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Der Israelit · 1907-08-29 · Heft 35 (29.8.1907) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 35 (29.8.1907)
Date
1907-08-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10. Nr. 35. Der Israelit. 29. August 1907. PffSon der k. k. Bezirkshauptmannschaft.. In der hiefigen israelitischen Schule habe ich die unl liebsame Wahrnehmung gemacht, daß die Schüler männ- K ltchm Geschlechtes mit bedecktem Haupte dem Unterricht beiwohnen. k Ich wünsche, daß diese unanständige und dem Unterricht hinderliche Sitte, welche im mosaischen Gesetze nicht k begründet ist, sogleich und für immer beseitigt werde, k Sollte ich bei meinem unerwarteten Besuche in der k. Schule diese Unsitte noch antreffen, so wird der Herr Lehrer für diese fahrlässige Handhabung der Schuldiszirtm b i jeder Betretung mit 5 Gulden unnachfichtlich ge- Ung. Br ob, am 30. Dezember 1850. Josef Peter, k. k. Bezirkshauptmann." Der Rabbiner Moses Nirscher wandte sich darauf um Instruktion an das mährische Lcmdesrabbinat in Nikolsburg. Rabbiner Hirsch antwortete unterm 10. Januar mit folgendem Schreiben: Der Herr Bezirkshauptmann hat vierfach Unrecht- 1. Daß er, da ihm der Lehrer gesagt, es geschehe aus Nre (Rabbiners) Anordnung, nicht zuvor mit Ihnen darüber gesprochen und somit alles außer Augen gelaffen, WaS der Autorität und dem Ansehen des Rabbiners g.- bührt. .2. Daß er sich befugt glauben konnte, zu Veurtellen und auszusprechen, was im mosaischen Gesetze erlaubt sei oder nicht. 3. Daß er eben bas von Ihnen zitierte Gesetz (Traktat Ktduschin, Fol. 31, More Nebochim, 3. Teil, Kap 52) übersehen und 4. daß er die Sitte unanständig und als dem Unterricht hinderlich bezeichnet. Unanständig ist nichts, was in-dem Kreise, wo es geschieht, Sitte ist. In einer jüdischen Schule ist daher das Kopf- Vedecken nicht unanständig, weil dasselbe jüdisch-religiöse Sitte ist. Wie es den Unterricht hindern soll, ist nicht einzusehen, vielmehr könnte das Nichtbedecken in einer hebräisch-deutschen Schule hinderlich sein, wenn z. B. der Lehrer beim deutschen Unterrichte zur Erläuterung auf einen hebräischen Gegenstand und hebräische Bibelstellen edminge und dabei die Kinder sich immer bedecken müß'.en. Ich klmn nicht zusehen, derlei unbefugte Uebergriffe politischer Beamter sich gefallen zu laffen. Mein Rat wäre der: Würden Sie sich bei der Kreisregierung beschweren, der Herr Bezirkshauptmann würde unbezweifelt einen ernsten Verweis erhalten und zur Zurücknahme seiner unbefugten Verfügung verhalten werden. Das tun Sie aber noch nicht. Sondern ich rate, Sie gehen persönlich zum Bezirkshauptmar n, stellen ihm gerade und offen das Obige vor, sagen ihm auch, daß wenn es auch nicht mosaisches Gesetz sei, so sei es iodj jüdisch-religiöse Sitte im jüdischen Kreise und die hohe Regierung wolle sicherlich hier nicht stärend eingreifen, werde überhaupt nur dann Bildung «Nter den Juden befördert können, wenn sie unsere jüdischrüigiösen Sitten gebührend schont. Mancher fromme Bater wird sein Kind lieber ganz vom deutschen Unterrichte abhallen, wenn sein Kind gezwungen werden soll, das zu tun, was er für unreligiös erachtet und auf keinen Fall stünde es aber irgend einer politischen Behörde zu, hier irgendwie auf diesem Gebiete oder gar durch Strafverfügung einel Zwang ausüben zu wollen. Sie seien überzeugt, er werde es selbst als übereilig ansehen, und kommen daher lieber persönlich zu ihm, als daß Sie hvherenorts Rekurs hätten nehmen wollen. Ich bin überzeugt, wenn der Mann nur halbwegs vernünftig ist, wirb er sein Unrecht einsehen und es wieder güt machen. Freundlichst Hirsch. An dmLokalrabb. Ehrwürden Moses Nirscher, Ung.Brod." Zu der hier geratenen persönlichen Vorstellung des Rabbiners Nirscher kam es jedoch iu der Folge nicht, weil die Ungarisch-Broder