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Der Israelit · 1907-09-17 · Heft 38 (17.9.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 38 (17.9.1907)
Date
1907-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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LSSeptembc «ette 18. Nr. M ' in Anlagen, Fähigkeiten und Aufgaben, und die hoch gemeinsam um einen Mittelpunkt geeint, das größte Geschichtsvolk auf Erden geschaffen M gegenseitiger Ergänzung? Freilich bedarf es dazu der Kenntnis der eigenen Fähigkeit, um nach deren Maßgabe die flgewiesene Stelle auszufüllen, Empfänger des egens zu sein, der uns wird. Aber dieses Pflichtbewußtsein muß begleitet sein von der Erkenntnis -er Winzigkeit unseres Könnens, von der Unzulänglichkeit unserer Kraft, von der Kurzlebigkeit unseres Daseins, damit wir unser Streben nicht - mit den Erfolgen verwechseln, die immerhin günstigen Fügungen zuzuschreiben sind und durchaus selten die natürlichen Folgen unserer Ar- Leitskraft darftellen. Wir dürfen über die Arbeit Zrnd ihren Segen nicht vergessen, daß wir Dienet, nicht Herren unserer Brüder sind, müssen ««seren Blick auf Joseph gerichtet halten, dessen -Leben, umflossen von dem Glanz der Krone, viel früher hingewelkt ist, als das seiner Brüder, die sich die Einfachheit als Hirten im Dienste, ihrer Familiengemeinschaft bewahrten. Mit der früh dahinwelkenden Bachweide, die nichts spendet, müssen wir uns stets vergleichen, um das Maß unseres Wirkens, im Verhältnis zu unseren Aufgaben, und des Einzelnen zur großen Gesamtheit nie zu überschätzen. Erblicken wir doch neben Lulow, Myrthe und Bachweide das Eßrog in unserer Hand, jene herrliche Paradiesesfrucht in prangender Schönheit, mit. aromatischem Duft. Durchgebildet in ätherischer Würze ist das Holz des Eßrogbaumes, dauerhaft in seiner Lebenskraft, immergrün in der Erscheinung seines Laubes, stets in frischer Frühlingsblüte, stets in vollem Früchteschmuck, mck> überall, an allen Wassern kann er sich seine Heimat gründen. Hier das Idealbild des Wellenbürgers, wie er sein soll. Kraftdurchdrungen, segenverbreitend. Groß steht er da im Dienst seiner hohen Pflichten, und der Segen seiner Hände erweckt Nacheiferung und Streben bei -men, die dieses Segens teilhaftig werden. Ein Gottesfürst wandelt der Mensch unter den Menschen. Gesegnet in allem Beginnen und durch die Dauer seines Daseins und Wirkens. Ein Abraham, der Seelen schafft und Herzen bildet, ein Mensch praktischer Religion. Die drei Schlüssel. Leben, Gedeihen und Erhalten sind die drei Machtoffenbarungen, in denen wir den Schöpfer des Alls verehren, und die Schlüssel zu diesen Rätseln hat Er in Seiner Hand behalten. Kein Gelehrter, kein Künstler hat noch je das Geheimnis der Natur erforscht, das deu toten Stoff belebt, hat noch je der Kraft ins Gesicht geschaut, die geheimnisvoll webt am Teppich, in den .die Erde bunt sich hüllt, die unerkannt wirkt in allem was da kreucht und fleucht. Das Werden ist der Stein der Weisen, es ist dem Menschen vorenthalten, es zu erkennen. Und wie mit dem Leben, so ist's mit dem Gedeihen. Wo der Regen hinfällt, dort kann der Segen sich entwickeln und doch kann auch gerade dort der Fluch sich entladen. Die Zeit und das Maß sind bedingend, welch Menschenauge vermag beides zu messen. Ob Gott einen guten Schatz uns öffnen will und wie Er ihn uns eröffnet, das liegt jenseits unserer Erkenntnis. Und wie dem einen Menschen des Segens Fülle zu Gebote steht, und wie dem anderen fast der kümmerlichste Genuß nicht erreichbar, wie der weniger Fähige vom Glück begünstigt, wie der Fähige vom Unglück verfolgt, wie der Kinderlose an Fülle reich und der Kinderreiche des Notwendigsten