Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1907)
- Date
- 1907-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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& Jahrgang M 9 \44 Monats-Beilage zum „Israelit' T erantwort liebe Redaktion r Rabbiner Dr« ß. Klolf in Köln. Vas Lulow und seine Bundesgenossen. Es bedeutet ein schönes Stück vorwärts im Gedankenleben der Menschheit, wenn ein kaiserliches Wort „praktische Religion" als das Ziel der Religionen hinstellt. Wir freuen uns über diesen Sieg des Taurohgeistes. Der Geist des Judentums bricht sich Bahn. Unter diesem Geist verstehen wir eine Weltanschauung, die das tätige Pflichtenleben als W esen des Lebens und Wesen der Religion ansieht, eine Weltanschauung', die schlechterdings Religion von Leben nicht zu trennen vermag. Wohl ist ihr ein unsichtbares Wesen Urgrund und Endziel der Welt, eine Vorsehung Herr der Natur und Lenker der Geschichte, Vater aller Menschen und Richter ihrer Taten. Aber außer dieser Beziehung zum Menschen, außer der Güte, die dieses Wesen dem Menschen entgegenbringt, sind seine Eigenschaften dem Menschen unbekannt und von ihm nicht zu ergründen. Religion besteht nicht im Glauben an. unmöglich zu ermittelnde Eigenschaften eines Wesens, das.wir Menschen nur aus den Wirkungen seiner Mite kennen, dessen sonstige Anschauung uns aber fehlt. Die jüdische „Religion" hat nie auf irgend welchem Glauben gefußt, sondern als Inhalt des Judentums galt noch seit je die Mizwöh d. i. die Pflichttat. Und diese Pfttchttat erstreckt sich auf die Anerkennung Gottes als Schöpfer und König der Welt, die Anerkennung der Menschen als dessen jettillg t Soraun und Simcdod. Ein mo&eraeg Märchen aus Traktat Sukkoh 42 b. Es war einmal ein Volk, das war außerordentlich fleißig. Es war so fleißig, daß es sich weder Tag noch Nacht Ruhe gönnte, daß es keinen Unterschied mehr machte zwischen Werk- und Feiertagen aus lauter Furcht, nicht mit den anderen konkurrieren zu'können. Seine angestrengte Tätigkeit ließ auch die erwünschten Erfolge nicht ausbleiben. Aber auch dieses Volk bestand nur aus Menschen, und diese hatten das höchst menschliche Bestreben, immer die ersten zu sein. Und so bildeten sich schon nach ziemlich kurzer Zeit — die Entwickelung dauerte ungefähr 50 Jahre — eigenartige Nationaleigenschaften aus, während vordem vorhandene Eigentümlichkeiten . vollständig verschwanden. Nüchternheit, Solidität, Fleiß, Neid, Nervosität und andere Eigenschaften zeichneten dieses Volk ganz besonders aus und ließen es leicht von anderen unterscheiden. Nach diesen 50 Jahren trat in diesem Volke sin Regierungstöechsel ein. Um freundschaftliche Beziehungen zu anderen Nationen teils zu erneuern, teils auch anzuknüpfen, machte der junge König, von feinen Vertrauten begleitet, eine Reise zu den mächtigsten Potentaten dieser Zeit. Wenn man nun auch 'meistens sagt, es sei am besten zu Hause, so wurde das Wort Geschöpfe und als Brüder unter einander, und die Anerkennung des eigenen Wesens als Träger dieser Ideen, wenn es auch winzig ist im Hinblick auf die umfassend^ Aufgabe. Ist nicht das Lulow ein solches Symbol, das, mit seiner Spitze zum Himmel weisend, den Menschenverein auffordert, seinen Blick himmelwärts zu wenden? Die Blatteile alle, die sich an das Mittelblatt eng anschließen, sind ein Bild der Gesamtmenschheit. Das Mittelblatt ist das Kleinste, und doch folgen die Großen alle, wie Trabanten, seiner Richtung, sich eng an es anlehnend. Jeder einzelne Teil des Blattes aber ist gefalten, geknickt und ist in dieser Gebrochenheit ein Bild der Ohnmacht, die sich einer Allmacht, anbetend, zur Verfügung stellt. Wie ein Jsak in williger opferfreudiger Hingabe des Lebens an den Befehl und die. Forderung des großen Weltenkönigs durch sein Beispiel zu diesem bedingungslosen Gott zu leistenden Gehorsam seine Kinder und mit ihnen Völker und Staaten aufruft, so weist das Lulowblatt uns die Richtung, die wir gehen sollen in praktischer Betätigung des göttlichen Willens zur Verkündigung seines Namens. Das Bewußtsein von diesem Namen ist nicht ein „religiöses" Moment. Dazu müssen sich die Völker durchringen und weite Kreise in Jissroeil müssen es noch erst begreifen lernen. Der Glaube an Gott mag ein Dogma sein — und Dogmen, Glaubenssätze, mag man ausschalten. Das Bewußtsein von Gott ist aber kein Dogma. Es ist die Grundlage einer Weltanschauung und