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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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11827 kenn sas veven vom Wanze der göttlichen Liebe «Leuchtet ist, dann erst ist es ein wirkliches Leben. Die Signatur unseres heutigen gesellschaftlichen Lebens ist der Kampf. Auf der einen Seite stehen die Besitzenden, die mit allen Miteln danach streben, ihren Besitz und ihre Macht zu erhalten - aber schon stürmt von der anderen Seite die gewaltige Masse der Enterbten und Besitzlosen heran, um sich auch ihrerseits von den Genüssen und den irdischen Gütern, die bisher nur die Reichen für sich in Anspruch nahmen, einen Anteil zu erstreiten- und von dem Getöse des mörderischen Kampfes erzittert der Boden B der gesellschaftlichen Ordnung. Was aber ist die Kraft, die beide Parteien zum Kampfe treibt, was diesen Kampf zu einem grausamen, unerbittlich harten macht? Es ist der Egoismus. Jeder will nur für sich von den Gütern dieser Erde erringen, soviel er vermag, jeder will nur genießen. Der Gedanke, daß der Mensch zur sittlichen Betätigung hier auf Erden ist, hat im modernen wirtschaftlichen Leben keinen Raum. Würden die Menschen erkennen, daß der Reichtum an sich keinen Wert hat, daß diese Güter nur Mittel sein sollen zur Erfüllung unserer sittlichen Aufgaben, jener Kampf würde viel von 'seiner Schärst verlieren, niny twsa uni -ppy h D73‘ Der Arme und der Reiche treffen sich, sie reichen sich friedlich die Hand, wenn sie bedenken^. daß der Schöpfer beider der Ewige ist, daß sie beide alles Gott verdanken, und daß - sie beide dem nämlichen erhabenen Ziele zustreben, ihren Besitz und ihre Fähigkeiten zu ihrer Veredlung und Bersittlichung zu verwenden, sie in den Dienst Gottes zu stellen, ihr Leben Gott zu weihen. Wenn wir das Leben so auffaffen, dann gewinnt es einen reichen Inhalt, dann bleibt es uns wertvoll auch in den trüben Zeiten des Leids und der Not. Dann enthält diese Bittum Leben, die wir am n"7 zu Gott emporsenden, das höchste und erhabenste Gebet, dessen der Mensch fähig ist. D'Ti? iror „Gedenke unser zum Leben!" Verleihe uns das Leben, auf daß wir es Dir weihen, daß wix die Lebenskraft, die Du uns schenkst, verwenden zur treuen Pflichterfüllung. Und diesen Gedanken soll auch di« Schofarstimme in uns wachrufen. Es ist derselbe Ton, der damals erklang, als unsere Väter am Sinai das Gotteswort empfingen, derselbe Ton, der einst erschallen wird, wenn das Ziel der Menschheit erreicht ist, und Israels Zerstreute nach ihrem Lande zurückkehren. '21 Dyn 'ttM* „Heil dem Volke, das den Posaunenschall versteht, oas ihn in seiner ganzen WM MtMuMWMmf MMU M!W M Lichte Deines Angesichtes, im Lichte des Lebens wandeln sie, denn ’ü'T) '22 -ii«s „im Lichte des Angesichtes des Königs ist Leben." — a. *•*•*»• K-ch-nr«nöscha«. . Hilfe für die Juden non Cafablanca. Da die marokkanischen Greuel uns infolge der viel größeren Entfernung nicht so augenfällig geworden sind, wie die der russischen Pogrome, so ist Gefahr vorhanden, daß ohne energische öffentliche Anregungen unsere Hilfsbereitschaft hinter dem erforderlichen Maße zurückbleibt. Es muß deshalb betont werden, daß das Elend der Brüder von Casablanca die durch die einzelnen Pogrome geschaffene Not noch weit überragt. Eine 6000 Seelen zählende Gemeinde ist zu Grunde gerichtet. Ihre Wohnungen sind.zerstört. Ihre Habe ist geraubt worden oder verloren gegangen. Sie sind in großer Zahl nach anderen marokanischen Städten und nach Spanien geflüchtet. Da sind denn, um auch nur der äußersten Not zu steuern, große Summen notwendig. Die verschiedenen Hilfsgesellschaften können die nötigen Mittel nur zu einem geringen Teil aus den eigenen Kaffen bestreiten. Es muß daher jeder Einzelne nach Kräften zu diesem Werk der Barmherzigkeit beisteuern. Möge sich das Herz unserer Glaubensgenossen auch gegenüber dem Unglück von Casablanca in gewohnter Weise