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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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doch dem „Zeremonialgesetz" ntcht den geringsten Wert zu. Für uns aber handelt es sich um ein aottliches Gebot, da ist es wohl von Bedeutung, wenn dies Gebot in allen Details zergliedert wird. Und ferner: die Mischna ist ja kein Buch, das wie die Bibel die Gebote vor üns hinstellt, prophetische Mahnungen ausspricht, Weisyeitslehren uns künder usw. Sie dient dem S besonderen Zwecke, die Ergänzungen und uterungen der: Gebote uns zu geben. Wer sich hier über die Kille der Einzelheiten aufhält, her müßte ebenso über die Werke spotten, die eine Spezialfrage der Wissenschaft in breiter Ausführlichkeit behandeln. Nun ist das Verfahren Schürers, wenn auch nicht zu rechtfertigen, so doch zu erklären. Für ihn handelt es sich darum, eine der grundlegenden Behauptungen des Christentums auftecht zu erhalten und zu beweisen, daß der christliche Religionsstister der Welt ein völlig Neues brachte, daß seine Umgebung, die Schriftgelehrten, in ihrem religiösethischen Denken und Thun auf tieferer Stufe standen, in den Banden einer engherzigen und kleinlichen Gesetzlichkeit schmachteten. Wie konnten aber die Verfasser der Denkschrift, bei denen es sich doch nicht um ein wichtiges Prinzip handelte, sondern nur darum, ob sie dem alten Siddur einen Fußtritt mehr versetzen sollten, wie konnten sie es über sich gewinnen, durch den tendenziösen Abdruck dieses Mischnaabschnittes wirken zu wollen?! Aber, wie sagen doch die Weisen in Umdeutung eines Bibelwortes: “panriDi "pcnno w ipo! Die beiden ersten Anlagen sollen die Vorzüge -es badischen Gebetbuchs gegenüber dem von Dr. Bleichrode ins rechte Licht setzen. Nun ist Herr Dr. Bleichrode Manns genug, sich selber seiner Haut zu wehren. Er wird auch am besten in jedem einzelnen Falle angeben können, weshalb er diesen oder jenen Ausdruck in seiner Uebersetzung gewählt. Ganz im allgemeinen sei bemerkt, daß zwei völlig inkommensurable Größen verglichen werden. Bleichrodes Arbeit ist eine Uebersetzung, die muß allerdings in gutem Deutsch geschrieben, aber auch treu sein.. Das badische Gebetbuch ist, wie ich das ausführlich nachgewiesen, eine tendenziös zugestutzte Bearbeitung, diese kann ftchjekttv völlig frei schalten und jeder Schwierigkit aus dem Wege gehen. Im Uebrigen, es handelt sich auch für den Oberrat nicht um Bleichrodes Gebetbuch, sondern um den alten Siddur. Daß er völlig unbrauch-- bar ist und auch die neueste Ausgabe in guter Uebersetzung, wie sie in Bleichrodes Q'!#' n7Sn vorliegt, ihn dem „modernen Empfinden" nicht näher bringen kann, das soll gezeigt werden. Das wird nun durch die beiden ersten Anlagen besorgt. Die erste stellt die Partte des alten Siddur bis 1DKW ttd der entsprechenden im badischen Gebetbuch gegenüber. Der Laie, d. h. der, den der badische Oberrat im Auge hat, der gar nichts von dem Wesen des Siddur weiß, ist wieder vor den Kopf geschlagen. Wie wunderschön nehmen sich die Gebete des Oberrats aus! (Nach meinem Geschmack fteilich nicht immer- Nr. 5 ist Stubenpoefie und Nr. 9 ist hölzern und klingt gegenüber der markigen Kraft der irwn n’iD'iD matt und schal.) Und demgegenüber Stücke im alten Siddur, wie DIES/ p)pü mm mtapn usw.! Daß diese Stücke nicht den Charakter von Gebeten haben, daß