Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1907)
- Date
- 1907-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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-- --- ' - ,.--,v .,,«.... zu macherr —' bedeutende russische Autoritäten bei einigen Notabel» Deutschlands Umfrage gehalten, erhielte» aber so ziemlich eine stereotype Antwort: erst müssen Garantien geboten werden, daß die Stellungnahme zur Bildungsfrage seitens der Leiter der Jeschiboth einer gründlichen Revision unterzogen werde. Mit Verlaub, das war wohl sehr gut gemeint, aber nicht sehr richtig gedacht. Es mußte doch zunächst einmal bei dieser Forderung unsererseits genau formuliert werden, welches Ausmaß an „Bildung" bezw. an Wissen wir verlangen. Dieser Bedingung wird dann Genüge geleistet werden können, wenn wir über das Ziel der Jeschiboth und ihrer Vorschulen etwas klarer geworden sind. Es wird wohl keinem Widerstreit von seiten der Meistfordernden begegnen, wenn wir postulieren, daß die jungen. Leute auf den Jeschiboth dasjenige Maß von Wissen sich anzueignen Gelegenheit finden, das sie befähigt, einen Beruf auszufüllen, eine Existenz sich zu schaffen. Es ist wohl auch nicht unbescheiden, wenn wir dabei immer wieder und wieder hervorheben, daß dies stets nur Nebenzweck der Jeschiboth bleiben muß. Wir Westeuropäer leben noch an vielen Stellen der irrtümlichen Meinung, daß die Jeschiboth so eine Art Rabbinerschulen seien,- das stimmt aber nicht. Weitaus die meisten Zöglinge dieser Schulen gehen zum kaufmännischen Berufe über. Füglich Wnnte also die Frage, welches Quantum von „Bildung" unbedingt zur Bekleidung eines Rabbinats notwendig ist, außer Betracht bleiben. Aber da früher oder später diese Frage aufgerollt werden wird, da ferner doch die besten rabbinischen Elemente aus den Jeschiboth hervorgehen, mag im Laufe dieser Erörterungen auch darüber gesprochen werden. Es wäre nun allerdings möglich einen Vorschlag zu diskutieren, welcher eine völlige Trennung der Jeschiboth je nach Berufswahl der Zöglinge im Auge hat. Aber schön wäre dieses äußerste Mittel nicht, ein Todesstoß wäre es dem msb HDvV min. Und das zu verhüten ist wirklich unsere heilige Aufgabe. Wiffensfeindlich sind tatsächlich unsere rabbinischen Collegen — die Bezeichnung ehrt uns — in Rußland nicht. Aber sie sagen: alle Zöglinge höherer Schulen in Rußland sind nicht nur dem „Lernen" sondern auch jedweder Betätigung religiösen Denkens und Empfindens, ja sogar diesem selbst völlig entfremdet. Sie sagen ferner, es ist schon eine rein physische Unmöglichkeit eine nur bescheiden gesteckte Grenze im Thorastudium gleichzeitig mit der Norm westeuropäischer Bildung zu erreichen: Ist dies Irrtum oder Wahrheit? (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. Zwei Wellen. Bon Jnväud. (Fortsetzung.) „Ich will es Dir an einigen Beispielen erklären-" bemerkte der Bater, „Wenn man von seinem schwer und sauer verdieMen Geld, einen Teil für Arme ab sondert, well es Gott so geboten hat, einen andern Teil hingibt um Sefortm (Bücher) zu kaufen, einen Melamed (Lehrer) zu mieten, der mll unseren Kinder lernt, wenn man für daS Kaschrus unseres Haushalts Opfer an Geld und Gut bringt, die der Leichtfinnige weit von fich weist, wenn wir auf Geld und Gm verzichten, sobald wir eS nur durch Entweihung von EchabboS und Jomtof, durch UeVertretung der Zinsgesetze und anderer göttlicher Gebote und Verbote erlangen würden, so geben wir gewöhnliche, irdische Güter für höhere göttliche Zwecke hinverstehst Du das nicht?" „Das verstehe ich vollkommen," antwortete Joel, „aber auf diese Erklärung ift doch auch noch viel zu fragenzunächst wäre dann Bildung etwas was sich nur bei Juden findet - Christen hätten also gar keine Bildung?" „Wie Du ohne Ueberlegung redest!" fiel ihm der Vater zurechtweisend ins Wort. „Damit Du's leichter verstehst, habe ich Dir Beispiele aus dem täglichen jüdischen Pflichttebm voraeführt, aber das schließt doch nicht aus, daß in