatlichen Judenpolitik auf dem Zudentag. Gleichberechttgung! Wer wollte das Verlangen danach nicht ./'i ‘A »er Stock zu Beben fiel. Geist und Spuk hat er besiegt. Wer aber schützte ihn vor dm leibhaftigen Furten seines rauten Heimes? Er wußte genau, was dort sewer iarrte. Und als er letzt vor J»*r TU*» wu*. fu**- Nut wü der ganz gesunkm. „ ■ .. . Die Türe war geschloffen. Jauno klopfte leise und jaghaft ans Fenster. . „Wer da?" rief eine verschlafene Stimme von innen. Kaum aber hatte Jauno seinen Namen genannt, als chon der Schlüssel von innen fich herumdrehte und seine Hrau mit weicher, fast holdseliger Stimme aus der halbgeöffneten Türe ihm entgegenrief: t „Bist Du es, lieber Mann? Habe mir schon ordentlich Gedanken gemacht. Bist erftoren? Komm Jauno, ch werde Dir warmen Tee kochen. Laß das Hm nur legen, werde es schon selber in den Stall tragen!" Was war das? Er hatte fich den Empfang ganz mders vorgestellt, und so hatte er seine Frau noch gar aicht reden hören. Aber er latte weder Zeit noch Lust;um Nachdenken. „Wo ist Deine Mama?" fragte er wie in instinktiver Angst. .... m ^... „Sie hat furchtbar Kopfweh und ist im Bett!" lautete die Antwort. _ Dann schlürfte er mit Behagen dm Tee ein, legte fich nieder und verfiel in einen gesunden Schlaf, wie 'er ihn so süß und erquickend seit mehr als einem halbm Jahre nicht genoffen hatte. , Als er gerade nicht zu früh fich langsam aus dem Bette gemacht, da kam auch sehr leise und vorfichttg die Alte mtt verbundenem Kopfe in die Stube getreten. „Habe gemeint. Du schläfft noch und wollte Dich nicht stören!" fing sie an. / „Das ist die Einleitung, nun kommt'« schon bald anders," dachte Jauno und s.nkte schuldbewußt das Haupt. Doch die Schwiegermutter war wie umgewandelt, fie sprach leise, weich und fast schüchtern. „Die Kuh," sagte ste, „frißt heute nicht recht. Die Nacht — aber ich spreche chaswescholaum nicht davon — aber ich meine, wir geben fie jetzt Boruch, dem Kazew, der fie kaufm wollte. AVer nein, darüber hast Du, Du meinst, soll geschehen." ~ ” fln —_(._1 P . 1t ..UA CI JCm. QUam aaA AtM iuvin|i/ |uu Verwundert sah Jauno um fich. War das ew schöner Traum? Nein, wahrhafttg! Es ist die Schwiegermutter, die alte Peffe, und dort feine Frau, die ihm das Frühstück liebevoll austtscht. Selbst die Kuh schim hmte mehr elegisch und in Molltönen zu vrummm. Und so ging es jetzt jedm Tag.' Jauno wußte nicht, wie ihm geschehen war. Er war nun wirklich der Herr im Hause, der von allm mit großem Respekte behandelt wurde: Ein Balhabos, ein HmrSbefitzer. Und oaS Leven im Molhof fing unrecht angenehm und behaglich zu werden. . , Als er eines Tages Perez, dem alten Kaser begegnete, da ttat er ihm in den Weg und sagte: «Reb Perez, ich bin Euch noch Schadchonus schuldig!" Er meinte es sehr aufttchttg. Doch Perez ttat vorfichttg ein paar Schritte zuruck. Dann schaute er vorfichttg Jauno von der Seite an rmb nachdem er fich überzeugt, baß beffen Hände auch nichts Verdächtiges aufwiesen, sprach er: „Ich Hab' genug Jauno, Hab' meinen Teil gekttegt!" Und er eilte davon. Aus den Memoiren des Flirrten Urnssow. Der Gouverneur, der sich, wie erinnerlich, in der zweiten Duma rttcht gescheut hat, die geheimen Berbindungsfäden zwischen dem schwanen hundert" und den einflußreichen Regierungskreisen und die Mit- , schuld der Regierung an den blutigen Pogroms von I LischirlSV schonungSws aufzudecken, Kat jetzt im Berlage der Deutschen Berlagsanstalt in Stuttgart Erinnerungen aus seiner Gouverneurzeit herausgegeben, die das Jntriguenspiel der leitenden Kreise grell. ÄÄK?rflk"frry^urcy eine Deputation wegeii der lichen Verbrechen an einer unschuldigen Bevölkerung an . den Zaren wenden wollte, erdachte Plehwe ein geschicktes Mittel, um fich vor Europa reinzuwaschen: Er ernannte den Fürsten Urussow, der von jeher als biederer und ehrlicher Charakter galt, zum Gouverneur von Kischinew. Plehwe hoffte, aus diesem wahrheitsliebenden Edelmann, der bei dem Antritt seiner Amtstätigkett, wie Urussow selbst gesteht, über die Judenfrage wenig unterrichtet war, mit der Zeit einen echtrussischen Beamten im vollsten Sinne des Wortes" zu machen. Die letzten Worte, welche Plehwe Urussow vor seiner Abfahrt nach Kischinew sagte, waren: „Handeln Sie, wie Sie es verstehen, die Hauptsache ist nur, daß Sie gute Resultate erzielen. Eins aber sagte ich Ihnen beim Abschied, bitte weniger Reden und weniger sentimentale Judenfreundschaft." — ^Plehwe dachte in Urussow, wie in dem damaligen Direktor des Polizeidepartements, Lopuchin, typischrussische Beamte mit einer liberalen Färbung zu finden. Plehwe hatte sich getäuscht. Fittst Urussow ist durch seine kurze Anwesenheit in Kischinew und durch seinen Verkehr mit den Juden ein „Judophile" geworden. Der Fürst erklärte: „Für mich selbst nahm die Judenfrage eine klare Gestalt an, seit der Zeit, als ich diese Frage vom Standpunkt der moralischen Forderungen und Interessen des russischen Volkes betrachtete. Ich will versuchen, in kurzen Zügen meine Gedanken zu erläutern. Einer meiner nächsten Mitarbeiter in Bessarabien, der älteste Rat der Gouvernementsverwaltung v. P., ein Mann von gutmüttgem Charakter, liebte immer zu erzählen von der Gewandtheit, die er im polizeilichen Dienst bekundet: Bor 20 Jahren war ich genötigt, der Hinrichtung