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Der Israelit · 1907-09-12 · Heft 37 (12.9.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 37 (12.9.1907)
Date
1907-09-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1907. Einleuchtende und Selbstverständliche ^sonnenklar" nennt. Aber auf alle Fragen, die sie weckt, nach dem Licht- und Wärmequell, mit dem sie das Universum überflutet, nach dem belebenden Segen ihrer Strahlen, nach der 5kraft, die sie hält und ihre Bewegung leitet, genügt als Antwort der Hinweis auf Gott, den Schöpfer. Aber Jom Kippur! - Auch er steht in strahlendem Lichte da, auch er scheucht das trübe Dunkel aus den Menschenherzen und zieht die von ihr Bestrahlten zu seiner lichten Höhe empor, belebt das Abgestorbene und stattet die Schwachen, Gedrückten und Schuldbeladenen mit neuer Lebenskraft aus und was sonst die Parallelen sind, die zwischen dem ntn nvn osy und dem D'ötpn oxy nnta^ bestehen. Geht man aber auf den Ursprung und die Genesis des Jom Kippur zurück, so reicht selbst das große Schöpsungswunder nicht an die Eigenart des Jom Kippur-Wunders und seine Geschichte hinan. Die Wunder der Schöpfung hören auf es zu fein, sobald ich von der Tatsache durchdrungen bin, deren Bekundung sie an der Stirne tragen: ntfl O'öttn nft K' *02 nnwna IpKiV Aber Jom Kippur! Gibt es etwas Größeres, Beglückenderes und Erhebenderes als das Bewußtsein, daß Gott an diesem Tage selbst dem Verbrecher die Hand reicht und ihn zur Rückkehr ladet mit der Versicherung, eine ganze verfehlte, in Leichtsinn und Trotz verlebte Vergangenheit auszulÜschen und ihm eine neue, reine Zukunft zu gewähren? „Möge niemand glauben, der reuig zu Gott wieder Zurückgekehrte stehe im Range tief unter den Frommen, wegen der Verbrechen und Sünden, die er nun einmal begangen. Im Gegenteil; lieb und teuer ist ein solcher dem Schöpfer, als habe er niemals gesündigt, ja er hat einen großen Lohn zu gewärtigen, denn er hat die Süßigkeit der Sünde gekostet und hat trotzdem von ihr gelassen und seine Leidenschaft bezwungen. Sagen doch die Weisen: die Stelle, welche Baale Teschuba einnehmen, können nicht einmal die vollendet Frommen inne haben-Teschuba führt die Fern- und Fremdgewordenen wieder zusammen. Gestern kann Jemand gehaßt, verworfen, verabscheut und Gott entfremdet sein und heute ist er bei Gott beliebt, Ihm nahe, teuer und verbunden. Gestern noch von Gott geschieden, durch die Scheidewand, welche jede Sünde bildet, rief er zu Gott, ohne erhört zu werden, und selbst seine guten Taten wurden ihm zurückgewiesen. Und heute! Er hat den Anschluß an Gottes Herrlichkeit und damit Erhörung seines Gebetes und freudige Entgegennahme -seiner guten Werke gefunden!" (Rambam, Hilchot Teschuba. Kap. VH). ,_Der _ Deßhalb führt der Jom Kippur alle, alle wieder zurück, so daß die Gotteshäuser zu klein sind, um die Rückkehrenden alle aufzunehmen. Jom Kippur ist der letzte Faden, der auch den Entfremdeten, Abgefallenen noch mit Gott und seinem Willen verbindet, den auch der Leichtsinnige, der Gottes dargereichte Vaterhand nur kalt und mechanisch ergreift, zu zerreißen sich scheut, und er ist deshalb zugleich der erste Faden, an den Gottes Baterliebe anknüpft, um daraus das Band zu