Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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V-1?- KochMruu-schau. Vom „Mischen Frauenbund“. Wie der „Verband für Frauenstimmrecht" und der „Verband fortschrittlicher Frauenvereine", so hatte auch der „Jüdische Frauenbund" Frankfurt als Ort seiner diesjährigen Tagung gewählt. Bedauerlicherweise zeigte der Verlauf der Tagung auch sachlich manche Anknüpfungspunkte an den Kongreß der „Fortschrittlichen Frauen", dessen wir in der vorigen Woche gedenken mußten. Das Schlagwort von der „neuen Ethik" bekam man auch bei den jüdischen Frauen zu hören, und die naive Unbefangenheit, mit der da einige Damen über diese „neue Ethik" und die „alte Ethik" frisch und fröhlich schwadronierten, war nicht dazu angetan, das Prestige des „Jüdischen Frauenbunds" zu erhöhen. Daß für so ziemlich alle und noch einige andere Uebel unserer Gesellschaftsordnung die Rechtsbeugung und Rechtsverkürzung", unter der die Frau leide, verantwortlich gemacht wurden, das wird man gerne dem Parteieifer der Rednerinnen zu Gute halten. Keine Entschuldigung aber gibt es für die Verunglimpfung, die vornehmlich die Referentin der ersten Sitzung am Judentum verübte, indem sie dieses beschuldigte, daß es von jeher das Weib degradiert und ihm eine verächtliche Stellung angewiesen habe. Die Feder sträubt sich, die Ausdrücke wiederzugeben, mit denen die Referentin mit glatter Zunge die Ehre aller jüdischen Mütter der Gegen nart und der Vergangenheit verunglimpfte. Nach diesen Tiraden, in denen gebührendermaßen auch Schalom Asch als Eideshelfer figurierte, kam es nicht mehr unerwartet, daß eine andere Rednerin das nötige Maß von Unverfrorenheit bekundete, um bei der Besprechung von Dingen, die zu erwähnen nur tiefer sittlicher Ernst berechtigt, geradezu auf die Lachmuskeln des Publikums zu spekuueren. Es ist betrübend, in einer Versammlung jüdischer Frauen solchem Mangel der schönsten Zier des jüdischen Weibes, des my'ax, zu begegnen. Und so löblich auch die soziale Hilfsarbeit ist, die sich der „Jüdische Frauenbund" zur Aufgabe gemacht hat, die Sympathieen gerade der besten jüdischen Frauen konnte er sich durch solche Szenen nur verscherzen. Denn wo immer das Gefühl für die Ehre des Judentums lebendig ist, wird man staltest gemacht zu Bette zu gehen. Da . kam fie, die Alte, mit der Laterne in der Hand und grinste: „Die Kuh, die Kuh!" - „Die Kuh?" fragte er leise. . Nun, natürlich die Zkuh!" schrie jetzt die Alte im höchsten Fisteltone, „nicht der OchS, der bist Du! Aber die Kuh muß zu fressen haben. Du frißt ja auch. Mußt nach Borken gehen, Heu holen. Hörst Du? Mußt Heu holen!" „Bei dem Wetter?" wagte er schüchtern einzuwerfen. Da war aber die Explofion mit elementarer Gewalt ausgebrochen: „Was, Wetter?" geiferte fie. „Ist wohl gar aus Zucker, der Fresser, der Müßiggänger. Er vergeht, ge i fließt, sobald die Lust an ihn kommt, der Schlemihl, der Gaulom. Habt Ihr' schon so einen BalhaooS gesehen? Et hat die Kuh nicht gekauft, was liegt ihm auch daran, wenn fie verhungert, wmn er nur zu essen hat?!" — „Du gehst augenblicklich nach Borken und holst Heu!' hat dann die Junge gesagt. Da blieb ihm nichts anderes übrig. Er rückte die Mütze tief ins Gesicht, nahm den Stock und ging. Als er so dm Stock hielt, fühlte er ein seltsames Zucken in der Hand und zum erstenmale tauchte bei ihm leise und schüchtern der Gedanke auf, daß vielleicht dieser dicke, gelbe Rohrstock noch eine andere Bestimmung haben könnte, als die, ihn jetzt bei Rächt und Sturm htnauSzuführen . . . Doch wagte er eS nicht, diesen Gedankm Wetter zu spinnen und ging. ‘ Der Wind stieß uno zerrte chn und Pfiff ihm höhnisch inS Ohr: „Bist kein Mann, Jauno, bist eine Jammergestalt!" „Halt'S Maul und geh!' kreischte der Sturm von der anderen Seite her. „Augenblicklich gehst mir!" polterte auch der Hagel von ovm herab. Und nun war er starr vor Kälte und Nässe angees ablehnen, mit Frauen gemeinsame Sache zu machen, die offenbar dieses Gefühles völlig verlustig gegangen sind. qq- * Me Hahlen jur