Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1907)
- Date
- 1907-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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WM Nr. 3>. SWr 8 Der JSraeltt. 29. August 1907. vir neue SMgrgr <l« ]$raeliti$cbeii vrllgioir-SrrrilirlM zu frankfurt a. Main. Sechsundfünfzig Jahre sind es in diesem Monat. Ein kleines Häuflein nur hatte den zerstörenden Stürmen der Reform stand gehalten. Nur wenige waren übrig geblieben in der einstigen DiO TJ7/ als die Frankfurt von altersher gegolten hatte — unter der Jugend so Wenige, daß einer von ihnen in Synagoge an der Friedberger Anlage: Antzenanftcht. seinen Erinnerungen berichtet, er'habe keinen Alters- , genossen gehabt, der -nur snoch die j^on niSD > geübt"hätte. Diesen Wenige n fehlte nicht derMut. Sie ließen an einen rüstigen Kämpfer ihren Ruf ergehen, an einen Mann, der seines Geistes Schwungkraft der Welt schon offenbart hatte in zwei Schriften voll heiligen Eifers und . zündender Gedanken. Uno er, der Landesrabbiner von '.Mähren, folgte dem Ruf der kleinen Schar, weil er erfüllt war von der Ueberzeugung, daß Gott mit den < Wenigen ist, wofern die Wahrheit und das Recht nur auf ihrer Seite steht. 56 Jahre find es in diesem Monat, daß Samson Raphael Hirsch y'jfl nach Frankfurt kam, . um hier die Fahne der Thora mit starker Hand aus dem Staub zu erheben und die Treugebliebenen um sie zu sammeln. Außer einem gewalttgen Arbeitsfeld hatte die Religionsgesellschaft, die sich kurz vorher zur Erhaltung der überlieferten Heiligtümer gebildet, dem eine hervorragende äußere Stellung aufgevenden Manne nicht viel ' au bieten. Nicht einmal eine Stätte, wo er seinem Kreise das Wort der Thora hätte verkünden können, nicht einmal eine Synagoge war vorhanden. Die Betstube der Israelitischen Krankenkasse bat man ihn zu besuchen. Aber hier war seines Bleibens nicht,- die Verwaltungs-Kommission der Krankenkasie, der auch . lene Synagoge unterstand, verletzte die Rücksicht, nie Hirsch als Rabbiner gebührte, und die Religionsgesellschaft war gezwungen, in einer gemieteten Wohnung eine provisorische Synaglwe zu errichten. Hier hielt Hirsch nun allsabathlich die begeisternden, von der Fülle der Gedanken überströmenden Reden, mit denen er die Hevien entflammte und die Gemüter erleuchtete. In diesen Räumen erschloß er einer immer mehr wachsenden Schar von Zuhörern die Tiefen des göttlichen Gesetzes, gewann und stärkte er sie zum Kampf gegen die feindlichen Besttebungen, die sich der jungen Religionsgesellschaft bei ihrer friedlichen Arbeit hindernd in den Weg stellten, die sie aber unter Gottes Beistand, geführt von ihrem genialen Meister, Schritt vor Schritt siegreich Überwinden sollte. Dem Geschlechte, das heute zur Weihe des zweiten Gotteshauses der Religionsgesellschaft sich anschickt, nachtzdem das erste die Zahl der Einlaßbegehrenden nicht mehr Mm vermocht, ziemt der Rückblick auf diese Anfänge emeinde. Anfänge waren es, wiewohl nur der Faden weitergesponnen werden sollte, dm die Bäter in Händen gehalten, den aber eine neue, ihres Gottes vergessende Zeit abgerissen hatte. Die Geschichte der Religionsgesellschaft gleicht darin der des jüdischen Volkes im ganzen, daß auch in ihr das unwahrscheinlich Klingende volle Wirklichkeit ward. „Der Stein, dm die Bauleute verachtet, ist zum Haupteckstein geworden." Und der Winzigkeit ihres Beginnes sich erinnernd beugt die Gemeinde im Angesicht des mächtig sich dehnenden Baues, der nun vollendet ward, demütig bas Haupt vor dem Lenker der Geschichte, der auch diesen Tag in wunderbarer Weise