Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1907)
- Date
- 1907-09-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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und vier Stenographen zur Seite hat. Die - ftonraiifjton hat sich über ganz Europa verbreitet. Für Italien, die Türkei, Kleinasien, Griechenland,; Bulgarien und Rumänien hat sie Herrn W. S. - Bennet entsandt, republikanischen Abgeordneten iu Washington uud Epitropos der presbyteria- . Nischen Kirche in New-3)ork. Sein Dolmetsch ist Herr Dr. Maurice Fischberg. In Rumänien wandte natürlich Herr Bennet sein Hauptaugenmerk der jüdischen Bevölkerung zu, da diese ja fast allein das rumänische Answandererkontigent stellt. Der Delegierte besuchte eine Reihe von rumänischen Städten, darunter Jassy und Botosani. An ■ letzterem Ort spendete er 125 Frs. zur Verteilung von Brot an die Armen, die er besucht hatte. Herr Bennet hat sein Bedauern ausgesprochen, daß seine amtliche Stellung nicht gestatte seine Eindrücke und Gefühle in der Presse darzulegen. Berlin, 10. September. Wir erhalten von - dem Hilfsverein der deutschen Juden über die Judenhetzen iw Odessa nachstehende Zuschrift: „Auf 7 Telegramme, die der Hilfsverein der Deutschen Juden nach Odessa an verschiedene seiner Vertreter geschickt hatte, um über den dortigen Pogrom genaue Nachrichten zu erhalten, empfing er anfangs nicht eine einzige Antwort. Erst am Mittwoch Abend lief das folgende bezeichnende Telegramm ein: „Tele- - graphische Nachrichten zu geben wird uns unmöglich ge- Machr, briefliche Mitteilungen folgen." Diese wenigen Wofte sind für die Läge in Odessa außerordentlich bezeichnend. Sie beweisen, daß die Regierungsorgane so gut wie jede Kommunikation der schwer heimgesuchten Stadt mit der Außenwelt systematisch abzu- . schneiden versuchen. Für Kenner der Verhältnisse in Odessa unterlag es übrigens keinem Zweifel, daß " man mit neuen Pogromen zu rechnen haben werde. >Daß der Baron Kaulbars, der Generalgouverneur von- Odessa, ein Protektor des schwarzen Hundert . iß. war seit langem bekannt, und obgleich der Ministerpräsident Stolpyn einige schüchterne Versuche ./unternommen hatte, den General Kaulbars zu entfernen, so erwles sich dies doch bei der mächtigen Protektion, die der Generalgouverneur von Odessa gelließt,als unmöglich. Diese Protektion beruht daraus, daß die Schwester des Generals Kaulbars eine /• ® 16 f i n Stackelberg, zu dem intimen Kreise 4>er Kaiserin gehört, mit dem sie zusammen fingt. Solange das Stadtoberhaupt von Odessa Grigoriew feines Amtes waltete, verhinderte dieser aufgeklärte Und tatkräftige Mann die schlimmsten Ausschreitungen. RaöAem es gelungen war, ihn zu entfernen und - durch einen Kiewer Gendarmerieoffizier Nowitzki, dem der schlechteste Ruf vorausging, zu ersetzen, war man darauf gefaßt, daß neue Pogrome in Odessa ausbrechen und den Ruin der schon bisher schwer geschädigten Stadt weiter steigern würden. Grigoriew P abberufen, der neue Stadthauptmann Nowitzki noch nicht eingetroffen, so ist die Stadt Odessa in der ' Gewalt der schwarzen Hundertschaften. Daß diese Banden Herren der Stadt sind, zeigt folgender ausführlicher Bericht, der denk Hilfsverein über die Vorgänge zugeht: Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausge- . schlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge über- ' sehen lassen, seien sie nachfolgend geschildert. Die /bevorstehende Beerdigung des bei einer Bombenerplo- . sidn ums Leben gekommenen Polizeisekretärs Wclbin / vom Petropawlowski-Revier, die am Sonntag stattfinden sollte, ries eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervor, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Anlässe für Judenhetzen dienen. Die Befürchtung war nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich von der Gradonatschalnitzeska-Straße zum christlichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jeder Verkehr auf. Zum Unglück fiel die Beerdigung mit der Gedenkfeier für die; ttn Jahre 1905 während des Pogroms getöteten Juden .zusammen. Die Juden, die sich zu dieser Feier auf den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die /den Gewalttaten der sogenannten Gelbblusenmänner sHooligans) zum Opfer fielen. Die Hooligans verachten die Tore des jüdischen Friedhofes zu sprengen, und begannen bald auf die Juden loszuschießen, worbet ein getvisser Israel Sabsai getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet wurde. Der Getötete und die Verwundeten.wurden in das jüdische Krankenhaus /gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen 1 Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch das Fenster /des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf .dem Jolkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art. Dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 66jäh- ' riger Jude, Namens Hirsch Sigelmann, wurde mit Äautschuckknütteln grausam geschlagen, und als er nieikErfiel, trat man mit Füßen auf ihm herum. Dort /wurden auch die Juden Lewitin, Jsak Cohn, Abrahanl Loyew sowie viele andere durch Messerstiche verwundet. .Me Polizei blieb völlig untätig. Der stellvertretende; Iolizeimeister Kislakowski begab sich zwar in das i jpiw Krankenhaus, wo er die Verwundeten und ^MreWngehorigen zu beruhigen suchte, und besichtigte /auchMie Leichen der Getöteten Sabsai und Sandler, aber er tat nichts, um dem Pogrom selbst ein Ende zu machen. DaS Schießen auf oen Straßen dauerte noch bis'11 Uhr nachts an. Am Atontag setzten die Gelbblusenmänner ihre Greueltaten fort. Schön am frühen Morgen sprang eine Gruppe Hooligans in den Straßenbahnwagen auf der Linie Torgowaja- Malorossiyska und fiel über die dort befindlichen Juden her. Nach der Beerdigung der Schutzleute, die bei der Explosion getötet worden waren, verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowska-Straße hörte man bereits Schüsse fallen. Bald wurden vier Juden mit Schußwunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans passierten ungestört die Preobraschenska- Straße und gelangten in die Hauptstraßen Odessas - Richelienska und Deribassowska. Ueberall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch Läden und Wohnungen blieben nicht verschont. Sie zerschlugen Fensterscheiben, zerstörten Ladeneinrichtungen und schossen ans die Leute, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Der Obsthändler Barbalat wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter Namens Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Ins jüdische Krankenhaus wurde ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polakow, Perzachis, Samuel Jachiz und andere. Einen erschütternden Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Die Polizei ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An, einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suche sitz die "Hooligans zu zerstreuen, sie ließ sie aber sofort wieder zu, daß sie sich an -derselben Stelle wieder versammelten. Der stellver- 'tretende Stadthauptmckmt Nabokow bat den Rabbiner Dr. Awinowitzki, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischsten Maßnahmen getroffen, um solche „vereinzelte" Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Als ob er.von all dem Furchtbaren, was geschehen, keine Ahnung hätte, bat er gleichzeitig, der Rabbiner möchte ihm, (dem stellvertretenden Stadthäuptmann) über die Vorgänge Berichte liefern. Auch am Dienstag und Mittwoch dauerten die Ruhestörungen fort. An diesem Tage wurden die kleinen Judengäßchen vom Mob schwer heimgesucht. Militärpatrouillen standen bei den Untaten dabei, ohne einzuschreiten. In einer Synagoge im Stadtteil Moldawanka wurden sämtliche Fenster zertrümmert. Die Zahl der Opfer läßt sich noch nicht feststellen. Die Unruhen dauern noch immer an. Aus den Außenvierteln der Stadt flüchtet die jüdische Bevölkerung in das Innere, wo sie mehr Schutz zu finden hofft. Bei der völligen Untätigkeit der Behörden werden für die Rosch-Haschonoh-Tage die schwersten Befürchtungen gehegt. Hoffentlich gelingt es durch die Entrüstung der, öffentlichen Meinung Europas, die russischen Behörden an ihre Pflicht zu mahnen." Am 9. September ging dem Hilfsverein folgendes Telegramm aus Odessa zu, aus dem hervorgeht, daß die Stadt noch immer unter der Schreckensherrschaft des schwarzen Hundert steht. „Tic Mißhandlungen von Juden dauern, wenn auch nicht mehr im früheren Umfange, an. Man hört auch fortgesetzt noch vereinzeltes Schießen; des nachts ist die Unsicherheit noch außerordentlich groß. Die Börse ist geschlossen, die Kaufmannschaft mißtraut der jetzigen Verwaltung und wartet die Ankunft des neuen Stadthauptmanns Nowitzki ab." Der Verband des russischen Volkes ist kühner als je, er fordert alle Juden auf, wenn sie der bevorstehende fürchterlichen Vergeltung entgehen wollen, sich mit ihren Lehrern,und Rabbinern in den Synagogen zu versammeln, öffentlich