ruffildien Reichsduma. Die Wahlen zur dritten russischen Reichsduma sind jetzt im Gange. Sie zeigen im allgemeinen das Bild, das man erwartet hat. Die Beteiligung ist überaus gering, und sogar viele Berechtigte, die sich die Mühe machten ihre Eintragung in die Wählerlisten herbeizusühren, ziehen es nachträglich vor, der Abstimmung fern zu bleiben. Die Ueberzeugung, daß die neue Reichsduma unter der neuen Wahlordnung gar nicht anders als reaktionär ausfallen könne, hat in allen freiheitlich gesinnten Kreisen einen tiefen Jndifferenttsmus hervorgerufen. Auch die Juden stehen den Wahlen interesselos gegenüber, sie setzen auf die künfttge Duma nicht die geringsten Hoffnungen. Daß sie ein Mandat retten werden, ist, nachdem sie nunmehr sogar in Wilna, dank der Wahlmache der Regierung, den Polen unterlegen sind, gänzlich ausgeschloffen. Rabbi Seligman» Bür Bamberger ys? Zum 100. Geburtstag. 5. Marcheschwan 5568 (6. November 1807). Am 5. Marcheschwan sind hundert Jahre verflossen, seitdem Rabbi Seligmann Bär Bamber ger V'XT in dem kleinen unterfränkischen Dorfe Wiesenbronn das Licht der Welt erblickte. Es ziemt sich wohl, an dem IM jährigen Geburtstage des „Würzburger Raw", tpie man Rabbiner Bamberger überall kurzweg nannte, — sein Name war im Bewußtsein der großen Menge ganz hinter sein Wirken zurückgetreten — sich zu vergegenwärtigen, was dieser Mann dem Judentum geworden ist, welche Bedeutung er für dieses erlangt hat. Als er im Jahre 1840, nachdem er eine zeitlang als schlichter Geschäftsmann in seinem Heimatdorf Wiesenbronn gelebt, seine Zeit jedoch mehr dem Unterricht von Talmudjüngern als dem Geschäfte, das seine junge Frau besorgte, widmend, auf den verwaisten Rabbinatsstühl Würzburgs berufen wurde, da war schon vorher eine sich in jugendlicher Frische fühlende stürmende Reform an der Arbeit gewesen, das Würzburger Distriktsrabbinat sich zu erobern. Durch die mehrjährige Krankheit des bisherigen Rabbiners R. Abraham Bing 7"2Ct war ein Interim geschaffen, während dessen kommen und muß zum Unglücke noch die Schauergeschichte der Fuhrleute anhören, die ihn mit Grauen und Entsetzen erfüllen. Die beiden am Tische unterhielten fich indes ruhig weiter: „Und ich behaupte," sagte Gute!, „diese Mafiktm^ gehen weniger darauf auS, den Wanderer zu Schaden zu bringen, als vielmehr ihn irre zu letten und am Narrenseil herumzuführen." „Da kann ich dienen," bestätigte Chajim. „Einst, es war eine Nacht wie die heutige, fuhr ich vollbeladen den Waldweg von Tawnik heim. Dort dicht am Kirchhof bei ,Kilian^ blinkt etwas schneeweißes, ich rufe, ich drohe, ich fahre mit der Peitsche aus, es rührt fich nichlS, nur ein leises Geschnatter. Da schaue ich näher, eine GanS, so fett und feist, wie ich noch keine gesehen. Wahrlich ein guter Fund in der Pessachwoche, waS? Ich hatte Mühe bis ich fie in den Wagen hob. Nun saß fie hinten zwischen Cäcken und Päcken fest gebunden und ich fuhr beglückt Wetter. Kaum aber winkt uns das erste Licht auS der Stadt entgegen, da kräht und schnattert und flattert eS hinten. Ich sah mich erschrocken um, fort war fie, die falsche Gans war verschwunden und ich hatte das Nachsehen. Und alS ich es daheim erzählte, da sagten fie: kannst froh sein, Chajim, und Gott banken, daß Du den ,9hia$' nicht ins Haus gebracht." — „Da kam ich schon schlimmer weg," beteuerte Gute!, „da wtntte mir einmal so einer in stockfinsterer Nacht und?[aufelte mir ein Licht vor und alS ich, im Glauben, eS ei die Borkenschänke, dahinkam, steckte ich so tief im Sumpft, daß ich fast nicht mehr herauskonnte. Da huschte wie auf Kalbsfüßen etwas vorbei, und als eS näher kam, glaubte ich fast sicher meinen Braunen zu sehen, von dem ich doch wußte, daß er daheim im Stall angebunden war." „ES ist die Art dieser BelzbuVen," belehrte Chajim, „immer die Gestalt von bekannten Menschen oder Tieren einige jüdische Studenten der Universttät, Studenten der jüdischen Theologie, wie sie sich nannten, sich bemühten, aus die Besetzung des Rabbinats, wie auch auf die Stimmung der maßgebenden Gemeindemiwlieder