ihrer Art Christen und Mohamedaner, ja sogar Heiden irdische Mittel für höhere geistige Zwecke hingeben er Mochenrim-schav. Pogrom in 09e(fa. In diesen Tagen waren es zwei Jahre, daß in -Odessa die große Judenmetzelei stattgefunden hatte. Inzwischen ist die jüdische Bevölkerung der Stadt niemals zur Ruhe gekommen. Odeffa blieb eine Hochburg des wahrhaft russischen Verbandes, der unter dem Schutz des Militärkommandanten Kaulbars dort ein dauerndes Schreckensregiment etablieren konnte. Jetzt aber, da sich der Pogrom des ersten Revoluttonsjahres zum zweitenmal jährte, ist das glimmende Feuer des Judenhasses wieder zu einem wütenden Ausbruch gekommen. Dies konnte um so ungehinderter geschehen, als der wohlgesinnte Polizeikommandant Grigorieff gerade von Odessa abberusen worden war und einen Nachfolger noch nicht erhalten hatte. Man hat die Abberufung Grigorieffs, der dem wahrhaften russischen Verband nicht freundlich gegenüberstand, als eine Begünstigung des Verbandes seitens der Regierung aufgefaßt. §n der Tat ist es zweifellos, oaß die Regierung orgängen, wie sie jetzt in Odessa sich abspielen, hätte Vorbeugen können. Daß sie es nicht tat, zeigt, daß man sich getäuscht hat, als man aus verschiedenen Anzeichen in der letzten Zeit schloß, die Regierung Stolypins wolle dem Treiben des Schwarzen Hunderts Einhalt tun. Wenn jetzt gemeldet wird, daß im Ministerium des Innern augenblicklich eine gegen das Schwarze Hundert gerichtete Denkschrift behufs Vorlage an höchster Stelle ausgearbeitet werde, so wird man nach allem, was die jüngsten Tage ergeben haben, diese Meldung nur mit großer Vorsicht genießen dürfen. Daß Herr Stolypin, was als Grundgedanke des Memorandums angegeben wird, mit dem Schwarzen Hundert Rußland auf die Dauer nicht wird regieren können, das ist gewiß richtig. Zweifelhaft erscheint jedoch, ob der Ministerpräsident sich wirklich zu dieser Erkenntnis durchgedrungen hat. * -i- Die gallischen Rabbiner. Als ein Schritt auf dem Wege zu der so dringend nötigen Organisation der Gesetzestreuen in Galizien rann wohl auch die Rabbinerversammlung betrachtet werden, die in der vorigen und also Bildung befitzen. können. Glaubst Du z. B. nicht, daß der Heide Domo ben Nefino, der, wie wir erst kürzlich in der Gemor lernten, lieber auf ein Geschäft von Hunderttausenden verzichtete, als daß er seinen Vater aus dem Schlafe weckte, irdische Güter für einen höheren Zweck htngab, also wie ein Mann von wahrer Bildung handelte?" „Du hast Rechtes war unverständig von mir, das. nicht sogleich einzusehen, aber ich habe doch noch eine Frage gegen Deine Erklärung," entgegnete Joel. „Und die wäre?" „Wenn daS alles richtig ist, dann wären ja gerade wir die Gebildeten. Wir, unsere Eltern, und Großeltern bis auf undenkliche Zeiten zurück, haben doch jederzeit nicht nur alle Güter des Lebens, sondern haben das Leben selbst freudig für die Möglichkeit hingegeben, den höchsten Zweck auf Erden, den Willen Gottes zu erfüllen. Bringt der Herr Sulzer ein Opfer an Geld und Gut, durch Heilighaltung des Sabbath, durch Ankauf von Büchern, durch Lernen von Thora, kurz durch alles, was das jüdische Leben auszeichnet, wie wir armen Menschen es freudig und wie etwas ganz selbstverständliches als Korban Tomid, als ständiges Opfer täglich bringen?" „Die Frage war gut," erwiderte der Bater, indem er seinem Sohn auf die Schulter klopfte, „so gut, daß ich Dir nur gleich sagen will, es gibt gar keine Antwort darauf. Das hat mir mein Gewährsmann aus Hannover auch damals gesagt: Die Gebilde!en find wir und find es umso mehr, je mehr Geschrei und Wesen die anderen aus ihrer vermeintlichen Bildung macken. Er hat mir im Namen eines deutschen Gelehrten, dessen Namen ich aber vergessen habe, gesagt, daß die Menschen am meisten von denjenigen Tugenden sprechen, de fie nicht haben. Daher kommt es auch, daß man bei unS, als von etwas ganz natürlichem, selbstverständlichem, nie von Den^ äußeren Anlaß zvw Einberufung der Versammlung