Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1907)
- Date
- 1907-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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der ■hY'shirrrv.*»■ >/ von eattd. med. dent. Julius Baer-Hälberstadt,- „Eine neue alte Weltanschauung", von stud. jur. Karl Kohn-Altona. An die Vorträge schlossen sich lebhafte Diskussionen, die alle Anwesenden — Mitglieder wie Gäste — bis nach Mitternacht in regem Gedankenaustausch zusammen hielten. Auch für die körperliche Entwicklung der Mitglieder wurde gesorgt durch gemeinschaftliches Rudern und Turnen, und — last not least — kam auch die Gemütlichkeit zu ihrem Rechte. Wir hoffen, daß sich die B. I. A. mehr und mehr zu einer Vereinigung aller gesetzestreuen Akademiker entwickeln wird. Schon haben sich auch für das kommende Semester neue Mitglieder gemeldet, und es ist allen nach Marburg Limmenden gesetzestreuen Studenten der Eintritt in die B. I. A. zu empfehlen, da sie dort Anschluß an Gleichgesinnte finden, mit denen sie sich über alle Fragen des jüdischen Lebens aussprechen können. Die Ferienkommission besteht aus den Herren: Dr. Schlesinger, Marburg a. L, Schwanallee, und cand. jur. Edmund Meyer-Gelsenkirchen i. Wests., Schalkerstr. 26. 'Dieselben sind gerne bereit, auf etwaige Anfragen über die Ziele und Bestrebungen der „Vereinigung jüdischer Akademiker" im B. J. A. Auskunft zu erteilen. < Ungarn. Ein neues Scilulgefeft- (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 27. August. Mit Beginn des Schuljahres 1907/08 ist das neue Schulgesetz betreffend die konfessionellen Volks- und Bürgerschulen in Wirksamkeit getreten. Aus diesem Anlasse hat der königlichungarische Kultusminister Graf Albert Apponyi an die konfessionellen Oberbehörden eine Anweisung gerichtet, in welcher betont wird, der Zweck des Gesetzes sei nicht, jenen berechtigten Einfluß, den die Konfessionen auf die Tätigkeit ihrer Schulen ausüben, zu vermindern oder einzuschränken, oder eine Einmengung des Staates ulöglich zu machen, die die Schulen des konfessionellen Charakters berauben würde,- das Ziel dieses Gesetzes sei vielmehr, darauf hinzuwirken, daß die Pflege des ungarisch-staatsbürgerlichen Bewußtseins und des patriotischen Gefühls in jeder Schule als eine der Hauptaufgaben der Erziehung betrachtet werde. Kultusminister Apponyi war bei Schaffung des in Rede stehenden Gesetzes gewiß von den edelsten Intentionen geleitet. Dieser Staatsmann hat auch sonst schon bei verschiedenen Anlässen die hohe Wichtigkeit der religiösen Jugenderziehung betont. Und dennoch ist dieses Schulgesetz mit seiner Durchführungsverordnung in hohem Maße geeignet, speziell die jüdische Schule, wenn auch nur indirekt, schädlich zu beeinflussen. Die Kultusgemeinde als solche wird in den Schulfragen nicht vollständig ignoriert, aber ihr Rechtskreis int Verhältnis zu ihren Lehrern ist auf ein Minimum reduziert. Der jüdische Lehrer ist nunmehr ein öffentlicher Beamter und seine Kultusgemeinde hat in entscheidenden Fällen, wie Lehrerwahl und Disziplinarangelegenheiten, kein Recht zum Eingreifen. Da ist die Komitatsbehörde mit dem Kgl. Schulinspektor als Fachreferenten das kompetente Forum. Und gerade für das gesetzestreue Judentum ist dieses neue Schulgesetz von größter Tragweite. Noch gibt es in Ungarn kein orthodoxes Lehrerseminar und selten gelingt es einer gesetzestreuen Gemeinde einen wahrhaft religiösen Mann als diplomierten und staatlich anerkannten Lehrer zu gewinnen'. Die einzige jüdische Lehrerpräparandie, die Ungarn hat, wird von der neologen Landeskanzlei verwaltet. Nicht ein einziger gesetzestreuer Jude ist im Kuratorium, kein einziger unter den Professoren. Und die Schüler dieser vollendeten Neologen sind die Lehrer und Bildner der ungarländischen gesetzestreuen Jugend. Nun werden diese Lehrer als öffentliche