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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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WWMMWMUIMMWWMHg BflOJlS / Die Uaterlandsllcbc und ihre Behandlung in der jüdischen Schule Von Lehrer Freudenberger in Flieden. (Schluß.) Was nun die spezielle Unterrichtsbehandlung anlangt, so ist zu bemerken, daß in der Religionslehre die Pflichten gegen das Vaterland in zusammenhängender, systematischer Weise, nach der eben gegebenen Darstellung erläutert werden müssen Das kann selbstverständlich erst auf der Oberstufe geschehen. Aber schon vorher kann in Anlehnung an die übrigen Religionsfächer, wie Gebete- und Pentateuch-Uebersetzen, sowie beim Unterricht in der biblischen wie nachbiblischen Geschichte vaterländische Gesinnung erweckt werden. Bei der Behandlung der Geschichte Mordochais zeige man, wie dieser dein König das Leben gerettet, ohne Dank zu begehren und wie er auch später als Minister ein treuer Diener seines Herrn gewesen. Die Geschichte Daniels bietet ein schönes Beispiel dafür, daß man in seinem Gehorsam gegen den König doch nicht soweit gehen dürfe,die göttlichen Gesetze zu mißachten. Der König hatte keinen treueren Diener als Daniel, aber er verrichtete doch dreimal des Tages sein Gebet trotz des königlichen Verbotes. In der nachbiblischen Geschichte werde besonders auf die Treue hingewiesen, welche die Israeliten dem persischen König bewahrten, als Alexander der Große Hilfstruppen und Lebensmittel von ihnen verlangte.*) Ja, die ganze nachbiblische Geschichte ist ein fortlaufender Beweis dafür, daß sie auch unter Druck und ungerechter Behandlung stets loyale Untertanen blieben und nirgends zur Selbsthife griffen. Im Bibellesen behandle man besonders den 21. Psalm recht eingehend, denn dieser zeigt uns, welche hohe Stellung nach jüdischer Auffassung dem König eingeräumt wird. Im Gebeteübersetzen ist es das Königsgebet riziwn jrvon und im Pentateuch unterricht 5. B. M. Kap. 17, Vers 14—20 die Abhandlung über die Rechte und Pflichten der jüdischen Könige, die vorzugsweise in Betracht kommen, abgesehen von den schon oben angeführten Bibelversen und Belegstellen, die gelegentlich übersetzt und besprochen werden. In der jüdischen Volksschule hat die Pflege vaterländischer Gesinnung den ganzen Unterricht wie ein roter Faden zu durchziehen. In der Geschichte geschieht das durch Vorftihrung sittlichgroßer Persönlichkeiten, die sich in hervorragender Weise um das Vaterland verdient gemacht *) Auch hier kann bei der Erzählung, daß jüdische Soldaten im Heere Aleranders sich geweigert, an der Wiederaustichtung des Beltempels mitzuwirken, auf die Grenzen des Gehorsams auch dem König gegenüber aufmerksam gemacht werden.) £ haben. Dazu gehören vor allem der große Kurfürst, Friedrich der Große, die Königin Luise, Freiherr von Stein, Blücher, Scharnhorst, Wilhelm der Große, Bismarck und Moltke u. a. m. Mit Wärme und Begeisterung, die von Herzen lommt und zu Herzen geht, schildere der Lehrer ihr verdienstvolles Wirken, erzähle von den Heldentaten unserer großen Männer, aber auch von den Werken des Friedens, die sie begründet - das erweckt von selbst Vaterlandsliebe. Im geographischen Unterricht behandle der Lehrer mit besonderer Liebe die Heimat. Ein reges Heimatsgefühl ist die Vorstufe für patriotischen Sinn und deshalb hebe er die Vorzüge des Heimatlandes, seine Schönheiten und die oft mustergültigen Einrichtungen auf allen Gebieten hervor. Im deutschen Unterricht erschließe man deui Schüler die Welt der deutschen Dichter und Denkermit Vorliebe behandle man Lesestücke und Gedichte, die von vaterländischer Gesinnung getragen sind. Ebenso übe man im Gesangunterricht patriotische Lieder ein, wie z. B. die Königshymne, Deutschland, Deutschland über alles, Was ist des Deutschen Vaterland, Ich Hab' mich ergeben u. a. m. Die Feier der patriotischen Gedenktage werde in der Schule in würdiger und feierlicher Weise begangen und ihre geschichtliche Bedeutung in erschöpfender, klarer Weise dargetan, besonders diejenigen aus der großen Zeit, die uns die Einigkeit des deutschen Vaterlandes gebracht hat. Wenn so der gesamte Unterricht die Vaterlandsliebe in dem Schüler erweckt und fördert, so wird auch das kommende Geschlecht der Ahnen würdig sein in der Stunde der Gefahr und wenn es einmal heißt: „Deutsche voran", so wird auch der deutsche Jude nicht Zurückbleiben, auch er wird begeistert einstimmen in den