Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1907)
- Date
- 1907-09-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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X lllcrans ar L.D-L. iZj Die Scdöpfuugztage. Ton vr. MechM-D-ael Levi in München. m Sieben Tage und Nächte wand er sich auf seinem Schmerzenslager, der große Dulder, aus hundert Wunden der Seele und . des Körpers blutend. Weniger der Leib als die Seele schmerzten ihn. „Hatten die Geschicke ihren Zusammenhang verloren? Hatte der Weltgeist, um cie Spur hinter seinem Schöpfertritt zu verwischen, seine Welt einem Kobold voll Nücken und Tücken überlassen?" Er fühlte, das Problem begann bei ihm und er zerwühlte sein Inneres. Er befragte seine Leiden: „Ihr mit der beredten Zunge und der allverständüchen Sprache, ihr Allgegenwärtigen und Allmächtigen, die ihr den Palast kennt wie die Hütte, das Haus der Freuden wie den Kerker, die ihr dem Leben folgt von der Wiege bis zum Sarg, uralt und ewig' jung, ihr, die ihr alles wißt und meinen Körper Zoll um Zoll umlagert, sprecht doch, löst mir das Rätsel!" So zerfleischte er sich selbst, der Urfaust der Menschheit, beinah' mehr noch als seine Wunden es thaten. Und seine Freunde saßen stumm um ihn und wagten kein Wort des Trostes. Endlich faßte sich Eliphas aus Themon ein Herz — des Freundes Kummer that ihm weh — und sprach mit Ernst und Strenge: „Hat vor dem Urmenschen mit dir das Weltall gekreist/ hat vor dem ersten Hügel dich der Erdball gekeimt?" Sv wolste er das Problem zerhauen, das er nicht lösen konnte,' um der Schmerzen des Freundes willen. Per aber lieh sich nicht ttüsten. Warum hatte der Herr Verlangen zu wissen in sein Herz gebannt, wenn er nicht wissen sollte, und verankert mit Ketten so furchtbar glühend, wie sie kein Geschöpf MerffeM iMtch Düldtzri erbarmte den Herrn: „Wohlan denn, so rüste dich, ich will vir zeigen/ begreife, so du begreift!" Da rollte er vor ihm auf das Buch seiner Schöpfung, gigantisch/ niederschmetternd/ wo Seit' um Seit' die Flammenzeichen glühten, wie Wetterwolken Menschenaug' erblendend und eingehüllt in rätselhaftes schwarzes Dunkel. Da brach das Meer wrjh, unbezähmbar trotzig aüs Schlünden, die es nächtlich Je geboren und plötzlich hielt es still, denn so rief's ihm zu: „Bis hierher und nicht weiter!" Indessen jubelt golden im roten Feuerrtta'l den Himyttlssaüni erklimmend der Morgensterne früher Sphärenchor. Und einsam drüben, öd' in grauser Ferne, zieht weit im Bogen der Siebenstern die matte Lichtspirale, durch unsichtbare ehr'ne Bande Stern an Stern vermählt zu -ewigem Bunde. Durch Weltenfernen voneinander getrennt, hält unbezwungenes Sehnen sie über sie Aeonen fest aneinander, daß keiner ohne den nndern je in des Aethers ewig eisige Fluten taucht. Die Erde selber barst entzwei. In rünstig blut'gem Scheine, von Todesschatten matt beschienen, türmten Gräber sich auf, Gräber zu fürchterlichen Katakomben. Eins von ihnen, ein f mnengrab, umklammerte mit Felsenarmen des ewiatan steingewordenes Erzgebein. Gewaltige Platten, stahlaegossene, stemmten spielend noch das Berggewölbe hoch/ wie Eisenstricke spannten sich zum Zerplatzen schier die Sehnentaue noch über die Gelenke, indem der Schweif, der riesigste der Cedernbäume, kampfbereit das Berggestein erbohrte. „Wird er sich heben? Wird nicht die tote Masse versteinert noch den Tod um sich sprühen?" Vor Schreck schier selbst versteinert, schloß Hiob da das Auge. — S ine Wunden aber hörten auf zu bluten. Nieder sank er voll von heil'gem Schauer und stammelte: „O Herr, ich bin zu schwach für solche Sprache/ ich will dich fürder nicht mehr fragen: „Steh' mir Antwort." Sttll lauschen will ich deinem Geiste, und schauen, und will glückselig jubeln, daß ich schaue."- Seitdem hat mancher Mensch, der zweifelnd in sich selbst zerfiel, auf den wundererfüllten Rätselwegen der Natur den Weg zurückgefunden in das eigene Herz. Denn welcher erschaffne Geist könnte unberührt in ihr Inneres blicken! Nur einem ist es gelungen, dem Schöpfer selbst, der seinem Volke die Thora schenkte und der auf sieben anspruchslosen Blättern das Tagebuch der Erde schrieb / so schlicht und einfach, daß man bei der Wucht des Wortes bebt. Noch keiner ahmte es nach. Bölsche, dem Mystiker, ging sie so nah, daß er ihre angebliche „Dichtung" in die naturwissenschaftliche Prosa verwandeln wollte. (W il h. Bölsche, Die Schöpfungstage. Verlag Carl Rechner, Dresden.