gewirkt. — r Im Jahre 1853, am 28. Elul (29. September), zog die Religionsgesellschaft aus ihrem bisherigen gemieteten;l3D23n rP3 in die Synagoge, die sie in der Schützensttaße errichtet hattedie Lehranstalt der Gemeinde bestand bereits seit einem halben Jahr. Die Synagoge umfaßte nur 250 Männerfitze und etwa 200 Frauensttze- und man glaubte, daß diese Zahl den Bedarf weit übersteigen würde. Aber schon nach einigen Jahren waren die Plätze vergriffen. Bald erwies sich eine Vergrößerung des Gebäudes als dringend erforderlich. Man suchte sich lange Jahre zu behelfen, bis man schließlich im Jahre 1872, als keine Wahl mehr blieb, sich zum Bauen entschloß. Der ' Garten der Unterrichtsanstalt wurde für den Anbau benutzt. Die Synagoge wurde nur in der Länge erweitert, sodaß der Gottesdienst während des Bauens nicht verlegt zu werden brauchte. Erst nachdem der Anbau vollständig aufgeführt war, wurde er durch Abbruch der bisherigen Ostwand mit der Synagoge vereinigt Aber auch während dieser Abbrucharbeit wurde der Gottesdienst nicht gestörtman errichtete eine Holzwand, die währenddesien die Ostseite abschloß, und nur in der kurzen Zeit, die zu deren Niederlegung nv! wendig war, fand das gemeinsame Gebet in den Räumen der Unterrichtsanstalt statt. Drei Tage vor rütPD im Jahre 1873 ward in derselben Weise wie zwanzig Jahre vorher die Einweihungsfeier vollzogen. In den folgenden Jahrzehnten, die der Religionsgesellschaft die volle Selbständigkeit und alle Rechte einer Gemeinde brachten, wuchs die Zahl der Mitglieder unaufhörlich, sodaß jetzt schon seit Jahren die weiten Räume der Synagoge in der Schützenstraße nicht genügten. Man erließ im Jahre 1904 ein Ausschreiben, durch das den drei besten eingelieferten Entwürfen zum Neubau Preise von 4000, 2500 und 1500 Mark zugestchert wurden. Das Preisgericht, das aus den Herren Geh. Oberbaurat Professor Hofmann-Berlin, Kgl. Baurat Neher-Frankfurt a. M., Kgl. Baurat March-Charlottenburg, Wilhelm Hackenbroch (Mitglied des Vorstandes), Dr. Israel Roos (Mitglied des Ausschusses) und Michael Schwabacher (Mitglied der Baukommtflion) bestand, trat im Ottober desselben Jahres zusammen, rkon den durch das Preisgericht prämiierten Arbeiten wurde schließlich die der Architekten Jürgensen u. Bachmann in Charlottenburg zur Ausführung besttmmt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 21. November 1905. Ueber den vollendeten Bau seien im Anschluß an unsere Jllusttattonen folgende Daten mttgeteilt: Der Hauptraum hat im Grundriß die Form eines Rechtecks, dessenLängsachse genau von Osten nach Westen gerichtet istdie Synagoge ist somit genau orientiert. Vor dem Hauptbau lagert sich ein geräumiger Borhof, der nach der Friedberger Anlage hin durch zwei große Portale (Männereingänge) geöffnet, und nach den Seiten hin durch die vorderen Flügelbauten abgeschlossen ist. Durch den dem Hauptgiebel vorgelagerten Portalvorbau gelangt man zunächst in die geräumige Vorhalle, von wo breite Türen zu den Männergarderoven und zumHauptraum führen. Das Mittelschiff des Hauptraumes ist durch eine riesige Tonne überwölbt, in welche die Querschiffe der Setten langen durch die zu beiden Seiten der Hauptportalbögen gelegenen Borhallen auf breiten hellen Aufgängen in die geräumigen Frauengarderoben, die durch je 2 Türen mit der West- resp. den Seitenemporen verbunden sind. Im Osten der Seitenemporen find Nottreppen angebracht. Das Erdgeschoß hat Raum für 1000 Plätze, das Emporengeschoß für 600 Plätze. Die Versammlungssäle mit Nebenräumen sind im Parterre des rechten Flügelbaues angeordnet. In dem vorderen Teil