Gemeindevertretung auf eine Anfrage des Bezirkshauptmanns hin das Kopfbedecken während des profanen Unterrichts aus eigener Initiative aufzuheben erklärte. M inderecke. wie öle Wien fungen — — — — Der,.Neue" brachte die ganze Obertertia in Aufregung. Was der nicht alles zu erzählen wußte! Er war ein Leutnantssohn und kannte die ganze Welt, es gab fast gar nichts, was er noch nicht gesehen hatte. Heute nun benutzte er die große Pause und schwadronierte den horchenden Kameraden die unglaublichsten rge por, und der. schnarrende Ton seines Vaters, den er getreulich nachahmte, machte seine Erzählungen noch bedeutend reizvoller. Jakob Herzfeld saß allein auf seiner Bank und blätterte zerstreut in der lateinischen Grammatik. Am Samstag morgen fühlte er sich immer sehr unbehaglich in der Schule, seine beiden Glaubensgenossen machten ihm den Aufenthalt nicht angenehmer und waren ihm keine Gesellschaft. Der eine vertrieb sich gerade eben die Zeit damit, die Wandtafel mit Karrikaturen zu schmücken. Der andere, ein äußerst elegant gekleideter Knabe mit auffallend gebogener Nase im blaffen Gesicht, stand hart an den Erzähler gedrängt und lauschte mit offenem Munde. Letzterer schilderte eben mit lebhaften Gesten die herrliche Nordlandsreise, die er mit seinen Eltern unternommen hatte. „Ihr könnt Euch nicht denken, wie herrlich es war", so schloß jeder Satz. Aber es gab unter all dem Schönen auch etwas Unangenehmes. Das war? fragten die Blicke der Umstehenden. „Es war Papa auf dem' Schiff etwas zu semitisch", sagte Kurt Wendicke wichtig. „Semitisch, was ist das?" Es gab wahrhaftig ein paar, die nicht gleich wußten, was er meinte. Nur der blasse Knabe wurde rot, lächelte aber. Mit ihm erröteten auch andere, das waren augenscheinlich seine Freunde. Kurt Wendicke erklärte das ominöse Wert, indem er mit der Hand eine Bewegung ausführte, die seine Nase um beträchtliches verlängerte. Ach so, das hatte er gemeint! Man hatte verstanden, und ein schallendes Gelächter erhob sich. Das machte den Knaben kühn, und er erläuterte unverschämt: „Papa ist wirklich sehr ungern mit Juden zusammen, und ich scheine diese Abneigung von ihm geerbt zu haben." Ernst Kronstein rührte sich nicht von seinem Platz, sollte er wirklich die grobe Aufforderung nicht verstanden haben? Doch im nächsten Augenblick flogen sämtliche Köpfe herum, denn von hinten sagte eine ruhige Stimme: „Dann bättest Du wirklich nicht in unsere Klasse kommen dürfen." Es entstand eine verlegene Pause/ Kurt musterte den Sprecher von oben bis unten, endlich sagte er: „So, Du bist auch israelitisch? Man sieht Dirs aber gar nicht an." Das Kompliment hatte keine Wirkung und Jakob erwiderte: „Das hättest Du doch merken müssen, ich habe ja heute nicht geschrieben." „Was? Warum denn nicht?" „Nun, weil heute Samstag ist." „Sooo!" Nein, das hatte Kurt weder gemerkt, noch hatte er etwas davon gehört, nnd Jakob, der scheinbar wieder in sein Buch vertieft war, noch zitternd über sein kühnes Hervortreten, wunderte sich doch im Stillen über diesen Jungen, der so antisemitisch sprach und noch nicht einmal wußte, daß die Juden Schabbos hatten. In seiner Naivetät konnte er sich nicht vorstellen, daß jemand von Juden sprach und davon keine Ahnung hatte. Was waren denn das für Juden, die Kurt Wendicke kannte und die sein Vater nicht leiden mochte? Dieser hatte sich über Jakobs Worte noch nicht fertig gewundert und wiederholte nochmals bei seinen Kameraden, daß er so etwas noch nie gehört habe. Dann wandte er sich herablassend an Ernst Kronstein und fragte: „Schreibst Du auch nicht?" Das nächste, was Jakob nun hörte, das ließ ihn noch in späteren Jahren die Fäuste ballen, wenn er daran dachte, denn Ernst begann mit großem Eifer zu erklären, sie seien ganz andere Juden, wie z. B. Herzfelds, er wisse doch schon. Nein, Kurt wußte