bewähren. * * * Bandroerh im heiligen Lande. . Vor mehreren Monaten hatten wir Gelegenheit die unter Leitung des Oberrabbiners Kuck in Jaffa stehende Schaare-Thora-Jeschiwa der tatkräftigen Unterstützung der gesetzestreuen Judenheit zu empfehlen. Es ist dort der grade vom vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums überaus bedeutsame Versuch gemacht worden, im guten alten Sinne rmn mit dd^d zu kombinieren und damit die Lösung eines Problems vorbereitet, das wirtschaftlich und sittlich gar nicht ernst genug genommen werden kann. Daß dieser Versuch nicht voll WWW MM Mi MW MWArMr dem Patronate religiös gleichgülMer Faktören unternommen wirb, sondern ittt Rahmen einer echten Pflanzstätte der Thora, macht ditz Tatsache umso erfreulicher, und läßt hoffen, daß sie vorbildlich wirken werde. 'Im neuesten Hefte der Zeitschrift „Palästina" äußert sich der bekannte Palästinakenner Davis T r i e t s ch in Jaffa über die Anstalt, und sein Urtell ist umso wertvoller, als man Trietsch gewiß keiner Voreingenommenheit für die Orthodoxie zeihen kann. Er schreibt u. a.: „Ein interessanter Betttag zu der Frage, wie das Chalukah-Element Palästinas in ein wirtschaftlich produktives verwandelt werden kann, wttd von der Jaffaer tanbwerkerschule „Beth-Melachah" geboten. Diese im ommer 1906 aus den Kreisen der Jaffaer Orth^oxie (Schomre Thora) hervorgegangene Bründung bÄveckt denjenigen Kindern, von denen eine übermäßige taMmdische Gelehrsamkeit nicht zu erwartm steht, eine handwerksmäßige Ausbildung zu geben, die ihnen zu Wtzttschaftlicher Selbständigkeit verhelfen soll. Vorerst wuHc Etsenarveit in Angriff genommen. Bisher find einfache Schlösser, Riegel und ähnliche Arbeiten aus dem Institut hervorgegangen, daneben auch kleinere eiserch Klappmöbel und recht hübsch gearbeitete Hämmer. Außer dem direkten Handwerks-Unterricht haben die Kinder auch Kurse im Zeichnen, Rechnen, Physik rc., woneben cmch das Talmudstudium einige Stunden des Tages in Anspruch nimmt. — Die Schule, der vorerst nur sehr spärliche Mittel zur Verfügung stehen, beabsichtigt eine Fabrik kleiner Eisenwarm zu etablieren, in der die Schüler auch nach dem Verlassen der Schule Verdienst finden können." i' Dieser Hinweis auf die Spärlichkeit der Mittel, die dem Unternehmen zu Gebote stehen, sollte Palästinafreunde zur eifrigen Mithilfe an dem segenverheißenden Werke anspornen. kl« Brief an die 0e$etze$treuen Badens. Bon Dr. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung). III. Anlagen*) (S. 1—43). Das schwerste Geschütz bringt die Denkschrift zuletzt: vier Anlagen. Anlage I: „Gegenüberstellung der deutschen Uebertragung des Eingangs und des ersten Abschnittes des Morgengebetes in dem von Dr. I. Bleichrode herausgegebenen „Gebetbuch der Israeliten" und in dem von dem Gr. Oberrat der Israeliten herausgegebenen „Gebetbuch". *) Auf das „Schlußwort" und „Nachwort" der Denkschrift (S. 89—96) komme ich am Schluß zu sprechen. & Kleines Feuilleton. Zwei Kielten. Bon Judättd. (Fortsetzung.) „Der Herr Sulzer ist wohl ein sehr gelernter, erfahrener Geschäftsmann?" stagte Joel. „Das kann ich nicht sagen. Zufällig hatte ich vor einem Jahre Gelegenheit bei einer besonderen Veranlassung einiges über ihn zu erfahren, das Dir einen Anhaltspunkt zur Beantwortung Deiner Frage geben kann. Es widässttebt mir zwar sonst über andere zu sprechen: aber nach der rohm Abweisung, die wir indem Hause erfahren haben, wirst Du die Leute milder beurttilm, wenn Du ihre Herkunft kennst. Der Herr Sulzer stammt aus Sulz und ist der Sohn armer ftommer Eltern. Er hat in der Jugend auch hart gearbeitet, auf den Dörfern hat er die Zickelfelle zusammengekauft und fie nach Hause geschleppt, altes Essen, Lumpen, Knochen hat er zusammengettaaen und dann zu Hause alles sortiert und sie in Mülhausen verkauft. DaS ging so bis nach seiner Barmizwo. Dann nahm ihn ein weitläufiger Verwandter in sein Geschäft. Da lemte