sie Partten aus dem Talmud darstellen und . nicht gebetet, sondern „gelernt" werden, daß inbezug auf sie selbst noch eine ziemliche Freiheit bei den Gemeinden und dem Einzelnen herrscht, das wird wohlweislich verschwiegen. Die zweite Anlage stellt ein Musterstück antisemitischer Kampfesmethode dar. Ich habe einmal in einem Flugblatt allen Ernstes die Behauptung «eilt gesehen: die Judenbibel lehre in Wirkden Götzendienst: es heißt in ihr: arrayi □nriN □vfr« ihr sollt fremden Göttern dienen. Nicht ganz so plump, aber ähnlich verfährt die Denkschrift in Anlagen. Sie fälscht keine Stelle, aber sie trägt aus den vielen hundert Seiten des Siddur auf drei Seiten alles zusammen, was seltsam, schroff und hart klingt, hält dem alten Siddur seinen Spiegel vor und spricht zu ihm: Das bist du! Die Beweiskraft dieser Methode ist natürlich gerade so groß, als wenn man aus Shakespeares Hamlet, Othello, König Lear die kräftigsten und derbsten Sätze und Wendungen auswählen und zusammenstellen wollte, um dadurch ein Bild von dem Wesen und dem Inhalt Shakespearischer Tragödien zu geben. Auch hier macbt die Denkschrift nicht so sehr den alten Siddur als die Bibel verächtlich. Hintereinander bringt sie eine Reihe , von Proben, die nichts anderes als Bibelverse find. Die Verfasser können nicht geltend machen, sie hätten bloß Bleichrodes Uebersetzung geißeln wollen. Aus der ganzen Anordnung geht hervor, daß ihre Angriffe sich gegen den alten Siddur richten. Es sind gerade die Stellen ausgewählt, bei denen der hebräische Text eine Fülle von Synonymen hat, die Wendungen zusammengetragen, wo vom Zorn Gottes die Rede ist usw. Und wie soll man denn "D?n am tro anders übersetzen, als „im Zorn gedenke des Erbarmens?" Die Anthropomorphismen scheinen der Denkschrift fürchterlich zu sein. Sie bringt in dieser Anlage ein großes Stück des herrlichen TODn w als abschreckendes Beispiel. Aber auch das beweist, daß den Verfassern der Denkschrift die innige Fühlung mit dem wahrhaft modernen Empfinden für höhere, geistige Zwecke hinzugeben, wer das könne, der habe die rechte Bildung, wer das nicht könne, der sei in Wirklichkeit ungebildet." „Das verstehe ich nicht, Du redest schon ganz wie ein Tatsch (Deutscher)", entgegnete der Sobn. (Fortsetzung folgt.) Mrrburger Brief. Die Reisesaison geht zu Ende. Alle, die hinausgepilgert waren aufs Land, in Luftkurorte, Badeplätze usw., kehren allmählich zurück zu den heimischen Penaten. Ein langes Jahr muß nun wieder gezehrt werden von den empfangenen Eindrücken und gerne läßt man die durchlebten Genüsse nochmals an seinem geistigen Auge vorüberziehen. Gar oft verdichtet und kristallisiert sich da diese Rückerinnerung zu einem kleinen Essay, der als „Badebrief" in diesem oder jenem Blatt seinen „Niederschlag" findet. Sollen denn aber nur die „Gereisten" das Recht haben zu solchen Mitteilungen? Sollte nicht vielmehr auch einmal ein „Daheimgebliebener" von seinen Erlebnissen, Erinnerungen, Gedanken erzählen dürfen? „Ich hab's gewagt", ruf ich denn mit dem alten Kutten und — so ziehe hinaus, mein Brieflein und sieh zu, ob du ein* geneigte Leserschar findest, der du erzählen darfst vom — 54. Katholikentag in Würzburg! Katholikentag? Was soll der in einem jüdischem Blatte? Sollen etwa politische Erörterungen über Zentrum ,und Philo- oder Antisemitismus daran geknüpft werden? Fort mit der