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Der Israelit · 1907-09-12 · Heft 37 (12.9.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 37 (12.9.1907)
Date
1907-09-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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und sollst von dem Worte, das sie dir verkünden, nicht zur Rechten oder zur Linken abweichen," bemerkt der Sifre (vgl. auch Raschi zur Stelle) : ,,Selbst wenn sie das Rechte links und das Linke rechts nennen, sollst du auf sie hören." Um das in rechter Weise zu verstehen, müssen wir daran denken, daß die Begriffe „rechts und 'links" keine absoluten, sondern relative Begriffe sind. Sie sind nicht feststehend, 'sondern vom jeweiligen Standpunkte des Betrachters abhängig. Es ist für den einen rechts, was für den andern, der ihm gegenübersteht, links ist. Dem höchsten religiösen Kollegium wird hier also die Befugnis eingeräumt, autoritative Urteile zu fällen, die für die religiöse Praxis maßgebend und verbindlich sind. Das ist keine Knechtung des Denkens der Einzelnen, sondern eine einheitliche Regelung des religiösen Lebens, die um der Einheit des Judentums willen notwendig ist. Diese Bestimmung läßt sich z. B. nicht auf eine Linie stellen mit folgendem Satze Luthers: „Daß 2 und 5 gleich 7 sind, das kannst du fassen mit der Vernunft, wenn aber die Obrigkeit sagt: 2 und 5 sind 8, so mußt du es glauben Wider dein Wissen und Fühlen." (Zitiert bei Scherr, Gesch. d. deutsch. Frauenwelt IIS. 11.) Das jüdische Gesetz hat mit einer solchen Anschauung nichts gemein. Nach ihm können absolute Wahrheiten nicht umgestoßen werden. Dies scheint auch der Sinn einer dem eben zitierten Sifre scheinbar widersprechenden Stelle im Jerusalemischen Talmud (Horioth 1) zu sein. Dort heißt es in Erläuterung desselben Verses: „Damit du etwa nicht meinest, daß du, wenn sie das Rechte links und das Linke rechts nennen, ihnen gehorchen mußt, darum heißt es ausdrücklich „rechts oder links" d. h. wenn sie das Rechte rechts und das Linke links nennen, dann mußt du ihnen gehorchen." Der Widerspruch ist nur ein scheinbarer. Denn der Jerusalemische Talmud faßt die Begriffe „rechts und links" nicht wie der Sifre im Sinne relativer Urteile, sondern er will darunter absolute, feststehende Wahrheiten verstanden wissen, die auch für das höchste Gesetzeskollegium unumstößlich sein müssen. 36 Die Erhaltung der Religion. Wer sich zu dem Grundsatz bekennt, daß „die Religion dem Volke erhalten werden muß", der darf nicht vergessen, daß er selber zum Volke gehört. Es geht nicht an, selber religionslos, vor der Religionslosigkeit zu warnen. -st * ❖ 37 Mul und Dünhel- Wo der Mut aufhört und die Anmaßung, die Dreistigkeit, der Dünkel beginnt, das kann nicht prinzipiell entschieden werdendenn das ist m. VA ’fc «r. 37. kann, sondern empfunden werden muß. 38. Witwen und Waisen. Es heißt: „Witwen und Waisen sollt ihr nicht bedrücken. Denn wenn Du sie bedrückst, und sie zu mir um Hilfe rufen, so werde ich ihren Hilferuf erhören, und mein Zorn wird erglühen, und ich lasie Euch durch das Schwert Umkommen, so daß eure Frauen Witwen und eure Kinder Waisen werden." (2. B. M. 22.23) Gott selbst hat sie zwar zu Waisen und Witwen gemacht, aber den Menschen gebietet er, sich ihrer anzunehmen. Auch wenn er die Frauen und Kinder derer, die der Witwen und Waisen sich nicht annehmen, zu Witwen und Waiser^Mcht, so empfiehlt er sie dem liebevollen Erbarmen der Menschen. Die Thora ist praktische fromme Tat,- auf religionsphilosophische Erörterungen geht sie nicht ein. * 4- * ' 39. Ein schwieriger Sah. Der Satz Ezechiels: „Keinerlei Gefallenes und Zerriffenes, seien es Bügel oder Vieh, dürfen die Priester effen (44.31) ist auffallend, da der Genuß von .Gefallenem und Zerrissenem (vergl. 