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Der Israelit · 1907-08-29 · Heft 35 (29.8.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 35 (29.8.1907)
Date
1907-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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sondern die vollkommene Uebereinstimmung zwischen dem zu Vergleichenden und dem Verglichenen finden, soweit nur Geistiges und Sinnliches mit einander verglichen werden kann. Da wo aber die Weisen selber ihre Bildersprache deuten, da mag man mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Zuge folgen, damit keine Nuance verloren geht. Das ist nun hier der Fall. Der Vergleich zwischen der Menschheit im allgemeinen und Israel insbesondere mit einem Lamm und einer Lämmerherde findet sich häufig im Prophetischem Schrifttum und besonders beim Propheten Jecheskel, dem auch die Stelle my 7yn nip33 (Kap. 34) entlehnt. Daß alle in die Welt Eintretenden wie Schafe vor ihrem Hirten vor Gott am Rosch Haschono vorüberziehen, ist der Mischna (Rosch Haschono I, 2) entnommen. Im Namen Rabbi Jochanans wird dieses Bild noch durch die Bemerkung ergänzt: n7* * 7i'pD2 7'ipD2 77121 „Alle werden mit einem Blick geschaut" und Rabbi Nachman bar Jzchak findet die Ergänzung in dem bereits von der Mischna zitierten Psalmvers (33, 15), den er nach dieser Auffassung also wiedergibt: „Der Bildner wirft einen Blick in ihre Herzen und begreift so alle ihre Handlungen". — Diese Auffassung und der Zusammenhang, in den sie hier gebracht wird, bietet dem Verständnis große Schwierigkeiten *). Für unfern Zweck genügt es hier auf eine uns überlieferte Eigenart der göttliche Beurteilung menschlicher Handlungen zu verweisen, die nur die Tat als solche in dem Momente ihres Geschehens ins Auge faßt und zur Rechenschaft ieht, ohne Rücksicht auf Vergangenheit und Zuunft.2) Unsere landläufige Beurteilung menschlichen Tuns ist dieser göttlichen vollständig entgegengesetzt. Wenn ein notorisch braver, rechtlicher Mann, der ein Leben voll hingebungsvoller Pflichttreue hinter sich hat, sich einen Fehltritt zu Schulden kommen läßt, so stehen seine Nachrichter von allen Seiten sofort bereit, um aus diesem einen Unrechten Schritt zu folgern, das anze bisherige verdienstliche Leben und Wirken ieses Fehlenden sei Lug und Trug, Täuschung und Heuchelei gewesen. Wenn ein schlechter Mensch eines Unrechts bezichtigt wird, so frägt die irdische Justiz zunächst nach seinem Vorleben und seinen Vorstrafen und diese fallen bei der Beurtellung und Verurteilung ganz enscheidend ins Gewicht. Für die Guten und die Schlechten beschränkt sich so die menschliche Lieblosigkeit nicht auf die eine Tat, sondern sie schaut nach allen möglichen und unmöglichen Momenten aus, um daraus ein ganzes Netz zu flechten, dessen Maschen sich keines ihrer Opfer entzieht. Man kann diese Lieblosigkeit entschuldigen und sie vielleicht gar rechtfertigen mit dem Umstande, daß der menschlichen Beurteilung eben nur die fertige, grobe, sinnlich wahrnehmbare Tat vorliegt, ihre Triebfedern, die tief im menschlichen Herzen die ganze Handlung erzeugen und leiten, sich dagegen jeder menschlichen Kontrolle entziehen. Sie muß oaher in oie fernsten Enden die Blicke schweifen lassen, um nach Anhaltspunkten für eine möglichst richtige Würdigung des Geschehenen tastend zu suchen. Das alles fällt bei dem Bildner und Kenner der Menschenherzen fort. Für ihn genügt ein einziger ausschließlich auf den Moment gerichteter Blick um alles Geschehene zu begreifen, d. h. zu verzeihen. Es dürfte kaum ein zweites Bild geben, welches diese Seite der göttlichen Beurteilung