entbehrt, und wie der Einsichtsvolle allen ein Ratgeber und ratlos so oft für sich selber steht-wer vermag es auszudenken, Gelingen und Mißlingen in Ursache und Wirkungwer hätte den Schlüssel zum Geschick in der Hand? Und wenn nun Dasein und Entfaltung schon unseren Blicken entzogen, Dasein und Entfaltung, das wir schauen Tag für Tag, das wir fühlen und greifen, woran unser Auge sich freut, unsere Sinne sich sättigen: wie dicht ist erst der Schleier gewoben, der über der Erhaltung der Kraft ausgebreitet liegt. Wir sehen Tod und Verwesung, Auflösung und Verfall: und doch wissen wir, es ist nur ein Wechsel. Wir kehren zum Staub zurück, wovon wir genommen. Doch es hört nichts zu fern auf. Es wechselt die Form, der Stoff hat Bestand Und ob sie nie wiederkehrt, die Form des Lebens? Wir waren Stoff und wurden zum Leben geweckt und werden Stoff-und sollen nicht wieder zurück zum Leben kehren können? Es lebt mächtig in der Weltanschauung der Weisen der Gedanke der Wiedererweckung zum Leben. Er findet ein gewaltiges Echo in der Liturgie und der Prophet knüpft die völlige Gotteserkenntnis der Menschen an die Zeit, da sie schauen, daß die Gräber sich eröffnen und düs Alte zu neuem Leben ersteht-doch der Schlüssel hierzu ist nicht in unserer Hand. Und wenn der Winter naht, die Jahreszeit, da all das Leben erstorben 'scheint, da erstarrt alle Keime, im Eis erfroren alle Triebe — da sollten wir glaubxn: Tod, Tod für immer herrscht in der Natursollten nicht denken wie im Vorjahre unter der Schneehülle all die zarten Pflanzen geschützt in wärmender Decke lagen, bis sie münter hervorlugten und der Sonne belebender Strahl sie geküßt und sie erstarken und wachsen und gedeihen ließ, und sollten nicht glauben, sollten nicht hoffen, nicht vertrauen, ja wiffen, daß aus dem Bann des Nfes mit dem kommenden Frühling zu heiterem Leben die Natur verjüngt emporsteiat? Der Wind und der Regen: mögen sie durch die Felder fegen, auf die Scholle strömen, kahl und unwegsam, kalt und naß die ganze Natur gestalten. Sie bringen die Keime der Befruchtung über die Fluren und bringen zu Gedeihen die Saaten und lassen auf den düstern Winter einen heiteren Sommer folgen! Schau', Mensch, dieses Bild der Natur und schau' dann auf dein Wesen - bist du nicht auch ein Kind von dieser Welt, wie die Natur, die dich umgibt? Was die Pflanzenwelt bewegt, ist der Wind, was dich bewegt und Leben dir einhaucht, ist der Geist, tili nennt beides die heilige Sprache. Und was das Wasser für das Leben draußen, ist der Empfindungsquell und jede geistige Labung für deine Seele. Drum wird der Thora Wort als Lebensquell dir so oft geschildert. Schau das Bild, Mensch der Natur, und schau, dann auf dein Wesen und sprich beim Beginn des Winters der Natur, lobend, preisend den Erhalter auch Deines Wesens, den Wiederbeleber auch Deiner Kraft, dbwi nm 2'2»v. .. Aber ihre grösste Herrlichkeit zeigt die Königstochter im Tunern der Hauses.“ So singt König David zum Preise seiner Braut. Das ist bis heute noch das Ideal der jüdischen Frau. Nach innen! Dort liegt die die Freude verloren gegangen. Diese müßt Ihr wieder zu erlangen suchen. Zu diesem Zwecke dürft Ihr Euch zunächst nicht immer mit dem Geschäft befassen, Ihr müßt Euch auch ausruhen ' Und dabei das Geld, das Ihr erworben, auch; benutzen. Eßt gut und trinkt gut, dann soll die; Freude schon wiederkommen. Und dann entwickelte er eine solche Schilderung des Wohllebens, daß den anwesenden Gästen das Wasser im Munde zusammenlief - soweit man von einer Hofgesellschaft diesen Ausdruck gebrauchen darf. Der hagere Mann begann alsdann seine Meinung wie folgt zu entwickeln : Gewiß, Ihr habt die Freude verloren, aber