leidigen Politik! Nein, nichts derartiges; und doch — vom 54. Katholikentag, oder vielmehr von den Gedanken und Betrachtungen, welche die Veranstaltungen der großen Tagung unwillkürlich durch Vergleichungen mit korrespondierenden jüd. Verhältnissen in dem „Daheimgebliebenen" ansgelöst haben. Machtvoll, imponierend war sie, diese Heerschau eines Bekenntnisses! Aus allen Teilen des Landes, aus allen Schichten und Klassen der Bevölkerung, aus allen Altersstufen waren die Teilnehmer zusammengeströmt und fernste Erdstriche waren vertreten — aber alle fühlten sich einig und geeint und gleichwertig. Und bei uns? Selbst die in der Religionsauffassung auf gleichem Boden Stehenden haben sich mehr als einmal den Luxus der Sonderbündelei gestattet und doch ist gerade Einheit und Einigkeit im Lager der Gleichgesinnten das, was not tut! Ob aus Ost oder West, ob reich oder arm, ob in Stadt oder Dorf, mit dem alten Attinghausev möchte ich Euch zurufen: „Seid einig, einig, einig!" Rast ich, so rost ich! Ein altes, wahres Wort, psv' FpDlD ■ — Die behagliche Selbstzufriedenheit mit Erreichtem wirkt einschläfernd auf die Tatkraft und Tätigkeit. Es ist aber ein nicht wegzuleugnender Fehler, der uns anhaftet, daß wir, selbst Scheinerfolgen gegenüber, gar zu leicht zur Selbstzufriedenheit neigen und damit zum Stillstand und Rückschritt kommen. Der 54. Katholikentag kann uns auch hier Lehren geben. Ueber die derzeitige Machtstellung des Katholizismus ein Wort reden hieße Eulen nach Athen tragen, doch von der erschlaffenden Selbstzufriedenheit keine Spur, „rastlos werter" lautet die Devise und rastlos wird gearbeitet. Intensiv und extensiv in gleicher Weise für unsere heiligen Ideale rastlos wirken, das möge auch für uns zur Tat werden! Wohl ist die Selbstzufriedenheit mit auch geringen und Scheinerfolgen bei uns aus der historischen Entwicklung und somit psychologisch erklärbar, nicht aber entschuldbar! völlig abgeht. Heutzutage Anthropomorphismen scheu vermeiden, das ist gerade so, als wollte man auf der Kanzel oder in der Schule allen Ernstes ein schärfen, man solle sich beileibe keine Götzenbilder machen und sich vor ihnen nicht niederwerfen. Ich weiß, daß die Verfasser sich da auf einen ganz Großen berufen können, auf Maimonides. Ausgangspunkt und eigentlicher Zweck seines philosophischen Hauptwerkes ist: der Kampf gegen die Anthropomorphismen. Ein Glück nur, daß er uns in seinen: More Nebuchim mehr gibt als er verspricht und alle wichtigen religionsphilosophischen Fragen anschneidet. Sonst wäre sein Werk für uns ungenießbar. Der Kampf gegen die Anthropomorphismen hatte zu Maimonides', ebenso wie zu Onkelos' Zeit seine Bedeutung. Heute aber erkennen wir, daß die Anthropomorphismen recht eigentümlich zum Wesen der Bibel gehören, daß diese uns kalt und fremd anmuten würde, hätte sie eine Form nach Maimonides'Geschmack erhalten. Die Bibel sollte zu den Menschen aller Zeiten reden, darum mußte die Form, in die der heilige Inhalt gegossen wurde, echter Poesie entnommen werden. Das Wesen echter Poesie aber ist: Personifizierung, Berkörperlichung, konkrete Gestaltung. Wenn im TtP von Gott gesagt wird: „Als Greis am Tage des Gerichts, als Jüngling am Tage der Schlacht, wie ein Kriegsheld mit seinem Arme kämpfend. Den Siegeshelm setzt er sich aufs Haupt, seine Rechte und sein heiliger Arm erficht ihm den Sieg. Von gländem Tau ist voll sein Haupt, seine Locken von Tropfen der Nacht" usw., so ist das poetisch und schön. Das verstehen die Verfasser der Denkschrift nicht. Aber daran hat doch der alte Siddur keine Schuld!