einer doch bei dem Könige zu Schanden. Es gefiel ihm an den Höfen ausnehmend gut, und als er in sein Reich zurückkehrte, mußte er sich sagen, daß er nun ein gewisses Etwas vollkommen entbehren müsse, was ihm gerade im Auslande so gut gefallen hatte. Welcher Art dieses Etwas gewesen, war, konnte er nur in allgemeinen Zügen sich sagen. Es war Etwas, das einem die Arbeit angenehm machte, das aber auch sogar den Menschen nach der Arbeit noch bei Laune erhielt, ohne daß er daran dachte, es würde ein anderer ihm den Vorrang streitig machen. Waren doch die Menschen in den anderen Staaten befähigt, ab und zu einmal, ohne krank vor Aufregung zu werden, gar nichts zu tun und diese Muße sogar in angenehmster Weise auszufüllen. Die Begleiter des Königs halten dieses auch bemerkt, konnten aber ebensowenig sagen, was es gewesen. Jedenfalls aber fühlten sie den Mangel und wetteiferten mit dem Könige, noch verdrossenere Gesichter zu machen, denn früher. Endlich kam jemand auf den Einfall, eine möglichst genaue Beschreibung dieses Dings anzufertigen und in den in- und ausländischen Zeitungen einrücken zu lassen. Man setzte demjenigen eine große Belohnung aus, der eine solche Beschreibung des Zustandes und der Art und Weise, wie man dazu komme, unfertigen würde, daß man ihn auch im Arbeitslande einführen könne. Wirklich trafen drei Anerbieten ein. Die Leute wurden an den Höf berufen, und in feierlicher Lebensbetätigung. Warum sollte es Wissenschaft-- licher sein, eine Urzelle, deren Entstehung iSfc selhaft ist, als Urgrund der Schöpfung anzunehmen, denn einen Schöpfer, von dem eilte dlhnung in jeder Menschenbrust wohnt, für.den Zeuge ist das großzügige jüdische Gesetz, das noch immer unerreichtes Vorbild-ist, für das erst unseren Tagen das Verständnis der Allgemeinheit ahnungsvoll reift? Dogmen schaffen keüze Lebensformen, sie scheiden das Leben vom Ge^ danken. Wenn der Glaube an Gott selig macht, dann kann daneben ein recht unseliges Leben, geführt werden, dann kann die Orthodoxie die schreckliche Selbstironie illustrieren, wie sie es? z. B. im zwanzigsten Jahrhundert in Rußland fertig bringt. Rechtgläubige Kirche und blutrünstige Bestialität teilen behaglich den Thron. . Wenn aber das Bewußtsein von einem allgegen- - värtigen Gott unsere Lebensweise begleitet, dann will dieser Gedanke das Leben beherrschen und strebt beständig, die Vervollkommnung des Einzelmenschen zu' vollenden. Es fordert dieser^ Gedanke Rechenschaft über unser Verhalten zN unserem Bruder, und gerade das Bewußtsein von dem" Allvater ist der Vater des Gedankens aN ( die Bruderschaft der Allmenschheit. Ist die duss- 3 tende 'Myrthe mit ihren zahlreichen Blättern nicht das schön gewählte Sinnbild für die aus einem und demselben Holz entstammenden Menschenwesen, die sich gegenseitig mit dem herzerquickenden Duft ihrer Taten erfreuen sollen? Steht nicht das Bild Jakobs vor unseren Augen, dessen Söhne alle vielseitig verschieden gewesen Sitzung sollten sie ihre Ansicht auseinandersetze». Die drei Leute traten ein. * Einen größeren Gegensatz hätte man sich gar nicht ausmalen, können, als diese Personen boten. Der erste war ein wohlbeleibter Herr, dem man nur ins Gesicht zu sehen bxanchte und seine Vorliebe für gutes Essen und Trinken ztt erkennen. Er war sehr sorgfältig gekleidet, spiefte recht auffallend mit einer schweren goldenen Uhrkette und verbeugte sich bei seinem Eintritt lächelnd nach allen Seiten. Er hieß Sosaun. Der zweite war eine lange, dürre Gestalt und bestand nur aus Haut und Knochen. Seine Kleider waren alt und fleckig, und der Frack, dem man deutlich ansah, daß er für den Besuch aw Hof geliehen war, schien für ganz andere Figuren geschaffen und hing ihm am Leibe herunter, daß man den Träger unwillkürlich mit einer Boge^ scheuche verglich. Alles dies hinderte ihn aber nicht, mit unvergleichlicher Würde einzutreten, und sein Gruß bestand aus herablassendem Nicken des Kopfes. Sein Name war Simchoh. An dem dritten der Bewerber war eigentlich nichts Auffallendes zu bemerken. Er war "gekleidet wie Leute aus dem besseren Mittelstände. Aus den Falten seines Gesichtes konnte man auf Sorgen und Arbeit schließen, während das Leuchten seiner Augen bewies, daß er dabei den Humor nicht verloren Ihatte. Der König forderte den beleibten Herrn auf, seine Ansicht vorzubringen. Dieser begann folgendermaßen: Um es kurz zu sagen. Euch ist.