bildete die durch das Ableben R. I. L. Schreibers V'ST notwendig gewordene Wahl eines Vorstehers des galizischen?7D in Palästina. Die Rabbiner, deren über 200 anwesend waren, sowie die 100 erschienen Vertrauensmänner der Chaluckah begnügten fich jedoch nicht mit der Wahl eines Vorstehers, die auf einen Sohn des Heimgegangenen, Abr. Ch. D. Schreiber, fiel, sondern schritten auch zu einer Verbesserung des bisherigen Systems, in dem sie eine Aust sichtskommiffion von sechs Rabbinern Und Privatpersonen einsetzten und beschloffen, eine aus drei Personen bestehende Untersuchungskommission zu entsenden, die im helligen Lande selbst Erfahrungen über die Chaluckaheinrichtung sammeln soll. Die Tagung führte dann auch zu einer Aussprache über die galizischen Verhältnisse, die den Beschluß der Gründung eines Rabbinerverbandes zum Ergebnis hatte. Mit den Borart eiten wurde der Rabbiner von Brsesan betraut, der im nächsten Jahre die konstituierende Versammlung einberuftn wird. Die Unterzeichnung eines Protestes gegen die von den französischen Rabbinern beschlossene Abschaffung von und £03 und bildete den Schluß der Tagung, die hoffentlich dazu beiaetragen hat, die Organisation der galizischesi Orthodoxie endlich in Fluß zu bringen. Iom llippur-Ziimmungen. Ich weiß es wohl, daß es weniger Stimm ungen, als Helle, klare Gedanken und tiefwurzelnde Ueberzeugung en sind und sein sollen, die den von der Bedeutsamkeit des Jom Kippur Durchdrungenen beherrschen. Ich weiß aber auch, daß die Sonne den Tag beherrscht und daß sie das nicht hindert, vor ihrem Kommen und nach ihrem Scheiden das von ihr beschienene Zeitgelänoe mit ihrem Morgen- und Abendrot gülden zu umsäumen und zu verklären. Nur bei ihrem Auf- und Niedergang kann man der Sonne, dem Jom Kippur — und sehr vielen Menschen — ins Auge schauen, auf ihrer Höhe blendet ihr strahlender Glanz den Blick ittid senkt ihn zu Boden. Jom Kippur-Gedanken! Seitdem ich weiß, daß unsere arme Sprache sie so wenig in der Uebertragung wiedergeben kann, daß einer unserer größten Denker und Sprachmeister schon vor 70 Jahren schrieb: „Ich habe kein Wort für nss" (Choreb Kap. 22), seitdem hätte ich eher den Mut über Sonnen- und Nebelfluten zu schreiben, als Jom Kippur-Gedanken! Wohl hat auch die Sonne ihre unergründlichen Geheimnisse, obwohl unser Sprachgebrauch alles Bildung gesprochen, ja daß man nicht einmal ein Wort dafür hat." Jodl nickte zustimmmb. AVer sein Nicken gatt auch dem Ruhebedürfnis, das fich jetzt gellend machtedenn Mitternacht war bereits vorüber. Der Bofier klappte das Buch zu, ohne daß fie etwas gelernt hatten. „Diese Störung unseres heutigen Lernens haben auch die Herren Sulzer und Sohn auf dem Gewissen," sagte der Bater, als er fich von feinem Platze erhob. „vielleicht für Dich," entgegnete Joel, „aber ich habe durch fie sehr viel gelernt, was ich vielleicht nie erfahren hätte, wenn wir nicht durch die Herren Sulzer auf diesen Gegenstand zu sprechen gekommen wären." III. Am anderen Morgen hielt es dem Bater schwer, den jungen, noch ruhebebürftigen Menschen aus dem Schlafe zu rütteln, um rechtzeitig beim Morgengebet zn sein. Als alle Mittel nicht halfen, gab fich der Bater Den Anschein, als wollte er allem in die Synagoge und Josl weiter schlafen lassen. „Der junge Sulzer," sagte er, „hat doch recht gehabt, wenigstens soweit es Dich betrifft, Du hast wirklich keine Bildung." „Warum habe ich keine Bildung?" fragte Joel, aus seinem Halbschlummer erwachend. „Unsere körperliche Ruhe," eMgegnete der Bater, „ist ein sehr teures Gut, daS vielen und auch Dir besonders ans Herz gewachsen ist. Wer auch dieses Gut hingeben kann, für den höheren, helligen Zweck, vor Gott mit seinen Brüdern in gemeinsamem Gebet htnzutreten, der ist nach unserer Erklärung von gestern Abend ein gebildeter Menschwer es aber wie Du nicht kann, dem ' fehlt eben die Bildung." Das halfsofort sprang Josl aus seinem Bette und bat dm Bater, noch wmtge Minuten auf ihn zu Watten,