Einfluß zu gewinnen. Stürmer im .Sinne einer maßlosen Reform waren es, die auch in ihren späteren Stellungen in diesem Sinne tättg blieben und von dene einige in ihrer Rücksichtslosigkeit Veranlassung zu einem klaffenden Bruch in der Judenheit wurden; diese Herren bearbeiteten die Gemeindemitglieder und fanden auch bei vielen Gehör. Sie hätten ihr Ziel erreicht, sie hätten Würzburg der Reform aüsgeliefert, wenn nicht ein großer Teil der Mitglieder fest geblieben wäre und diese im Verein mtt den ländlichen zum Distrikt gehörenden Gemeinden nicht die Majorität bei der Rabbinerwahl erlangt hätten. Des jungen Rabbiners wartete eine vielseittge Tättgkeit in dem ausgedehnten Rabbinatsbezirke. Berichte und Gutachten an die Re-. gierung, Revision der Religionsschulen, Trauungen, Prüfung der Schochtim, Entscheidungen bei rituellen Anftagen üsw. Zu dieser vielseitigen Inanspruchnahme legte er sich selber noch eine viele Arbeit erfordernde Tättgkeit auf: die Leitung einer Jeschiba, wozu noch später die Gründung eines Lehrerseminars kam, das er unter Aufwand vieler Zeit selbst beaufsichtigte. Auch im abseits gelegenen Wiesenbronn, wohin sich selten der Fuß eines Wanderers verirrte, hatte er stets einige Talmudjünger um sich versammelt; hier nun, in der Hauptstadt Unterfrankens, in der Universitätsstadt war ein größerer Zufluß von jüdischen Studierenden, die mit ihren Thorastudien das Universitätsstudium vereinigen wollten, wie auch von Bachurim, die vor ihrem Eintritt in ihren Lebensberuf ihr jüdisches Wissen verttefen und erweitern wollten, zu erwarten, und so kam es denn auch, zumal in dieser Zeit die Fürther Jeschiba aufgelöst wurde. So war eine Stätte geschaffen worden, die für die spätere Entwickelung der jüdischen Verhältnisse in Deutschland bedeutungsvoll geworden ist, denn viele deutsche Rabbiner haben hier ihre Ausbildung erhalten und haben hier den Grund zu ihrem späteren segensreichen Wirken gelegt. Bei dieser reichen Tättgkeit fand R. S. B. Bamberger immer noch Zeit, mtt Wort und Schrift in den Angelegenheiten am Platz zu sein, die Judentum und Judenhett im allgemeinen berührten, wie auch eine Reihe von Werken zu edieren, die das prakttsche Leben des Juden betreffen. Zudem gelangten jetzt auch, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland die verschiedensten Anftagen religiösen HaaaaSHSHSHHHHaaBÄHHSBHaHaHHBB anzunehmen, um desto Posstaer den einsamen Wandere zu täuschen. Wenn fie mir so begegneten, würde ihnen die Berstellungskunst vergehen." „WaS tätest Du dagegen?" Auch in der Ofenecke rührte es fich. Jauno räusperte fich und horchte sehr angestrengt auf. Und Chajim dozierte: „Mein Mittel ist zwar ein Gehetmmittel, aber ein sehr einfaches. Man nimmt einen Stock, auf den man einen Zettel mtt der Inschrift ,ftufu', wie fie fich auf der Rücksette der Mesusoh befindet, befestigt, mtt dem man dann aus die Geister, ganz gleich, in welcher Gestalt fie erscheinen, so lange etnhaut, bis fie verschwinden." „Ja, man muß ihnen den Meister zeigen," bestättgte Gute!, als hätte er das probate Mittek schon längst gekannt. Wieder rührte und räusperte eS fich in der Ofenecke. Jauno besah seinen gelben, dicken Rohrstock von allen Seiten. Er fühlte kaum die Kraft und den Mut in fich, dm Kamps mtt dm Dämonen attfzunehmehn. Allein „besser ist besser!" dachte er und „Borficht schadet keinerwegS!" Und leise, von keinem bemerkt, kritzelte er mit dem Meisttst auf einm Papierstreifen, dm er dann mtt einem Faden an dm unterm Tell seines Stockes fest band. In diesem Augmblicke kam der Borkenwtrt mtt dem Bunde Hm, dm Jauno sehr betrübt auf den Rücken lud. Noch einm Blick auf den Zeiger der großen Wanduhr, der die MittemachtSstunde längst überschritten hatte. Und nun ging er heim. DaS Unwetter hatte indes furchtbare Dtmenfionm angenommen. Das Heu drückte dm armm Jauno und stich ihn von hinten, während der Sturm ihm ms Gesicht peitschte und ihn rückwärts trieb. Doch Jauno faßte Mut und ging festen Schrittes weiter. Wenn nur fie, die „Schedtm", nicht kommen! Und warum?-Er