er erst eigentlich richtig schreiben und rechnen. Kurz darauf starbm die Eltern; der junge Mann blieb im Geschäft seines Berwandtm zehn Jahre lang. Er war die Seele des großen Geschäfts geworden, dessen Leitung. der kränkliche Eigentümer ganz in die Hände seines jthtcen Verwandten gelegt hatte. Dieser heiratete dann die Tochter seines Chefs und Verwandten, es ist die Dame, die unS nicht verzeihen kann, daß wir die Ruhe ihres Nachtessms gestört haben. Die Leute haben nie etwas rechtes gelernt, weder in jüdischen, noch in anderen Fächern. Der Herr Sulzer meint, weil er in der Jugend hart gearbeitet hat und dann ein reicher Mann wurde, so müsse es jeder arme Mensch so machen. Deshalb hat er kein Mitleid. Sein Verstand ging den größten Teil seines Lebens ganz im Geschäft auf, deshalb läßt er ihn im Stich, sobald es stch um etwas handelt, was außerhalb des Geschäftes liegt. Er steht jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr auf, setzt stch ohne zu beten, ohne Tallis und Tefillin um- Sgelegt zu haben, an seinen Kaffeetisch, und raucht dann eine Zigarre an Wochentagen wie am Schabbos. An >en hohen Feiertagen geht er auch in die Synagoge. Er würde öfter hingehen, du er besonders Vormittags nicht recht weiß, was er mit seiner Zeit anfangen soll. Aber er trifft dort mit zu vielen Leuten zusammen, die ihn von Haus aus kennen und das stört ihn. Dann sind ihm die Juden von altem Schrot und Korn ein fortwährender lebendiger Vorwurf - er ttifft daher nicht gern mit ihnen zusammen. Nach Tisch sitzt er 2—3 Stundm im Kasino und spielt Karten. Abends kann man ihn sicher nach dem Abendessen im CafS du Nord mit seinem Sohn uno noch zwei Herren Karten spielen sehendarin geht bas ganze Denken und Stteben dieser Menschen auf, woher sollen fie Rachmonus (Mitleid) oder auch nur Billigkeit haben? Vielleicht hat die Herrschaten heute Abend besonders der Umstand ungnädig gegen uns gestimmt, daß jede Minute, die fie uns gewidmet hätten, sie ihrer Spielgesellschaft im Cafe du Nord entzo en hätte." „Sind wir da nicht gerade am Cafe du Nord?" stagte Joel seinen Vater. „Wollen wir nicht einmal hineingehen, ob wir den Vater und Sohn wirklich tteffen? § letzt, wo ich mehr von ihnen weiß, interessieren mich die eute mehr als früher." „SSentt Dirs Spaß macht, so gehen wir hinein, es bleibt stch ja gleich, wo wir hausieren," entgegnete der Vater.. §Sie haben ihren Stammtisch in einer Rische auf der rechten Seite des Saals, Du wirst sie dort mit noch zwei Spielgenoffen, vier an einem Tische finden." Daraufhin gingen Vater und Sohn durch zwei .verschiedene Eingänge in den Saal und machten jeden für sich die Runde bei den einzelnen Tischen. Hern Sulzer und Sohn saßen richtig mit noch zwei anderm Herren an dem bezeichnten Platze und waren ganz in ihr Spiel vertieft. Eben wurden, wie Joel von seinem Standorte sehen konnte, aufs neue die Starten gemischt und verteilt, als sich ein lauter Lärm unter den vier Spielern erhob. „Kreuz Bauer ist Trumpf!" schrie der alte Sulzer, daß man es bis zur sicheren Ecke des Saales hören konnte und der Sohn uitterstützte den Vater nachorücklichst in dieser Behauptung. Die zwei anderen dagegen behaupteten, Herz König sei Trumpf und warfen ihre Starten hin - wenn so gespielt werde, wollten fie weiter nicht mittun. Wer von den Streitenden im Rechte war, das ließ stch aus der Ferne nicht beurteilen. Aber Joel benützte die eingettetene unfreiwillige Pause, um sich dem Tische zu nähern und den Spielern, ein Spiel Karten zu offerieren, mit dem Bemerken: „Mit diesen Karten ist noch nie ein solches Mißverständnis vorgekommen, ich biete fie chnen zu sehr billigem Preise an." Der alte Sulzer wurde kirschrot vor Wut und schimpfte über die Frechhett dieses Menschen, der sich unbefugter Weise in ihr Spiel mische. Aber gerade diese Wut stimmte die Gegenpartei für hie Offerte Joels günstig.

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