3. B. M. 17.15 . . ., 5. B. M. 14.21) auch dem Laien verboten ist. Nun ist es zwar die Weise der Schrift, Gesetze, die für die Gesamtheit gelten, noch einmal speziell für bestimmte Personenkreise einzuschärfen. Vgl. 3. B. M> 22.8: „Gefallenes und Zerriffenes soll er (der Priester) nicht essen, daß er sich dadurch nicht verunreinige," an welcher Stelle also dieselbe Bestimmung, die für alle Israeliten gilt, dem Priester besonders eingeschärft wird. Ferner 3. B. M. 21.5: „,Sie (die Priester) sollen auf ihrem Haupte keine Glatze scheeren und die Ecken ihres Bartes nicht abscheeren," ein Gesetz, das nach 5. B. M. 14.1 für alle Israeliten gilt. Ebenso 3. B. M. 21.15, an welcher Stelle dem Hohenpriester verboten wird, eine Geschiedene usw. zu ehelichen, obwohl das nach V. 7 für alle Priester verboten war. (Vgl. darüber Hoffmann, Levitikus z. St.) In unserem Satze scheint jedoch das Wort Priester, das den Schluß bildet, besonders hervorgehoben zu sein und auf etwas Besonderes abzuzielen. Das ist auch die Anschauung des Talmuds. In Menachoth 45a befindet sich über diesen Satz folgende Kontroverse: „Gefallenes und Zerriffenes sollen die Priester nicht effen." Dürfen es etwa nur die Priester nicht effen, aber das übrige Volk sollte es effen dürfen? Rabbi Jochanan sagt: Diesen Satz des Ezechiel wird einst der Prophet Elia erklären (d. h. er ist für uns unverständlich). Rabina sagt: Die Hervorhebung der Priester ist deshalb notwendig, weil beim Geflügelbrandopfer (3. B. M. 1.15) das Abknicken des Kopfes stattfand, woraus der irrige Schluß gezogen werden könnte, daß für den Priester das Gesetz von n£“itDi nicht gelte. Daher hebt Ezechiel hervor, daß auch für den Priester dieses Gesetz gilt." Vielleicht dürfte aber der Satz des Ezechiel noch nach einer andern Seite hin seine Erläuterung finden. Im Talmud (Chulin 27 b) wird nämlich die Ansicht eines Einzelnen überliefert, nach welchem minn *)*iy n&'ntp ptt, demnach auch nicht unter den Begriff n£nt21 fällt. Der Satz des Ezechiel könnte hiernach so erklärt werden, daß der Prophet für die Priester das Verbot von rfaa erlaffen und das Geflügel in Hinsicht auf nsntsi dem- Bieh gleichgestellt hätte. Es wäre das eine Verschärfung gegenüber der Thora, in gleicher Weise, wie Ez. 44.22 nach dem einfachen Wortfinneine Erschwerung hinsichtlich der Verheiratung deS Priesters mit einer Witwe enthält. * * * 40. Demut und tlodimuf. Der Dünkel und Hochmut spricht: „Ich danke dir, o Gott, daß ich nicht bin, wie dieser Sünder." Aber von Demut und Dankbarkeit zeugt es, zu bekennen: „Ich danke dir, o Gott, daß ich nicht bin wie dieser Kranke, wie dieser Krüppel." Der Selbstgerechte und seiner Unwürdigkeit nicht Bewußte sagt : „Ich danke dir, o Gott, daß ich nicht bin wie dieser Heide." Aber ein hoher Ansporn zur Pflicht ist es, wenn man seiet: „Ich danke dir, o Gott, daß du mich nicht zum Heiden gemacht hast." — * * “ . * 41 Die önadenfafen ßottes. ß Was der Psalmist singt: „Er (Gott) gedachte seiner Gnade und seiner Treue gegen das Haus Israel, da sahen alle Enden der Erde das' Heil unseres Gottes" (Ps. 98.3), das kann dahin ausgelegt werden, daß die heilige Schrift, in der die dem Volke Israel erwiesenen Gnadematen Gottes dargestellt werden, ein Quell der Erbauung für die Menschheit geworden. * 4- * 42. Die Citora. In Anwendung eines nicht übersetzbaren Wortspiels sagt der Talmud: „Warum wird die Thora Tuschia (Heil) genannt? Weil sie die Kraft des Menschen schwächt." (Sanhedrin 26 b) Der Sinn dieser Sentenz ist: Wer den Geist nnngen spanne auseinander, halte nicht ein, zieh lang deine Seile und deine Pflöcke befestige", so wird man aus dem bloßen Text nur schwer ein deutliches Bild gewinnen können. Wer aber solche Zelte schon gesehen, die vermittelst Pfählen und Stricken befestigt sind und leicht erweitert werden können, dadurch, daß man nur die Stricke verlängert, die Pflöcke verstärkt und mehr Bedeckung hinzufügt, für den hat das Verständnis dieses Verses keinerlei Schwierigkeiten. (Schluß folgt.) Win unbekannter Brief Alexander v. HumdyldfS.) Es dürfte nur wenigen bekannt sein, daß untet den vielen Gelehrten und Forschern, die sich des Wohlwollens und der Freundschaft Alexander v. Humboldt's rühmen durften, sich auch ein „Gelehrter im Kaftan" befand. Es war Chaim Selig Slonimski, ein gewiegter Mathematiker und Astronom, dessen fachwissenschaftlichen Arbeiten sowohl die Gelehrtenkreise Rußlands wie Deutschland Lob und Anerkennung zollten. Im Jahre 1844, so exzählt der „Berl. Börsenkurier'", kam Slonimski nach Berlin, um hier eine seiner