Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1907)
- Date
- 1907-09-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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rmmrcen verschiedener Waldbäume nur das matte Grau der Oliven aufzuweisen, 'so ist es doch durchaus nicht arm an Blumen.' So oft wir einen Ausflug in eines der wilden judäischen Wädis machten, Ährten wir mit reicher Beute hetzn. Aber auch die Hochflächen bei Jerusalem haben eine mannigfaltige Frühlingsflora. Zuerst erschließen sich schüchtern zierliche Maleolmien, w^iße, purpurfarbene und blaßblauedann überdeckt blauweißes Wiesenschaumkraut die Berghalden, und in den Weingärten geben dichtgedrängte Sllenen dem Boden einen rötlichen Schein. Bald tiX*- 'fr I: Die Köuigsgärten bei Jerusalem. erblühen auch hier die roten Anemonenihnen folgen die ebenso schönen roten Ranunkeln, diesen die Adonis- und Cistusröschen, Salbei, Mohn und Orchideen. Wie Silberadern auf dem Gestein kriechen die Ausläufer der Paranocchia hin, und in den Feldern blühen dunkelblaue Gladiolen, Winden und waldmeisterähnliche Rubiaceen. Zwischen allen Mauerritzen aber hängen Alpenveilchen, Steinsamen und Bilsenkraut.- Doch es bedürfte eines besonderen Aufsatzes, um'die wichtigste Flora des judäischen Berglandes zu schildern. Nein, dieses Land, ist nicht so nackt und öde, wie es bei flüchtiger Betrachtung erscheint. Kalkgebirge sind überall die Heimstätten einer artenreichen Flora. Die Vettern der meisten Pflanzeyfamilien, die uns vom Saaltale oder von den deutschen Boralpen her vertraut find, grüßen uns in prächtigeren Farben auf den Bergen Judäas. Dazwischen freilich erinnern uns die Dornenstauden der Rhamneen (Kreuzdorn) und Euphorbien (Wolfsmilch), daß wir uns am Säume der Wüste befinden- Aber nicht minder schön als bas Tageskleid des Gebirges ist das Gewand, das es am Abend anlegt, und . das in aller Pracht orientalischer Farben schillert. Wenn die Sonne "hinter dem Walle der Berge versunken ist, dann wechselt der Himmel jeden Augenblick seine Farbe: erst gelblichrot, dann purpurglühend, dann in immer dunkleres Violett übergehend, spielt er in rascher Harmonienfolge eine machtvolle Farbenshmphonie ab. Und die Erde antwortet mit dem zweiten Satze. Erst hebt sich der Horizont in schwyrz- «en Umrissen vom HimmÄ ab und zeigt rß seine im grellen Tageslicht monoton erscheinenden Linien Kühnheit und Kraft haben - in Wellenkämmen, zwischen denen einzelne Gipfel inselartig auftauchen, rollt er finster trotzig vor dem Gluthimmel hin. Wenn aber die Sonne tiefer sinkt und der Kontrast zwischen der Ueberfülle des Lichts am Himmel und den Bergschatten oes Erdrandes sich mildert, dann ergießen sich über die Hochflächen violette Farbenkaskaden, überfluten den verschwimmenden Gebirgssaum, brechen sich an den Vorsprüngen der Höhenzüae und durchlaufen eine chromatische Tonleiter. Allmählich aber gleichen sich Die zahllosen Vorhalte aus, indem alle auf den Grundton des tiefsten Violetts hinstreben. Endlich verklingt alles im schweigenden Dunkel der Nacht. Wenn. das judäische. Hochland in seinem Innern auch eine große Gleichförmigkeit der Oberfläche zeigt, so ist doch damit nicht gesagt, daß tieftre Rinnen und auffällige Profite auf dem eigentlichen Horste fehlen. Wie jäh ist der Absturz im Süden und Südosten von Jerusalem! Die Landwarte Nebi-Samwil und der Kegel von Tell el Fnl ziehen durch ihre charakteristischen Formen die Aufmerksamkeit eines jeden auf sich, der von Jerusalem nach Norden reist. Noch auffälliger ist im Südosten der steile Kegel des Frankenberges, den aber Menschenhand geformt hat: Herodes hat den Gipfel gleichmäßig gestaltet, um darauf eine Festung zu setzen und sein Grab zu bauen. Mannigfaltiger wird, die Gestaltung des Berglandes, wenn man sich seinem Rande . nähert. Schaut man von dem fast 1000 Meter hohen Ras esch-Scherife südwestlich von Bet-Dschala nach Westen, so ist man überrascht von der kräftigen Modellierung der Vorberge, die oft von burgenähnlichen Dörfern gekrönt sind. Unvergleichlich imposanter ist freilich die Aussicht am schroff abfallenden Oftrande des Gebirges. Im Norden bietet der Tell Asür (1011 Meter) eine Rundschau, die an