weben, das einmal Alle in einheitlicher Gesinnung verbinden und verbrüdern wird. Das und noch viel mehr als das ist Jom Kippur. Und dieser Jom Kippur, dieser Rettungsanker in der Brandung des Lebens, dieser Halt und Hort in der Flucht der Tage, dieser Leuchtturm, der uns zwischen Klippen und Gefahren wieder auf Gott weist, dieses Gnadengeschenk göttlicher Liebe verdanken wir einer Verirrung, einem Treubruch eines aanzes Volkes, unseres Volkes, unserer eigenen Ahnen! Als damals der Himmel die Erde geküßt und Gott seinem Volke sein Gesetz gegeben, ein ganzes Volk dieses Gesetz mit Begeisterung hin gekommen und es dann vor dem Bilde eines goldenen Tieres verleugnet hatte, damals hat uns Gott den Jom Kippur gegeben! Damals, als das Gottesvolk diesen seinen Beruf verscherzt hatte und der Vernichtung anheim fallen sollte, damals haben die aufrichtige Trauer über seinen Fehltritt und der im Gebet um Verzeihung ringende Führer am 10. Tischri die Gnaoe Gottes wieder erlangt, und dieser Tag ist unser Jom Kippur geworden und geblieben! Wie groß müssen unsere Ahnen, selbst da, wo sie schwer gefehlt hatten, gewesen sein, wenn selbst ihr offenkundiges Unrecht solche Heilesblütt treiben konnte! Daß vor diesem Gotteswunder, welches an dem guten Kern selbst in dem schien den, irrenden Menschen nicht verzweifelt, das selbst mit einem ganzen seiner Bestimmung verlustigen Volke wieder aufs neue den Gottesbund schließt, daß vor diesem Wunder alle anderen auf Erden zurücktreten, das wollen vielleicht die Worte sagen, mit welchen damals Gott dem Wunsche Moscheh's, wieder in Israels Mitte zu weilen, entsprach: „Siehe ich errichte einen Bund, in Gegen- „wart Deines ganzen Volkes werde ich „Wunder vollbringen, die auf der ganzen „Erde und unter allen Völkern nicht ge- „schaffen wurdenes soll das ganze Volk, „in dessen Mitte Du bist, das Werk Gottes „sehen, wie ehrfurchtgebietend das ist, was „ich mit Dir vollbringe." (IIB. M. 34,10.) Vielleicht hat Gottes Vaterliebe die ganze ^'Verirrung nur zugelassen, um uns den Seite 8. «r.8ck Jom Kippur zu geben und vielleicht ist das der Sinn des ttefen Wortes der Weisen: rmr6 tt^tt rwyo im«1? piio vn xh „Israel war jener Tat nur fähig, um damit zu lehren, was Teschuba selbst für die große Menge bedeutet." So flammt kein Sonnenaufgang am Morgenhimmel auf, wie dieser Lichtglanz am Nachthimmel eines gesunkenen, sündigen Menschen, den der Johm Kippur mit seinem litt \T zu neuem Leben weckt. Freilich vollzieht sich dieses Wunder nur einmal jedes Jahr, während jenes sich täglich wiederholt. Aber das trifft nicht den Jom Kippur, sondern daran ist die Verkennung schuld, auf die er so vielfach stößt. Wir brauchen es nur zu wollen, und wir haben jeden Tag die neu belebende Kraft des Jom Kippur. Wenn, wie die Weisen lehren, wir jeden Tag?wn vtn haben — DV fea im vltt — so haben wir zehn Tage später, also ebenfalls täglich, Jom Kippur. Well das so viele nicht wissen, und weil selbst die Wissenden es in den Sorgen und Zerstreuungen des Tages so leicht vergessen, deshalb hat Gottes Liebe diesen einen Tag wie einen Markstein in die Flucht der Zeiten gestellt, der nicht übersehen werden kann und der Unwillkürlich zum Stillstehen und zur Rückkehr