Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1907)
- Date
- 1907-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1 Jl 1 } s l. Palästinensicbe TrilMingsbilder. Bon R. Eckardt in Windischleuba. Der Einfluß der Jahreszeiten auf das Landschaftsbild ist in Deutschland bedeutend. Aber in Palästina macht er sich in solchem Maße geltend, daß er den Charakter der Landschaft völlig umgestaltet. Palästina ist ein Land der schroffsten Gegensätze: am Tage glühende Hitze, in der Nacht empfindliche Kälte, im Frühjahr über¬ Der See Genezareth in Avendbeienchtnng. quellende Lebenssülle, im Herbste dürre Wüstenei. Was für Weherufe über die Oede des Landes erschollen bei der Kaiserreise! Dagegen Schilderungen von Reisenden, die Palästina im Frühjahre sahen, preisen in überschwenglichster Weise seine Schönheit. Es ist nicht möglich, ein palästinensisches Landschaftsbild ohne Rücksicht auf die Begetatiottsverhältniffe zu entwerfen: man kann es immer nur in einer bestimmten Jahreszeit zeichnen. So ist z. B. die Wüste Juda im Frühlinge keine Wüste. Ganze Berghänge sind da in das lichte Blau zarter Blumen gehüllt, als spiegelten sie den Himmel wieder. Palästinensische Frühlingsbilder kann nur der wahrhaftig malen, der sich an ihnen berauscht. Denn ein Rausch der Natur ist dieser ganze Frühling, nicht der holde, zarte Lenz des Nordens, sondern ein trunkener Farbentraum. Wessen Auge nicht fähig ist, den süßen Feuerwein dieser Frühlingspracht in vollen Zügen zu schlürfen, der rann ihr auch nicht gerecht werden. Me die schaumgeborne Göttin der Schönheit dem Meere entstieg, so hält der schöne Frühling in Palästina seinen Einzug von der Küste her,' von den warmen Niederungen steigt er allmählich zu den Höhen des Gebirges empor. So gebührt dem Frühlingsbilde der Küstenlandschaft die erste Stelle. Wenn das Dampfschiff an der Küste entlang fährt, sucht der Blick des Ankömmlings vergebens nach landschaftlichen Reizen. Flach dehnt sich der Strand, ohne Unterbrechung, ohne Einbuchtung, ohne Erhebung ° verläuft die Küste vom Süden des Landes bis zum Karmel. Im Hintergründe dämmern wohl Gebirge, aber die Ebene, die sie vom Meere trennt, ist zu breit, als daß die fernen Berge Abwechslung in die Eintönigkeit bringen könnten. Nur im Norden, wo sich der Karmel in der Diagonale von Dschenin nach Haifa vorschiebt, wird das Bild belebter. Aber vor. Jaffa verspricht das Land wenig. Auch die gefürchten Klippen von Jaffa, die Anachronismen aus einer Vergangenheit, in der die Ablagerungen des Nils noch nicht alle Unregelmäßigkeiten der Küste ausgeglichen hatten, sind zu niedrig, um an dem Gesamtbilde etwas Wesentliches ändern zu können. Nur Jaffa selbst, an einen Felsen gelehnt, überragt hoch den Strand und grüßt stolz herab. Aber ein Ritt landeinwärts übertrifft die tief herabgestimmten Erwartungen. Die Ebene im Frühlingsschmucke läßt den Reisenden die Sehnsucht nach scharfumriffenen Formationen vergessen. Sie kramt vor seinen Blicken tausend Herrlichkeiten aus: große Gärten, in denen aus hellgrünem Dickichte die Goldfrüchte der Orangen und Zitronen winken hohe Kaktushecken, auf denen hellrote Feigen glühen, Olivenhaine in mattem Silberglanze, Dattelpalmen und Granatbäume, dazwischen weiße Häuser deutscher Kolonisten. Allmählich geht die Ebene in das sanft ansteigende Vorland [&e8 Gebirges über. Die Ueberfülle der Begetatton verschwindet. Zwischen weiten Triften und Feldern zieht sich der Weg hin. Aber hier entfaltet sich die Blumenpracht des Frühlings. Da sind vor allem die vielgepriesenen herrlichen Anemonen, rote, blaue, weiße,' aber die leuchtende Pracht der roten übertrifft alle andern. Dazwischen läuten Scillen ihre kleinen dunkelblauen Glöckchen, und zarte hellblauen Jrideen erscheinen am Boden wie hivgehaucht. Da tauchen weiße Häuser auf. Bald ist Er-Ramleh erreicht, ein ansehnlicher Ort mit schönen Gärten. Im Südwesten ragt ein ho^r Turm, der Turm oer Weißen Moschee. Bon ihm aus schweift der Blick über die ganze Ebeüe. Weit ausgegoffen liegt sie da mit ihren OlivM- Wäldern, Dörfern und Kolonien. Im Westm schimmern die Dünen im blendenden Weiß, uub hinter ihnen glänzt der Silberspiegel des unendlichen Meeres. Wie völlig umgewandelt erscheint die Larchschaft, wenn man ins Gebirge Juda gelangt! Der Wechsel der Eindrücke vollzieht sich so jäh, daß man sich ihm innerlich zunächst nicht anzupassen vermag. Kahl bauen sich die Kalkterraffen übereinander auf, selten einen schmalen Streifen flacher Erdschicht zwischen ihre Stufen einfügend, meist nur mit niederen Dornenftauden bewachsen. Und eine Erhebung gleicht in ihrer Konstruktton der andern: genau horizontal lagern die Mlffsen aufeinander, die Berge ruhen auf breiter, abgerundeter Grundlage und enden in stumpfen Kuppen oder gekrümmtem Rücken. Nirgends, ein schlanker Felsenturm oder ein scharfzahniger Gebirgskamm. Und droben flache Hochtäler ohne kräfttgere Ziselierung. Kein Wunder, daß der Fremde, der das 8anb nur flüchtig durchwandert, Die Joth amska«zel bei StaHnlns. es öde und langweilig findet. Und da die meisten Reisenden nur ein paar Tage in Jerusalem und dessen nächster Umgebung verbringen, so nahmen sie die unholde Erinnerung, die sie heimbringen, als Landschaftsbild von ganz Palästina mit. Und doch ist das arme Gebirgsland reich an Schönheiten, die es zögernd dem vertrauteren Freunde enthüllt. Fehlt ihm das safttge Grün des Grasteppichs und hat es anstatt der Farben