Beamte noch weniger auf das Wohlwollen und die Anerkennung der orthodoxen Rabbiner und Gemeinden angewiesen sein, und ein gewaltiger Seufzer entringt sich WsrBrust: nü rrmt npp ttnn?! Wie tätige noch füllen die Kinder aesetzestreuer jüdischer Eltern von den Schülern, Dienern und Aposteln der offiziellen Neologie herangebildet werden? Leider liegt ftir den Kenner der Verhältnisse auch die in diesen Blättern angekündigte und befürwortete Gründung einer jüdischen Lehrerbildungsanstalt durch die Großwardeiner orthodoxe Kultusgemeinde noch in weitem Felde. Auch die Kalamität der „jüdischen Winkelschulen" will nicht von der Tagesordnung verschwinden. In der jüngsten Zeit wurden sogar, in Großwardein und in Szatmar mehrere solcher Lehrstätten behördlich geschloffen. Großwardein zählt zu den wenigen orthodoxen Gemeinden, die mit großen Opfern staatlich anerkannte Schulen unterhalten, in denen auch und mit O'ViSv intensiv unterrichtet wird. Für vorgeschrittene Talmudschüler gibt es dort auch eine ra'tP', die von dem als bftiw bekannten Oberrabbiner Fuchs geleitet wird. Direktorder öffentlichen Schulen ist der rühmlichst bekannte Pädagog und mir» p Jakob Gabel. Warum muß es auch in Großwardein „Winkelschulen" geben? Und warum läßt es die orthodoxe Kultusgemeinde soweit kommen, daß dieselben behördlich geschlossen werden? Diese „Winkelfchulen", so verdächtig der Name auch klingt, sind in vielen Gemeinden die einzigen Anstalten, in denen die jüdischen Kinder noch wirklichen Thoraunterricht genießen. Und doch kann diese Einrichtung in der jetzigen Gestalt nicht für die Dauer erhalten werden. Die ungarische Kuttusregierung will ja nicht diese Anstalten in Bausch und Bogen ausrotten. Sie fordert aber, daß jede Kultusgemeinde dafür sorge, daß die Schulräume, in denen der Unterricht erteilt wird, den sanitären Anforderungen entsprechendaß die schulpflichtigen Kinder auch eine öffentliche Volks- oder Bürgerschule besuchen,- daß die Lehrkräfte, die nur jüdische Bildung besitzen, in weltlichen Disziplinen keinen Unterricht erteilen, und daß schließlich diese Lehranstalten unter Aufsicht der kompetenten Kultusgemeinden stehen. Die Gemeinden weigern sich jedoch für diese Chadorim und Melamdim der staatlichen Behörde gegenüber irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Und so sind diese Privatlehrer sich selbst überlassen, für ihre Unternehmungen und Leistungen keinem verantwortlich, und nach kurzem Dasein rst das regelmäßige Ende: Behördliche Schließung. Die Rabbiner und Vorstände der orthodoxen Kultusgemeinden müssen zur Besinnung kommen, daß dieses System nicht mehr zu retten ist. Ist eine Gemeinde nicht in der Lage oder ist sie durch prinzipielle Gegensätze im eigenen Kreise verhindert, eine staatlich anerkannte öffentliche Volksschule zu, errichten, so muß sie für eine den gesetzlichen Anforderungen entsprechende Talmudthora schule Sorge tragen. An solchen Schulen müssen nicht staatlich diplomierte Lehrer wirken, aber die von der Kultusregierung vorgeschriebene Ordnung muß eingehalten werden. Solche Schulen, in denen ausschließlich hebräischer Unterricht erteilt wird, gründet jede Gemeinde nach Belieben, ohne erst irgend eine behördliche Bewilligung einholen zu müssen. Erst wenn jede gesetzestreue jüdische Gemeinde ihre eigene Talmudthoraschule haben wird, wird auch der große Chilul-Haschem der behördlichen Schließung der an uno für sich ganz unschuldigen und in?gewissen Gegenden noch unbedingt notwendigen ogenannten Winkelschulen aufhören. Und dazu muß es kommen, wenn man die jüdische Jugend noch weiter n*owi minn erziehen will. bv mpun ns •odd nmn ab .pn rva Budapest, 27. August. Wie alljährlich, gab der Ministerpräsident vorige Woche, am Geburtstage des Königs, ein Hofdiner, zu dem die Spitzen der Behörden und der einzelnen Konfessionen eingeladen waren. In