des rechten Flügelbaues ist im Obergeschoß eine Wohnung vorgesehen und über der Frauengarberobe eine weitere Wohnung für den Hausmeister. Im linken Flügel liegt im Parterre das Sitzungszimmer, durch eine Wendeltteppe mit der Kanzlei und den Archivräumen verbunden. Beide Flügelbauten, die große Vorhalle und die Räume im Osten, sind unterkellert, zunächst aber nur für Heizungs- und Lüftungszwecke in Anspruch genommen. Im Haupttaum ist überall doppelte Verglasung vorgesehen und zwar an der Jnnensette Kunstverglasung. Das Gestühl ist in Eichenholz, die Wandvertäfelungen der Haupt- und Nebenräume in Kiefernholz angefertigt. Auf gute Heizung und Lüftung wurde sehr viel Gewicht gelegtnamentlich die Lüftungsanlage wurde mit allen Verbesserungen der Neuzeit ausgeführt. Außer der elektrischen ist auch Gasbeleuchtung vorgesehen. Die Architektur ist in modernisiert romanischen Formen gehalten und zeigt stellenweise auch maurische Anklänge. Der Hauptbau mit sehr reich detailliertem Giebel türmt sich zu einer mächtigen, von zwei gedrungenen Türmen flankierten Gruppe auf. Durch das Zurückschieben des Hauptbaues und die niedrigen vorgeschobenen Flügelbauten ist eine ebenso zweckmäßige wie fein empfundene malerische Anlage geschaffen, womit gleichzeitig eine wirkungsvolle Steigerung des Hauptbaues erzielt wurde. Durch den gewählten Muschelkalk als Hauptbaumaterial kommt die eingehende und liebevolle Durcharbeitung aller Einzelheiten, namentlich der originellen Bildhauerarbeiten besonders charakteristisch zur Geltung. Es lohnt sich die Einzelheiten zu studieren. Ueberau neue Motive, neue Gruppierungen und doch nirgends Ueberladung, immer herrscht das Gefühl der Notwendigkeit und ernsten, feierlichen Erhabenheit vor. Im Inneren gestattete die Opferwilltgkeit der vielen Spender eine reichere Ausstattung als zu Anfang geplant war. Es würde hier zu weit führen die vielen Details entsprechend zu würdigen, es seien nur die reichen, kostbaren Marmor-, Bronce- und Schmiedearbeiten erwähnt und die eigenartige Technik in der Ausmalung des Hauptraumes, die verhältnismäßig einfach ausgeführt, doch sehr reich wirkt. Die Architektur, wie überhaupt die ganze Art der Ausstattung und Behandlung weicht von den in Frankfurt a. M. üblichen Formen ab - aber trotzdem dürfte das Gebäude, was Frische der Gestaltungskraft und Feinheit des Empfindens anlangt, der Stadt Frankfurt a. M. zur Zierde gereichen. — Die „Israelitische Religionsgesellschaft" kann stolz sein auf das große und schöne Gotteshaus, in das sie aus den historischen Räumen der alten Synagoge heute überfiedelt. Ist ja der neue Bau ein Wahrzeichen der sich immer verjüngenden Lebenskraft deS Geistes, der in der Gemeinde Gestalt gewonnen hat. Der Geist deS alten gesetzestreuen Synagoge au btt Friedberger Anlage: Innenansicht. empören als Stoßkappen hineinschneiden nnd dem Raum eine ruhige, monumentale Gesamtwirkung geben. Borne an der Ostwand erhebt sich der Estradenaufbau (ganz in nassauischem Marmor gehalten) - zu beiden Setten liegen die Räume für Rabbiner, Kantoren und Synagogenbeamten. In der Mitte steht der Almemor, aus kostbarem Kyrosmarmor mit Broncefüllungen geferttgt. Die Fraum ge- JubentumS, bestrahlt von demLichte der modernen Bildung, ist in dieser Gemeinde zum Siege geführt und von hier auS hinausgetragen worben in die wettesten Streife derJudenheit, dort neuen Mut und neues Levm zu wecken. So werden die Bekenner des gesetzeStreuenJudentumsauf dem ganzenErden-. runde an dem Festtag, dm dteFraNkfurter,,Jsrael.Religionsgesellschaft" heute begeht, freudigen Anteil nehmen.