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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sette L m. m . Anlage II: „Weitere Uebersetzungsproben aus Bleichrodes Gebetbuch." Anlage in: „Zusammenstellung der in dem Gebetbuch von Dr. Bleichrode und ebenso in dem Gebetbuch von S. R. Hirsch nicht übersetzten Stücke." Anlage IV: „Prohen aus dem Sulzbacher Gebetbuch N.12V , herausgeben im Jahre 1793," ‘ ' Für die Charakterisierung her Gesinnung, aus der diese Anlagen entstanden sind, fehlt mir der parlamentarische Ausdruck. S. R. Hirsch hat in einer Adarbetrachtung im Jeschurun treffend gezeigt, wie wahr und unwiderleglich die Schilderung ist, die Haman dem König Ahasverus von den Juden gibt, und nur die Folgerung, die er daraus zieht, eine Täuschung enthält. So ist es auch mit den „Anlagen". Es ist alles wahr, was im Einzelnen da steht, das Ganze aber, die Art der Zusammenstellung ist eine große Lüge. In raffinierter Weise ist von allen Seiten Material zusammengetragen, um den alten Siddur zu diskreditieren. Kleine Züge, die an Ort und Stelle eigenartige, charakteristische Linien bilden, sind auf ein einzelnes Blatt gezeichnet, um eine häßliche Fratze, eine abschreckende Karrikatur zu geben. Ich weiß nur eine Entschuldigung für die Verfasser. Der Fanatismus, der bekanntlich bei den „Liberalen" viel gefährlichere Formen annimmt, als bei irgend welcher anderen Gruppe, hat sie verblendet. Doch zuletzt ist es gut, daß sie sich diese Blöße gegeben. Man weiß, was man von den Klängen der Friedensschalmei im „Schlußwort" zu halten hat. Um zunächst mit dem letzten zu beginnen, mit der Anlage IV. Die Berfaffer der Denkschrift wiffen ganz genau, welch gewaltiger Unterschied zwischen den obligatorischen, allgemein rezipierten Gebeten und individuellen Ergüssen ist, die nur ephemere Erzeugniffe ihrer Zeit sind. Sie wiffen ebenso genau, daß die kabbalistischen Anschauungen von dem Wesen und der Wirkung des Gebets zu keiner Zeit allgemein angenommen waren, daß man „den großen Korban-Mincha- Siddur" immer mit emem überlegenen Lächeln dem Amhaarez und den Frauen überließ, wie etwa den nr*ro ruas. Sie wissen andererseits, welch großer „Erbauungswert" diesen alten Büchern innewohnt, welch tiefe, herzerquickende, innige Religiösität unsere Großmütter aus ihnen geschöpft. Wer Sinn hat für echte Poesie, wird immer wieder zurückkehren zu diesen Ergüssen frommer Herzen, die freilich in der Ursprache, in der wunderlich krausen Sprache des Jüdisch- Deutsch gelesen werden müssen. Aus diesen Erbauungsbüchern haben nun die Herren das Seltsamste, speziell Kabbalistisches herausgesucht, haben es in modernes Schriftdeutsch übertragen, haben das, was hie und da eingestreut ist, nacheinander gedruckt und sagen dem Leser: stehe, das ist das Gebetbuch deiner Großmutter gewesen. Aber vielleicht wiffen sie das alles nicht. Dann zeugt das wiederum von einer großen Lücke in ihrer theologischen Bildung. Ich stehe hier nun vor der Wahl: ''Unwissenheit oder Herzensroheit. Für Anlage IV vermute ich Unwissenheit bei den Herren Verfassern, für Anlage III muß ich Allwissenheit bei ihnen voraussetzen. Sie wiffen immer bei jedem einzelnen Stück, warum Hirsch oder Bleichrode es unübersetzt gelaffen. Der Inhalt oder die Form der Stücke entspricht unserem modernen. Empfinden nicht, und die Uebersetzer