unseres Tuns und Lassens prägnanter zur Darstellung bringt, als die (III. B. M. 27, 32) gesetzlich fixierte Art und Weise, in welcher die Schafe zu dem Zweck ihrer Verzehntung dahinschreiten. Man läßt die Tiere aus der Hürde durch eine schmale Türe einzeln unter dem Stab durchgehen, zählt sie und bezeichnet das zehnte 1) Rambam in seinem Mischna-Kommentar bemerkt zur Stelle: njon 7V*2 7*130, 7DÄD7 7?D nfej71 pDD '^2 7*D7Vp 12'2J7 7nD27 73*. *) Midrasch B. R. Kap. 53: tfrx D7*7 7* |7 2 * ijfW 'O7mit einem roten Strich'). Jede Rücksichtnahme auf alles, was sonst den Wert oder Unwert des Tieres ausmacht, gut und schlecht, männlich und weiblich, Vorhandensein oder Fehlen körperlicher Gebrechen, alle diese Momente treten hier zurück und nur der gegenwärtige Augenblick entscheidet, in welchem das Tier als zehntes unter den Stab tritt. So zieht die Menschheit und jedes einzelne Individuum vor Gottes Richterblick am Rosch aschono dahin. Gute und Schlechte, Männer und Frauen, Schwache und Starke, alle sind sie gleich fähig, von ihrem Lebenshirten das sie heilig sprechende Abzeichen der göttlichen Gnade zu erlangen. Je tiefer man auf das Bild „wie der Hirte seine Herde sucht" eingeht, um so klarer und beruhigender strahlt uns die unergründliche, unversiegliche Liebe entgegen, mit der Gott allen in die Welt Eingetretenen so unsagbar nahe steht. Man braucht nur das bereits erwähnte Kapitel 34 .in Jecheskel nachzuschlagen und sich zu überzeugen, wie dort alle Mängel und Gebrechen der Schafe nicht chnen, sondertr ihren Hirten und den Unbilden ihrer Umgebung zur Last gelegt werden. „So hat mein Herr, Gott, gesprochen, nun bin ich da und suche meine Schafe und besuche sie*). Wie der Hirt seine Herde besucht am Tage, an dem er unter seine versprengten Schafe tritt, so besuche ich meine Schafe und rette sie von allen Orten, nach welchen hin sie zerstreut wurden durch die Zeit des Gewölks und des Nebels.- Das Verlorene suche ich, das verstoßene bringe ich zurück, das gebrochene verbinde ich, das kranke stärke ich, aber das feiste und störrige vernichte ich, das weide ich nach dem Recht." (Jecheskel 34, 11, 12, 16.) In diesem Sinn klingt der 119. Psalm in die Worte aus: „Ich habe mich verirrt wie ein verlorenes Lamm, suche deinen Diener!" und unser Machsor in dem Pijut mry? 7D12* umschreibt diesen Hilferuf mit den Worten: '2V17 '2ip3 mits rw tid*?*21 Tittaa •V)p D'17*7 'fe Such mich, nimm dich meiner an, Ein Lamm versprengt, Zerzaust, bedrängt Verstummet mir die Stimme. Denken wir uns aus einer grasenden Lämmerherde ein einzelnes Tier, das Schritt um Schritt, Weide suchend, immer weiter und weiter die Herde verläßt und endlich jeden Zusammenhang mit Hirt und Herde verloren hat. Mit der Zeit wird der Hirt das Verlorene vermissen, aber das Verlorene selbst braucht nicht einmal eine Kenntnis seiner Verirrung zu haben. Es wird seinen Hirten nicht'wieder aufsuchen, weil es nicht einmal das Bewußtsein der Verlassenheit hat, in der es sich befindet, es wird nie wieder mit der Herde vereinigt, wenn nicht der Hirte dem Verirrten nachgeht und es wieder aussucht. So wähnt sich in unserm Lied der Sänger verirrt, ohne Einsicht in die Größe der Verirrung, ohne Kraft und ohne Möglichkeit, selbst wieder Gottes Führung aufzusuchen und bittet deshalb von Gott aufgesucht und wieder in Liebe ausgenommen zu werden, b) Unser vorliegender Pijut aber feiert die Gewährung jener Bitte, indem er uns die Menschheit Lämmern gleich an ihrem Hirten vorüberziehend zeigt, der jedes einzelne liebend aufsucht, es zählt und bucht und jedem Lebewesen durch Gewährung des ihm Bestimmten sein Urteil spricht. Wer könnte solch überwältigender Liebesfiille egenüber bei den „Feisten und Störrischen" verarren wollen, die allein Gottes richtende Waltung 3) Für diejenigen, welchen die heilige Sprache geläufig ist, fällt die Aehnlichkeit schon durch Den Gleichgang der WortauSdrücke iOp’»D2 fnpl'D und J'npDÜ mpra auf. 4) D\-np21 'mm- Das Letztere erklärt Raschi: D'bl7 7lp'2 112^. __ 6) Aus „Durch'- Jahr" Seite 224. "" dem verdienten, überweist? strengen Richte an 713173' 72V7 SM03 iionn' H32 di'2i ]1-Q}?' 