ladet. Aber wer den lichten Spuren folgt, auf welche die großen Regler unseres Lebens mit ihren weisen Winken leiten, der wird von ihnen jeden Tag an den Jom Kippur erinnert. Damit von dem Lichte der Thora selbst dem Unkundigen ein Strahl in seinen täglichen Lebensgang fällt, haben sie aus der Mischna einen Abschnitt mit dem täglichen Gebet verwoben. Sie haben dafür ein Thema ausgewählt, das unsere modernen Gebetbuchmacher nicht eifrig genug streichen oder doch zurückdrängen können — die Opfer, und zwar die an sie geknüpften Ortsbestimmungen im 5. Abschnitt der Mischna Sebachim. Und die ersten speziellen Opfer, die auf die Frage OTQf bv svlpv VIPK nach ihren örtlichen Bestimmungen exemplifikatorisch herausgegriffen worden sind der TjNsn ns □mssn dv der Stier, mit dem der Vnin jro für sich, und der Bock, mit dem er für die Gesamtheit am Jom Kippur vor Gott hintritt! — Von ihnen wird Hier gelehrt: 1. Ihre Schlachtung vollzieht sich auf der Nordseite (des Heiligtums). 2. Die Aufnahme ihres Blutes im Dienstgefäß vollzieht sich auf der Nordseite. 3. Ihr Blut ist zu sprengen zwischen die Tragstangen (der Gesetzeslade), gegen den Scheidevorhang und und in wmtger als einer Viertelstunde waren Vater und Sohn schon auf dem Wege in die Synagoge, die ste noch vor, Beginn der festgesetzten Geöetszeit erreichten. — Als dasMorgengebet zu Ende war, ging der Synagogendiener auf Hirsch Lewinski und seinen Sohn zu und fragte: „Wollt Ihr, jeder von Euch, heute fünf Mark verdienen?" „Sehr gern," antwortete lächelnd Hirsch Lewinski, //sogar zehn. „Ihr werdet mehr als zehn verdienen, aber ich kann Euch nur fünf versprechen, soviel zahlt nämlich die Chewra Kadischa. Es handelt fich um zwei Wächter bei einem Meß (Leiche). — In einer Stunde wirb die Tahara (rituelle Reinigung) sein, es hat Zeit, wenn Ihr bis S Uhr dort seid. Kommt also um 8 Uhr zu mir, oder Ihr könnt auch um acht direkt hingehen. Ihr wißt doch das HauS von Manfted Sulzer u. Sohn, der alte Sulzer ist heute Nacht plötzlich gestorben." Der Shnagoaendiener ging seines Weges, ohne auf den jähen Schreck zu achten, den seine Mitteilung bet Lewtnski und seinem Sohn zur Folge hatte. Barer und Sohn sahrn sich einm Augenoltck in die Augen und gingen dann schweigend nach Hause, ohne eine Wort zu sprechen. Sie konnten schweigend ihren Gedanken besser nachhängen. „Merkwürdig, merkwürdig!" sprach dann der Vater, als Joel den Frühstückstee auf dem Spiritusflämmchen braute. „In dem, was wir gestern Abend erlebt haben und heute noch erlüben werden, liegt ein großer Mufiar (moralische Belehrung und Ermahnung). Hundert Leichtfinnige mögen an solchen Erlebnissen gedankenlos vorveibeiziehen, wir, JoLl, wollen es nicht, wir können daraus lernen." Der Angeredete schwieg. Nachdem das frugale Frühstück beendet war, legte der Vater Tillim, Tefilla g« I und Gemoroh zusammen, gab die Bücher Joel mtt dem Bemerken, daß der Tod des allen Sulzer reichlich das Thora'ernen ihnen einbringen werde, um welches ste gestern Abend der jugendliche Uebermut des jungen Sulzer aebracht hatte. „Wir wollen auch noch Tallis und Tefillin mttnehmen, denn ich denke, wir werden über Nacht und morgen auch noch dort sein," bemerkte der Vater. „Wird die Beerdigung