hätten sich daher geniert, diese Blößen unseres Gebetbuches durch eine Uebertragung dem Leser zu enthüllen. Nun ist unser Meister Hirsch?"Xt dahingegangen, aber wir wiffen, daß er der letzte war, der mit seiner Meinung zurückhielt. Bleichrode habe ich angefragt. SelbstverstäMich waren für ihn, wie er mir schrieb, niemals die ihm untergelegten Gründe maßgeben. Ursprünglich war von dem Verleger nur eine Verbesserung der Uebersetzung der nten Dm*1 geplant. (Seine Uebersetzung rangiere daher auch als 5. Auflage.) Bleichrode habe daher nur die dort übersetzten Stücke verbessert. Im Laufe der Arbeit erwuchs dann aus diesen Verbesserungen eine selbständige Uebersetzung, es blieben aber die in den bisherigen Ausgaben unübersetzten Stücke ebenfalls ohne Uebersetzung. Dazu kam, daß durch den mehrfachen Abdruck der häufig vorkommenden Gebete rwnp), besonderen Abdruck von S'nyDT NMv, durch Neuaufnahmen vieler Stücke (mTDT/ mow: mDin u. a.) der Umfang des neuen Siddur so anschwoll, daß er von der Uebersetzung der bis dahin unübersetzt gebliebenen Partten Abstand nehmen mußte. — Es ist jedenfalls ein heiteres Stück, daß die Verfasser der Denkschrift theologische Prinzipien suchten, wo es sich um ganz nüchterne Berechnungen des Verlegers handelte. Das beste aber ist, daß sie in einem und demselben Atemzug, in dem sie Hirsch und Bleichrode allerlei.Motive für die Unterlassung der Uebersetzung unterschieben, für das badische Gebetbuch die Erklärung abgeben: „Eine Uebersetzung an dieser Stelle mußte der Raumersparnis wegen (eie!) unterbleiben." (Vgl. zu Nr. 9—17 und Nr. 19 S. 32 f der „Anlagen".) Nun ist freilich die Frage nur zurückgeschoben. Warum hat der frühere Uebersetzer der nVsn, warum hat vor allem Hirsch die angegebenen Stücke unübersetzt gelassen? Die Verfasser der Denkschrift waren so liebenswürdig, mir die Beantwortung dieser immerhin etwas schwierigen Frage zu erleichtern. Sie bemerken nämlich zum Beginn der Anlage III „das Nichtübersetzen dieser Stücke durch die genannten orthodoxen Gebetbucheditoren der neueren Zeit, welche mit der früheren hinsichtlich der KenntniM des Hebräischen sich nicht vergleichen kann, W um so bezeichnender, als in älteren Gebetbuchs ausgaben, z. B. in der Sulzbacher von 179SH die fraglichen Stücke durchweg übersetzt find."' Eben dieser Umstand, der Unterschied der Zeiten erklärt in Wahrheit, weshalb die Uebersetzung bei den angegebenen Stücken unterblieb. Früher war mehr noch als die Kenntnis des Hebräischen die Kenntnis der Gesetze und Gebräuche, ein reiches Quantum agadischen Stoffes im Volke verbreitet. Selbst die, denen die Form, in die die Gesetze, Bräuche und Lebensanschauungen gegossen waren, das talmudische Idiom, fremd war, hatten durch die Praxis des Lebens, durch das ganze Milieu, in dem sie auftvuchsen, Kenntnis von dem Inhalt all dieser Dinge. Eine Uebersetzung auch scheinbar schwieriger Partteen, machte sie sofort mit der Sache vertraut. Heute fehlen denen, die des Hebräischen unkundig sind, alle Borkenntnisse für das Verständnis gewisser Einzelbestimmungen, halachischer Vorschriften, agadischer Sentenzen, eine Ueberse^ung ohne eingehenden Kommentar, ist hierohne, jeden Wert. Ein Blatt aus dieser „Anlage" soll doch niedriger gehängt werden. Denn es beweist, wie den Verfassern jedes Mittel recht ist, um die „Schwächen" des