*) Wie konnte das aber einem Männe gelingen, der die Natur so innig liebt wie er! Man wird bei dem Versuch an einen Seher der Urzeit erinnert, der von Äram.auszog, das furchtbar schöne Schauspiel zu genießen, das Volk dm: Wunder versinken zu fthen/ und wie er's sah in seiner einsamen Schönheit, sang er ihm ewige Jugend. Am meisten aber bewegt den Naturforscher die Thatsache, daß alle Teile des Planes vom Weltgebäude wie man ihn heute entwirft, die Tendenz aufweisen, dem Wort der Schrift nahezukommen. Einige Striche seien nachgezeichnet. „Es werde Licht!" Nicht Sonne, nicht Sterne. Die kamen (auch nach der modernen Schöpfungshypothese) viel später. Bor ihnen war der Urnebel, ein diffuses, phosphorescierendes Licht, das deff Weltraum ausfüllte. Nach geraumer Zeit erst ballten sich die Sonne, die Sterne und übrigen ^Himmelskörper. Aber „Kampf findet *) Wilhelm Bölsche ist einer der feinsten Köpfe, über die der MoniSmuS in Deutschland verfügt. Es ist deshalb besonders interessant, wahrzunehmen, wie sehc dieser hochgesti nmte Geist — im Gegensatz zu den blöden Angriffen oer rechtgläubigen Häckelianer — von der Größe und Wahrhaftigkeit deS biblischen SchüPfungSVertchteS sich ergriffen zeigt, so wenig auch für UNS die Auffassung BÄscheS von dem Inhalte und der Bedeutung des BibelworteS ln Betracht kommen kann. keiner statt, wie in den mythischen Kosmogenien der Völker. Eine einzige urgesetzte Macht, über deren Dasein nicht weiter diskuttert Witt», eine einzige einheitliche Folgerichtigkeit bringt allehervor, vom Licht bis zum Menschen, — so glatt wie der stille, stete Umschwung der Gestirne dort den Morgen schafft. Erft eine ganze Weile später, wenn der Mensch vom Baum der Erkenntnis ißt,. beginnt hier der große Hader, die Tragödie." „Es werde eine Feste", welche als „der für Lungen atembare Luftraum zwischen Himmel und Meer, die nach oben unablässig waltenden Naturkräfte gegen immerfort praffelnde Wolkenbrüche, oder gegen ein dauerndes Herabdringen der teftett* tötenden Weltraumkälte, die noch über diesen atmosphärischen Wassern herrscht," die Erde schütze» soll. Das lachende Blau des Himmels „stammte in Wahrheit von Wassern." Das Wasser schied sich vom Lande. Insekt, Meere, Küsten, Länder, Erdteile bildeten sich. ES erscheint das Leben. Zuerst in Form der Pflanze. Gekennzeichnet als Leben dadurch, daß es sich in der Richtung auf sich selbst weiter entwickelt durch einen Keim, den es aus sich selbst erzeugt, mw nur dnrch diesen 12 ijn? ivn mb v® ntsw- 3)fe Versteinerungen des Pa'aeozoons geben uns Kundd von den herrlichsten Kunstformen und geradezu gigantischen Größenverhältniffen. „Schachtelhalme ragten wie Türme zum Himmel, der Bärlapp schuf hohe gegabelte Waldbäume, die FaMtz strebten auf dunklen Stämmen empor oder zogen sich als unendliche Lianenstränge von Zweig zu Zweig." „In diesem Farn- und Bärlappmeer aber erschien eines Tagä", sagt Bölsche, ^ietzt auch die andere Seite des Lebens, das Tier." Auch davon hat uns die Erdkruste m den Verstau?» rungen ihrer Primärzeit die Nachrichten bewahrt. Zunächst war es Wassergewürm: Schnechm, Tttlobiten, Würmer und ähnliches. Zu ihnen. gesellten sich dann die beflügelten Urreptiüeu, der Pterodactylus und bald darnach der erßw Vogel selbst, der Arehaeopteryx um den Ausgang der Steinkohlenperiode. „Indem dieJckHyy- Naurus schar (fürchterliche Reptile, echte Meeresungeheuer), die wie eine Schar Delphine sich auf auf der Hochsee tummelt, an der sonnen Meeresfläche sich mit dem oben freischwebendest Urvogrl begegnet, ist es, als sei wirklich noch einmal das biblische Bild erreicht: blos Waffen ttere und Vögel, einsam, weit von jeder Küste^ zwischen dem blauen Himmel und dem blawm . Abgrund." Der fünfte Tag ist zu Ende. Seit dem dritten Tage bieten uns die Erdschichten mancherlei Gelegenheit dem Worte der Schrift nachzugehen. Alles, was sie an Tatsachen ans Licht gefördert, folgt ihm bis ins einzelne, es ist wie damals, als es zum Werden rief. Der sechste Tag bricht an, „der große Rivalitätskampf um die Palme der Erdherrschaft 3, i