Ruf: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt", getreu der Mahnung des großen Dichters: „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest in deinem ganzen Herzen - Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft." Zugendzchritten. Berenice, Roman» von Heinrich Vollrat Schumacher, illustriert ron W. Gause, Verlag von W. Bobach u. Cie, Berlin—Leipzig - Preis 2,40 M. Zu den Jugendschri'ten im engeren Sinne gehört ^der vorliegende Roman eigentlich nicht, wohl aber zu den wenigen Werken unserer Unterhaltungsliteratur, die man der heranreifenden Jugend getrost in die Hand geben darf. Auf die prinzipielle Seite der Frage, ob daS Romanlesen nützlich oder schädlich ist, wollen wir heute nicht eingehen. Wir konstatieren nur die Tatsache, daß unsere Jugend das Bedürfnis nach einer sie ansprechenden Lektüre hat. Wenn wir ihm nich: Rechnung tragen und es zu regeln suchen, so dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sie sich mit ungesunder Kost nährt und wahllos Bücher liest, die ihr cerade in die Hände fallen. Wenn nun die Auswahl der paffenden Lektüre für Mädchen und Knaben im Alter von 15—16 Jahren den christlichen Eltern schon Schwierigkeiten bereiter, um wie viel mehr den gesetzestreuen Juden, für welche die Kompert, Herzberg-Fränkel und Franzos nicht geschrieben haben. Nach der künstlerischen Seite hin bietet Berenice gerade das, was wir in unserer jüdischen Erzählungslitteratur oft schmerzlich vermissen. Hier paart stch rührende Zartheit mit markerschüttender Kraft, lyrische Stimmungsmalerei mit höchster dramatischer Wirkung, hier fesseln uns Stoff und Form gleichmäßig. Selbst das Grausigste, wie die Erstürmung des Tempels, die Vorgänge in der Arena in Ro n, es findet eine Darstellung, die nirgends unser ästhetisches Empfinden verletzt. Schumacher hat sich ja an ein sehr schwieriges Thema gewagt. Berenice, dieser widerspruchsvolle Charakter, schwankend zwischen peinlicher Beobachtung der jüdischen Gesetze — sie erfüllt sogar ein Nasiräergelübde und opfert dabei im Tempel ihren prachtvollen Haarschmuck — und der Verachtung von Gesetz, Sitte und Anstand - zwilchen glühendem Patriotismus — barfuß und als Bettlerin gekleidet, umfaßt sie, die Königin, die Knie des letzten römischen Landpflegers in Juäa, Geffius Florus und setzt sich dabei der schmählichsten Behandlung aus, um Gnade für ihr Volk zu erflehen — und dem Verrat an ihreni Baterlande, ihren Glaubensgenossen und ihrem Gotte, indem sie fick rückhaltlos den Römern anschließt und sie mir ihrem Einfluß und ihrem Gold unterstützt. Aber gerade diese Schwierigkeit reizte den Verfasser und er ist ihrer Herr geworden. Wie sich aus der schön en, edleren Regungen zugänglichen Berenice durch den unglücklichen Ausgang ihrer Liebe zu Reguel, dem Sohn des Johannes von Gie-kalia, das dämonische, nur den Trieven des Ehrgeizes folgende Weib ganz folgerichtig entwickelt, das zeigt uns Schumacher in diesem Roman. In künstlerischer Steigerung läßt er sie ihrem Ziele immer näher und näher rückenschon ist sie die Gemahlin des Titus, schon sieht sie sich als Augusta, da trifft sie das wohlverdiente Geschick: sie verliert 4)1 acht, Schönheit und büßt ihren Verstand einals eine Wahnsinnige irrt sie auf den Trümmern des Tempels umher, den sie im frevelndem Wahne zer ören half. So fehlt auch die moralische Genugtuung nicht. Schumacher will in dem Roman ja nicht den jüd. Krieg schilderner dient ihm nur als geschichtlicher Hintergrund. Man merkt aber überall, daß er aus -en besten Quellen geschöpft und die Charakterisierung von historischen Personen und Ereignissen ist zutreffend. So spielen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Zeloten bei ihm keineswegs die traurige Rolle wie in so vielen jüdischen Geschichtsbüchern. Eine kostbare Einlage ist die schöne jüdische Sage vom Engel Jaholom und auch die syrisch-heidnische von Hadad-Rimmon, die an die Adonissage anklingt, entbehrt nicht des intimen Reizes. Obwohl Christ, weiß der Autor doch an vielen Stellen echtjüdisches Empfinden -zu wecken. Wie schön ist beispielsweise die Erklärung für jüdische Vaterlandsliebe, die er dem Reguel in den Rlund legt und t ic wir hier wörtlich folgen lassen: „Nicht Heimatsgefühl allein ist's, was den Judäer bei dem Worte Vaterland überkommt. Der Inhalt unseres Vaterlandes ist Gott. Vaterland ist das aus allen Nationen des Erdkreises erwählte Gottes-

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