alten Siddur aufzudecken. Dann kommt es chnen auch nicht darauf an, die Mischna, eine der Grundlagen des Judentums lächerlich zu machen. Sie haben ohne jedweden näheren Kommentar, ohne jede Bemerkung die Uebersetzung von rp'riö non abgedruckt. Die badischen Pflegebefohlenen des Oberrats durchschauert's. So also sieht es im alten Siddur aus! Da ist nicht die Rede von den Sabbathlichtlein, deren Glanz das Herz durchflutet, vom funkelnden Wein im blitzenden Becher, wovon der Prediger erzählt: „Die Weisen erlaubten alle Oelarten, als Leinöl, Nußöl, Rüböl, FischA (Tran), Koloquintenöl, Abgang von Pech und Naphta." „Ein Lappen von einem Gewände, den man zusammengerollt, aber nicht angesengt hat, ist nach R. Eliefer der Verunreinigung fähig und darf nicht zum Brennen gebraucht werden." Es ist genau dasselbe Verfahren, das Schürer anwendet, wenn er die Literatur des Judentums im Zeitalter des christlichen Religionsstifters schildert. Er druckt verschiedene Teile von Mischnatraktaten ab und beweist so, wie eng und kleinlich der Sinn der Schristgelehrten war: Zweierlei berücksichttgt er dabei nicht: Daß ihm' und seinen Glaubensgenossen die Einzelheiten natürlich lächerlich erscheinen müssen, erkennen sie „Nur nicht so wild, Herr Sulzer," sagte der Nettere, „wenn mit' diesen Katten solche „Jrrtümer" noch nie vorgekommen find, uno sie find ja noch ungebraucht, das spricht zu Gunsten der Karten, so kaufe i ch ste, wenn wir noch weiter spielen wollen." Sprachs, drückte dem jungen Hausterer ein Markstück in die Hand und mischte die neuen Karten. „Gewalt geht vor Recht," seufzte grollend Herr Sulzer, „ich spiele meinetwegen mit diesen neuen Katten weiter, aber: Kreuz Bauer war Trumpf!" Eine Viertelstunde später verließen Hirsch LewinSki und sein Sohn wieder durch verschiedene Türen den Saal, um ihr Tagewerk für heute zu schließen. Sie gingen nach Hause, beteten ihr Maattwgebet, begaben fich dann hinunter in die Wirtschaft und tranken zu ihrem Stück Brot ein Glas Bier zur Abendmahlzeit. Dann suchten fie ihr Zimmer auf, um noch einige Sätze aus dem Chaje Odom zu lernen. II. Joäl war jedoch heute Abend nicht bei der Sachenicht, daß er etwa von der Arbeit des Tages übermüdet gewesen wärees waren die Erlebnifie von heute Abend, die ihn fort und fort beschäftigten. „Was ist eigentlich Bildung?" ftagte Joel seinen Vater. „Der junge Sulzer hat gesagt, wir hätten keinen Anstand und keine Bildung. Anstand, bas weiß ich was das bedeutet, das ist Derech Erez. Da er aber Bildung neben Anstand als etwas genannt hat, waS uns fehlt, so muß es doch ttwas anderes seinwas ist Bildung? „Du fragst mich da etwas, WaS ich Dir wirklich nicht ohne weiteres beantworten kann-" entgegnete der Vater. „Aber ich glaube, daß ein geborener Deutscher, den man einmal gründlich danach ftagen würde, auch die Antwort nicht so leicht gebm könnte. Es ist mir schon so oft direkt und indirekt gesagt worden, wir hätten keine Bildung, daß ich schon wiederholt daran gedacht und mich darüber befragt habe - biS jetzt habe ich aber noch keine rechte Antwott darauf bekommen. Zuerst habe ich, als ich das erstemäl auf Pesach zu Hause war, im Ozar Haschoroschim (deutsch-hebräisches Wörterbuch) nachgeschlagen und kein Wort dafür in der heiligen Sprache gefunden. Das bat mich gegm „die Bildung" schon bedenklich gemacht