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Der Israelit · 1907-09-05 · Heft 36 (5.9.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 36 (5.9.1907)
Date
1907-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bb Ceatraiwno ffirias irtMna JiKnu 48. Jahrgang. Franhfurf a. M.. den 5. September 1907. 26. Elul 3667. M 36 Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. «Bomreme»ts r Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vierteljährlich, HcftauSgabe auf Kunfidru«kpa-ier Mk. 3.— viertetzähÄich. (AoSlandSpreifefRr die gewöhnliche.Ausgabe: OeÜerreich S Lr.» Rußland 1 Rnd., England S sd., Amerika 50 cts., Niederlande ILO fl.) Abonnements bei allen Postaustalteu, Buchhandlungen» sowie direkt Bei tagt Expedition, HestauSgabe nur direkt. Zuferater 30 Pfennige für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Bögler &4K. itt mmmm nis öratisbeilage der heutigen Hummer überreichen wir unseren Abonnenten einen Malender für das neue Jahr. Leben! Ein scheinbarer Gegensatz durchzieht die Liturgie unseres n"i Festes. Tiefer Ernst spricht aus den meisten Gebeten, die uns an die höchsten Ziele der Menschheit erinnern, die uns das göttliche Gericht, die Verantwortlichkeit des Menschen für jede seiner Handlungen vor Augen führen. Und dennoch leuchtet aus dem weihevollen Ernste, der über diesen Tag gebreitet ist, überall die Lebensfreude hervor, in diesen Gebeten, welche die höchsten und erhabensten Menschheitsideen zum Gegenstand haben, kehrt immer und immer wieder die Bitte um Leben. 0"N7 Ui2l „Gedenke unser zum Leben!" □"nn nsca laaro „Schreibe uns ein in das Buch des Lebens!" Alles, was wir von Mott für uns und für die Unseren erflehen, alle unsere Wünsche und Gebete, gipfeln in der Bitte um Leben. Und diese Wertschätzung des Lebens, diese Betonung der Lebensfreude, sie ist dem Judentum eigentümlich, ist in feinem ganzen Wesest tief begründet. Selbst Koheleth, der mit unbarmherKiger Hand den ganzen Blüten - staub des Lebens hinwegstreift, dem alle Genüsse des Daseins keine Befriedigung gewähren können und dem die Betrachtung der Menschen mit' ihren Leiden und Freuden, mit ihren Wünschen und Bestrebungen nur immer wieder den Ausruf entlockt: *?2n „Alles ist eitel!", selbst Koheleth zollt diesem jüdischen Bewußtsein seinen Tribut, wenn er sagt: '*01 nriDtrn n« Tiraan „Und ich lobe die Freude, denn nichts ist besser für den Menschen unter der Sonne, als daß er genieße und sich freue, und das begleite ihn bei seinem Streben während der Tage seines Lebens, die ihm Gott gegeben unter der Sonne." Das ist ja auch der Grund, weshalb ein Philosoph der neueren Zeit das Judentum mit besonderer Verachtung behandelt und die ganze Schale seines Zornes über dieses Judentum ausgießt, weil es nicht in dem Leid das Wesen des Lebens erblickt, sondern die Freude am Dasein lehrt. Die Werke dieses Philosophen werden heute mit Vorliebe gelesen, weil seine Richtung dem modernen Geschmack besonders entspricht. Denn unsere Zeit hat für die reine, frische, gesunde Lebensfreude, wie das Judentum sie will, kern Verständnis. Auf der einen Seite strebt alles nach dem Genüsse, sucht jeder von sinnlichen Freuden soviel zu erhaschen, als er vermag, auf der anderen Seite sehen wir das trübe Bild der Lebensverachtung, des Ueberdrusses am Leben. Zuerst stürzen sich die Menschen in den Strudel der Genüsse, und wenn sie diese ausgekostet haben, dann bemächtigt sich ihrer eine innnere Leere, die ihnen das ganze Dasein als hohl und nichtig erscheinen läßt. Selbst bei unserer Jugend suchen wir vergebens jene reine, unbefangene Betrachtung der Welt und des Lebens, jene holde Kindlichkeit, die uns so entzückt, weil sie uns wie in einem klaren Spiegel die menschliche Seele erblicken läßt. Denn schon in seiner Kindheit wird unser Geschlecht zu Vergnügungen und Freuden geführt, die es im reiferen Alter noch viel zu früh kennen lernen würde, und. so ist man vor der Zeit abgelebt, ist man unbefriedigt vom Leben und von dem, was es uns bietet. Wie kommt es nun aber, daß gerade das Judentum die Lebensfreude lehrt, daß es überall den Wert des Lebens hervorhebt? Ist es etwa deshalb, weil