*) (Schluß folgt.) *) Natürlich gießt es auch in der Behandlung der Anthropomorphismen Unterschiede, und es gehört ein feines Gefühl und viel Geschmack dazu, um immer in einer Uebertragung das Richuge zu treffen. „Das Auge Gottes" ist ein schönes Bild, aber die Ohren oder gar die Nase als Attribut Gottes, wie es in der Bibel vorkommt, im Deutschen zu gebrauchen, erscheint uns nicht angebracht. Darum wird man auch nicht sagen: „Gott roch den lieblichen Duft." Das bedeutet kein Verhüllen des Wortlauts der Bibel. Für unser Empfinden ist die Tättgkeit des Riechens mit einer etwas unästhetischen Bewegung der Nasenmuskeln verbunden. Daher können wir diesen Anthropomorphismus nicht als ästhetisch empfinden, und es muß hier ausnahmsweise ein mehr abstrakter und nichtssagender Ausdruck gewählt worden, wie „Als Gott den Duft wahrnahm". Hiermit wäre die große gelehrte Anmerkung auf S. 9 und 10 der Anlagen, daß und wie „S. R. Hirsch und Bletchrode es für gut befunden haben, in ihren Uebertragungen (von •»niTO!Tn) den Wortlaut der Bibel zu verhüllen" erledigt. Zufällig weiß ich aber ganz genau, wie ine Uebersetzung bei Bletchrode zustande gekommen ist. Sie ist der von Bleichrobe und mir gemeinsam herausaegebenen Pentateuchübersetzung entnommen. Die Stelle lautet (Nr. 28,2): Ein.Moment von weittragendster Bedeutung ist die durch die Tagung betätigte offene Darlegung der eignen Denk- und Anschauungsweise. Ohne kleinliche Bedenken, „was werden die andern dazu sagen", dokumentierten die Teilnehmer ihre Gesinnung. Ilnd bei uns? Fehlt da nicht leider gar zu oft der Mut offener Ueberzeugungstreue? Wir wollen nicht osten kativ mit unserer jüdischen Betätigung uns verdrängen, ober dürfen wir uns durch falsche Scham gleichsam selbst desavouieren? Wie oft aber geschieht's! Mehr Männlichkeit, mehr steifes Rückgrat, mehr jüdische» Judentum, und vieles wird besser. Ja, wir wollen, mir müssen als gute Juden in Liebe und Frieden mit unseren andersgläubigen Mitbürgern leben und ivirken zum Heile des gemeinsamen Vaterlandes, aber vir brauchen uns unserer jüdischen Eigenart nicht;u entkleiden. Wir können uns mit ihnen freuen, können innigen Anteil nehmen an allem, was sie berührt. Aber wir sollen nicht noch „päpstlicher als oer Papst" erscheinen wollen. Wirkt es nicht geradezu obstoßend, wenn — wie es in einer nicht zu fernen Gemeinde vorkam — anläßlich einer katholischen Pro Zession an einem Versöhnungstage ein jüdischer Kauf nann die Synagoge verläßt, um die an seinem Laden wrüberziehende Prozession durch ein kleines Feuer verk zu ehren und dann wieder zur Synagoge zu kommen? , . In der Hinsicht diefesmal Respekt vor Wurzburg! Wohl hatten jüdische Häuser und Geschäfte der Haupt rraßen gleich den Nachbarn geflaggt, dekoriert, aber oirgends in aufdringlicher, stets in einfacher, edler Weise, und dies Verfahren fand Anerkennung. Doch genug der allgemeinen Bemerkungen! Schrei en wir zum Besonderen vorwärts, so gibt uns der >4. Katholikentag ebenfalls der Belehrungen und An- :egungen gar viele. Da ist der mutige Kampf für iie konfessionelle Volksschule, da ist der Einfluß aus

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