nicht heute noch stattfinden?" fragte Joel. t „Hier und in ganz Deutschland ist das durch Landesesetz verboten und die große Mehrzahl der deutschen Juden weiß es kaum mehr, daß dieses Landesgesetz mit dem Gesetz der Thora in Widerspruch steht, welches dm Verstorbenen, wmn kein Verdacht auf Scheintod besteht, noch am Tage des Todes zu beerdigen vorschreibt." «IS sie in das Sterbehaus kämm, war beretts der Shnagogendimer da, der fie in das Zimmer führte, in dem der Verstorbene in ein weißes Linnen gehüllt noch auf seinem Bette lag. Es warm erst einige wenige Mitglieder der Chewra da, und man wies die beidm Wächter in dm anstoßenden Salon vis nach Beendigung der Tahara. Frau Sulzer und ihr Sohn gingen mehrere male mit verweintm Augm durch dm Salon, fie kanntm die Wächter nichtwenigstens nahmm fie keine Notiz von ihnen. Im anstoßenden Schlafzimmer waltete jetzt die Chewra ihres Amtes. Hirsch Lewtnski und sein Sohn tratm inzwischen an das geöffnete Salonfester, von wo ihr Blick gerade auf die Veranda fiel, von welcher fie. gestern Abend so brutal fortgewiesen wordm warm. Die Blicke von Vater und Sohn begegneten fich verständnisvoll, ohne daß ein Wott zwifchm ihnen gewechselt wurde. Schweigend ergriff Hirsch Lewinski sein kleines Tillimbuch, schlug dm 37. Psalm auf und hiell ihn seinem Sohn hin. „ Bon David! Ereifre Dich nicht um der Nebeltäter willen, und beneide nicht die, welche Unrecht tun. Denn wie GraS werden fie rasch gemüht und wie grünes Kraut welken fie." „Lieber JoLl!" sagte ergriffm der Bater. „Wir find alle schwache Menschen von Fletsch und Blut, die in ihren bestm Grundsätzen und Ansichten schwankend gemacht werdm können. Als wir gestem Abend müde, hungernd und dürstend die Familie bei ihrer reichen Abendmahlzeit in ihrem schönen Hause trafm und wie räudige Hunde von thnm weggejagt wurdm, ist Dir vielleicht doch der Gedanke gekommen, daß diese leichtfinnigm, herzlosen Lebemenschen bester daran find, als wir armm, gedrückten jüdischm Fremdlinge. Ich vermute es deshalb, weil Dich das harte, leichtferttge Urteil, das der junge HauSsohn über unS gefällt hat, die ganze Zeit beschäftigte." Joel wollte etwas erwidem, aber der Bater ließ ihn nicht zu Worte kommm. „Ich bin weit davon entfernt," fuhr er fort, „Dir einm Borwurf darum machm zu wollm. Es habm schon ältere und gereiftere Männer solche Augenblicke des Zweifels und Schwankens gehabt und ich spreche mich selbst nicht ftei davon. Gestem hätte ich in einem schwachen Augenblick vielleicht selber ftagm könnm, ob dmn die Leichtfinnigm nicht bester daran find, als die Braven, Emsten und Redlichen. Heute an diesem Orte, in dieser Lage sage ich mir: Ich bin reicher, glücklicher, versorgter und geborgener als der arme reiche Mann, deffm irdische Hülle fie nebenan für ihre Ruhestätte vorbereiten. Dm Körper mögm fie reinigm, aber waS wird aus der Seele, aus dem eigentlichen Manfted Sulzer werdm, der jetzt vor Gericht steht! Je mehr Hunderttausmde er zurückläßt, desto ärmer ist er jetzt, desto mehr Fluch der Ueberlistetm und Uebervorteillm, depo mehr Chtlml Schabbos und Jom tos, desto mehr Jfsur RibViS und der Himmel weiß, welche Jffurim sonst haftm

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