und mich überzeugt, daß man fie auf unserem heimischen jüdischen Boden nicht gekannt hat, wenigstms nicht unter einem Namen, der diesen heute so geläufigen Begriff deckt." So Anstand fit es jedenfalls nicht?" fragte Joel, weiß eS wirklich nicht", entgegnete der Vater, ist wie Du richtig gesagt hast: Derech Erez. Derech Erez aber haben wir beide auch, vielleicht soviel und noch -mehr als diejenigen, welche ihn uns absprechen möchten. Aber Blldung haben wir nicht. Daß wir nicht so gut Deutsch können als die Deutschen, kann es doch nicht sein, warum wir keine Bildung habendenn sonst müßte jeder Deutsche, der fich korrekt aus drücken kann, gebildet und jeder Franzose, Engländer und Italiener ungebildet sein, wenn er kein Deutsch kann. Wenn es aber zur Bildung gehört, daß man wenigstens eine Sprache ttchtig sprechen kann, so bin ich gebildet, weil ich die heilige Sprache verstehe, und Du bist es, weil Du polnisch, ruffisch und auch unfern Jargon ttchtig spttchst. Also, darin kann die Bildung nicht liegen." „Vielleicht", ftagte Joel, „liegt es darin, weil wir nicht gut gekleidet smd." „Das habe ich auch schon gedacht," entgegnete der Vater, „aber zur Ehre aller, die fich aus ihre Bildung soviel zu gute tun, habe ich diese Aimahme sofott wieder verworfen. Zunächst wärm wir dann jedm Schabbos und Jomtof auch gebildet und Bildung kann doch wahrlich nicht etwas sein, was man wie ein Kleid an- und ablegen kann. Dann wärm unsere Schneider die Quellen aller Bildung und ich habe nicht gehött, baß man dies« Stand als das anfieht." „Vielleicht beruht unsere Unbildung battn, daß wir Hausierer find?" forschte Joel Wetter. „Möglichaber auch nicht wcchrfcheinlich-" meinte der Vater. „Wenn in dem Gehm von Haus zu Haus und in dem Anbieten seiner Waren etwas Ungebildetes läge, so wären auch alle Ressenden, alle eommis vogageurs, die von Geschäft zu Geschäft gehm und ihre Warm offerieren, ungebildet. Das hat aber auch Niemand gesagt. Wenigstens haltm fich die Herren selber für dm Ausbund aller Bildung und wehe dem, der seinen Zweiftl darüber äußern wollte! Ueberhaupt ist mir der Unterschieb zwischm dem Reisenden und dem Hausterer noch nie klar geworden. Ich sehe keinm anderm, als daß der eine nur seine Muster und der andere seine Warm selbst zum Verkauf anbietet. Hierin kann aber der Unterschied zwischm Bildung und Roheit nicht liegen " „Ich hätte große Lust eimnal dm jungen Herm Sulzer zu ftagm, worin eigentlich seine Bildung besteht-" bemerkte Joel. „Du würdest aus seiner Antwott nicht viel klüger werden, als Du jetzt schon bist, wenn Du überhaupt eine erhieltest," entgegnete der Vater. „Ich glaube, -aß der junge Mann in feineui Leben auch nicht darüber nachgedachr hat, was eigentlich Bildung ist. Dabei ist er aber fest überzmgt, baß er fie im höchsten Grade besitzt- und es ist wohl auch keiner in seiner Umgebung, der ihm dm Besitz streitig machtdenn seine Umgebung hat ebenso wenig darüber nachgedacht, wie er selber." Vor einigen Jahren habe ich einmal mtt einem vernünstigm, gotteSfürchtigm Deutschen aus Hannover über diesm Gegenstand gesprochen und ihn um Aufklärung ersucht. Was er mir gesagt hat, leuchtet mir noch beute am meisten ein. Er meinte, das Zeichen der wahrm Bildung bestehe dattn, daß man bereit fei, irdische Güter

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