Buße zu tun, die jüdische Intelligenz zu verfluchen, die unerreichbaren Träume der Gleichberechtigung aufzugeben und sich zu einem Judenverband für Auftechterhaltung der unbeschränkten Selbstherrschaft zusammenzufchließen. _ Oesterrekh. Lemberg, 6. September. Die Vereinigung hiesiger jüdischer Kaufleute hat bei dem Magistrat um die Erlaubnis nachgesucht, an den drei Sonntagen vor den Feiertagen ihre Geschäfte den ganzen Tag offen halten zu dürfen. Wie das Lemb. Tageblatt meldet, hat der Magistrat dem Gesuch entsprochen. Ungarn. ' P r e ß b u rg, 11. Sept. Der „S ch o m r e - S chabbos - Verein in Preßburg erläßt' folgende Kundmachung: „Der Vorstand des gefertigten Vereins ersucht auf diesem Wege alle unsere Glaubensgenossen, die Angestellte beschäftigen und in deren Hauser der Sabbat geheiligt wird, im Falle einer Vakanz,, sei 12. September 1907. es in welcher Branche immer, unsere kostenlose Stell en- Vermitttung in Anspruch zu nehmen. Auch bitten wir die Eltern, die ihre die Schule verlassenden Kinder in sabbatheiligende Häuser unterbringen wollen, so auch die Angestellten, denen der ttrjp rDW am Herzen liegt, sich wegen Stellen- Bermittlung an uns wenden zu wollen. Wir werden die kostenlose Vermittlung für beide Parteien gewissenhaft und pronrpt bewerkstelligen. " Briefe sind an den Präses des Vereins: Moritz Frei, Pozsony Bödricz 25, zu richten." Es muß erwartet werden, daß die ungarischen Gesetzestreuen dem jungen Verein bei seiner Tätigkeit die nötige Unterstützung zu Teil werden lassen. RuMand. Petersburg, 9. September. Hier hat sich ein ein neuer „R ettungsbun d" konstituirt, welcher den Zweck verfolgt, im Falle eines, Attentats aus den Zaren oder Stolypin, sämtl.iche Juden Rußlands zu töten. Petersburg, 30. August. In Anbetracht dessen, daß in letzter Zeit sehr viel Juden Bittschriften wegen Aufnahme in die Gymnasien eingereicht, haben einige Direktoren der Mittelschulen ein Gesuch um Erhöhung der Prozentnorm der jüdischen Schüler an den Minister der Volksaufklärung eingereicht.' In einigen Gym-; nasien ist diese Norm bis aus 30 Prozent erhöht worden. , ■*. *' . -1 r . ' Amerika. Newyork, 30. August. In einem Brief an Professor Salomon Schechter, der im Amerikan Hebrew veröffentlicht ist, setzt sich der bekannte Philanthrop Jakob H. Schiff mit dem Zionismus auseinander. Er bekämpft diese Bewegung als unvereinbar mit der Anhänglichkeit an die gegenwärtigen Heimatländer der Juden und als Negation der Aufgabe, die Israel unter den Völkern zerstreut als Träger der ewigen Religionswahrheiten zu erfüllen habe. Der Brief Schiffs erregte großes Aussehen in der jüdischen Bevölkerung. Ein Teil der jüdischen Presse nimmt jedoch den Zionismus gegen die Angriffe Schiffs in Schutz und weist namentlich daraufhin, daß hervorragende amerikanische Staatsmänner, z. B. John Hay, in den Bestrebungen des Zionismus keinen Widerspruch mit wahrem Patriotismus gefunden hätten. Newyork, 23. August. Die im Staate Newyork gelegene jüdische Kolonie Woodbyne feierte am 17. August ihr 16jähriges Bestehen. Newyork, 23. August. Die im Westen und Süden der Bereinigten Staaten wohnenden Mitglieder desorthodoxenRabbinerverbands versammelte^ sich vergangene Woche in Cincinnati, um über die Ausführung der auf dem Newyorker Verbands tag kürzlich gegebenen Anregungen zu beraten und zu erwägen, welche Maßnahmell zur Förderung des orthodoxen Judentums in diesen Teilen der Bereinigten Staaten zu ergreifen sind. Es waren etwa 20 Rabbinex erschienen, die doppelt soviel groß-... städtische Gemeinden vertraten. Auch der Verbandspräsident Rabbi B. L. Lewinthal aus Philadelphia war anwesend. Sowohl in ihren Sitzungen wie in einer sich daran anschließenden öffentlichen Versammlung betonten die Rabbiner wie bisher ihre entschiedene Gegnerschaft gegen das Hebrew Union College in Cincinnati und das Jüdisch-theologische Seminar, zwischen denen sie nur geringe Unterschiede erkennen. Dagegen forderten sie zu einer befferen Unterstützung der Jeschibcch Jizchok Elchonon in Newyork auf. Sie mahnten ferner daran, die radikale Jargonvreffe zu bekämpfen. Es wurde angeregt, überall Vereine der Orthodoxen zu gründen. An die Massen wurde ein Aufruf gerichtet, nur bei solchen Geschäftsleuten, die den Sabbath beobachten, einzukaufen. Dieser Aufruf hatte sogleich den Erfolg, daß die jüdischett Bäcker in Cincinnati ihr frischgebackenes Brot am Samstag Abend nicht an den Mann bringen konnten.