der Regel erhielten auch der Pester neoloqe Rabbiner Dr. M MvhÄ «W W Lanheskanzlei Einladungen" zu diesem Festessen. / Nun ist es heuer einigen Zeitungen ausgefallen, daß in der Liste der Geladenen der Name desZ nunmehrigen Oberrabbiners Dr. Kohn wegge^Ä lassen war. Ob auch der orth. LandesprasidetE — der übrigens zur Zeit nicht in Budapests weilte — übergangen wurde, wird in diesen" Zeitungen nicht registriert. Sie finden es s y mp-' tomatisch, daß Dr. Kohn nicht unter den Ge- - ladenen anfgezählt ist. Ob es eine beabsichtigte: Zurücksetzung sein will oder nicht, sei dahingestellt. | Gewiß ist, daß dieser offizielle Repräsentant der ungarischen Neologie in solchen Dingen entschiedenes Pech hat. Zu wiederholten Malen war / er als Mitglied des Magnatenhauses designiert, wurde aber immer durch den Trotz und Eigensinn seiner eigenen Partei fallen gelassen. Die orth. Leitung erhob keine Einwendung gegen Me/;: Person des Herrn Dr. Kohn, wünschte aber, daß; auch das gesetzestreue Judentum durch einen orth. Rabbiner im Oberhause vertreten sei. In eine solche offizielle Anerkennung des orth. Juden- . tums wollten aber die neologen Führer nicht einwilligen und verzichteten lieber ganz auf die- Begünstigung. Nun hat die Budapester Reform-) gemeinde vor einigen Monaten eine königliche s Auszeichnung ihres ersten Seelsorgers provoziert./ Aber auch diese ist nicht nach Wunsch ausgefallen. , Oberrabbiner Kohn erhielt blos den Titel „königl. / Rat" und seine zahlreichen Verehrer waren mit dieser allerhöchsten Auszeichnung sehr unzufrieden, j Dieser Vorfall und die in Rede stehenoe Unter- * lassung der Einladung wird in neologen Kreisen glücklicherweise nicht den Machinattonen der bösen 3 Orthodoxen, sondern dem Umstande zugeschrieben, 1 daß an der Spitze des Ministeriums a later© ': derzeit der Führer der katholische Bolkspartei stehe. Man sollte vielleicht der ganzen Sache t keine so große Bedeutung beilegen. ci Rußland. Petersburg,30. August. Das Ministerium / für Bolksaufklärung hat die Universitäten durch Runderlaß nun tatsächlich benachrichttgt, daß sie/ nicht mehr jüdische Studenten aufnehmen dürfe// als die beschränkende Vorschrift gestattet, die in H den letzten Jahren nach Wunsch des Ministers .? Tolstoi nicht mehr angewandt wurde. Da aus/ einzelnen Universitäten der darin zugelaffene/ Prozentsatz jüdischer Studenten weit überschritten ist, wird in diesem Jahre dort gar keine Qm* - matrikulation jüdischer Studenten stattfinden. j Odessa, 3. September. Der Verband russischer Leute hat hier wieder einen Pogrom organisiert, angeblich, um den Tod des bei dem Entladen einer bei einer Haussuchung gefundenen Bombe verunglückten Offiziers und dreier Polizeileute zu rächen. Der Pogrom dauerte aestiwa noch an. Die Raufbolde laufen, auf die Jude» schießend, durch alle Straßen. Drei Juden find getötet, gegen 60 schwer verwundet. Die Polizei ist untättg, es wurde kein einziger der Holigane verhaftet. Es herrscht eine große Panik. Odessa, 1. Septbr. Die jüdischen Getrei- / dehändler in Odessa beschäftigen seit Jahren/ auf chren Speichern jüdrsche und beim Transport/ des Getreides russische Arbeiter. Die letzteren/ möchten nun aber ihre jüdischen Kollegen ver-/ drängen und verlangten die Entlassung der Hälfte derselben. Da die Händler darauf nicht ein- . gingen, kam es auch zu Gewalttätigkeiten und die Russen zwangen einen Teil der jüdischen; Arbeiter die Speicher zu verlassen. Die Händler werden aber nicht nachgeben und find auch auf eine zeitweilige Arbeitseinstellung gefaßt. Es/ heißt, daß die Regierung zur Beilegung des? Streits angerufen werden solle. ■ Warschau, 28. August. Das hiesige Jar-1 gonblatt „Unser Leben" meldet: Bon unsrem/ Korrespondenten aus Tomaspol haben wir/ folgende kurzen, aber traurigen vom 19. d. da- > tierte Zeilen erhalten: „Gestern um 1 Uhr^