7D3 71*12' 7021 mo' 'Di rrrv 'D 12p>2 Nb 'Dl 12p>2 'D D'D2 '01 V*2 'D 2JP2 'Dl 2172 'O 722D2 'Dl rj?12 'D J?12' 'Dl 712' 'D *pÖ' 'Dl BDBf' 'D iD'n' 'Dl 17V 'O feVF 'Dl DU' 'D Die beste Erklärung zu diesem Tell unseres Pijut, ist der Kommentar, den das tägliche Leben für jeden denkenden, fühlenden Beter liefert. Man versteht und empfindet die Tiefe dieser Worte erst, wenn man sie an dem Maßstab mißt, den jedes dahin gerauschte Jahr mit seinen freud- und leidvollen Ereignissen bietet. Leben und Tod und was dazwischen liegt in Leid und Freud, unser Denken, unser Füllen, unser Erwarten und Genießen, alles was wir schüchtern hoffen, alles was wir bangend fürchten, alles zieht mit diesen Worten durch die Seele und lätzt sie in jedem Zug sich selbst und ihre Lebensschicksale wieder finden. Ob das alles in unserem Machsor wirklich steht, ob das seine Paitanim wirklich sagen wollten, darauf kommt es hier es hier gar nicht an. Genug, daß man darin alles sucht und findet, woran in den gehobenen Weiheftunden des beginnenden Jahres das Herz mit allen Fasern hängt. Ein gründlicher Kenner des Machsor — Rabbi Chajim Gerson Schnerb fer in Merzig — erzählte mir, daß in der schweren Geburtsstunde eines seiner Enkel der Arzt vor chn mit der Mitteilung trat, entweder die Mutter oder das Kind müsse bei der Geburt sterben und er lasse dem Vater oder Großvater die Entscheidung, die aber sofort erfolgen müsse. Er aber wies das Ansinnen zurück und überließ dem Arzt die verantwortungsvolle Entscheidung. Diesem gelang es dann wunderbarer Weise unter fichttichem göttlichem Beistand das Leben beider zu erhalten. Als er am folgenden Rosch Haschono bebend vor seiner Gemeinde stand und unter allen Erlebnissen des dahingegangenen Jahres seine Seele dieses göttliche Wunoerwalten am ttefsten bewegte, das ihn der schmerzlichen Notwendigkit enthoben hatte eine junge Menschenblüte zu verderben und dennoch das Leben der Mutter rettete, fand er seine dem heißen Dank durchdrungene Seelenstimmung in den Worten unseres Machsor wieder: ♦pt7 fel2 817V D'2'D*D fei 77VD 77121 niDD *7*127 Ich war damals 25 Jahre jünger und mein gelehtter Freund mochte aus meiner Miene den Zweifel herausgelesen haben, ob bei allem Zutreffenden auf den vorliegenden Fall das doch auch wirklich der Sinn sei, den der Paitan in seine Worte gelegt habe. Er fuhr deshalb fort: „Sie meinen der Paitan habe an einen solch ungewöhnlichen Fall sicher nicht gedacht. Sind .vjyi Dl IW 'D Am Rosch Haschono wird's eingeschrieben Und am Jom Kippur wird's ihnen besiegelt, Wie viele dahin gehen sollen Und wie viele geschaffen werden sollen, Wer leben und wersterben soll, Wer am Ende seiner Bestimmung und wer nicht am Ende feiner Bestimmung Wer durch Feuer, wer durch Wasser, Wer durch Schwert, wer durch Hunger Wer im Sturm, wer durch Seuche (umkommen soll), Wer in Ruhe, wer in Ruhelosigkett leben, Wer ein sorgloses, wer ein zerrissenes, Wer ein freudvolles, wer ein schmeißenreiches Dasein fristen soll, Wer erhoben, wer erniedrigt Wer arm, wer reich sein soll.

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