das Judentum nur eine Religion des Diesseits ist, wie man so gerne behauptet, weil es in dem Glück dieser Erde den letzten Zweck des Daseins erblickt'? Ach nein! Unsere Väter, die hinter Ghettomauern eingeschloffen waren, bekamen wahrlich von den irdischen Freuden wenig genug zu kosten, und sie verrichteten dieselben Gebete wie wir, sie beteten ebenso innig um Leben, ja, sie beteten weit inniger, als wir es können/ weil ihr Gebet tiefer empfunden war, weil das religiöse Gefühl ihr ganzes Wesen durchdrang. — Oder ist es etwa das Schreckgespenst des Todes, das uns so sehr um das Leben bitten läßt? Bedeutet dieses Gebet den Wunsch, das Schicksal, das zuletzt doch allen Menschen bestimmt ist, möglichst lange hinauszuschieben? — Das kann es nicht sein. Eine Lehre, deren begeistertster Sänger ausruft: nioS* "j1?# '3 oa „Auch wenn ich im Tale des Todesschattens wandle, fürchte ich kein Unheil, denn Du. bist mit mir, Dein Stab und Deine Stütze, sie trösten mich", eine solche Lehre kann sich nicht ihre erhabensten Gebete von der Furcht vor dem Tode eingeben lassen. — Es muß etwas anderes sein, jener geheime Zauber, der dem Leben eine so hohe Bedeutung verleiht, muß anderswo seinen Ursprung haben. Das Judentum hat eben einen anderen Begriff von dem, was man Leben nennt, es bemißt den Wert des Lebens anders, als die Menschen von heute es zu tun gewohnt sind. Wenn leben heißt: genießen, den Kelch der Sinnenfreude bis zur Neige leeren, .dann verachtet auch das Judentum ein soches Leben. 'pKWi 1 □'Tin r\t( „Und ich haßte das Leben, denn mir mißfiel das Treiben, das unter der Sonne sich vollzieht", ruft Koheleth aus, nachdem er sich eine Zeit lang der ungezügelten Lust und dem sinnlichen Genüsse hingegeben hatte. Wenn leben hieße, nur immerfort nach irdischem Gewinn streben, jeden Augenblick benutzen, um Reichtum und Eyre zu erlangen, dann wahrlich wäre das Leben nicht des Lebens wert. Denn vergänglich ist der Besitz, schnell entschwunden ist der Genuß, und sie wären viel zu teuer erkauft für all die Mühe und Sorge, für all das Leid und die Not, die das Leben uns bringt. — Das Leben ist dem Judentum ein Anderes: n’Ti *pö *3S TIK3 „Im Lichte des Angesichtes des Weltenkönigs ist Leben." Es ist der Sonnenstrahl des Göttlichen, der'das Leben zum Leben macht, der durch seinen Glanz das Dasein mit seinen Freuden und Leiden verklärt, der dem Leben seinen Inhalt und seinen Wert verleiht. Leben heißt wirken im Dienste Gottes, arbeiten für die eigene geistige und sittliche Vervollkommnung und für den Fortschritt, der Menschheit, Leben heißt mit einem Worte:- Pflichterfüllung. Jener Mann, der b<m~ der Eitelkeit und Nichtigkeit des Daseins nicht genug zu erzählen weiß, Koheleth, endet mit der Aufforderung zur Lebensfreude fruiTS um notr „Freue Dich, o Jüngling, Deiner Kindheit, und sei frohen Herzens in den Magen Deiner Jugend." Und warum? Wodurch hat sich ihm das Herz im Busen gewendet, was hat., den, kühlen, weltverachtenden Pessimisten zum Verteidiger der Lebensfreude gemacht? Es ist der Gedanke, in dem seine Betrachtungen ausklingen: '21 Sun -im *)id „Durch das Ende der Rede wird alles verstanden: Gott fürchte und seine Gebote beobachte, denn das ist der ganze Mensch", ist die ganze Bestimmung des Menschen. Das ist es, was dem Leben seine Weihe verleiht, der Gedanke, daß wir für einen sittlichen Zweck arbeiten, daß wir eine Pflicht hier auf Erden zu erfüllen haben; daraus allein kann jene wahre, ungetrübte, jene ruhige, friedliche Lebensfreude entspringen. Und fühlen wir es nicht selbst, sagt es uns nicht unser Inneres laut und vernehmlich, daß in dem Rechttun, in der treuen Erfüllung unserer Pflichten unser einziges wahres Glück liegt? Wann fühlen wir am meisten Befriedigung, wann empfinden wir die reinsten und edelsten Freuden? Wenn wir eine gute Tat vollbracht, wenn wir für eine erhabene Idee, für ein Gottesgebot ein Opfer gebracht oder wenn wir Menschen beglückt haben, wenn es uns vergönnt war, Tränen zu trocknen und Not zu lindern. Dann empfinden wir so recht den Wert des Lebens, die Freude am Dasein, dann

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