physikalischen Erfindungen zu verwerten. In oer preußischen Hauptstadt war es ihm vergönnt, mit den namhaftesten deutschen Forschern auf dem Gebiete der Mathematik und Astronomie wie Bessel, Crelle, Enke, Jdeler, Jacoby bekannt zu werden. Jdeler machte. ihn mit Alexander v. Humboldt bekannt, der an dem kenntnisreichen polnisch-jüdischen Gelehrten außerordentlichen Gefallen fand. Diese Bekanntschaft zählte Slonimski zu den schönsten Errungenschaften seines Lebens und er war "dem Schicksal dankbar, das itzn mit dem Nestor der Naturwissenschaften zusammenführte. Bon diesem Dankgefühl legt eine in hebräischer Sprache abgefaßte Schrift Slonimskis „Alexander von Humboldt, eine biographische Skizze, dem Nestor des Wissens gewidmet zu seinem achtundachtzigsten Geburtstage von S. Slonimski" (Berlin 1857) beredtes Zeugnis ab. Das Buch enthält eine ausführliche Lebensbeschreibung Humboldts sowie eine eingehende Besprechung der von ihm Zn französischer und deutscher Sprache erschienenen Werke. Mit welchem Beifall das Erscheinen der Humbold-Biographie vom hebräischen Lesepublikum ausgenommen wurde, beweist der Umstand, daß sie drei Auflagen erlebte — was bei hebräischen Büchern, zumal Biographien, selten vorkommt. Als Slonimski im Jahre 1857 zum zweitcnmale in Berlin weilte, überreichte er dem greisen Forscher die biographische Skizze nebst einem Begleitschreiben von Dr. Michael Sachs. Darauf erhielt Slonimski von Humboldt den folgenden Dankbrief: „Verehrtester Herr Slonimski! Ich bin tief in Ihrer Schuld durch so lange Verzögerung des Dankes" für eine Ehre, die Ew. Wohlgeboren mir so wohwollend bereitet haben. Tie unruhige Lage, in der ich lebe, in einer politisch und gesellschaftlich so bewegten Zeit, kann mich kaum rechtfertigen. Eine Empfehlung von zwei berühmten, mir so teueren Freunden wie Bessel und Jacoby läßt einen dauernden Eindruck. Ter hebräischen Literatur .leider entfremdet, aber von früher Jugend an mit den Edelsten Ihrer Glaubensgenossen innigst verbunden, ein lebhafter und ausdauernder Verfechter der ihnen gebührenden und so vielfach noch immer entzogenen Rechte, bin ich nicht gleichyiltig für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben. Das Zeugnis eines tiefen, orientalischen Sprachkenners, des vortrefflichen, so mannigfach ausgebildeten Dr. Michael Sachs kann eine solche Auszeichnung nur erhöhen. Es ist für den biographisch Belobten fast eine Beruhigung, der Ursprache nicht mächtig zu sein. Ich werde vom Dienstag an einige Wochen wieder in Berlin wohnen, und vom Dienstag an wird jeden Tag zwischen 1 und 2 es mir eine Freude sein, Herrn Slonimski, falls er nicht schon nach Warschau zurückgekehrt ist, in Berlin Berlin zu empfangen und Ihnen den Ausdruck der innigen Hochachtung mündlich zu erneuern, die Ihren schönen wissenschaftlichen Bestrebungen gebührt. Ew. Wohlgeboren gehorsamster Alexander v. Humboldt. Potsdam, den 12. September 1858." Aus der ersten Zeit der Bekanntschaft Slonimskis mit Hunlboldt verdient eine lustige Episode mitgetellt zu werden. Alexander v. Humboldt, der Intimus Friedrich Wilhelms IV., wußte den König für den jüdischen Gelehrten dermaßen zu interessieren, daß der Monarch ihn zu einer Privataudienz entbot. Humboldt benachrichtigte hiervon Slonimski und gab ihm den Zeitpunkt an, an dem er ihn beim König einführen werde. Slonimski trug damals die polnischjüdische Tracht; da er nur vorübergehend in Deutschland weilte, sah er sich nicht veranlaßt, die traortionelle Kleidung mit einer modern-europäischen zu vertauschen. Allein vor dem König vermochte er doch nicht so erscheinen. Er verschaffte sich daher schleunigst einen schwarzen Gehrock, weiße Binde und alles andere, was zum „Modemenschen" gehört. Zur bestimmten Zeit erschien er bei Humboldt; dieser war nicht wenig erstaunt, einen völlig umgewandelten Slonimski vor sich zu sehen. „Aber lieber Herr Slonimski," sagte er lächelnd, „was fällt Ihnen denn ein, sich zu maskieren. Der König ist ja gerade auf den Forscher im Kaftan neugierig." Slonimski mußte nach Hause eilen, den neuen „Modemenschen" aus- und den alten „Kaftanjuden" wieder anziehen.

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