Großartigkeit nur durch die Königsgräber bei Jerusalem. vom Dschebel Dschermak in Obergaliläa übertroffen wird, vor dieser aber den unmittelbaren Blick in das tiefe Ror und die ihm zueilenden schauerlichen Schlünde voraus hat. Südöstlich von Jerusalem, nicht weit von dem Kloster Mär Saba ragt der Dschebel el-Muntar, nicht von bedeutender Höhe, aber dafür in nächster Nähe des Ungeheuern Erdeinbruchs, der im Toten Meere seine größte Tiefe erreicht. Schon die letzte Gebirgsstufe vor dem 525 Meter hohen Muntar, die Buke'a, ist nur noch 53 Meter hochdann senkt sich das Terrain nach einer: letzten Aufkräuselung jählings 3.94 Meter unter den Meeresspiegel. Schwindend klettert der Blick an den Grenzmauern des Gebirges hinab zum weiten Becken des Toten Meeres und schweift dann mit freudigem Staunen über die blaue Fläche hin. Das ganze Tote Meer, ein Spiegel von der Ausdehnung des Genftr Sees! Und drüben die gewaltigen Moabiterberge, über ihnen die Spitze des Nebo. Im Norden das weißleuchtende Heiligtum von En-Nebi-Musa, die kahle Jordanebene und der grüne Kranz der Oase von Jericho. Im fernen Nordosten endlich die Berge des Adschlnn, sie alle überragend der Dschebel Oscha (1096 Meter). Doch was können alle Aufzählungen nur für schwache Vorstellungen von dem Farbenreichtum und der kraftvollen Linienführung des Bildes geben! Samarien ist das Gesenke des judäischen tochlands. Während jenes ein einheitliches Massiv mit Abdachungen, Abstürzen und Einfaltungen bildet, zerlegt sich das Hügelland von Samaria in meie einzelne Schollen. Hier und da ragen stattliche Berge, aber dazwischen liegen fruchtbare Ebenen. So umschließt es viele anmutige Einzelbilder, nimmt aber nur an wenigen Stellen einen Anlauf zu kühnerer Gestaltung. Selten sieht man eine schroffe Gebirgswand, und die wilden Wadis Jüdäa's haben hier keine Analogieen. Doch sind einzelne Gebirgsstöcke von imposanter Wirkung. Majestätisch thronen zu beiden Seiten von Näbulus der 868 Meter hohe Garizim und der 938 Meter hohe Ebal einander gegenüber. Josua 8, 30—35 wird erzählt, wie hier Josua auf wirkungsvolle Weffe das Volk Israel zur Treue gegen I .... ermahnte. Er baute auf dem Ebal einen Altar. In der Mitte des Tales stellte er die Bundeslade auf, neben sie die Priester, an die Abhänge des Garizim und des Ebal aber zu beiden Seiten der Lade das ganze Volk. Dann ertönten vom Garizim Segensworte über die Bundestreuen, vom Ebal schreckliche Flüche über die Verächter des Gesetzes. Die Schallverhältniffe des Tales sind so günstig, daß hüben und drüben das Gesprochene gut verstanden wird. Die beiden Berge umrahmen ein liebliches Tal. Zu ihren Füßen breitet sich ein grüner Teppich - die Talsohle ist ein großer Garten, in dem besonders Mandel- und Granatbäume sich zu dichtem Gebüsch zusammendrängeu. Reiche Quellen, die besseres Wasser bieten als der jetzt fast vertrocknete Jakobsbrunnen, rauschen von den Berghängen hetab. Die unterste Terrasse des Garizim vereinigt ein doppeltes Naturspiel von größer Schönheit. Unmittelbar über Nabulus erhebt sich eine Felsplatte, auf natürlichen Säulen ruhend, nur von der Südseite zugänglich: die Jothamskanzel. Von hier aus, wo man die ganze Stadt übersehen kann und die gegenüberliegende steile Halde des Ebal einen ausgezeichneten Resonanzboden abgibt, konnte der Flüchtling Jotham den Männern von Sichem, die den Brudermörder Abimelech zum Könige gemacht hatten, seine höhnische Parabel zurufen, ohne daß sie seiner habhaft zu werden vermochten. Hinter dieser merkwürdigen Felsbildung strebt abermals ein hohes Riff zum Gipfel des Garizim empor, und in dieser senkrechten Mauer klafft eine ungeheure Grotte. Hier begreift man, daß ^Der Dabor. den Alten solche Karsthöhlen als Wohnungen von Gottheiten erschienen. Eine feierliche Stimmung überkommt jeden, der in dieses Halbdunkel tritt. Tropfen auf Tropfen fällt in regelmäßigen Zwischenräumen glucksend von der Decke herab, als ob eine Uhr ticktesonst heilige Mlle. Ueber dem Eingänge hängen wie ein ^üner Türvorhang dichte Schlinggewächse. Muß nicht der gigantische Berggeist, der hier seine Behausung hat, aus der Tiefe des Hintergrundes aufsteigen oder plötzlich am Eingang erscheinen?