nicht in dem Sinne, wie mein Vorredner es . gemeint — ein unsäglich verachtungsvoller Blick traf den wohlgenährten Herrn — und nicht in diesem Sinne müßt Ihr sie zu verwerten suchen. Zunächst müßt Ihr die überflüssigen Sorgen abwerfen nach dem Grundsatz: Bewundert nichts und fürchtet nichts. Denn wozu habt Ihr schließlich den Erwerb nötig? Mit Geringem kommt der Mensch aus. Nicht äußere Freude ist die Hauptsache, sondern innere Zufriedenheit. Und -er entwarf alsdann eine Beschreibung seiner Glückseligkeit, daß alle den Diogenes um sein bischen Sonne beneideten. Der Dritte wollte nun beginnen. Aber der wohlbeleibte Herr, der schon während der Ausführungen seines Antipoden längst unruhig hin und her gerutscht war, nahm nun das Wort und sprach zu seinem Vorredner. Was, meinst du, werden die Leute wohl Werft wollen: Armut oder Reichtum, Freude oder Griesgram? was nennst du „innere Glückseligkeit"? Ueberall ist des Menschen Sinn darauf gerichtet, meine Gaben zu erlangen. Mit großer Ruhe erwiderte der Andere darauf: der Toren Art ist es, deine Gaben zu suchen./Des Weisen Merkmal dagegen, nach unvergänglichen Gütern zu streben, wie i ch sie verheiße. Ja, deine unvergänglichen Güter sind viel wert, höhnte der Dicke. Wenn ich prophetischen Geistes bin, so sehe ich, wie' vernünftige Leute dir im Leben den Rücken kehren. So etwas von der Glückseligkeit des Innern — er lachte laut und anhaltend über diesen Witz — kann man höchstens kleinen Kindern in der Schule vorpredigen. Wenn ich aber prophetischen Geistes bin, sagte der Hagere, den seine stoische Ruhe etwas verließ, so sehe ich, wie man einst dein glänzendes Aeußere herunterreißen wird, und, wenn man sieht, was dahintersteckt, wird man es so hohl finden, daß man einen Wasserschlauch davon fertigt, in den man Wasser hineingießen kann. Da entrüstete sich der Dicke derart, daß er ganz rot im Gesicht wurde. Du könntest zufrieden sein, wenn du mir jemals das Wasser reichen dürftest, rief er endlich. Dem König wurde die Diskussion zu persönlich und der Ton zu wenig hoffähig, er gebot den Beiden darum Schweigen und befahl dem dritten Bewerber sich zu äußern. Dieser knüpfte an den letzten Streit an und sprach. Freude und Genuß haben, wie ganz recht bemerkt wurde, nur dann einett Zweck, wenn sie als äußere Umhüllung auch einen Inhalt, eine Weihe, haben. Ganz eigentümlicher Weise hat mein Vorredner vorgeschlagen, zu diesem Inhalt Wasser zu nehmen» Ob er zwar damit einen besonderen Zweck hatte, weiß ich nicht. Aber das Volk, dem ich angehöre, ich bin nämlich Jude, hat ein Fest, das gerade durch Wasser seine Weihe erhält, und das auch meines Erachtens am besten lehrt, was Euch fehlt. Sie zeigen nämlich mit dieser Handlung, wie auch dadurch, daß sie acht Tage lang in Hütten wohnen, daß all ihr Hab und Gut gar nicht ihnen gehört, sondern Gottes ist und ihnen nur zur Verwaltung gegeben. Gott spendet des Wassers Segen dem Werke ihres Fleißes. Nur dadurch sehen sie Gedeihen ihrer Arbeit. Dadurch kommen sie gar nicht dazu, so sehr nach Geld und Gut zu streben, wie ich dies hier beobachten mußte, halten auch nicht ängstlich daran fest, wie dies hier der Fall ist. Auch zeigen sie durch Bewohnen von Hütten, daß Reichtum den Menschen nicht besser macht, und so erreichen sie es, daß sie frei von Geschäften und ledig von Sorgen sein können. Dadurch erreichen sie es aber auch, daß sie sich freuen können dessen, was Gott ihnen gegeben, in dem Bewußtsein, es in rechter Weise verwaltet zu haben. Der König und sein Volk hörten die Worte der drei Bewerber. Diejenigen, die Zeit haben, feiern heute noch Sukkoth!- Leo Adler-Köln.

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