gar nicht. Nun — — dann kam also die Auseinandersetzung. — Sie verkehrten überhaupt nicht mit Juden, sie rechneten sich auch nicht viel mehr dazu, er habe sogar zwei Onkels, die getauft waren und eine richtige christliche Consine usw. Ja, das konnten die Freunde bestätigen und dann flüsterte man Kurt noch zu, daß Kronsteins furchtbar reich seien, das mußte doch den Gestrengen erweichen. Es war ein Glück, daß es jetzt zur Stunde läutete, denn Jakob Herzfeld stand schon aufgerichtet in der Bank, aber er hatte seine Gedanken nicht bei der lateinischen Grammatik, ihm war plötzlich eine .Gewißheit aufgegangen, und etwas wurde ihm klar, das ihn kurz vorher noch in Erstaunen gesetzt hatte. Nach Schulschluß ging er hinter Ernst Kronstein her, der zum ersten Male mit seinem jüdischen Begleiter allein den Heimweg antrat. „In unserer Klasse wirds ja jetzt gemütlich", hörte ihn Jakob schimpfen, „das kommt davon, wenn diese Frommen den Mund nicht halten können." Klatsch, da hatte er eine Ohrfeige im Gesicht, wie sie nur die stärkste Hand der Klaffe austeilen konnte, und er fand sich dem zornroten Gesicht Jakobs gegenüber. Der Begleiter machte sich davon, er hielt es für geraten, den Streit aus der Ferne mitanzusehen. „Was fällt Dir ein", schrie Ernst. „Was mir einfällt, das will ich Dir sagen", Jakob packte ihn fest an der Schulter, „daß Du der elendeste Kerl bist, der herumläuft." Und nun kam die Rede, die er währe!» d der letzten Stunde wohl vorbereitet hatte, ks waren ganz ähnliche Worte, die er einst einen Erwachsenen hatte sagen hören. „Du meinst, wir frommen Juden machten Rischus", sprudelte er hervor, „da irrst Du Dich. Nicht wir sinds, Du bists, Ihr seids, die ihr vor den Christen katzbuckelt und kriecht und von Euern Glaubensgenossen nichts wissen wollt. Ihr bringt den Antisemitismus in die Welt, aber wir nicht, wir bleiben unter uns, von uns wissen sie ja gar nichts. Hast Du gehört, der Kurt kennt keine frommen Juden, der kennt nur solche wie Du bist, über die macht er sich lustig, und da hat er recht." „Halt' Du den Mund" schrie Ernst, und suchte vergebens sich loszumachen, „ich lasse mir das nicht gefallen." „Das ist mir gleich, die Folgen nehme ich auf mich", höhnte Aakob, „und nochmals will ich Dir sagen, wäre ich heute morgen in die Klaffe gekommen und hätte ,gut Schabbos^ gesagt, sie hättens nicht so lächerlich gefunden, als wenn Du Dich rühmst, ihr seid gar keine richtigen Juden, Du dummer Bengel, mit Deinen getauften Onkels!" Er suchte Ernst nachzuäffen, aber er fühlte, wie ihm das Schluchzen in die Kehle kam, und so ließ er den Mitschüler los und bog eilig in eine Seitenstraße. Und der große Junge heulte so laut vor ohnmächtiger Wut, daß sich die Passanten erstaunt nach ihm umblickten. 8. P. Sabbat-Anfang u. Ausgang •«an '2 ORT: Anfang Datum Ausgang Uhr iMin. 1907| 5667 UhrlMin. SI.Aug. 21. Elul Frankfurt a M 0 35 8 00 Berlin .... — — .7 46 München . . . 6 45 7 38 Strakburg . 6 30 7 55 Pose» .... — — 7 32 Breslau . . — — 7 27 Nürnberg - — — 7 42 Stuttgart. . . 6 45 7 49 Prag. 7 00 7 30 Jamillennacbrlcbten. (Unseren Abonnenten steht diese Rubrik kostenlos zur Verfügung. Nichtabonnenten haben für die Aufnahme red er NoNz eine Gebühr von 1 Mk., die gleichzeitig einzusenden ist, zu ent- 'richten. Die Sendungen müssen immer spätestens am Mittwoch. Vormittag vor dem Erscheinen der jeweiligen Ikummer m unseren Händen sein.) Verlobt: Hilde Neumann mit Siegfried Stern Reinheim - Rottendorf-Würzburg. . Vermählt: Heinrich Lowitsch mit Johanna geb.Hir ch Kattowitz-Frankfurt a. M. ~ «« Geburten: Ein Sohn: Cohn (Sulzbach) Franks, a. M. Barmizwohfeiern: Berthold» Soh» des Herrn Lehrer Stein in Groß-Umsladt. Verstorben: Max Nathan Golds chm r dt, Frankfurt am Main. — Frau Fanph SchwabachBN fV-—-

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